Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021526--12887-3037507
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 32 Dr. Blocks MocbenscdrM. . Seite 811 schen Landsmannminister als Mitarbeiter an einem jüdischen Kalender zu finden, so ist diese Ausnahme hier von doppelter Bedeutung, weil Professor R e z e k's Beitrag seine Anschauung in religiösen Fragen überhaupt und seine wifienschaftliche und auch politische Stellungnahme dem Judenthume gegenüber enthält. Die von P. Jos. DobrovskF. Gel. Dobner und namentlich von Franz Palack? begründete czechische kritische Geschichtswissenschaft hat bekanntlich am meisten zur Renaissance der czechischen Literatur und durch diese zum ungeahnten Aufschwünge des nationalen Lebens der Czechen beigetragen. Palack^ und seine historische Schule haben den Grund zur politischen Denkweise ihres Volkes in allen Fragen geleat. Die czechischen Historiker haben noch heute unleugbar den größten Emfluß auf die Bildung der Volksmeinung, sogar in jeder politischen Tagesfrage. Denn so wie er sie bei P a l a c k f und in späteren Geschichtswerken dargestellt findet, so verarbeitet, so popularisirt und verbreitet der czechische Dichter und Schriftsteller die verschiedenen nationalen Stoffe, politischen Gesichtspunkte und kritischen Urtheile aller geschichtlichen Epochen. Der czechische Historismus beherrscht überwiegend noch heute das ganze' politische Leben, weil auch die überaus rührige czechische Journalistik je nach ihrem Parteistandpunkte die Geschichte der nationalen Entwicklung zurückinterpretirt. Wer also die Stellung der Juden in Böhmen kennen lernen will, muß nothwendigerweise die Quellen kennen, aus denen die heutige politische Denkart der Czechen über die Juden in Böhmen stammt. Und da gehören eben die Urtheile der czechischen Historiker zu den wichtigsten Quellen der Bolksmeinung. Man kann es fast als Regel aussprechen: Der intelligente Czeche denkt und spricht über die äußerst schwieriae und vielfach complicirte Judenfrage in Böhmen zumeist so, wie er es in seinem geschichtlichen Lieblingswerke gelernt hat. Für die überwiegende Mehrzahl der Intelligenz und für die ganze Halbintelliaenz genügt freilich der historische Roman und das nationale Gedicht, am Ende auch nur die Broschüre und der Zeitungsartikel als Surrogat jenes Geschichtswerkes, aus welchem Wieder ihre Autoren geschöpft haben. Im vorstehenden Artikel berührt Rezek u. A. auch die Judenausweisung unter Maria Theresia und ihre Gründe. Sckon an diesem Beispiele kann man ersehen, welchen Fortschritt Rezek's Darstellung dieses Gegenstandes im Vergleiche mit früheren czechischen Historikern, namentlich mit Josef E m l e r. bedeutet, welcher über .dieBertreibung derJudenausPragunterderRegierunqMaria Theresia's (in der „Zeitschrift des böhmischen Museums" 1866) aanz anders geurtbeist hatte. Rezek wägt kritisch und gewissenhaft alle?ro und Contra aus den früheren, mehr oder weniger scrupellosen Pauschalverdächtiaunaen gegen die Juden ab und generalisirt nicht „die Fälle einzelner Juden" während der damaligen Belagerung Prags, gegen „alle Prager. Piseker rc. Juden", wie es nach Emler auch das spätere, populäre Werk von Fr. Aug. Slavik: -Die preußischen Bemühungen um die czechischen Länder" (1901), trotz der grundlegenden Arbeiten Arneth's und trotz G. W o l f's und O. Weber's unwiderlegter archivalischer Gegenbeweise noch immer wiederholt. An der philosophischen Facultät der czechischen Universttät gehörte Professor Dr. Rezek mit zur kritischen Sckule Professor M a s a r h k's und begründete sein kritisches Fackoraan: „Hi st arisches Sammelwerk" (1882—1886) und später gemeinsam mit Professor Dr. Jaroslav Goll die „Czechische historische Zeitschrift", deren ernste kritische Richtung schon heute in den meisten Arbeiten der jüngeren Generation der czechischen Berusshistvriker und politischen Schriftsteller namhafte Erziehungsersolae aufzuweisen hat. Prag, 26. Juli 1903. W. I. Die griechisch-arretttttlische Kirche und die Anden. Durch die jüngsten schauderhaften Ereignisse in Kischenew und überhaupt in Rußland ist das Verhältniß der