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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 514 Dr. Wlocb's MocbenscbrM. Nr. 32 Die Rechte und Vorzüge der Israelitischen Christen sind, unter anderen, dahin näher bestimmt: 1. Die Niederlassungen werden den Israelitischen Christen erblich und auf ewig ertheilt. Die Gesellschaft kann jede Art von Gewerbe treiben. Städte, Flecken, Dörfer und einzelne Wohnungen anlegen. Die Ländereien werden der ganzen Gemeinheit. nicht Einzelnen, ertheilt und können nicht an Fremde verkauft oder versetzt werden. 2. Die Israelitischen Christen erhalten für sich und ihre Nachkommen uneingeschränkte Religionsfreiheit in der christlichen Confeffion, zu welcher sie sich bekennen; sie können Kirchen und Schulen anlegen. Sie stehen unter dem Schutze des Kaisers und hängen blos von oem oben erwähnten, § 4, Wohlfahrtsausschüsse, von keiner Orts-Obrigkeit ab. 3. Die innere Verwaltung wird von einem durch die Gemeinheit selbst gewählten, aus zwei Oberen und vier Beisitzern bestehenden und von dem Wohlfahrtsausschüsse in St. Petersburg zu bestätigenden Collegium besorgt; dieses kann untaugliche Mitglieder aus der Gemeinheit ausstoßen und neue aufnehmen, muß jedoch darüber an den Wohlfahrtsausschuß berichten. Es führt ein eigenes Siegel. 4. Die Israelitischen Christen erhalten das Bürgerrecht im R. R., können gesetzmäßigen inneren und äußeren Handel treiben, Fabriken anlegen rc., ohne in eine Gilde oder Zeche eingeschrieben zu sein; in ihren Niederlasiungen Bier brauen, Branntwein brennen u. s. w. und an Fremde verkaufen, aber in den Niederlassungen keine Schenken halten; auch finden da keine Schenken statt weder von Seiten der Krone noch von Privatpersonen. Kein Fremder kann ohne ihre Einwilligung sich unter ihnen ansiedeln rc. 5. Die Israelitischen Christen und ihre Nachkommen sind frei vom Kriegs- und bürgerlichen Staatsdienste, außer, wenn sie freiwillig in denselben treten. 6. Ihre Häuser sind frei — von Einquartierung, — die Mitglieder der Gesellschaft sind frei von Unterhaltung der Posten und Vorgesvann und anderen Land- Verpflichtungen. 7. Alle der Gesellschaft beitretenden Israelitischen Christen erhalten Befreiung von allen Abgaben auf zwanzig Jahre. Nach Verlauf dieser Frist werden ihre Abgaben mit denen der übrigen R. Unterthanen gleichgestellt. 8. Ausländische Hebräer, welche nach Annahme des Christenthums in eine solche Gesellschaft zu treten, sich dort anzusiedeln und an den verliehenen Rechten theilzunehmen wünschen, haben völlige Erlaubniß dazu. Sie können auch nach ihrem Belieben nachher Rußland wieder verlassen, wie auch die übrigen Glieder der Gesellschaft, unter der Bedingung, daß sie alle ihre Schulden bezahlen und die gesetzlichen dreijährigen Abgaben von ihrem in Rußland erworbenen Capital entrichten. 9. Der Woblfahrts - Ausschuß für die Israelitischen Christen wird das Einzelne der Einrichtungen nach Grundlage dieser Rechte anordnen, wie auch die Verfügungen für die christliche und wissenschaftliche Erziehung der Jugend treffen. Wer freuet sich nicht eines so menschenfreundlichen, vom Geiste der liebevollsten Duldung, von dem wärmsten Eifer für die Verbreitung des Christenthums eingegebenen Vorhabens! Tausende von biederen Juden werden gewiß einer so großmüthigen Einladung folgen und eilen, freie Mitbürger eines großen Reiches zu werden. Aus „Theologische Nachrichten" von Ludwig Wächter, Breslau 1817. Bd. 1. Seite 250-253. Karl Bleibtreu über Heine. „In den letzten Jahren hat sich bekanntlich eine Strömung hervorgewagt, die mit lächerlicher Dreistigkeit dem „Juden" Heim jeden Anspruch auf deutsches Dichterthum abstritt, ihn von seiner verdienten Ruhmes grüße herunterreißen wollte. Diese grünen Jungen kommen mir vor, wie die Pöbelmassen, die mit tausend Seilen Napoleon von der Venddmesäule stürzten; aus der Ferne machte es umgekehrt den Eindruck, als ob der Riese da oben den Plebs da unten am Gängelbande ins Joch spanne. Denn was haben die naseweisen Heinebekritteler je anders bewiesen, als ihre eigene vollkommene Verständnißlosigkeit und ihre böswillige, aber leider so durchsichtige Fälscherkunst! Sie haben sich an einzelnes Erkünsteltes und Gemachtes geklammert, an einige banale hyperschlichte Reimereien oder weichliche Ueberspanntheiten, die auch wir nicht gerade bewundern . . . „Im Grunde ist sein Jüdisches nur ein