Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 516 Dr. Wlocb's Mocbenscbrttt. Nr. 33 .Die ruffische Regierung hat es abgelehnt, die von mehreren tausend Bürgern der Bereinigten Staaten Unterzeichnete und auf Weisung des Präsidenten nach Petersburg gekabelte Petition bezüglich der Lage der Juden in Rußland entgegenzunehmen oder in Betracht zu ziehen. In der Conferenz in Oyster-Bay am Dienstag den 14. Juli besprach sich der Präsident mit den Herren Leo N. Levi, Simon Wolf und Oskar S. Strauß wegen der.Ueberreichung der Petition, und es wurde beschlossen, an den amerikanischen Geschäftsträger in St. Petersburg, Herrn Riddle, folgende Depesche abzusenden: .Staatsdepartement, Washington. D. G. 15. Juli 1903. Bit werden beauftragt, bei dem Minister des Auswärtigen eine Audienz nachzusuchen und ihm Folgendes zu unterbreiten: Excellenz! Der Staatssecretär beauftragt mich, Sie davon in Kenntniß zu setzen, daß der Präsident eine von einer großen Anzahl Bürger der Bereinigten Staaten aller Religionsbekenntniffe und in den höchsten Stellungen sowohl im öffentlichen wie im Privatleben Unterzeichnete Petition bezüglich der Lage der Juden in Rußland, die an den Kaiser gerichtet ist, erhalten hat." Es folgt sodann der Wortlaut jener Petition, deren wesentlichsten Theil wir seinerzeit mitgetheilt haben. .Ich bin angewiesen, zu fragen, ob diese Petition von Ew. Excellenz entgegengenommen und Seiner Majestät zur gnädigen Berücksichtigung übergeben werden wird. In diesem Falle wird die Petition sofort nach Petersburg gesandt werden/ .Berichten Sie so bald als möglich über Ausführung dieser Instruction. H a y/ Dieses Schriftstück wurde am 15. Juli abgesandt und am gleichen Tage wurde Herr Riddle vom ruffischen Minister des Auswärtigen informirt, daß im Hinblick auf die Veröffentlichungen, welche in den Blättern erschienen seien, die russische Regierung ihn in Kenntniß zu setzen wünsche, daß die Petition unter keinen Umständen entgegengenommen werden würde und daß dieser Entschluß der ruffischen Regierung unabhängig von irgend einer Erwägung des Inhaltes oder des Wortlautes der Petition gefaßt sei. Nach dieser Information richtete der Staatssecretär folgendes Schreiben an die Herren Strauß, Wolf und Levi: .Meine Herren! Ich bin vom Präsidenten angewiesen. Ihnen mitzutheilen, daß mein Departement von der amerikanischen Botschaft in Petersburg informirt ist, daß die kaiserliche Regierung von Rußland es abgelehnt hat, die Petition in Betreff der Lage der Inden in Rußland, die von einer großen Zahl Bürger der Bereinigten Staaten an Se. Majestät den Kaiser gerichtet war und welche das Departement auf Anweisung des Präsidenten und auf Ihren Wunsch ihrer hohen Bestimmung zuzuführen versuchte, entgegenzunehmen oder in irgend welche Erwägung zu ziehen. Ich bin, meine Herren, hochachtungsvoll der Ihrige John H a y." So weit der Schriftwechsel. Die Petition wird, wenn sie wieder in Washington eingetroffen ist, dem Archiv des Staatsdepartements einverleibt werden. Petersburg. (Ein Auskunftsbureau für jüdische Auswanderer.) Der von allen einsichtsvollen Männern im Judenthum schon seit vielen Jahren gehegte Wunsch, ein Bureau für jüdische Emigranten zu errichten, welches die von Jahr zu Jahr wachsende jüdische Emigration in einigermaßen geordnete Bahnen lenken sollte, scheint sich allmählich seiner Verwirklichung nähern zu wollen. Schon vor einigen Monaten ist (vermuthlich auf Veranlassung der „Jca") ein solches Bureau in London eröffnet worden, um den über London auswandernden Juden über den jeweiligen Zustand des Arbeitsmarktes in den englischen Colonien Auskunft zu geben. Nunmehr hat das in Petersburg residirende Centralcomits der „Jca" für Rußland beschloffen, ein solches Bureau für auswandernde russische Juden zu errichten. Dasselbe ist in großem Maßstabe mit Agenten und Correspondenten in allen wichtigen Aus- und Einwanderungsplätzen gedacht. Das Bureau wird zunächst eine aus drei Personen bestehende Commiffion nach den europäischen Hafenplätzen entsenden, um daselbst Agenten einzusetzen, welche die unwiffenden Emigranten gegen zweifelhafte Elemente schützen, die als Schiffsagenten und sonstige Raubvögel an den Einschiffungsplätzen ihr Wesen treiben und die Auswanderer um ihre