Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 33 (14.8.1903)
- Date
- 1903-08-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Blocb’s MlocdenscbrM. Seite 523 Rechte der Juden einzuschränken. Fast unmittelbar darauf brachen die Judenverfolgungen in Kiew und in anderen Städten SüÄrnßlands aus. In Preußen war die Judenverfolgung eine so heftige, daß sich der alte Kaiser Wilhelm I. veranlaßt sah, ihr Einhalt zu thun. Das frühere schlechte deutscheBeispiel war inzwischen in Rußland nachgeahmt worden. Im Jahre 1882 erschien der Ukas, der die Rechte der Juden in Rußland sehr reducirte, allein er wurde nicht in vollem Umfang zur Ausführung gebracht; jedenfalls wurden ihre bürgerlichen Rechte sehr eingeschränkt. Im Jahre 1883 kam es in Preßburg (Ungarn) zu heftigen Angriffen gegen die Juden, so daß das Standrecht verkündet wurde. Gleichzeitig traten Judenhetzen in St. Petersburg, Budapest und in Zala- Egerszeg auf. Im Jahre 1884 setzte Kaiser Alexander III. eine geheime Commission unter Vorsitz des Grafen Pah len ein, welche Erhebungen über die Lage und die Rechte der Juden zu pflegen hatte. Graf Pahlen war ein Mann von hoher Gesinnung und edlem Gemüth. Die Anträge dieser Commission fanden keine Gnade. Die im Mai 1882 angedrohten strengen Anordnungen wurden im Jahre 1890 in ihrer ganzen Härte gegen die russischen Juden angewendet. Die erste Wirkung dieses Zwangsgesetzes, das dem Einflüsse Pobjedonoszew's auf Alexander III. zugeschrieben wird, war, daß alle Juden, die in ganz Rußland ihren ordentlichen Wohnsitz hatten, in fünfzehn Provinzen wie in ein Ghetto zusammeuglpfercht wurden. Die Zone war schon im Jahre 1843 festgesetzt worden, mit der Anordnung, daß außerhalb derselben Juden nicht wohnen dürfen. Allerdings ist das Gebiet dieser fünfzehn Provinzen größer als ganz Frankreich und deshalb stellte auch die „Nowoje Wremja" jüngst die Frage: Was wollen die Juden sonst noch mehr, als in einem Gebiet zu leben, das größer ist, als Frankreich? Aber die Antwort ist leicht zu geben. Die Juden dürfen sich eben nicht im ganzen Gebiete aufhalten, sondern nur in den eigens bestimmten Städten, Flecken und Dörfern. Sie dürfen nicht Ackerbau treiben, sie dürfen auch kein Land besitzen; sie sollen nicht bodenständig sein. Die Folge davon ist, daß die Inden nicht ein Gebiet bewohnen, das größer ist, als Frankreich, sondern kleiner als das kleinste Departement von Frankreich. Seit 1843 ist dies Gebiet, innerhalb welches den Juden zu wohnen gestattet ist, nicht um einen Quadratzoll vergrößert worden — die Zahl der Juden aber hat sich vervierfacht! Die jüdischen Unterthanen des Czars sind kinderreicher als die Slaven und vermehren sich stärker, und die Russen fürchten sich vor der Judenvermehrung viel mehr, als vor dem militärischen Geiste des englischen Kriegsministers oder den Geschützen des englischen Geschwaders! „Innerhalb der Pfähle ist der Druck der Bevölkerungsmenge auf die Erwerbsmittel ein so großer, daß von den 600.000 jüdischen Handwerkern kaum die Hälfte Arbeit findet. Die Löhne sind auf 4 ä (24 Kreuzer) per Tag gesunken und die Noth mancher Familie ist so groß, daß kein Glied derselben, die Weiber nicht ausgenommen, ein Hemd besitzt; So vegetiren 57r Millionen Juden in Rußland, von denen die überwiegende Mehrheit zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig hat. Und für dies entsetzliche Elend, das über Millionen von Menschen hereingebrochen ist, sind einzig und allein die Maigesetze verantwortlich. Mr. White gibt auch zu, daß in Kischenew Mädchen vergewaltigt, Säuglinge erschlagen und Männer in bestialischer Weise hingemordet wurden. Aber solche Gewaltthaten werden sich vertausendfachen, wenn die Regierung den Juden Gleichberechtigung gewähren und ihnen gestatten werde, die Bauern ungestört — auszuwuchern. Hier tritt unvermittelt und unvermuthet der antisemitische Pferdefuß zum Vorschein. Wo die eben als im Elend versinkenden halbverhungerten russischen Juden plötzlich soviel Geld haben, um damit die Bauern auszuwucheru, wird wohl das eigene Geheimniß