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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-14 · 33 (14.8.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
33 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 524 Nr. 3 3 Dr. Mocb's MocdenscbrLtt. ablegen, sie hätten niemals gesehen oder gehört, daß irgend eine jüdische Secte den Mord als einen Bestandtheil ihres Rituales betrachte. Sie vergleicht den feierlichen Schwur der Rabbiner mit dem von Taschendieben, die betheuern, daß sie nichts gestohlen haben. Welche bodenlose Infamie, welche namenlose Frechheit gehört dazu, eine Versammlung unbescholtener und gelehrter Männer mit einem solchen Vergleich zu beschmutzen und ihre eidesmäßige Betheuerung in's Lächerliche zu ziehen. Das kleine Sudelblättchen mag an diesem Versuche seine Freude haben, und wenn es ihm gefällt, mag es sich berufen fühlen, für die Annahme der Richtigkeit des Ritualmordes einzutreten. Es findet kostbares Material hiefür in einem Artikel des „Deutschen Volksblattes", obgleich dieses das gütige Zugeständniß macht, es gebe „schlankweg" zu, „daß unter den Reformjuden und jenen Juden, deren Oberhirten sich zu dem Beschwörungsact in Krakau feierlich versammelten, der Ritualmord nicht geübt wird." Das Verganiblatt ist also nicht derselben Ansicht, wie die „Ostdeutsche Rundschau", die offenbar die Meinung verbreiten will, daß der Rabbiner-Congreß in Krakau aus geheimen Ritualmöcdern besteht, deren Schwur nicht ernst zu nehmen sei. Vergani hingegen zählt die bekannte Serie jener „Ritualmorde" auf, von welchen jeder einzelne acten- und gerichtsmäßig als ein Märchen erwiesen ist. Das Hetzblatt entblödet sich nicht, heute noch von einem Ritualmord Tisza-Eszlar zu sprechen, es führt den Mord in Polna, den Mord in Damaskus rc. als Ritualmorde an. Mit Leuten zu polemisiren, die längst erwiesene Unwahrheiten immer wieder als wahr Vorbringen. ist ein nutzloses Beginnen. Wären sie selbst von einem thörichten Aberglauben befangen, so könnte man sie bemitleiden. Weil sie aber selbst von der Unwahrheit dessen überzeugt sind, was sie sagen, und weil sie mit bewußten Fälschungen arbeiten, muß man sie verachten. Isegrim. Wieder Einer. So lautet die Ueberschrift über gewisse Stkckbriefnotizen des „Deutschen Volksblatt", wenn ein Jude gegen das Gesetz verstoßen hat und durchgebrannt ist. Wenn aber einem waschechten Antisemiten Aehnliches Paffirt, dann wird durch die verschiedensten Fälscherkniffe die Parteizugehörigkeit des edlen Ariers zu verwischen gesucht. Vor einigen Tagen wurde der Pächter des Hotels „Erzherzog Johann" am Semmering mit Hinterlaffung von Schulden in der Höhe von 100.000 Kronen flüchtig. Das „Deutsche Volksblatt" hat lediglich vom „Grand Hotel" am Semmering gesprochen, in der Absicht, seinem Leserkreise die Thatsache zu verhüllen, daß es sich hier um das Etablissement des ehemaligen Buchmachers und gegenwärtigen antisemitischen Landtazsabgeordneten Victor Silberer handelt. Dieser charakterfeste Herr hat mit der Erbauung eines großen Hotels am Semmering den reichen Juden das Geld aus der Tasche locken wollen, gleichzeitig aber ist er in die Leibgarde des antisemitischen Herrn von Wien eingetreten. Er hat auf die Dummheit oder Charakterlosigkeit der reichen Juden speculirt und hat sich dabei verspeculirt. Seit Herr Victor Silberer zu einem Häuptling der Christlich-Socialen avancirt ist, stehen die Zimmer seines Hotels „Zum Erzherzog Johann" leer. Das ist nun allerdings nicht ausschließlich auf seine öffentliche Thätigkeit zurückzuführen, sondern zum großen Theile auch aus die zweifelhaften Genüsse, welche dieses Hotel bietet, dessen Lage die denkbar schlechteste ist und deffen Küche auch bescheidenen Anforderungen kaum genügt. Herr Bracher ist das Opfer der Politischen Eiertänze des Herrn Victor Silberer geworden. Wir möchten nur wünschen, daß auch von anderen antisemitischen Curorten und Sommerfrischen sich die Juden ebenso fernehalten, wie vom Hotel »Erzherzog Johann" am Semmering. Russische Toleranz. Von Heinrich Husserl. Zur Zeit der Judenverfolgungen aus dem Moskauer Gouvernement, „so erzählte man sich in Rußland", hätte sich folgende Episode zugetragen. Großfürst Sergius ließ sich in seinem Winterpalais und Wintergarten das elektrische Licht einführen. Zu dieser Arbeit war der renommirteste Elektrotechniker dieser Gegend berufen. Als die Probebeleuchtung stattfand, bei der der Großfürst zugegen war, ließ er den Elektrotechniker zu sich kommen. Nachdem ihm dieser über jedes einzelne Object genaue Aufklärung gegeben hatte, klopfte ihm der Großfürst auf die Schulter und sagte: „Sie haben Ihre Sache gut gemacht, Meister Jsackoff". Ich ernenne Sie zu meinem Hoflieferanten, denn ich bin sehr zufrieden." Hierauf schüttelte er ihm freundschaftlich die Hand. „Ich bin überglücklich, die hohe Anerkennung Eurer kais. Hoheit erworben zu haben", erwiderte Jsackoff, „und ich werde stets bemüht sein, mich der hohen Auszeichnung, den Hoflieserantentitel führen zu dürfen, würdig zu erweisen. Nur gestatten mir, kais. Hoheit, eine unterthänigste Bitte zu Füßen legen zu dürfen." „Was wäre das?" frug der Großfürst neugierig. „Ich bitte um Gnade, kais. Hoheit", sagte Jsackoff und warf sich in die Knie. „Warum? Was ist denn vorgefallen? Erzählen Sie mir, aber fassen Sie sich kurz." „Ich habe den Ausweisungsbefehl bekommen, kais. Hoheit." „Sie, den Ausweisungsbefehl? Wie ist denn das möglich? Was haben Sie denn verbrochen?" „Verbrochen? Kais. Hoheit, gar nichts. Aber weil ich Jude bin, soll ich das Land verlassen muffen." „Sie sind Jude? Warum Hab' ich das nicht früher gewußt?" Der Großfürst trat einige Schritte zurück, um an den Juden nicht zu nahe zu stehen, ließ sich Wasser bringen und wusch sich die Hand, die er dem berühmten Elektrotechniker reichte, als ob er sie mit Oelfarbe beschmutzt gehabt hätte, dann fuhr er fort mit seinen Fragen. „Wer hat Sie zu dieser Arbeit bestimmt?" „Der Haushofmeister Eurer kais. Hoheit, Exellenz von X.", entgegnete Jsackoff. „Dieser Mann muß mir sofort aus dem Hause", rief der Großfürst im befehlenden Tone. „Er muß zur Verantwortung gezogen werden." „Wann müssen Sie denn schon fort?" „Innerhalb acht Tagen, kais. Hoheit?" „Wie lange brauchen Sie, um Ihre Arbeit zu vollenden?" „Mindestens 14 Tage." „Dann schicken Sie Ihre Familie zuerst ins Ausland und Sie folgen, sobald Sie bei mir fertig sind." „In Anbetracht der hohen Zufriedenheit Eurer kais. Hoheit hatte ich auf den Allerhöchsten Schutz gerechnet, umsomehr, da ich unbescholten bin, meiner Militärpflicht in Rußland Genüge geleistet habe, die Steuern pünktlich bezahlte und mich in ganz Moskau des besten Leumundes erfreue." Der Großfürst machte eine abwehrende Handbewegung. Nochmals versuchte Jsackoff knieend den Großfürsten zu erweichen und um Gnade zu bitten. „Erlauben Sie mir?" fiel der Großfürst ein. „Wollen Sie noch mehr Gnade? Genug an dem, wenn ich Ihnen erlaube, einige Tage sich länger in Rußland aufhalten zu dürfen, als Ihre Familie." Pädagogische Streiflichter. Wenn , man die Erscheinungen des öffentlichen Lebens mit aufmerksamen Blicke beobachtet, so findet man in denselben scheinbare Widersprüche, die zum Nachdenken über Ursache und Wirkung, über allgemein giltige Grundsätze der Theorie und deren Anwendung in der Praxis veranlassen. Speciell in den Bestrebungen, die Jugenderziehung zu fördern, treten diese Widersprüche mit Deutlichkeit an den Tag. Seit mehr als einem halben Jahrhundert haben Laien und Fachmänner und nicht als Letzte die Berufspolitiker ihr Wissen und Streben in den Dienst der Schule gestellt. „I n der Schule liegt die Zukunft eines Volkes", war die Grundmauer, auf welcher die ganze moderne Schulgesetzgebung aufgebaut wurde. Wenn wir nun das heutige Geschlecht, das aus dieser Neuschule hervorgegangen, betrachten, so müssen wir, will man ehrlich sein, zugeben, daß die moderne Schule nicht hält, was sie versprochen hat. Liegt nicht in dieser Thatsache ein offener Widerspruch? Erinnern wir uns nur einmal an das Schulhaus (?) von einst, an seine äußere und innere Einrichtung, wenn von einer solchen überhaupt gesprochen werden kann! Wie primitiv, wie kläglich sah es in einem Cheder aus! Ein niedriges, licht- und luftarmes Stübchen, roh gezimmerte Schulbänke, wenn diese ungehobelten Verschlüge diesen Namen verdienen, die Kinder zusammengepfercht, wie die Heerde bei der Schafschur, der Lehrer eine kümmerliche Gestalt mit verschlissenem Rocke, in der einen Hand das Rohrstäbchen, in der anderen die Tabakspfeife, und merkwürdig genug, unsere bedeutendsten Männer haben den Keim ihrer späteren Größe in dieser Schule empfangen!

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