letzten Groschen plündern. Eine Kanzlei in Petersburg soll den Auswanderungslustigen über alle sie intereffirenden Fragen erschöpfende Auskunft ertheilen. Endlich wird die obenerwähnte Commission sich auch nach den Bereinigten Staaten begeben, um auch da in ollen wichtigen Plätzen Agenturen zu errichten, die mit dem Centralbureau in Petersburg in steter Verbindung zu stehen und dasselbe über den Stand des Arbeitsmarktes an den betreffenden Plätzen regelmäßig zu unterrichten haben würden. Selbstredend wird den Emigranten eine andere Hilfe als die einer genauen Auskunft nicht zutheil werden und am wenigsten ihnen irgendwelche p e c u n i ä r e Unterstützung gewährt werden. Es wäre lebhaft zu wünschen, daß der Verwaltungsrath der „Jca" in Paris diesen groß angelegten Plan seiner Petersburger Filiale billigen und zur Verwirklichung bringen möchte. Petersburg. (Verhaftung wegen Religionsw e ch s e l s.) Ein Bauer des Saranskaer Kreises (Gouvernement Pensa) wurde verhaftet und unter Anklage gestellt, weil er — zum Judenthum übergetreten ist. Der Bauer besuchte seit.einiger Zeit die Synagoge, hielt streng die jüdischen Gebräuche und gab seinem Sohne den Namen David. Die „Abwendung vom rechten Glauben" wird in Rußland als schweres Verbrechen betrachtet. (Sibirien!) Petersburg. (Mini st er Plehwe und die russischen Juden,) Eine dreigliedrige jüdische Deputation aus Odessa, bestehend aus dem Industriellen Grünberg, dem Advocaten Königschatz und dem Fabrikanten Goldenstem, erschien bekanntlich vor Kurzem in Petersburg bei dem Minister des Innern v. Plehwe, um ihn auf die Lage der Juden in Rußland aufmerksam zu machen und eine Besserung dieser Lage zu erwirken. Ueber diese Audienz liegen folgende interessante Einzelheiten vor. Minister v. Plehwe hörte die Ausführungen der Deputation aufmerksam an und gab hierauf folgende Antwort: „Die Juden in Rußland sind ein fremdes Volk, sie müssen daher bescheiden sein. Doch, meine Herren, wir wollen die Lage der Juden verbessern. Allein theilt der jüdischen Jugend, euren Söhnen und Töchtern, der ganzen jüdischen Intelligenz mit, daß sie nicht glauben sollen, Rußland sei ein alter, in Verwesung begriffener Organismus; das kerngesunde Rußland wird die revolutionäre Bewegung zu bewältigen wissen. Die Ansicht der Juden als von Feiglingen ist unrichtig. Die Juden sind ein muthiges Volk. In Südrußland bilden die Juden 90, im Innern Rußlands 40 Percent der Revolutionäre. Wohl beunruhigt uns die immer zunehmende revolutionäre Bewegung, aber wir werden sie schon vernichten. Aber wisset! Wenn es euch nicht gelingen sollte, die jüdische Jugend von der Theilnahme an der revolutionären Bewegung zurückzuhalten, werden wir eure Lage in Rußland so unerträglich machen, daß die Juden bis auf den letzten Mann Rußland werden verlassen müssen . . Die Bitte der Deputation, den Czar zur Gewährung einex Geldspende zu Gunsten der Juden von Kischenew zu bestimmen, wies Plehwe zurück. Das Ersuchen der Deputation, ihr eine Audienz beim Czar zu erwirken, erklärte Plehwe nur unter der Bedingung erfüllen zu wollen, wenn die Deputation dem Kaiser den Dank der Juden für die ergriffenen energischen Maßnahmen zur Unterdrückung der Unruhen in Kischenew ausdrücken werde . . . Eine viel deutlichere Antwort gab jedoch der jüdischen Deputation Senator Gerard, das einflußreichste Mitglied des russischen Reichsrathes. Er sagte ihr, wie die Stuttgarter „Oswoboschdenje" meldet, wörtlich: „Ich persönlich bin davon überzeugt, daß es für Rußland ein Glück wäre, wenn man den Juden das Wohnrecht in ganz Rußland einräumen wollte. Das russische Volk ist unbeweglich, unwissend, die Juden dagegen sind unternehmungslustig, energisck. Sie würden den Handel und die Industrie auf gebührende Höhe bringen. Es wäre jedoch ein großes Verbrechen, den Juden in dieser Beziehung irgend welche Hoffnungen zu machen. Nein, hegt keine Hoffnungen. Eine Lösung dieser Frage zu Gunsten der Juden würde der subjectiven Stimmung einer Persönlichkeit widersprechen, gegen welche zu kämpfen ganz aussichtslos wäre . ." Dabei machte Senator Gärard eine vielsagende Handbewegung, ohne jedoch den Namen der Persönlichkeit zu nennen. Gleichzeitig verbreitet die russische Telegraphen- Agentur folgende Meldung aus: