Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Mocb's MocbenscbE Sette 515 Und wir Juden, denen Findigkeit und praktischer Sinn nicht abzusprechen ist, wir sollten außer Stande sein, uns zu organisiren? Wir sind die Urheber aller Actiengesellschaften, die Idee der socialistischen Vergesellschaftung in Frankreich und Deutschland m aus jüdischen Köpfen hervorgeaangen. Die aus dem Mittelalter stammenden Chevroth, die B'nai Brith und die Zionisten beweisen augenscheinlich, daß es an organisatorischen Talenten auch unter den Juden nicht fchle. Und gerade j^tzt, in der durch den vermehrten Abfall, durch den stillen, aber vernichtenden Boycott in Deutschland, durch das Regiment Lueger gezeitigten Krise sollen wir mit verschränkten Armen zusehen, wie man unser dreitausendjährigcs Bolksthum vor unseren Augen demolirt? Freilich ist mit dem Schlagwort „Organisation" mcy* Alles gethan. Es muß auch gesagt werden: ,Wrr soll orgaM siren?" und „Wie soll organisirt werden?" Die erste Frage: „Wer", beantwortet sich von selbst: Der „Bund", denn zu diesem Behufe ist er ins Leben gerufen worden. Die zweite Frage: „Wie", läßt sich nicht so kurz beantworten. Allein so schwierig sie auf den ersten Blick scheint, unlösbar ist sie nicht. Es fehlt nicht an Schablonen, nach denen man Vorgehen kann. Die neueste und die für unseren Fall pasiendste ist die Methode der Zionisten, sowie die der preußischen Polen. Die letztere, welche seit etwa sechs Monaten eine Häutung erfuhr, verspricht erfolgreich zu werden. Sie erinnert sehr an die Organisation der Juden in den ersten Jahrhunderten der Diaspora. Und daß es nur gleich gesagt wird: ohne Geld nützt die beste Organisation nichts. Der Beutel muß geöffnet werden. Entschließt man sich nicht dazu, Geld herzugeben, so mag man sich nur rasch mit dem Gedanken vertraut machen, daß diese Ersparniß nur den christlichen Enkeln zugute kommen wird. Unbegreiflich ist es, daß die vielen jüdischen Zeitschriften, deren wir uns erfreuen, mit der Cardinalfrage „Organisation" sich nicht besaffen. Senex judeus. Oeeonomische Rettung. Herr Redacteur! In Ihrer letzten Nummer brachten Sie einen Artikel, welcher den Niedergang des Jndentbums mit dem ökonomischen Niedergang in Beziehung brachte. Daß dies zu» trifft, liegt auf der Hand. Merkwürdig ist es, daß von keiner Seite irgend ein Versuch gemacht wird, dem täglich wachsenden Verderben Einhalt zu thun. Dabei spreche ich zunächst von Wien. Die Wiener Judenlchaft gibt — wenn auch nicht reichlich — aber doch einen Obolus für Kischenew, für Palästina; man bemüht sich für Galizien und Rumänien. Allein für die Hunderte ruinirter Gewerbsleute in der Leopoldstadt, in Hernals, in Fünfhaus rührt sich kein Finger. Vor einigen Jahren ward eine Ereditgenossenschaft gegründet, an deren Spitze sehr achtbare, wie es scheint auch sachkundige Glaubensgenvffen standen — verlorene Mühe, da der Genossenschaft kein hinreichender Fond zur Verfügung gestellt wird. Außer dieser Todtgeburt gewährt noch die Hirsch-Stiftung Darlehen an Geschäftsleute; allein die Methode, nach der dies geschieht, eine Mischung von Rachwones und Protection, schließt von vorneherein jede eigentlich ökonomische Wirkung aus. Und doch sieht man in der ganzen Welt, daß Nothstands-Actionen — wenn richtig angestellt — zu gedeihlichen Resultaten führen können. Freilich gehört dazu eine mehr als dilettantische Thätigkeit, ein gründliches Vorstudium der Verhältnisse und hinreichendes Capital, das keineswegs verloren sein muß, wenn es in angemeffener Weise zur Verwendung kommt. Meiner Ansicht nach wäre es Sache des jüdischen Cultusvorstandes, diese Frage zu studiren und nach eingehender Erwägung die Initiative zu ergreifen. Es wäre eine Commission einzusetzen, welche eine Enquete veranstaltet und sodann — nicht allzu zögernd — eine Aktion einzuleiten hätte. Es muß etwas geschehen, um diejenigen Gewerbsleute, welche noch bestehen, vor dem drohenden Sturze zu bewahren und jene, welche bereits ins Schwanken gekommen sind, zu stützen. Es muß Credit ertheilt, aber auch für Arbeit, Bestellungen, Consum muß gesorgt werden. Wenn sich die schwerfällige Staatsmaschine zu Nothstands- Actionen entschließt, so darf auch der Cultusvorstand sich nicht zu gut dafür halten. Natürlich muß Geld hierzu gefunden werden — sei es als Spende nuferer Großen, sei es als Steuergeld, sei es — schlimmsten Falles — als Nothstands-Anlehen. Uud keineswegs eine bescheidene Summe. Weniger als 1 