verstohlener Nebenlaut, sein Leitmotiv war immer das deutsche Heimweh nach dem Idealen. Wie plastisch leibhaftig taucht unser idyllisches Gebirge in den perlenden Versen der Harzreise auf, wie heimatlich rauschen ihm die alten Tannen die Mär von Prinzessin Ilse und dem verfallenen Zauberschlosse zu! Ja wahrlich, du armer Heine, unsere Heimaterde hat dich nicht nach deinem Taufschein gefragt, sie hat dir ihre geheimsten Wunder anvertraut, wie dem ältesten Cherusker, der mit Hermann Eicheln fraß. Ihr warst du ein liebster Sohn, an dem sie Wohlgefallen hatte. Der Jnstinct des Volkes hat das Loreleylied zu einem „Volkslied" gemacht, zu einem household-word, so weit die deutsche Zunge klingt. Es ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, daß wir schwer wieder den abgelösten ästhetischen Standpunkt gewinnen, um seine unvergleichliche Meisterschaft zu bewundern . . . „Wer in jener Zeit kleinstaatlicher Misöre, umgeben vom hochmülhigen Ausland, das auf Deutschland verächtlich herabspuckte, den Aufschrei vaterländischen Selbstgefühls wagte, der war gewiß ein Deutscher mit allen Fasern seiner Seele. „Ja, Du wirst einst wie Siegfried sein und tobten den häßlichen Drachen ... heisa, wie freudig vom Himmel herab wird Deine Frau Amme lachen!" Im deutschen Wesen wurzelte alle Empfindung dieses größten deutschen Verspoeten, der zufällig als Jude geboren war, und man darf es bitter ernst nehmen, wenn er seufzt: „Deutschland, Du meine ferne Liebe, gedenk' ich Deiner, wein' ich fast." „Gewiß wäre es patriotischer gewesen, wenn er lieber in deutschen Gefängnissen verschmachtet oder als Renegat zu Kreuz gekrochen wäre. Doch diese liederlichen Genies, meist schlechte Steuerzahler und ohne amtlichen „Charakter", sich für etwas Besonderes haltend, fühlen sich eben thurmhoch über den Kirchthurmpatriotismus der braven Staatsbürger erhaben. Byzantinisches Hurrah läßt sie kalt, dagegen jubeln sie der Marseillaise entgegen und finden dieses teuflische Gedicht sehr schön, vbschvn in der Sprache des Erbfeindes geschrieben. Wer sich für das vormärzliche Deutschland, dies Wintermärchen der Reaction, zu begeistern vermag, der werfe den ersten Stein! Treitschke und Dühring haben über Heine den Stab gebrochen, der Reactionär wie der antisemitische Radikale ... er kann Beides vertragen und lebt immer noch." Einsam und fern der Heimat, verschlang ihn die martervolle Matratzengruft und sein Ahnen wurde wahr: „Keine Messe wird man singen, keinen Kadosch wird man sagen, nichts gesagt und nichts gesungen wird an meinen Sterbetagen." Aber wer in's Herz seiner Nation sich hineingesungen, der bedarf nicht dienstbeflißener Leichenreden, nicht pomphafter Monumente. Wo so viel Nichtser des Staatsgetriebes auf bronzene und marmorne Piedestale erhoben wurden, da lächelt der Unsterbliche neidlos von Sternenwolken herunter, zu denen sein Wirken ihn selber erhob." Korrespondenzen. Organisation. Der in unserer letztwöchentlichen Nummer enthaltene Artikel „Wo bleibt der Bund" hat eine Anzahl zustimmender Zuschriften provocirt, von welchen wir unseren Lesern einige mittheilen wollen. Herr Redacteur! In Ihrem letztwöchentlichen Artikel über den „Bund" wird auch die Frage einer Organisation der Judenschaft gestreift. Ich halte diese Frage für die wichtigste, die es für uns Juden überhaupt gibt, und theile die in jenem Artikel ang-deutete Ansicht, daß es die elfte Stunde ist, um uns durch Organisation widerstandsfähig zu machen, widrigens die Judenschaft von der sie umgebenden andersgläubigen Bevölkerung „aufgesogen" wird. Wir leben in einer Zeit, wo der Einzelne Nichts, die Association Alles vermag, auf dem Gebiete des Erwerbes die Actien-Gesellschaft, auf dem der Politik die Partei. Wer kann sich darüber täuschen, daß es die Arbeiterverbände sind, welche seit 30 Jahren die Physiognomie der Welt vom Grunde aus verändert haben und in nicht ferner Zeit die Gesellschaftsordnung radical umgestalten werden? Und wie traurig auch die politischen Zustände unseres Vaterlandes immer seien, ist es nicht die O ganisation der Polen, der Czechen, welche in gedeihlicher oder verderblicher Weise die Geschicke des Staates beeinflussen? Im Gegensätze hiezu haben die deutschen Parteien es nicht verstanden, sich regelrecht zu organisiren und müssen daher bei jeder Gelegenheit den Kürzeren ziehen.

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