des Mr. White bleiben. Im Uebrigen hat dieser Herr zur Lösung der Judenfrage auch einen positiven Vorschlag gemacht. Mr. White, durch dessen Mund in letzter Zeit manchmal Herr von P l e h w e spricht, ist der Ansicht, daß Rußland einer auf Betrieb der amerikanischen Regierung in Petersburg zusammeuzutretenden Conferenz behufs Lösung der Judenfrage sich nicht widersetzen würde. Nebst den Vereinigten Staaten und Rußland soll auch England au dieser Conferenz sich betheiligen. Die Erweiterung des Ansiedlungsrayons, die Gewährung des Rechts, Land zu erwerben, die Errichtung neuer jüdischer Ackerbaucolonien und endlich die Einräumung eines innerhalb oder in der nahen Nachbarschaft von Rußland gelegenen eigenen Territoriums sind die von Mr. White vorgeschlageuen Heilmittel. Das Geld zur Durchführung dieser Vorschläge soll aufgebracht werden durch Subscriptionen sowie durch die Einverleibung der Millionen des Baron Hirsch. Auf diese Millionen scheint Herr Plehwe es abgesehen zu haben." * Wie russische Blätter melden, weilt der Führer der Zionisten, Herr Dr. Th. H e r z l aus Wien, gegenwärtig in St. Petersburg. Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Nach der gerichtlich als Lüge gebrandmarkten „Wah rheit über Polna", die gleichwerthige „2Bahrheit über Kischenew". — Das Blatt der Ehrenwort- Partei über dasEhrenwort unbescholtener Mann e r. Ueber das ruchlose Treiben der Wiener Antisemitenpreffe, insbesondere des „Deutschen Bolksblattes" liegt nunmehr eine neue compromittirende Enthüllung vor. Wer dieses Treiben seit Jahren beobachtet, dem ist es bekannt, daß den Speculanten des Geschäftsantisemitismus jede Ehrlosigkeit, jede Fälschung, jeder Schurkenstreich zuzutrauen ist. Als Ernst Bergani anläßlich des Mädchenmordes in Polna seinen Leibhusaren, den jetzigen Gemeinderath der Stadt Wien, Hans Arnold Schwer nach Böhmen entsendete, damit dieser dort die Affaire Hilsner zu einer ausgiebigen Judenhetze sructificire, die den Absatz des „Deutschen Volksblattes" steigert, bot sich dem Publicum das bisher ohnegleichen dastehende Schauspiel, daß der Specialberichterstatter eines Wiener Blattes sich als freiwilliger Polizeispitzel etablirte, auf eigene Faust eine sogenannte Untersuchungscommisiion zusammensetzte, Zeugen einvernahm, deren Aussagen er fälschte, den Bruder des Jnquisiten betrunken machte, um ihm belastende Aussagen zu entlocken, und daß er alsdann, da der betrunkene Knabe nichts zu erzählen wußte, solche Aussagen erdichtete, die nachher auch als Bericht des Specialreporters im „Deutschen Bolksblatt" erschienen sind. Diese erdichteten und erlogenen Aussagen sollten als die Wahrheit über Polna gelten, und sie wurden von dem Publicum des „Deutschen Bolksblattes" solange als wahr geglaubt, bis Hans Arnold Schwer vor dem Gerichte in Polna als erbärmlicher Lügner gebrandmarkt wurde, der sich über die Verächtlichkeit seiner Situation mit der Ausrede, er habe sich einen Jux gemacht, hinwegzuhelsen suchte. Der „Wahrheit über Polna" folgt nunmehr die gleichwerthige und von denselben schmutzigen Motiven und mit denselben Mitteln verbrecherischer Fälschung hergerichtete „Wahrheit über Kischenew". Dem „Deutschen Bolksblatt" zufolge find die mißhandelten, beraubten und ermordeten Opfer von Kischenew die wirklichen Berüber jener furchtbaren Greuelthaten, welche die Entrüstung der ganzen civilisirten Welt hervorgerufen haben. Das Bergani-Blatt und seine würdige Collegin, die Berliner „Staatsbürger-Zeitung", waren auch mit Berichten aus Kischenew versehen, und man erfährt nunmehr, wer die Berichterstatter waren, nämlich die Mitglieder jenes Berbrecherconsortiums, die ein eigenes Comite zur Veranstaltung der Maffacres gebildet hatten und die regelmäßige Berathungen abhielten, um die Judenverfolgungen zu arrangiren. Das Organ des Defraudanten Bergani ist auch das Organ der Mordbrenner von Kischenew. * * * Mit hämischen Bemerkungen, die ebenso albern als frech sind, verzeichnet die „Ostdeutsche Rundschau" die Kundgebung der in Krakau versammelten Rabbiner, die einen feierlichen Eid