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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-14 · 33 (14.8.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
33 (14.8.1903)
Date
1903-08-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 532 Dr. Llocb's Mocbenscbritt. Nr. 33 Es wird davon gesprochen, daß der Herr k. k. Finanzrath Dr. August Nusko als Fachlehrer sür Stenographie an der Wiener Handelsakademie angcstellt werden soll. Es scheint, daß die Gründung eines antisemitischen Stenographenvereines in den Augen des Herrn Regierungsrathes Doctor Sonudorfer eher eine Empfehlung als ein Hinderniß für eine derartige Anstellung bildet, obwohl ja die Handelsakademie im Jahre 1857 von solchen Kaufleuten und Industriellen gegründet wurde, deren vorurtheilsfreie Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist und obwohl auch der gegenwärtige Verwaltungsrath aus Männern besteht, die durchaus nicht als Schleppträger der Christlich-Socialen oder nationalen antisemitischen Parteien betrachtet werden können. In diesen Verwaltuugsrath sitzen als Präsident Herr Vincenz Miller Ritter zu Aichholz und als Vice-Präsident Herr Alois Freiherr Czedik von Bründelsöerg, Beide Mitglieder der liberalen Partei des Herrenhauses. Ferner die Herren: Bergrath Max Ritter von Gutmann, Dr. Moriz Lederer, Alfred von Lenz, Richard Lieben, Ludwig Lobmeyr, Paul Schey Freiherr von Koromler und Franz Edler von Wertheimer. Jede einzelne dieser Persönlichkeiten würde die Zumuthung, mit einem antisemitischen Agitator in persönliche Beziehung zu treten oder einen solchen in seinemGeschäfte anzustellen, mit Entrüstung von sich weisen. Es ist uns nun allerdings nicht bekannt, welchen Einfluß der Verwaltungsrath der Wiener Handelsakademie auf die Zusammensetzung des Lehrkörpers dieser Hochschule besitzt. Allein soviel Macht dürfte der gesammte Verwaltungsrath wohl noch aufbringen, um den Versuch, die Wiener Handelsakademie zum Tummelplätze antisemitischer Hetzereien zu machen — mag derselbe nun von wem immer ausgehen und mag er mit oder ohne Wissen und Willen des Herrn Regierungsrathes Dr. Sonndorfer unternommen werden — mit aller Energie zurückzuweisen. Ob Herr Finanzrath Dr. Nusko den Forderungen seines Amtes entspricht, wenn er einen judenreinen Stenographenverein gründet, das mag er mit dem Finanzminister ausmachen. Daß er aber durch seine antisemitische Gesinnung für ein Lehramt an der Wiener Handelsakademie untauglich geworden ist, das scheint uns außer jedem Zweifel zu stehen, und wenn seine Ernennung doch erfolgen sollte, dann würde den Schaden davon nur diese in Handelskreisen bisher angesehene und geschätzte Hochschule haben. Wir sind aber überzeugt, daß es nur dieser öffentlichen Charakterisirung des Herrn Finanzrathes Dr. Nusko bedarf, um seine freiwillige oder unfreiwillige Candidatur für das erwähnte Lehramt einfür allemal zu beseitigen. Herr von Plehwe und die MMone« des Karo« Hirsch. Man schreibt uns aus London: Herr Arnold White, der ehemals von Baron Hirsch vielfache Wohlthaten empfangen, hat sich bekanntlich nachher als internationaler Antisemit erneu berüchtigten Namen gemacht. Er gilt derzeit nicht ohne Grund als das Sprachrohr des russischen Ministers P l e h w e. Dieser Arnold White beschäftigt sich in der angesehenen Zeitschrift „National Review" mit den Vorgängen in Kischenew, ihren Ursachen und Folgen. Er beginnt also: „Was ist die Judenfrage? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Lage der Juden in Rußland, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und von Großbritannien in Betracht ziehen. Die Abschlachtung von 61 wohlhabenden Juden in Bessarabien erinnert die Christenheit, daß der Jude, der seine ewige Forderung nach Gerechtigkeit stellt, noch immer vor den Thoren steht. Die Schlächterei von Kischenew zeigt durchaus keine Verschiedenheit^ von den früheren Kundgebungen des sogenannten Christenthums gegen einen Stamm, der körperlich schwächer ist, geistig aber viel höher steht, der sich stolz abschließt, aber den Wucher als Beruf zu treiben geradezu gezwungen wurde. Vorläufern von Kischenew kann man in jedem alten Lande begegnen. Es fehlt aber nicht an Anzeichen, daß die Judenfrage, wenn nicht die Mächte etwas dazu thun, sie zu lösen, sich gegen die Mächte geltend machen wird. Ihre Stärke gemahnt bereits an die zur Zeit des mittelalterlichen Roms. Die Lage der Juden in Rußland stimmt vollständig mit derjenigen überein, in der sie sich vor 600 Jahren in England befanden. Das alte englische Grundgesetz verbot den Juden, einen Besitz und Bürgerrechte zu erlangen. Auf die Anschuldigung hin, daß ein Jude einen Christen zwang, ihm für ein Darlehen von 20 Schillingen 2 Schillinge wöchentlich als Zinsen zu zahlen, wurden in London 700 Juden erschlagen. Dem Gesetze von James of Heresford, betreffend die Geldverleiher, ging im 13. Jahrhundert ein Gesetz voran, wonach der Jude, der Geld auf Zinsen auslieh, an der Brust eine Tafel tragen, als Zeichen, daß er ein Wucherer sei — oder das Land verlassen mußte. Im Jahre 1290 wurden beiläufig 17.000 Juden aus England vertrieben, das Beispiel fand bald in anderen Ländern Nachahmung. Am Ende des 15. Jahrhunderts wurden einige Hunderttausend Juden aus Spanien, Portugal, Frankreich vertrieben, die jedoch in Holland mit offenen Armen empfangen wurden und denen das. Land seine handelspolitische Blüthe verdankte und nur der Verfall der nationalen Ideale in der Zeit, in der man ausschließlich dem materiellen Gewinn uachging, drückte die Niederlande bis aus die vierte Stufe der handeltreibenden Völker herab. Die Länder, welche die Juden vertrieben hatten, nahmen sie später wieder auf — in Spanien erhielten sie jedoch erst im October 1868 die Aufnahmsbewilligung. In England war es C r o m well, der ihnen ihm Jahre 1650 die Erlaubniß gab, dahin zurückzukehren, und von dieser Zeit bis zum heutigen Tage. hat sich in Großbritannien der Ausspruch Heinrich H e i n e's bewahrheitet: Jedes Land hat die Juden, die es verdient. Wenn sich England rühmen kann, die beste und aufgeklärte st eJudengemeinde der Welt zu besitzen, so ist die Ursache dieser Erscheinung nur in der englischen Freiheit, in dem Billigkeitsgefühl zu suchen, die seitens der Juden den verdienten Dank fanden, und zum Theile wohl auch in dem Umstande, daß die Zahl der Juden, die sich in England niedergelassen haben, keine so große war, daß die Frage in einer ernsten Form auftauchen konnte, die unvermeidlich ist, wenn eine schwache aber kluge Minderzahl die Herrschaft gewinnt über eine körperlich starke, aber geistig schwache Mehrheit. Der Kernpunkt der Judenfrage in ihrer modernen Gestalt lag in der Theilung Polens. Erst durch diesen geschichtlichen Vorgang erhielt Rußland seine jüdische Bevölkerung. (Der Autor scheint zu vergessen, daß in Südrußland schon früher eine autochthone jüdische Bevölkerung ansässig war und daß die Chasaren als jüdischer Volksstamm galten. A. d. R.) Seit die zehn polnischen Provinzen zu Rußland geschlagen wurden, liegt der Schlüssel der Judensrage an den Ufern der Newa, nicht in London, Berlin, Washington. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die jüdische Bevölkerung in Rußland nicht zahlreich genug, um den Antisemitismus zu erwecken. Es wurden sogar die judenfeindlichen Gesetze theilweise aufgehoben und unter Alexander II. wurden sogar gewisse politische Rechte den Juden in Polen und in Rußland zugestanden. Judenverfolgungen haben wir im Jahre 1864 in Rom, im Jahre 1866 in Bukarest gehabt, aber die eigentliche „Judenhetze" die Bismarck züchtete, Virchow, Mommsen und Andere bekämpften, Kaiser Friedrich III. scharf tadelte, hat in Berlin im December des Jahres 1880 ihren Ursprung gefunden. In dieser Zeit wurde die Antisemitenliga in Deutschland gegründet und richtete an Bismarck die Bitte, die

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