griechisch-orientalischen Kirche zu Juden und Judenthum oft ventilirt worden. Auf das Verhalten eines Volkes auf primitiver Culturstufe ist das religiöse Bekenntniß ohne Frage von maßgebender Bedeutung, Md so hat man auch die in Rußland so häufigen Excesse gegen die Juden auf den Einfiuß des zum blinden Fanatismus erziehenden orthodoxen Christenthums zurückzuführen. Es ist zur Genüge bekannt, wie die orthodoxe Kirche ihre Bekenner hinsichtlich aller Menschenrechte im Finsteren zu erhalten sucht, und die Finsterniß war von jeher die Begleiterin der Unthaten, des Verbrechens und des Unsinns. Das Buch eines Amerikaners protestantischen Glaubens, das bisher am eingehendsten sich mit den schrecklichen Erscheinungen zu Kischenew beschäftigt, schildert den unseligen Geist der orthodoxen Kirche in Rußland in wahrhaft grauenvoller Weise. „Die Ignoranz der bäuerlichen Slaven ist durch den Contact mit Denjenigen, die ihm am nächsten stehen und die ihm alle seine Ideen zuführen, nicht gehoben. Unter diesen steht der Priester in erster Reihe. Was immer für würdige Individuen sich unter ihnen befinden mögen, so ist der typische Priester der heiligen orthodoxen russischen Kirche doch nur wenig mehr erleuchtet als das Volk, das er unterrichtet. Seine Moralität ist diejenige des Mittelalters, und so ist auch seine Theologie. Trunkenheit ist noch eine kleine Sünde eines solchen Priesters. Daß er den nationalen Charakter der höflichen Verlogenheit theilt, ist allgemein bekannt. In seiner Person repräsentirt er den fast völligen Gegensatz zwischen Religion und Moralität, wie derselbe auftritt bei allen beschaulichen und verfinsterten Religionen der Menschheit." ') Der Zug der Verlogenheit, der sich selbst in der Diplomatie Rußlands kundgibt, ist echt byzantinisch, und byzantinisch gefärbt ist das Religionswesen und Unterrichtswesen der orthodoxen Kirche. Von Byzanz erhielt Rußland seinen Glauben und auch seine Moral. Mit dem Worte Byzantinismus ist auch der Charakter des Russen gekennzeichnet. Von dem so wenig bekannten Verhalten der griechischen Kirche zu den Juden wollen wir in Folgendem einige Punkte vorführen. Man findet die Gesetzgebung der christlichen Byzantiner in Hinsicht auf die Juden in den dicken Bänden der sogenannten „Basiliken", die unter Kaiser Leo dem Weisen 886—911 verfaßt wurden - besonders kirchenrechtlich blieb dabei die Justinianische Gesetzgebung in Geltung. Man kann nicht gerade sagen, daß die kirchenrechtlichen Gesetze der Byzantiner schärfer seien als die kanonischen Gesetze des Abendlandes, aber kleinlicher und beschränkter sind sie jedenfalls. In den „Basiliken" zeigt sich eine gewisse Scham, die Juden ausdrücklich oder für sich allein zu nennen — das ist auch eine Art Verlogenheit — sie werden vielmehr mit anderen Secten, darunter vielen christlichen Häresien, zusammen genannt. Diese verschollenen Häresien, die jetzt nicht einmal mehr dem Namen nach bekannt sind, müssen die Niedertracht decken, die darin besteht, daß die Juden, einer von der christlichen ganz verschiedenen Confession angehörend, von der herrschenden Kirche gemaßregelt und verfolgt werden. Als Beispiel diene folgender Satz: „Von den Häretikern dürfen die Manichäer und die Borboriten, oder die Hellenen (d. h. die Heiden), oder Samariter, oder Montanisten, oder Taskodrugiten, oder Ophiten und Diejenigen, die den jüdischen Cultus üben, in Nichts Zeuqenschaft ablegen." Ein altes griechisches Scholion zur Stelle meint, unter Juden seien hier die Nestorianer zu verstehen; sosehr mysteriös ist das Gesetz gehalten, daß man ebensogut an Nestorianer wie an Juden denken kann! Freilich gibt es auch direct gegen die Juden gerichtete Bestimmungen. „In den christlichen Provinzen und Städten dürfen zwar von altersher auch Anderssprechende und Andersglaubende wohnen, wie Juden, Armenier, Jsmaeliten, Ägarener und dergleichen mehr, aber nicht vermischt mit ven Christen, sondern abgeschieden, sei es in der Stadt, sei cs draußen... Auch Tempel dürfen sie (die Armenier) W. C. S tiles, Ont vt Kischenew. New-York 1903.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.