Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 534 Dr. JSlocD’s MocbenscbrLkt. Nr. 33 „Aus demselben Grunde, welcher mich und alle anderen Leute hinführt", antwortete die ältere Dame unbarmherzig; „weil Du lieber gehen, als zuhause bleiben magst". Sehr niedergeschlagen aussehend, schmiegte sich Edith in die Kiffen. „Wirklich!" sagte sie, „ich glaube, Du hast recht, ober wie hübsch wäre es gewesen, wenn Du gesagt hättest, daß mich mein Sinn für gesellschaftliche Verpflichtung hinsühre oder etwas Derartiges. Mil einem plötzlichen Schimmer von Belustigung in ihren braunen Augen fuhr sie fort: „Natürlich weiß Jedermann, weshalb ein Mädchen ausgeht. Erstens erwartet es ehrlich in jeder Gesellschaft seinem Schicksal zu begegnen, und wenn es einmal in meinem Alter ist, hat es verlernt, sich zu Hause zu unterhalten. Ich denke oft, wie arg die arm: Andromeda sich gelangweilt haben muß. Und wenn der richtige junge Mann nicht zu rechter Zeit oustauchte, hatte sie doch zumindest die tröstliche Gewißheit, schließlich zuverlässig von ihrem Ungeheuer umgebracht zu werden/ „Weißt Du Ediths, sprach Frau Brand iu vollem Ernste, „der gewiffe Ausdruck von Mondschein-Melancholie, den Du zeitweilig hast, nimmt sich mit zweiundzwanzig ganz hübsch aus, aber Du läufst dabei Gefahr, einen unbefriedigten Gesichtsausdruck zu bekommen, bevor Du Dreißig bist. Ich will zugcbrn", fuhr sie fort, „daß Deine dunkeln Brauen und hellen Haare ihn derzeit ziemlich einnehmend machen, aber es ist unvorsichtig einen solchen Ausdruck zu Pflegen, er bringt vorzeitige Runzeln/ „Ich bin fertig, gehen wir?", unterbrach Edith, welche die Unumwundenheit, mit welcher Frau Brand ihre eminent praktischen Ansichten äußerte, zu Widerspruch reizte. — Schalkhaftigkeit war sonst des Mädchens gewöhnliche Vertheidigung gegen solche Ermahnungen, deute fehlte ihr aber der Humor zu den gewohnien Ausfällen und sie kam bei Frau Warfeld in einem Zustande völliger Niedergeschlagenheit an. Die Musik hatte schon begonnen. Eine kurzsichtige junge Dame spielte die „Fünfte ungarische Rhapsodie". Sie blickte zornig über ihre Schulter, als Edith sehr gegen ihren Willen auf einen sehr sichtbaren Platz im Vordergründe, geführt wurde. Dieser Platz hatte den weitern Nachtheil, sie auf Gnade und Ungnade einem sich aus der Knospe entfallenden Verehrern auszuliefern, der kaum die Pause erwarten konnte, um ihr Albernheiten zuzusäuseln. „Ein schönes Stück das, Fräulein Linton. Ich denke, ich habe es schon einmal irgendwo gehört. Wie gefiel Ihnen die Art, in der sie es spielte?". „Ganz ungemein", sagte Edith, zu niedergedrückt, um Widerstand zu leisten. „Mir auch! mir auch!", fuhr er sehr ermuthigt fort. „Ich liebe die Musik wirklich leidenschaftlich. Dieses Stück ist sehr ernst und gelehrt ausgebaut, ich erfreue mich aber dennoch daran; allerdings ist es kein Wagner." Es siel Edith nicht schwer, dieser fein unterscheidenden Kritik beizustimmen, und da er fühlte, daß er wirklich einen günstigen Eindruck hervorbrachte, ließ der junge Mann seiner Begeisterung vollends die Zügel schießen, indem er erklärend hinzusügte: „Aber natürlich, kann es in einem Stück, wie dieses, keine Geschichte geben. Darin ist Wagner so groß und herrlich. Bei Gott, Fräulein Linton, ich nenne seine Opern erhebend. Die italienische Musik war zu ihrer Zeit ganz gut — recht hübsch, wiffen Sie, aber der Eindruck war nicht derartig. Nehmen Sie einmal „Den Ring der Nibelungen". Die Götter und Helden und all das gestaltet seine Fabeln beinahe religiös, wie die Oberammcrgauer Paffionsspiele, man wird bester, wenn man sie hört." Edith forschte neugierig in seinem Gesichte, welches der Zug war, der es so häßlich machte, und antwortete ernsthaft: „Es ist inter-ffant, Herr Wheatly, daß die Familienbeziehungen der Wölfungen so erhebend wirken sollen." Herr Wheatch sah sie einen Moment zweifelhaft an, aber der Ausdruck ihrer Augen und Lippen deutete absolut nicht aus Sarkasmus hin. In diesem Augenblicke folgte auf die Pianistin eine aufgeregte Sopranistin, eine Dilettantin von gefälliger Erscheinung, welche mit hingebender Leidenschaft sang, uuaufgehalten von jeder störenden Rücksicht auf Tempo, Tonhöhe oder Rhythmus. Ihre Stimme hob den Körper vom Boden auf, sie zitterte am ganzen Leibe, bis es schien, daß sie die letzte Strophe nicht überleben könne: „Ich bin vom Stamme jener Asra, welche sterben, w:nn sie lieben". Und ihre Weise ließ voraussetzen, daß sie schon zumindest ein halb Dutzendmal geliebt haben und gestorben sein müffe. Während des