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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Date
1903-08-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 32 Dr. JSlocb’s Wocbenscbrttt Sette 608 fordern. Herr v. Plehwe gestattete den Juden in Petersburg die Abhaltung eines Gedenkgottesdienstes für die ermordeten Juden, es wurde aber ausdrücklich untersagt, daß dieser Gottesdienst vorher angekündigt und daß in der gottesdienstlichen Versammlung Spenden gesammelt werden. Wohl wurden Anfangs in den Zeitungen die Spenden und die eingelangten Geldbeträge bekanntgegeben. Als aber unter diesen Spenden hervorragende Persönlichkeiten: Fürstin Dolgorukh, Graf Kleinmichel und Andere, erschienen, wurde den Zeitungen mitgetheilt, daß derartige Publicationen der Regierung nicht angenehm seien, und daß in Rußland einem solchen Winke mit dem Zaunpfahl Folge geleistet werden mußte, ist einleuchtend. Als die Judendeputation darauf hinwies, wie sehr durch derartige Maßnahmen die unglücklichen Juden beeinträchtigt würden, versprach Herr v. Plehwe, daß er dagegen auch die Publicationen der antisemitischen Sammlungen verbieten werde. Er versprach auch, Maßnahmen gegen Herrn Kruschewan. den Herausgeber des „Bessarabetz", zu ergreifen. Das erstere Versprechen hielt er überhaupt nicht, die antisemitischen Sammlungen für die Familien der verhafteten Mörder und Räuber werden nach wie vor publicirt, und die Einwirkung auf Herrn Kruschewan bestand darin, daß nach einem neuerlichen, sehr groben Hetzartikel in dem „Bessarabetz" dieser Zeitung für ein paar Wochen der Einzelverkauf untersagt wurde. Was soll aus all dem werden? In einer jüngst veröffentlichten Broschüre wird eine Antwort Pobedonoszew's auf diese ihm gestellte Frage mitgetheilt. Die Antwort soll gelautet haben: „Ein Drittel wird zum Christenthum übertreten, ein Drittel wird auswandern, ein Drittel wird aussterben". Das soll das Schicksal sein von fünf Millwnen Menschen!! Me „Israeliten" oder „Abraharrnten" im Uen-Kydromer Kreise. Von Dr. Anton Nezek, Professor an der k. k. czechischen Universität in Prag. II. Die religiösen Zustände waren bis zur Schlacht am Weißen Berge (8. November 1620) in Böhmen derart, daß sie dringend radicaler Reformen erheischten, wenn sich das ganze Königreich aus dem sittlichen Verfalle erheben sollte, in welchen es gerathen war. Aber Kaiser Ferdinand II., der nach Ueberwindung des Aufstandes der böhmischen Stände eine Periode strengster katholischer Gegenreformation einleitete und aus religiösen und politischen Gründen überzeugt war, daß der Protestantismus im Jnteresie des Staates und der himmlischen Erlösung ausgeroltet werden müsse, fand nicht die richtigen Wege zur Erreichung seiner Absicht. Die katholische Gegenreformation wurde auf gar nicht durchdachte Art durchgeführt. Die protestantische Geistlichkeit wurde rasch vertrieben, ohne daß katholischer Ersatz für dieselbe vorhanden gewesen wäre; die ketzerischen Bücher und Schriften wurden in den Städten und Dörfern consiscirt und verbrannt, aber man hatte keine anderen guten, religiös einwandfreien Bücher dafür, um sie dem wißbegierigen Volke, das eifrig und mit Vorliebe gerade solche Bücher las, in die Hand zu geben. So kam es, daß das Landvolk entweder sehnsüchtig nach der Fremde zog und in der Auswanderung sein Heil suchte, oder in religiöse Schwärmerei oft absonderlichster Art verfiel, an welcher es sodann mit bewunderungswürdiger Zähigkeit sesthielt, ohne Rücksicht auf die schweren Folgen im Falle des Verrathes. Auf diese Weise entstand auch der sogenannte „Israelitismus", oder „Abratz amitismus" in der Gegend von Neu-BydLow. Nähere bestimmte Nachrichten über die Art seines Entstehens haben wir freilich keine. Wir wißen nur so viel, daß zu Beginn der Vierziger-Jahre des XVII. Jahrhunderts die Juden in der Neu-Byd^ower Gegend mit den Christen zu gemeinsamen religiösen Versammlungen zusammenzukommen anfingen. Von welcher Seite der Impuls zu diesen Zusammenkünften ausgegangen war, läßt sich nicht sicherstellen, aber es scheint, daß von christlicher Seite, nämlich von den heimlichen Akatholiken in jener Gegend, welche namentlich wegen der Heiligen Schriften des Neuen Testamentes die verschiedensten Widerwärtigkeiten zu erdulden halten, indem man ihnen diese Bücher gewaltsam entriß und verbrannte. Die Juden dagegen dursten ihr Altes Testament ohne jede Behelligung wie immer besitzen. Daher fingen die heimlichen Akatholiken an, unter die Juden zu gehen und mit ihnen gemeinsam die erlaubten Schriften zu benützen. In diesen Versammlungen begann