Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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<§>ette 5i8 Dr. Blocb’s Mocbenscbrift. Nr. Feuilleton. Der RabbluaLsrandidat. Erzählung von Heinrich Husserl. Dem Andenken der verewigten Baronin Hirsch de Gereuth gewidmet. III. Der Wahltag war nun endlich herangekommen, in der Stadt herrschte ein außergewöhnlich reges Treiben. Um die angeschlagenen Placate wogte die Volksmenge, die Hetzblätter des Dr. Bielitzky wurden eifrig gelesen. Jeder wußte, daß die beiden Lazzers keine erfundenen Personen waren, das Verschwinden Irmas wurde auch in fremden Blättern besprochen, mußte also auf Wahrheit beruhen. Die Aufregung des Volkes stieg immer höher. Die Arbeiter verließen ihre Werkstätten und durchzogen johlend und plündernd die Straßen des Judenviertels. Die Bewohner wurden mißhandelt, die Bemühungen der Polizei, die Ordnung wiederherzustellen, vereitelt, schon sprach man von Menschenopfern, und die Soldaten schritten endlich mit den Waffen ein und unterdrückten den künstlich erzeugten Unfug. Unterdessen war der Wahlgang beendet, das Ergebniß wurde bekanntgegeben, Dr. Bielitzky hatte trotz der frevelhaften Anschläge sein Ziel nicht erreicht, der Abgeordnete der liberalen Partei, der Bürgermeister Herr Dr. Horvath hatte gesiegt, und seine Wähler beglückwünschten ihn in begeisterter Weise. In einer Ansprache an die Volksmenge mahnte der neue Abgeordnete zur Ruhe, er erinnerte sie daran, daß die Ungarn niemals Religions- Unterschiede gekannt und daß sie Jedem gleiches Recht zuerkannten. Die Rede wurde begeistert ausgenommen, und der Auftritt endete mit einem dreifachen Eljen auf den König. Dr. Bielitzky wurde wegen Aufreizung des Volkes verhaftet und abgeschoben. Arauch wollte sich flüchten, wurde aber, da er dem Concurse nahe war, ehe er den Druck der Zeitung übernahm, dem Gerichte überliefert. IV. Die Znt der jüdischen Feiertage nahte heran, David suchte noch immer leine verschwundene Braut, auch hatte er den Wunsch, sich mit seinem Vater auszusöhnen und kam zu diesem Zwecke in das Städtchen. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach seiner Wohnung begegnete er einem Jugendfreunde, den er mit freundlichem Gruße ansprach. Dieser aber bemerkte absichtlich die gebotene Hand nicht und erwiderte kalt die herzliche Anrede. Erstaunt fragte David nach der Ursache dieses seltsamen Betragens, da erwiderte der Angeredete: »Du bist nicht werth, daß man Dir die Hand reicht. Warum warst Du nicht bei der Beerdigung Deiner Mutter?" »Meine Mutter? Meine Mutter ist gestorben?", rief David entsetzt und sank dem Jugendfreund Raphael in die Arme. »Sage mir, ich beschwöre Dich, Freund, wann ist das Furchtbare geschehen?" »In dem Augenblick, als man Deinen Vater verhaftete!" »Meinen Vater verhaftet? Warum denn, barmherziger Gott, rede!" rief der entsetzte Sohn. »Glaubst Du mich irrezuführen mit Deinem Gebühren!" erwiderte verächtlich Raphael. »Du behauptest also, nichts davon zu wissen, daß da- Märchen vom Ritualmord, den Du, ein Rabbinatscandidat, selbst bestätigt hast, hier so großes Unheil hervorrief? Dadurch, daß Deine Braut, Irma Arauch, verschwand und Dein Vater zuletzt bei ihr gesehen wurde, lenkte sich der Verdacht aus ihn. Du hast das Unglück über die Deinigen heraufbeschworen, trage nun die Folgen Deines Thuns." Raphael wollte schnell fortgehen, aber David hielt ihn zurück, um ihm für die Mittheilung, so vernichtend sie ihn auch getroffen, zu danken. Er wollte nach dem Friedhof eilen, um am Grabe der tobten Mutter uw Vergebung zu bitten; heiße Thränen der Reue strömten aus seinen Augen — aber sie kamen zu spät und konnten die Schuld nicht abwaschen, die der Unglückliche auf sich geladen hatte. Er lief nach dem Friedhof und überließ sich auf b m Grabhügel seiner Mutter stundenlang seinem fassungslosen schmerze. Dann suchte er das Elternhaus auf, um dort das S elenlicht für seine Mutter anzuzünden, allein die Thür desselben war verschloffen; das Gericht hatte die Siegel anlegen lassen. In der Judengaffe herrschte tiefes Schweigen. Fast alle Einwohner waren beim Gottesdienst, vor der Synagoge standen zwei Polizeibeamte, um Ansammlungen zu verhüten. Bor der TM des Gotteshauses stand David und lauschte mit tiefer Wchmuth den alten vertrauten Melodien. So inbrünstig hatte er noch nie gebetet. Sein Gebühren fiel dem einen Beamten auf, der seinen Genoffeu auf den jungen Mann aufmerksam machte. Dieser