entzückten Beifallssturmes, der für diese Darbietung dankte, bemerkte Edith einen fremden jungen Mann, dessen räthselhaster Gesichtsausdruck ibr den Wunsch eingab, seine Meinung über die Musik zu hören. Er war ziemlich mager, dunkel, von scharf geschnittener, fester Schönheit der Züge, die ihren Geschmack weder aufreizte noch verletzte. Sie hatte sogar den Eindruck, als ob etwas Hirn unter dem dichten, braunen Kraushaar anfgespeichert sein könnte. Mit Bedauern sah sie zu dem nächsten Sänger hin, einem Bariton mit mächtigem Brustkorb und den eitlen Allüren eines Vollblut-Tenoristen. Der Herr trug eine wohlbekannte Bearbeitung von „Danny Deaver“ vor, welche lebhaft den Sergeanten, den ermordeten Kameraden, den Horcher und den Officier Personificirt. Beim Vorüberzühen von Danny Denvers Seele, das feinsinnig durch einen hohen Falsett-Ton charakterisirt wird, war das Publicum lebhaft ergriffen. Edith blickte verstohlen nach dem fremden jungen Mann, dessen fleckenlose, weiße Handschuhe einander in geziemenden Beifalle trafen. Frau Warfeld bewegte sich ruhelos um das Clavier, in dem erschöpften Zustande der Hausfrau, die fühlt, daß sie eine Nummer zu viel auf das Programm gesetzt hat und daß ihre Gäste das Nachtmahl beiweitem voeznhen würden. Die überflüssige Sängerin war eine unschöne, steife Frau mit Augengläsern, mit mageren Armen, die zwischen Handschuhen und Elbogenärmeln wie in Parenthesen geschaltet aus sahen. Unbeweglich aufrecht neben dem Clavier stehend, ohne weitere Veränderung im Gesichte, als daß sie einen breiten deutschen Mund weit öffnete, sang sie die „Sophische Ode" von Brahms. Ihre schwingende Stimme strömte mit der Deutlichkeit der Wiedergabe und Aussprache und der schönen Einfachheit aus, die nur einer großen Künstlerin möglich ist. Die ruhige Trauer des Geftmges drang tief in Ediths Herz. Ihre gewöhnliche Schalkhaftigkeit ging in einer Welle von Sehnsucht und Rührung unter, und sie hatte Mühe, aufquellende Thränen niederzuhalten und sie vergaß gänzlich zu applaudiren. Von der ganzen Zuhörerschaft zeigte nur der fremde, junge Mann etwas Enthusiasmus. Die übrigen schlugen höflich aber mechanisch ein wenig in die Hände oder klopften ebenso mit dem Fächer. Der junge Mann hatte seinen Sitz verlassen und unterhielt sich mit der Sängerin. Als Edith das beobachtete, wandte er sich rasch, ihre Augen begegneten sich, und statt sofort wegzusehen, lächelte er ihr offen zu. Bemüht, dem geistreichen Herrn Wheatly während der allgemeinen Bewegung vor dem Nachtmahl zu entgehen, gerieth sie einem Herrn Oskar Tottingham in die Hände, einem wirklich gebildeten jungen Manne, der sich nur in der Kleidung von den fernsten ihres eigenen Geschlechtes unterschied. In jenen leidenden Zustand von Langeweile versetzt, deren Opfer fatalistisch die zweite Wange hinhält, für jeden Streich, dessen Ertheilung dem Geschick belieben möge, hatte sie alle Hoffnung cuf Erlösung aufgegeben, als Frau Warfeld neben ihr auftauchte. „Edith, darf ich Ihnen einen meiner Vettern vorstellen? Fräulein ßinto:;, Herr Julian Meldohla". Es war der fremde junge Mann. Edith würde viel darum gegeben haben, nicht so schuldbewußt errölhen zu müssen, da er sie dabei ertappt hatte, wie sie ihn beobachtete. Er schien jedoch ihre erhöhte Farbe nicht zu beobachten, und fragte blos, ob er ihr etwas zum Essen bringen dürfe. „Ich bediene Fräulein Linton!" unterbrach Herr Tottingham, der es für geboten erachtete, seine Prioritätsrechte auf ihre Gesellschaft geltend zu machen. „Besten Dank Herr Tottingham!", sagte sie mit liebenswürdigstem Lächeln. „Bringen Sie mir nur recht viel zu essen, denn ich sterbe vor Hunger. Als ihr Bewunderer im Gedränge verschwand, vollzog sich in dem Benehmen des Fremden eine auffallende Veränderung. „Fräulein Linton" fing er an, und seine Stimme und Sprechweise gefielen sogar Edith's verwöhntem, heiklem Ohr. „Gestatten Sie mir, Sie um Verzeihung zu bitten, weil ich versuchte, Ihren Blick aufzufangen, als Sie eben Frau Barth ansahen. Ich konnte es nicht lassen, weil ich die plötzliche Ueberz^ugung hatte, daß nur Sie und ich wußten und verstanden, wie gut sie gesungen hatte." Mit einem Aufschläge ihrer dunkeln Wimpern sah ihn Edith gelassen an. „Warum sagen Sie das?" fragte sie ernsthaft. „Sie wiffen ja ganz genau, was geschehen ist/ Einen Augenblick lang sah er sie eigenthümlrch an, mit einer Festigkeit, daß sie den Athem erwartungsvoll , anhielt; sie hatte das Gefühl von etwas Kommendem, Schicksalsvollem, aber gleich darauf antwortete er ziemlich heiter.