sich im Verlaufe der Zeit eine eigenthümliche alttestamentarische Dogmatik mit einigen neutestamentarischen Zusätzen zu entwickeln. Erstens ließen die, solche Zusammenkünfte aufsuchenden Christen ihre Kinder nicht taufen, sie selber jedoch ließen sich aller Wahrscheinlichkeit nach beschneiden. Dann leugneten sie nach alttestamentarischer Satzung: „Es gibt keinen Gott außer Gott" die Gottheit Christi und überhaupt den Glauben an die göttliche Dreifaltigkeit und glaubten an die Prophezeiungen Moses', an die Ankunft des Messias und führten die Feier des Sabbaths ein. Vom Neuen Testamente behielten sie — wie die Secten überhaupt — den Glauben an die Prophezeiungen der Apokalypse und dann das Vaterunser. So viel läßt sich feststellen. Weiter ist es zweifellos, daß der moralische Urheber dieser Secte, welche ursprünglich „Israeliten" hieß, RabbiMendl aus Neu-BydLow war. Der Führer der Bewegung war jedoch nicht Mendl, sondern Jan P i t a, ein Schneider aus C h u d o n i c, auf der Nerr-BydLower Herrschaft. Ihm zunächst standen die Schäfer Wenzel Bacek und sein Weib Katharina, Lukas, Carl und Georg Bolny, der Bauer Jan Baura und sein Weib Ludmilla und ihre drei Kinder; endlich eine gewisie Janeökova und Jacob Schmidrikal. Die Mitglieder der Secte waren arme Leute. Häusler, Schäfer und Witwen aus der Umgebung von Neu-BydLow und Jivin. Ungefähr um das Jahr 1747 oder Anfangs 1748 wurden diese geheimen Zusammenkünfte verrathen und einige Theilnehmer verhaftet. Bischof Jan Josef Graf Wratislaw in Königgrätz leitete eine canonische Untersuchung ein. Pita ward überführt, „gotteslästerliche Reden gegen Jesus Christus ausgestoßen und Irrlehren ausgesäet zu haben." Am 3. December 1748 wurde er mit seinen Anhängern excommunicirt und der Obrigkeit in Neu-BydLow zur Bestrafung überliefert. Daselbst ward ein sehr schweres Urtheil gefällt, welches auch beim Appellationsgericht in Prag bestätigt wurde, im Wortlaute: „Obbenannter Verbrecher Jan Pita ist für sein schweres und ärgernißerregendes Vergehen, Anderen zur Warnung, ihm zur wohlverdienten Strafe, sofort, nachdem er aus dem Gefängnisie geführt, vor dem Rathhause auf eine Rindshaut zu legen, darein zu nähen und bis zur Rrchlstätte von einem Pferde zu schleifen, sodann mtt durch Zangen gestreckter Zunge rücklings auf den Scheiterhaufen zu legen und so lebendig zu verbrennen." Zwei andere Theilnehmer an den geheimen Zusammenkünften wurden zur Enthauptung, die übrigen Eingefangenen zu mehrjährigem Kerker oder zu öffentlicher Zwangsarbeit auf den Straßen in Ketten und Fesseln verurtheilt. Die Todesurtheile wurden entweder in Königgrätz, oder in Neu-BydLow vollzogen. Jan Pita benahm sich sehr verstockt, bei Verlesung des Todesurthcils soll er noch ärgere Gotteslästerungen ausgestoßen haben und alle Bitten seines Weibes und seiner Kinder vermochten ihn nicht zu bewegen, von diesem Frevel abzulaffen. Erst dem Einfluffe des bekannten Jesuiten Anton Koniäsch gelang es doch. Pita zum Widerrufe seiner Lehren zu bewegen. Pita starb am Scheiterhaufen am 18. December 1748, mit der katholischen Kirche versöhnt. Rabbi Mendl, welcher offenbar das Alte Testament zu den Versammlungen geliehen hatte und bei dem vielleicht auch einige Zusammenkünfte stattgefunden haben dürften, wurde nach Prag geführt und nach langer Haft und Untersuchung schließlich auch zum Feuerlode verurtheilt, welche Strafe an ihm erst am 7. März 1750 vollftreckt wurde. * * * Bon der „Jsraelitensecte" im Neu-BydLower Kreise war uns bisher sehr Weniges bekannt, und was darüber geschrieben war, steht auf dem Standpunkte, als ob die Irreführung des Landvolkes in der Gegend von Neu-Bydzow ausschließlich und einzig durch den Einfluß der Juden geschehen wäre. Ich kann diese Anschauung nicht theilen, und zwar aus vielfachen Gründen, von denen ich einige hier ausführen will. Den Juden erging es damals sehr schlecht. Kaiserin Maria Theresia war ihnen aus Ueberzeuguug feindlich gesinnt, und als man dann während des Krieges um Schlesien auf mancherlei Jncorrectheiten kam, deren sich einige Prager Juden schuldig gemacht hatten, wies die Kaiserin die Juden aus Böhmen überhaupt aus. Diese hatten dann große Mühe, um den Ausweisungsbefehl wieder rückgängig zu machen. Das Auftreten Rabbi Mendl's in der Gegend von Neu- Byd-ow und die Gründung der Jsraelitensecte kam damals den Juden gewiß sehr ungelegen, weil ihre Lage dadurch nur verschlimmert wurde. Der zweite und gewichttgere Grund besteht nun darin, daß weder Mendl, noch sonst welcher . > :ssaaBBsc^^^g ES

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