Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 525 Eine Schulgesetzgebung hat es beim Juden nie gegeben, von sechs- oder achtjähriger Schulpflicht wußte man nichts. Einen Schulzwang gab es wohl, aber das war ein freiwilliger, den sich jeder selbst auferlegte, und das Lehrziel war nur mit einigen Lapidarsätzen markirt (und zwar nur das Lehrziel für das 5., 10., 13. und 15. Lebensjahr: Abot V, 24). Und heutzutage? Unsere Kinder besuchen die öffentliche Schule, das sind Paläste mit weiten Räumlichkeiten ausgestattet, mit allen Vorzügen und hygienischen Wohlfahrtseinrichtungen; die Kinder nach Geschlechten getrennt und in einzelne Claffen vertheilt, jede Claffe hat ihren eigenen Lehrer, respectivö Lehrerin, die Unterrichtsstunden für jede Claffe sind ganz genau ausgezählt, das Lehrziel bis auf das I-Tüpfelchen genau umschrieben und das Einhalten desselben durch eigene Jnspectoren bewacht. Gesang, Turnen und Jugendspiele genießen besondere Pflege, Bibliotheken für Lehrer und Schüler sind in allen Schulen eingeführt und dennoch, dennoch sind unsere Kinder, ist unsere Jugend so arm an Wissen, so krank an Geist und Gemüth, und, es muß gesagt werden, trotz aller hygienischen und orthopädischen Einrichtungen auch körperlich degenerirt. Woran liegt's? Warum steht die Ursache und Wirkung, Aufwand und Erfolg in solch' kläglichen Mißverhältnissen? Die Kinder lernen in der Schule singen, herrliche Lieder, zwei-, drei ja auch vierstimmig und nach dem Dichterworte »Böse Menschen haben keine Lieder" sollten ja sämmtliche Schulkinder Brüder und Schwestern, durch das Band der Liebe und Eintracht mit einander verknüpft sein. Ist dem auch so? Fragt einmal Eure Kinder, ob sie von ihren Mitschülern noch nie gekränkt, verhöhnt und verspottet wurden! Jugendspiele! Vielleicht war ein Leser dieser Zeilen schon einmal Zeuge eines der modernen Jugendspiele. Kann man das »Spiel" nennen? Wenn es wahr ist, daß man denMenschen im Spiel erkennt, und erfahrungsgemäß ist dem so, dann wird und muß jeder bessere Mensch geradezu entsetzt sein, wenn er Zuschauer des in neuester Zeit grassirenden Fußball-Spieles ist. Dieser Aufwand von roher Gewalt, dieses Indianer-Geheul, dieses Drängen, Stoßen, Keifen und Brüllen, kurz eine drastische Übertragung der von der Jugend so gerne gelesenen Scalpjäger- Literatur in's Praktische. Und diese Verrohung im Spiele, sie findet dann im Leben der Erwachsenen ihre Fortsetzung und Fortbildung. Man braucht nur zu einem der vielen Rennen in den Prater, nach Baden oder Kottingbrunn zu gehen, um sich von dem Niedergange des Gemüihslebens bei unserer Jugend zu überzeugen. Wie weit es diesbezüglich schon gekommen ist, mag die gerichtlich festgestellte Thatsache bezeugen, daß selbst der plötzliche Tod eines Menschen auf diese Leute nur den Eindruck macht, daß »wieder Einer weniger ist". Muß man da nicht entsetzt sein? Welcher Zukunst geht das Menschengeschlecht entgegen, wenn selbst die Majestät des Todes so wenig respectirt wird? Und weil wir schon von den Rennen sprechen, ist nicht diese Sucht, zu wetten, und eigenes, mitunter auch fremdes Geld zu verlieren, zu einer epidemischen Krankheit geworden? Diese Jagd nach Gewinn hat aber noch andere, recht traurige Nachtheile im Gefolge, zu denen der Gerichtssaal einen noch traurigeren Commentar liefert. Wahrlich, es wäre des Schweißes unserer Pädagogen werth, diesen Erscheinungen etwas näher zu treten. Und auch körperlich gehen unsere Kinder zurück. Mangelt es ihnen etwa an der nöthigen Nahrung und Pflege? Im Gegentheile. Es ist ja in unseren Tagen so modern, noch ehe das Kind das Licht der Welt erblickt, über die Ernährung desselben Vorsorge zu treffen. Vielleicht liegts daran! Unsere jungen Frauen sind heutzutage sehr secessionistisch veranlagt, jedes Mittel wird angewendet, um Körperfülle zu vermeiden. Die Armen sind zumeist blutarm aber furchtbar klug. Sie wollen die jungen Jahre genießen, frei und ungebunden sich des Lebens freuen. Da ist ein Kind ein Hinderniß. Ist es dennoch da, da zeigt es sich erst recht, daß, nach dem Worte eines sehr modernen Dichters, sie wohl »Mutter werden, aber nicht Mutter sein kann". Man greift behufs Ernährung des Kindes nach Surrogaten, als da sind: Ammen, Saugflaschen. Kindermehl, später kommt Eisen, Kefirmilch und Leberthran. Für die Erziehung des Heranwachsenden Kindes sorgt dann eine Bonne, ein »Fräulein", ein Hofmeister und endlich auch die Schule. In diesem Stadium tritt für die Eltern schon eine Erleichterung ein. Die Schule übernimmt nicht nur den Unterricht, sondern