wandte sich um: »Kennst du den Mann, der dort an der Mun-r seine Dummheiten macht? Das ist der Mörder der Irma brauch." »So', sagte der andere, »und da läßt man ihn frei nmherlaufen. Wäre es nur ein Christ, dann wäre er längst gefaßt worden." David hörte das Gespräch der Beiden mit an und stellte sie dann zur Rede. Bald entwickelte sich ein Streit, David sollte wegen Beamtenbeleidigung festgenommen werden. Er widersetzte sich und wurde durch die Säbel der Beamten schwer verwunoet. Auf seine Hilferufe eilten die Andächtigen aus der Synagoge. Als sie aber den Namen des Verwundeten hörten, erkaltete das Mitleid und statt des erhofften Beistandes erhielt er. eine Fluth von Flüchen und Schmähungen. Endlich wurde er auf Veranlassung der Polizei in das Spital überführt, und seine Gegner erhielten ihre Strafe. V. Einige Tage lag David völlig bewußtlos; als er zum ersten Male wieder die Augen aufschlug, sah er die Wärterin an seinem Bette sitzen und fragte sie, wo er sich befinde. »Sie sind im Spiral und müssen Sich recht ruhig halten, wenn Sie schnell genesen wollen", antwortete die gutmüthige Frau. Erst nach und nach erinnerte sich der Kranke der Vorgänge, er bat die Wärterin inständigst, ihm doch eine Zeitung zu verschaffen, und die ahnungslose Frau holte bereitwilligst das Gewünschte, zufrieden, daß ihr Patient wieder Theilnahme für seine Umgebung zeige. Er begann zu lesen — welche Aufregung bemächtigte sich seiner — es war die Gerichtsverhandlung gegen seinen armen Vater, der unter der Anklage des Mordes, verübt an Irma Arauch, stand. Durch eine Meldung neuer Zeugen, die zu Gunsten der Gegenpartei aussagen wollten, wurde der Proceß nach der ersten Verhandlung auf einige Zeit verschoben. Die Angst über das Schicksal seines Vaters erfüllte die Seele Davids mit zwingender Macht und verscheuchte den Schlaf von seinem Lager. Während der Nacht versahen Nonnen, die sich stets abwechselten, den Dienst bei dem Kranken. So lag er eines Nachts zu mitternächtiger Stunde allein in seinem nur schwach beleuchteten Zimmer, da öffnete sich leise die Thür und eine Nonne in ihrer eigenartigen Tracht glitt lautlos herein. David erschrack und rief mit bebender Stimme: »Wer bist Du?" »Ich bin Schwester Aurelie", antwortete die Pflegerin, »warum schlafen Sie nicht?" David hüllte sich in seine Bettdecke und beobachtete mit brennenden Blicken die dunkle Gestalt. Sein Herz klopfte immer laüter, das Blut wogte ungestüm durch seine Adern, als die Gestalt aber Miene machte, sich seinem Lager zu nähern, schrie er laut um Hilfe. »Warum fürchten Sie sich vor mir?", fragte die Schwester Aurelie mit sanfter Stimme. »Ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut, kein Phantom Ihrer erregten Sinne.. Ich muß Ihren Umschlag wechseln, laffen Sie mich an Ihr Bett kommen. »Nein, nein", schrie David entsetzt, »gehen Sie hinaus, Ihr Anblick tödtet mich". Die Nonne ging hinaus, dem Arzte Mittheilung von dem Vorfall zu machen und bald darauf erschien er in Begleitung von zwei Wärtern, den vermeintlichen Tobenden zu bändigen. Sein Anblick beruhigte de» Kranken, der ihm das Geschehene lebendig schilderte und mit der Bitte schloß, ihm ein anderes Zimmer anzuweisen, da unheimliche Geister in dem bisher von ihm bewohnten ihr Spiel trieben. »Ich glaubte die ermordete Irma Arauch vor mir zu sehen", ries er erregt", »ich hörte ihre Stimme, ich erkannte ihre Gestalt, nur das Gesicht blieb mir im Dunklen verborgen". »Beruhigen Sie sich nur", mahnte der Arzt. »Sie selbst, ein gebildeter Mann, glauben doch sicher nicht an Geister und derartigen Unsinn, Ihre Sinne sind erregt, der Proceß Ihres armen Vaters beschäftigt Ihren ohnehin matten Geist und erzeugt Wahngebilde, hoffen Sie, daß der Angeklagte freigesprochen werden wird." Der tröstliche Zuspruch des Arztes beruhigt den Kranken, aber nochmals kam er aus seine Bitte zurück, ihn mit anderen Kranken zusammenzubringen, weil er sich in seinem Zimmer fürchte. Der gütige Arzt wollte David von seinem Wahn erlösen und schickte einen der Wärter hinaus, Schwester Aurelie zurückzuholen, damit der Patient sie bei hellster Beleuchtung genau betrachten könne. Die Thür öffnete sich, Schwester Aurelie erschien und der Arzt führte sie selber an das Bett und sagte scherzend: »Nun, sehen Sie sich das Gespenst in der Nähe an." David richtete sich auf, blickte die Nonne an und schrie: »Irma, Geliebte, täuscht mich von Neuem ein irrer Wahn, oder bist Du es wirklich?".