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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 512 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 32 bauen, und diese bleiben unangefochten. Dasselbe ist auch den Juden gestattet... Wenn sie aber die ihnen zum Wohnen bestimmten Grenzen überschreiten, so werden sie nicht nur daran gehindert, sondern auch ihre Häuser, wie viele ihrer auch seien, werden demolirt" J) Wer erkennt da das Ghetto nicht! Allerdings ist die russische Methode der Einpferchung in gewisse Ansiedlungsgebiete womöglich noch ärger. Die orthodoxen Gläubigen dürfen sich unter harter Strafe in keine Polemik einlassen, denn Juden und andere Ungläubige würden durch solchen Streit die ehrwürdigen Mysterien der christlichen Kirche schänden. (Basilika I, 1, 4. Au einer anderen Stelle, Band VII, p. 172, kehrt dieses Gesetz wieder, aber ohne Nennung von Juden.) „Die Häretiker dürfen keinen Platz zu einer Proseuche oder zur Versammlung erwerben." Die Ausdrücke „Proseuche" und „Versammlung" zeigen zur Genüge, daß auch hier eigentlich von Juden die Rede ist. „Die Häretiker sollen auch aufhören, Soldaten zu sein. Sie dürfen keine Urkunden ausstcllen, außer Kaufscheine." „Ein Häretiker, Heide oder Jude darf einen christlichen Sclaven weder halten, noch besitzen, noch beschneiden." Ein ähnliches Gesetz bestand auch im Abendlande. „Die Juden sollen ihre Synagogen nicht erneuern." „Christen sollen sich mit Juden nicht ehelich vermischen; widrigenfalls wird wegen Blutschande öffentliche Anklage erhoben." „Keiner der Juden darf Richter oder Stadtoberhaupt werden, auch sollen für Synagogen keine Neubauten gestattet sein, sondern nur zerfallene hergerichtet werden, auch dürfen sie nicht geschmückt werden. Wer dennoch eine neu baut, der muß sie der Kirche ausliefern und fünfzig Pfund Goldes bezahlen." Diese und ähnliche beschränkende Gesetze finden sich in Menge.'') Nur selten finden sich darunter auch einige gerechte und humane Bestimmungen, und auch die scheinen aus der älteren römischen Periode herzurühren. So die Verordnung, daß sie an Sabbathen und sonstigen Festen nicht zu arbeiten brauchen auch dürfen sie selbst vom Fiseus nicht behelligt werden. Man sieht, daß die Juden sich wenigstens ihre Religionsübung sicherten, und ließen es über sich ergehen, baß sie civilrechtlich und finanziell auf's härteste bedrückt wurden. Ist es schon unverzeihlich vom ganzen Christenthum, daß es als Tochterreligion so sehr gegen seine Mutter ausartet. so begeht das Christenthum in seiner orthodoxen Form noch mehr eine weltgeschichtliche Sünde, da es mehr als die römisch-katholische Kirche gewisse Formen des Judenthums bewahrt hat. Nur in Sachen des ungesäuerten Brodes, das von der abenländischen Kirche in der Eucharistie verwandt wird, entfernt sich der orthodoxe Ritus stärker vom Judenthum, indem darin keine Mazzoth verwandt werden, und werden darum die Päpstlichen von den Orthodoxen halb Juden, halb Heiden geschimpft. Es ist gewiß eine traurige Verirrung, wenn eine Kirche, die so viel vom Judenthum beibehalren hat, mit dem Namen „Juden" einen Schimpf verbinden kann. Ihre Priester tragen heute noch den Bart ungeschoren, wie in der Thora den jüdischen Priestern besohlen. Die griechischen Geistlichen, die der Dienst trifft, enthalten sich der Frau, wie einst die jüdischen Priesters. Fleisch vou uureiuen und erstickten Thieren ist ihnen verboten. Ihre Lectionarien und Menologien, das sind die wöchentlichen und monatlichen Vorlesungen aus dem Alten und Neuen Testament, entsprechen ganz der jüdischen Einrichtung und sind ohne Zweifel von dort entlehnt. Die Meßgewänder und die ‘) Pitra, Juris eccl. 6rs.ee selecta paralipomena, Eom 1891, col. 662. *) Sie sind überall zerstreut, doch sind die auf die Juden bezüglichen Gesetze so ziemlich gesammelt im VII. Bande der Leipziger Ausgabe. 