Million Kronen kann nicht ansreichen. Kleine Summen in solcher Weise verwendet, gehen verloren, große Beträge können productiv verwendet werden. Allein das Geld als solches schafft noch nicht Hilfe. Es muß derart behandelt werden, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse Vortheil daraus ziehen; nicht dem einzelnen Individuum, sondern dem jüdischen Gewerbestand soll und kann geholfen werden. Auf welche Weife, nach welcher Methode dies zu geschehen habe, würde am besten nach abgehaltener Enquete bestimmt werden. Nur sei man nicht engherzig bei der Auswahl derjenigen, welche bei der Enquete einvernommen werden sollen. Ein jüdischer Gewerbsmann. Brody. (Jahresbericht der israelitischen Knaben-und Mädchenschule.) Der verdienstvolle Direktor Dr. Leopold Herzl, der schon seit 37 Jahren an der Anstalt wirkt, bezeichnet in seinem Berichte das Schuljahr 1902/3 als ein „zumindest sehr kritisches". Zwar verlaffen die Kinder die Anstalt ausgerüstet mit den nöthigen Kenntniffen, die als Vorbereitung für den Besuch höherer Lehranstalten unerläßlich find, und bewähren sich recht gut sowohl in der eine" wie in der anderen Lehranstalt, ohne Unterschied ob die Bortraqssprache polnisch oder deutsch ist, und diejenigen Schül.r, die sich dem Gewerbe zuwenden, bei Lehrmeistern in der Frtwde z. B. in Wien, in die Lehre gegeben werden, unterscheiden sich sehr vortheilhaft von denjenigen, die aus anderen galizischen Städten zu demselben Zwecke nach Wien kommen. Allein die Existenzmittel, auf denen nie Schule basirt ist, sind durch einen mißverstanden<*n Erlaß des Unterrichtsministeriums in Frage gestellt. Zwar hofft der Director, daß die seit 5 Monaten die Anstalt bedrückende und arge Verlegenheiten bereitende Frage zu Gunsten der Schule werde gelöst werden, der materielle Schaden jedoch, der derselben bereits erwachsen, sei sehr groß. Der Director fährt dann fort: „Und wenn ich sehe, wer heute, nachdem die Anstalt sich so vortrefflich bewährt hat und Taufende und abermals Tausende unserer gewesenen Zöglinge mit den nöthigsten Kenntniffen sür's Leben aus gestattet, zu brauchbaren, nützlichen Menschen herangebildet und erzogen hat. und die heute in allen Welttheilen, in aller Herren Ländern Erwerb und L bensunterhalt in ehrenhafter, mitunter in sehr geachteter Stellung finden, wenn ich nun sehe, wer an diesem Lebensbaume rüttelt und ihn zu entwurzeln sich bemüht, da bedeckt Schcmröthe mein Gesicht und Mißmuth und Trauer erfüllt mein G müth. Nur der Gedanke, daß die Männer, die die organische Leitung der Anstalt in Händen haben, die Aussicht über die ©djule rwt aller Umsicht und Sorgfalt führen, mit aller Liebe und Hingebung das Jntereffe und den B stand derselben zu wahren bestrebt sind, flößt mir Muth und Vertrauen ein und läßt mich hoffen, daß die gerechte Sache doch endlich triumphiren und die Feinde der vielgepriesenen Lehranstalt gedemütbigt wtrden würden. Ich kann und will nicht dermalen über die Details dieses schändlichen Vorganges von Leuten berichten, die aus rein persönlichem Bortheile und Eigennutz alles Mögliche aufbieten, um eine Schule, in der heute noch über 900 Kinder, und zwar meist Kinder armer Leute unterrichtet und erzogen werden, zu ruiriren, ohne zu bedenken, welch namenlosen Schaden sie der Gesammtbevölkerung zufügen und wie schwer sie sich an dem Erbgut, das uns die edlen Borfahren dieser Gemeinde hinterlaffen haben,-versündigen. Die Gefahren, die dem Bestands der Schule drohen, mahnen zu energischen Thaten, zu mutbigem. unerschrockenen Borgehen im Jntereffe derselben. Der Schaden, der der Anstalt bis jetzt zugefügt wurde und der ihr leider noch bevorstcht, erheischt ein rasches Handeln, ohne Zögern, und Zuwarten!" Die Schule hat vier Claffen und wurde von 441 Knaben und 505 Mädchen besucht. Amerika und Rußland. Das Staatsdepartement der Bereinigten Staaten von Amerika gibt jetzt den Schriftwechsel bekannt, der in der Kischenew-Angelegenheit zwilchen Amerika und Rußland erfolgt ist. Er umfaßt die Instructionen des Staatssekretärs Hay an den amerikanischen Geschäftsträger Riddle in Petersburg, welcher angewiesen wird, dem russischen Auswärtigen Amte die in Frage stehende Petition zu unterbreiten, im Falle dasselbe bereit sei, dieselbe entqegenzunehmen; f rner die Antwort Riddle's und die durch den Staatssekretär Hcy dein Mischen Comitä zugestellte Benachrichtigung. Die amtliche Durstellung des Sachverhalteist nach der „Magdeburger Zeitung" folgende: