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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Dlocb's MwcbenscbrM. Seite 519 „Du hast richtig gesehen" sagte die Nonne und reichte David ihre Hand, die er unter heißen Thränen mit Küsten bedeckte. Die Nonne war gleich ihm tief ergriffen. Der Arzt stand einige Minuten stumm vor Staunen, dann wandte er sich an die Nonne und fragte: „Wenn Sie wirklich Irma Arauch sind, dann erzählen sie uns, auf westen Veranlassung Sie in das Kloster kamen, es handelt sich hier um das Leben eines Unschuldigen". Der Arzt und die Pflegerin setzten sich an das Bett des Kranken und diese erzählte, daß der Besuch des alten Lazzer ihr die Ueberzeugung gebracht habe, ihre Liebe zu David sei völlig aussichtslos und für den Geliebten selbst gefährlich. In ihrer Verzweiflung ging sie zu ihrem Pater Ambros, um ihm zu beichten und ihm ihren Entschluß, ihr Leben zu beenden, mitzutheilen. Er sprach so warm und überzeugend zu ihr, daß sie sich etwas beruhigte. Darauf ließ sie der Geistliche einen Brief des Dr. Bielitzky lesen, in dem dieser im Namen des alten Aranch bat, Pater Ambros möge Irma in ein Kloster aufnehmen, um den Wahn, einen Juden zu heiraten, aus ihrem Kopfe zu treiben. Verbittert durch die Gleichgiltigkeit des eigenen Vaters und entmuthigt durch das schwere Leid entschloß sie sich, den Schleier zu nehmen und die Welt auf diese Weise zu verlassen. „Warum hast Du keinen Menschen mitgetheilt, daß Du in das Kloster gehst? Weißt Du, welches Unheil Du über mein Elternhaus und mich herauf beschworen hast?" fragte David mit schmerzlichem Borwurf. „Ich hatte seit meinem Eintritte in das Kloster für nichts mehr Anrheilnahme als für meine Kranken, Zeitungen las ich nicht mehr — wie sollte ich ahnen, was in der Welt, die ich fortan mied, sich abspielte? Wenn ich gefehlr, daß ich nur an mein Leid gedacht, als ich in die Einsamkeit flüchtete, so will ich gern thun, was möglich ist, mein Unrecht zu sühnen." Bewegt reichte der menschenfreundliche Arzt David die Hand und sagte: „Ich freue mich, daß mein Glaube mich nicht täuschte und Ihr Vater nun bald erlöst werden wird, ich werde sofort einen Gerichtsbeamten kommen lassen, die Aussage der Schwester zu vernehmen und sie dann zu veröffentlichen. Nun suchen Sie sich zu beruhigen und danken Sie Gott, daß er Schwester Aurelie als einen guten Geist heut Nacht an Ihr Lager führte". Der Arzt verließ das Zimmer, die beiden Liebenden blieben allein. David schüttete der nun für ihn Verlorenen sein ganzes glühendes Herz aus. Er erzählte ihr all sein Leid, seine Kämpfe, seine Schuld, die er bald mit dem Leben sühnen werde, aber über alles Leid triumphirte seine Liebe und das Glück, sie noch einmal vor seinem Tode gesehen und gesprochen zu haben. Zuletzt bat er sie, ihm nochmals die Versicherung ihrer Liebe und als Zeichen derselben einen letzten Abschiedskuß zu geben. Das Flehen des Kranken und die innige Zuneigung, die sie für ihn auch jetzt noch empfand, überwanden alle Bedenken der Schwester. Schnell trat sie zu David heran, und in einem innigen Kuß tauschten die beiden unglücklichen Menschen das Gelöbniß ihrer unwandelbaren Liebe. David wollte seine Irma nicht von sich lassen, aber diese löste sich sanft aus seinen Armen und der bald nachher zurückkehrende Arzt fand nur die stille, pflichttreue Krankenschwester am Lager ihres Pflegebefohlenen. Zu diesem wandte sich der Arzt mit aufmunternden Worten. „Alles ist besorgt, in wenigen Stunden wird Schwester Aurelie ihre Mittheilung vor dem Richter wiederholen, und die Haftentlassung Ihres Vaters wird dann sofort verfügt. Bald werden Sie ihn hier begrüßen können, junger Mann"." Traurig schüttelte David den Kopf und sagte: „Darauf darf ich wohl nicht hoffen, Herr Doctor. Mein Vater fluchte dem ungehorsamen Sohn, er verstieß mich von seinem Angesicht — er that recht — und die Strafe hat mich, den Sündigen, ereilt". Ergriffen von den Selbstanklagen des jungen Mannes, versuchte der Arzt ihn zu ermuthigen und warnte ihn, sich allzu heftigen Gemüthserregungen hinzugeben. Auf sein Geheiß verließ Schwester Aurelie das Zimmer des Kranken, den sie nie mehr Wiedersehen sollte. Die vielen seelischen Erregungen hatten seinen Zustand verschlimmert, es trat Athemnoth, erneuerter Blutverlust und Appetitmangel ein, zudem bemächtigte sich die tiefste Hoffnungslosigkeit und Trauer seiner Seele, in die die bittere Reue ihren Einzug gehalten