3) Hefele, Beiträge zur Kirchengeschichte, 1,138. Tübingen 1864. priesterliche Kleidung sind in weit größerem Maße als in der abendländischen Kirche dem alt-israelitischen Muster nachgebildet* *). Einen ewigen Stolz des Judenthums, aber eben deshalb auch einen Anklagepunkt gegen die zur Verfolgerin der Juden gewordene orientalische Kirche bildet der Umstand, daß innerhalb dieser Kirche es nie an Bestrebungen fehlte, zur Mutterreligion, zum Judenthum zurückzukehren. Im Mittelalter gab es eine Secte, die, eingedenk der betreffenden pentateuchischen Gesetze, sich des Berührens unreiner Gegenstände enthielt; man nannte sie A t h i n g a n e n, nach einem Ausdruck in Colosser II, 21. In Ämorium, einer Stadt in Kleinasien, bekehrte sich das ganze Volk zum Judenthum, und es durfte in dieser Stadt nur ein geborener Jude oder auch eine geborene Jüdin ein städtisches Amt bekleiden. Der Kaiser Michael II. (820—829) stammte aus jenem Proselytenvolk. , In Rußland selbst entstand gegen Ende des 15. Jahrhunderts eine judaisirende Secte, die Zidovska jeresy. Der Jude Zacharias in Nowgorod gewann, man sagt durch die Kabbala, die Popen Dionys und Alexis für die echtlüdische Meinung, das Gesetz Mosis bestehe noch zu Recht. Sofort trat das Verbot der Bilderverehrung in Wirkung, die Reinheit des Monotheismus wurde hergestellt, und die Sectirer sollen sogar das Kreuzbild angespieen haben. Aeußerlich Christen, arbeiteten sie im Geheimen für die Juden; sie gewannen hohe Geistliche, und auch die Fürstin Helena gehörte zu ihnen. Natürlich ließ man sie nicht lange gewähren, das Concil zu Moskau 1490 traf harte Maßregeln gegen sie, und sie wurden mit Feuer und Schwert ausgerottet. Die Secte der Strigolniki lebte in Rußland seit' I39i, man trieb sie zwar zur Vereinigung mit der orthodoxen Kirche, aber seit ungefähr 1410 wurden sie wieder secessionistisch und wurden als Verehrer des Alten Testaments Zibotstnt (Judaisirende)genannt. Sie wurden erst 1503 ganz ausgerottet. Noch heute lebt die Secte der S z e l e s n e w t s i n a in Polen. Rußland und der Türkei. Auch die S ob o t n i k i, F.ierer des Subbath, leben in Rußland im Geheimen heute noch. Man geht wohl nicht fehl, wenn man behauptet, daß das slavische Volkselement weit mehr judaisirende Secten hervorbringt als das romanische und germanische. Man erinnere sich an die B o g u m i l e n unter den Südslaven, an gewisse Sectengestaltungen unter den Bulgaren, an die Abramiten unter den Czechen rc. Auch an die Unitarier und in deren Folge an die Sabbatharier in Siebenbürgen ist zu erinnern. Diese Erscheinung hängt wohl mit der niedrigeren Cultur der Slaven zusammen; damit geht eine Einfachheit der Sitten und der Anschauungen Hand in Hand, und das primitive, unverdorbene Gemüth fühlt auch gegen die Andersgläubigen gerechter, als die von Leidenschaften und von schlauer Berechnung erfüllten Gemüther. Und in der That liegen ja unzweideutige Kundgebungen vor, daß der russische Bauer, selber bedrückt und selber arm, mit seinem jüdischen Nachbar in guter Freundschaft lebt, und sind es erst die Aufwiegler, die Sendlinge irgend eines politischen Systems, die den Bauer gegen den Juden Hetzen. Das Ganze erinnert vielfach an die primitiven Zustände der ersten christlichen Jahrhunderte; auch da lebte der romanische und germanische Bauer friedlich mit seinem jüdischen Nachbar, und die Geschichte liefert uns erhebende Beispiele der schönen Friedlichkeit, des trauten Zusammenlebens zwischen Christen und Juden. Erst später und aus künstlichem Wege ist der unselige Judenhaß in die Massen getragen worden. Fanatische Pfaffen, listige Krämer und habsüchtige Ritter fanden es in ihrem Interesse gelegen, an den Juden einen Prügelknaben, ein Versuchsobject zu haben. Jahrhundertelange Agitation hat 4) Schon der Kirchenvater Eusebius (List. Eccl. VIII, 1, 2) hebt hervor, daß die christlichen Gotteshäuser, deren innere Einrichtung und der Gottesdienst dem alt-israelitischen Muster nachgeahmt sind.

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