Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 510 Dr. Mocb s Mocbenscbrm. Nr. 32 andere Jude in religiösen Fragen beim Volke den geringsten Erfolg erzielt hätte, wenn nicht Umstände anderer Art dazu beigetragen hätten. Wir wissen doch z. B.. daß in Mähren schon im Jahre 1736 unter dem Landvolks eine Lehre auftauchte, welche ein Gemisch von alttestamentarischen Ideen nach Art der N e u - B y d L o w e r „Israeliten" enthielt, ohne daß der geringste Einfluß oder die kleinste Spur von Theilnahme der Juden hiebei erwiesen werden könnte. ES scheint mir daher, daß wir die Ursache dieser Erscheinungen anderwärts suchen müssen, und zwar vor Allem in der religiösen Verfolgung der damaligen Zeit und in Allem, was mit ihr zusammenhing. Und da erweist sich als ganz besonders großer Fehler die gewaltsame Conflscation und Vernichtung des Neuen Testamentes, obwohl man durchaus gar kein^ katholischen Exemplare zum Ersätze dafür besaß. Allgemein bekannt ist die Vorliebe und Sehnsucht unseres Volkes nach Büchern zur religiösen Erbauung; und namentlich unter den Lutheranern und Böhmischen Brüdern war diese B'belleserei ungemein entwickelt. Wo ihnen nun die Behörden ihr Neues Testament mit Gewalt entriflen, ohne ihnen irgendwelchen Ersatz dafür zu geben, dort griffen sie zum Alten Testamente, welches auch den Juden erlaubt war und das die verfolgten Akatboliken bei den Juden erhalten konnten. Dies verführte die heimlichen Akathvliken zu den ersten Berührungen mit den Juden, von denen sie die innere Befriedigung ihres religiösen Gefühles erhofften. Wie allgemein die Sehnsucht nach Befriedigung jenes Gefühles war, das schildert uns schlicht und schön der Mitbegründer der Herrenhut e r, der Zimmermann Christian David in seiner Erzählung. wie er auf seiner Wanderung durch die Welt die Wahrheit Gottes gesucht. Ueber seinen Verkehr mit den Juden erzählt er uns da Folgendes: .Weil es viele Juden in dieser Stadt (ihr Name fehlt aber) gab und sie auch ihre Synagoge hatten, war ich begierig, ihren Gottesdienst zu besuchen, und da ich gehört hatte, daß sie einst Gottes Volk gewesen waren, erkundigte ich mich nach ihrem Sabbath und Neumonden. Als sie mir hierauf sagten, wie der Herr mit ihren Vätern gewesen sei und woher sie ihre Gesetze hätten und als ich ihre Aufrichtigkeit, ihren Ernst und Eifer wahrnahm, da gewann ich sie sehr lieb. Dies verführte mich zu einigen Irrlehren in Bezug auf die christliche Religion und ich wußte nicht, ob der Eifer der römischen Katholiken, oder jener der Juden der wahre Eifer wäre, und ich verfiel in Zweifel, was der wahre Gottesdienst wäre, so daß ich eine Beute vielfacher Versuchungen wurde." Christian David hat sich schließlich aus den „Versuchungen" und aus dem .Irrglauben" oufqerafft; aber viele Andere qeriethen durch denselben geistigen Proceß in die entgegengesetzte Richtung: der .Irrglauben" wurde ihnen zur Wahrheit und die willkürliche Gruppirung der verschiedenartigsten Partien des Alten Testamentes mit den übriggebliebenen und schon verblaßten neutestamentarischen Traditionen wurden bei ihnen zur besten aller Religionen. So war es auch in jenem obigen Neu-BydLower Falle zugegangen. Und in der Unter st ützung jener Sehnsucht nach Befriedigung des religiösen Bedürfnisses der verfolgten Akathvliken liegt wohl die Schuld M e n d l's, nicht aber darin, daß er aus eigener Initiative die Leute zum „Jsraelitismus" verführt und überredet hätte. Dazu fehlte es ihm gewiß an dem genügenden Einflüsse. * * * Mit dem Feuertode Jan Pita's und Rabbi Mendl's und mit der Hinrichtung zweier anderer „Israeliten" war die Sache keineswegs abgeschlossen. Ganz im Gegentheile. Die „israelitische" Bewegung war offenbar schon tief ins Volk eingedrungen und ließ sich mit gewaltsamen Mitteln auf eine Zeit zurückhalten, jedoch durchaus nicht vom Grund entwurzeln. Uns mangelt es leider an Berichten über dieselbe. Die „Israeliten" waren offenbar nach der Justification des Jahres 1748 viel vorsichtiger und heimlicher verborgen. Nichtsdestoweniger waren sie beim ersten großen Ausbruch, der im 18. Jahrhundert erfolgte, plötzlich da, und zwar in großer Anzahl. Im Jahre 1775 brach in Böhmen ein Bauernaufstand los, welcher durch übermäßige Verschärfung der Unterthanenverhältnisse seitens der, Obrigkeiten verursacht worden war. Aber in den Bauernaufstand mengten sich gleich auch religiöse Ideen. Wegen ihres Glaubens verfolgte Bauern standen an der Spitze der Bewegung, in der Erwartung, nicht nur -i"e Besserung ihrer socialen Lage, sondern