hatte. Die Veröffentlichung des Schicksals der Irma Arauch rief eine große Erregung in der Stadt hervor. Die Journalisten aller Tagesblätter kamen in das Hospital, um Erkundigungen einzuziehen. Gerichtsbeamte und Commistäre erschienen, die Identität der verschollenen Irma Arauch mit der eingekleideten Schwester Aurelie festzustellen und den verwundeten Sohn des alten Lazzer zu sprechen. Alle verhießen dem Kranken einen baldigen Besuch seines Vaters; aber David seufzte nur tief auf, er kannte seinen Vater und hoffte nicht mehr auf dessen Verzeihung. Die immer mehr eintretende Schwäche erzeugte einen Zustand dumpfer Gleichgiltigkeit; seine Liebe hatte er verloren, der Vater war gerettet, nun wollte er nur noch ruhen nach all den Leiden, die das Leben ihm gebracht. Als er aus seinem unruhigen Halbschlummer erwachte, rief er die Wärterin heran und bat sie, Schwester Aurelie an sein Lager zu rufen, da er fühlte, daß sein Ende nahe. Die Wärterin öffnete die Thür des Zimmers und trat hinaus, um seine Bitte zu erfüllen, da erschienen einige Herren, die Herrn Dr. Lazzer dringend zu sprechen verlangten. „Er cst soeben aufgewacht, aber der Arzt hat die größte Ruhe anempfohlen", hörte David seine Pflegerin erwidern. Mit einem plötzlichen Gefühl der Vorahnung raffle er sich auf, um zu sehen, wer nach ihm gefragt hatte, er blickte auf und mit dem Ausrufe: „Mein Vater, gelobt sei Gott, mein Vater" sprang David von seinem Lager und warf sich seinem Vater, der in Begleitung des Oberrabbiners und mehrerer Freunde eingetreten war, zu Füßen. Der alte Lazzer neigte sich tief erschüttert zu dem knieenden Sohn, dessen Züge das Siegel des Todes trugen, und küßte ihn zärtlich. „Verzeihe mir, Vater, verzeihe Deinem schwer büßenden Sohne, ich schwöre bei dem Allheiligen, daß ich bitter bereue, was ich in unseliger Verblendung an Dir, an meinem Glauben gesündigt habe." „Ich verzeihe Dir, mein armer Sohn, dessen Unerfahrenheit von schlechten Menschen benützt wurde, uns verderben zu wollen, möge Gott dir auch ein gnädiger Richter sein!" David wurde von seinem Vater und dessen Freunden auf sein Lager zurückgebracht, sein schon halb erloschener Blick dankte ihnen für ihren Beistand, dann bat er, die Sterbegebete zu beginnen, der greise Rabbi trat an den Sterbenden heran und segnete ihn, der in letzter Stunde die Rückkehr in das rechte Vaterhaus gefunden. David hielt still seine Hände gefaltet, unhörbare Laute entströmten seinen Lippen und stiegen hinan zu dem Vater, dessen Erbarmen größer ist als alle Schuld. Leise tönten die frommen Klänge der Sterbegebete, leiser wurden die Athemzüge des Sterbenden, der Kampf war vorüber, still und friedlich entschlief der Sohn in den Armen seines Vaters, der ihm den letzten Liebesdienst erwies. Als oer alte Lazzer aus dem Hospital trat, umringte ihn eine große Schaar von Freunden, die ihm ihre Theilnahme und ihre Hochachtung beweisen wollten. Er kehrte in sein verödetes Heim zurück, aber der Schmerz über den Heimgang seiner Frau und seines einzigen Sohnes zehrte an seinem Leben; nach kurzer Zeit wurde auch er zu seinen Vätern versammelt. Neue Bücher. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft de- Judenthums. Begründet von Dr. Z. Frankel, fortgesetzt von Professor Dr. H. Graetz. Neue Folge, im Verein mit Professor Dr. David Kaufmann s. A. in's Leben gerufen und herausgegeben von Dr. M. Braun. Siebenund- .vierzigster Jahrgang. Neue Folge, elfter Jahrgang, Mai u. Juni 1903. Verlag von Wilhelm K o e b n e r, Breslau. Inhalt: Sigmund I a m p e l: Die Wiederherstellung Israels unter den Achämeniden. (Fortsetzung.) — Dr. I. Scheftelowitz: Zur Kritik des griechischen und massoretischen Buches Esther. (Fortsitzung.) — L. Tr eitel: Der Nomos, insonderheit Sabbath und Feste, in philonischer Beleuchtung, an der Hand von Philos' Schrift Öe septennario. — Dr. M. Güdemann: Das Judenthum im neutestamentlichenZeitalter in christlicher Darstellung (Schluß.) — Dr. Jos. Eschelbacher: Die Vorlesungen Ad. H a rn a ck's über das Wesen des Christenthums. (Fortsetzung.) Dr. Ph. Bloch: Der Streit um den Moreh des Maimonides in der Gemeinde Posen um die Mitte des XVI. Jahrhunderts. (Fortsetzung.) Moritz Steinschneider: Purim und Parodie. (Fortsetzung.) — Besprechung: GuttmannJ. Die Scholastik des Xlll. Jahrhunderts in ihren Beziehungen zum Judenthum und zur jüdischen Literatur. Von I. Elbogen.

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