auch die weitere Erziehung des Kindes. Sonst war der Vater von der Verantwortung für das Thun und Lasten des Kindes, mit dem vollendeten 13. Lebensjahre desselben, enthoben. Heute tritt diese Enthebung schon in dem Augenblicke ein, als das Kind die Schulräume betritt. Die Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder. Die natürliche Folge dieser Zustände ist Entfremdung und Gleichgiltigkeit. Bei dem Mangel an lebendigem Muster und Vorbild bleiben die edlen Triebe, die in jedem Kinde vorhanden sind, unentwickelt und verkümmern ganz, daher in unserer Zeit der früher unerhörte Fall der Auflehnung und Renitenz der Kinder gegen Vater und Mutter, der Mangel an jedweder Pietät, Öede des Hemüthes, Verfall von Moral und Sittlichkeit. Es erübrigt' uns nun noch über die Erfolge auf dem Gebiete des Unterrichts und der Erziehung der Jugend durch die Schule Einiges zu sagen, mit anderen Worten, die Frage zu beantworten, ob durch die Neüschule und mit ihr der Lehrer den gehofften Erwartungen entsprechen. Doch davon ein anderesmal. Baden, im August 1903. Adolf Rotier Kaukasische Bergjuden. Das dritte Heft der Mittheilungen des Lazarevski-Jnstitutes für Orientalische Sprachen in Moskau bringt von Bsebolod Miller einen Umriß der Phonetik der jüdisch-tatischen Mundart. Der Verfasser dieser Studie hat sich schon mit früheren Publicationen um die Kenntniß und Erkenntniß einer für die Sprachwissenschaft belangreichen neuen Sprachbildung ein bleibendes Verdienst erworben. Diese von ihm der Forschung zugänglich gemachte Sprache gehört nämlich in die Kategorie jener eigenthümlichen Mischsprachen, die die Elemente zweier von einander gänzlich stammfremden Sprachen zu einer neuen verarbeiten. Bis zu einer gewissen Grenze zeigt eine ähnliche Erscheinung auch das bekannte Judendeutsch, das sich aber im Wesentlichen doch nur auf die Herübernahme einer großen Anzahl hebräischer Worte beschränkte, im Uebrigen aber syntaktisch trotz zahlreicher anderweitiger Entlehnungen aus romanischen, hauptsächlich jedoch slavischen Sprachen eine deutsche Mundart geblieben und keine eigentliche Mischsprache geworden ist. Eine große Anzahl von Sprachen mögen ursprünglich Mischsprachen gewesen sein, und die Sprachforschung kann in Ermanglung zuverlässiger historischer Handhaben den Entwicklungslauf so mancher Sprache auf rein vergleichendem Wege erschließen. Daher ist zum Beispiel eine Sprache wie diejüdischtatische, deren Bestandtheile verhältnißmäßig unschwer von einander zu sondern sind, ebenso lehrreich als nützlich, sowohl Philologisch als ethnologisch zu betrachten. Soll man diese Sprache linguistisch charakterisiren ohne jede Bezugnahme auf die Bevölkerung, die sich ihrer bedient, sagt Miller, so fiele die Charakteristik beiläufig so aus: Es ist eine iranische Mundart mit semitischer Articulation und theilweise semitischer Struktur, zum Theil aber morphologisch türkischer Art. Eine solche Mundart konnte sich nur in einem Gebiete entwickeln, wo neben (und durch) einander iranische, semitische und türkische Elemente leben, und ein solches Territorium war thatsächlich Aderbeizan. Das Grundelement der Sprache der Bergjuden ist iranisch, sowohl in phonetischer als morphologischer Beziehung. Dem ersten Anschein nach zeigt sich diese Sprache als Untermundart des Neupersischen; es ist blos nothwendig, sich hierbei die Gesetze der Uebereinstimmung in den Bocalen und Consonanten nach beiden Seiten hin zu veranschaulichen, um aus der Menge dieser Laute und Formen eine persische und umgekehrt aus der persischen eine jüdisch-tatische Sprache herzustellen. Bei einer eingehenderen Untersuchung überzeugt man sich indessen,- daß das gewonnene Schema der Laute durch Faktoren gestört wird, die dem iranischen Bocalismus und Consonantismus fremd sind, und die einerseits vom Einfluß der semitischen Aussprache einiger Laute (z. B. des d, t, h), die der Bevölkerung besonders eigenthümlich waren, und andererseits vom unzweifelhaften Einfluß des türkischen Elementes auf das Jüdisch-tatische Zeugniß oblegen. Ueber die ethnologische Stellung der tatischen Juden sei hier im Anschluß an die Darlegungen Miller's — die, weil russisch geschrieben, weiteren Kreisen unzugänglich bleiben dürften, neben denen deshalb auf die Arbeiten C. Hahn's über die kaukasischen Bergjuden aufmerksam gemacht werden möge — Folgendes hervorgehoben. Bergjudeu (russisch: gorski evrei, tatarisch: dag cufut) heißen die kaukasischen Juden, die in den Aulen und einigen Städten des Daghestaner, Tersker und Kubaner Bezirkes, ferner