auch „Freiheit" für ihren Glauben zu erkämpfen. Bei dieser Gelegenheit trat der „Jsraelitismus" neuerdings hervor. Während des Aufstandes hörten die Leute auf, ihre Gedanken zu verbergen, sie warfen die Maske der Heuchelei ab und bekannten öffentlich, was sie in ihren Herzen glaubten. Und da geschah es, daß auf einmal zehn Familien aus der Umgebung von Neu-BydLow sich beschneiden ließen und sich als „Ab r a h a miten" erklärten. Der Name war neu. aber die Sache war ihrem Wesen nach die alte, schon seit 1748 bekannte. Die geistlichen und weltlichen Behörden leiteten gegen die „A b r a h a m i t e n" ihre Untersuchungen ein, und da zeigte es sich, daß nicht nur in der Umgebung von Neu-BydZow, sondern auch in jener von Königgrätz und I o r o m e r diese Bewegung großen Umfang angenommen hatte. Die Untersuchung dauerte zwei Jahre, bis 1777. Bei der milderen Praxis, welche damals in den Strafen gegen di' Ketzer platzgegriffen batte, kam es nicht mebr zu so drakonischen Urteilen, wie einst gegen P i t a und Mendl. Die namhaften Theilnehmer der Bewegung erhielten Kerkerst;äsen, die übrigen Anhänger des „A b r a h a m i t i s m u s" wurden dann im Jahre 1777 in Königgrätz. Jaromek und Nen-Byd^ow aufs Rathbaus vorgeladen, wo in Anwesenheit des Magistrates und vieler Gemeindemitglieder der Königg r ä tz e r Kreishauptmann WenzelFerdinandBanöura von Lehnic von den „wegen jüdische rKetzereiAngeklagten" den Eid und das Versprechen entgegennahm, sie würden nie mehr in diesen Irrglauben zurückverfallen. Aber dieses Versprechen haben sie nicht eingehalten. Denn nach Erlassung des Toleranzpatentes 1781, als beim Landvolke die Ueberzeugung entstand, alle Religionsbekenntnisse wären erlaubt. kam der „Jsraelitismus", oder „Abrahamitismus" wieder zum Vorscheine, und zwar damals schon über ganz Ost bödmen verbreitet. Es ist selbstverständlich, daß jede religiöse Lehre, welche im Geheimen und von ungelehrten Leuten gepflegt wird, im Laufe der Zeit verschiedenen Transformationen unterliegt. Und so geschah es auch mit dem „Abrahamitismus", der unter Josef II. in anderer Form auftrat, als 1748. Die wesentlichen Grundsätze waren dieselben: ein Gemisch alttestamentarischer, d. h. jüdischer Ideen, mit einigen neutestamentarischen, d. i. christlichen Grundsätzen. Die Sabbathheiligung war allgemein, aber dafür entfiel die Beschneidung. Ueber diesen „Abrahamitismus" der josefinischen Periode find meine Forschungen noch nicht abgeschlossen und wir müssen uns daher auf einige Bemerkungen beschränken. Kaiser Josef II. hatte mit dem Toleranzpatente nur die Anhänger der Augsburger (Lutheraner) und der Reformirten (Helvetischen) Conseffion von der Verfolgung und Bedrückung befreit, die „A b r a h a m i t e n" und andere, jetzt in Böhmen auftauchende Secteu wollte er nicht dulden. Er sorgte daher für ihre Belehrung und Bekehrung, zuerst im Guten und endlich im Bösen, ja sogar durch drakonische Gesetze: durch Schläge und zwangsweise Uebersiedluna nach Siebenbürgen. Aber das Alles wollte gar nicht-viel nützen. Der „Abrahamitismus" lebte im Verborgenen weiter und daß er noch lebe, zeigte sich im Jahre 1848 mit erneuter Kraft. Bald nach diesem Jahre versuchte es der in S e n f t e n b e r g ansässige Israel Pick, den „Abrahamitismus" dogmatisch gehörig und wissenschaftlich zu begründen und das „I u d e n - C h r i st e n t h u m" zu einer auch vom Staate öffentlich anerkannten Religion zu machen. Aber dieses Unternehmen scheiterte bald wieder. Der Einfluß der Kanzel, Schule und des Zeitgeistes der Gegenwart, welche mehr den irdischen Bedürfnissen dieser Welt zuneigt, bewirkte es, daß der „Abrahamitismus" nach und nach verfiel, bis er fast gänzlich verschwand. Aber nur „fast". Denn daß er in einigen weltentlegenen Dörfern Ostböhmens bis heute — wenn auch spärlich — fortlebt, davon habe ich ganz unzweifelhafte Beweise. Diese Erscheinung ist für die Volkspsychologie sehr interessant, denn sie beweist vor Allem, daß der Sinn unseres Landvolkes für religiöse Grübelei seit den Hussitenzeiten trotz Allem bis jetzt nicht umzubringen war und zeigt zugleich, mit welcher Zähigkeit die bäuerliche Bevölkerung, aller Plackereien ungeachtet, diejenige Ueberzeugung festhält, in die sie sich ein gelebt und die sie ihrem Verstände nach für die richtige erkennt." * * * So wert der Aufsatz Rezek's. Ist es schon an und für sich nicht ohne Interesse, einen Lehrer der Geschickte an der einzigen czechischen Hochschule und bedeutenden modernen Historiker und nachmaligen c z e ch i-