Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 508 Wr. JStocb’s MocbenscbrM. Nr. 32 den Völkern bestehen muß! Du hättest der Letzte sein sollen, der russischen Tyrannei zu Helsen." Jetzt will der Czar nach Europa kommen. Wenn wir dann ein wenig von dieser Solidarität, dieser Verantwortlichkeit zeigen, welcher Capitalist wird fehlen? Ich bemerke, daß die italienischen Socialisten das begriffen haben. Durch ihre Vertreter im Parlament haben sie dagegen protestirt, daß der Czar nach Italien kommt. So groß ist ihr Mitleid mit den Finnländern und Polen, mit den Russen selbst. Sie sehen diese als ihre Brüder an. Jetzt ist die Reihe an dem kleinen dänischen Volke, daß man es allgemein das aufgeklärteste Volk der Welt nennt. Wir werden fthen. ob es in würdiger Form das Gesetz der Solidarität proclamiren und aufrecht erhalten wird — dieses allezeit giltige Gesetz, das eines Tages die Unterdrückten erretten wird. Björnstjerne Björnson." * * * Diese aus starkem Freiheitsdrange und sittlicher Empörung geflossenen Ausführungen des greisen nordischen Dichterkämpfers bedürfen kaum eines Comm-ntars. Sie sollen und können nicht als Richtschnur der internationalen Diplomatie aufgefaßt werden, aber sie pochen an das Gewissen des Einzelnen und mahnen ihn daran, über den Sonderinteressen nicht die gemeinsamen Pflichten und Ziele der menschlichen Gesellschaft in ihrer Gesammtheit zu vergessen. Insofern wäre zu wünschen, daß die Worte Björnson's nach allen Seiten gehört werden, nicht zuletzt auch in Rußland. Denn nicht gegen das russische Volk, sondern nur gegen seine Bureaukratie richtet sich dieser Appell an die allgemeine Solidarität. * * * Einer Darstellung, welche die „Neue Freie Presse" in der Nammer vom 3. August nach autbenrischem Material von der Situation in Kischenew bietet, entnehmen wer folgende Schilderung: Es leben in Rußland fünf Millionen Juden, russische Unterthanen, die ihrem Vaterlande Gut und Blut steuern; und sie sollten sich sagen, daß eine Staatsverwaltung da sei, die ihnen ans Leben geht, Mörderbanden gegen sie dingt und begünstigt!? Oder kann man annehmen, daß — was ja doch nur im Falle einer Revolution vorkommt — der Regierungsgewalt im Vollbesitze aller Machtmittel moralisch die Macht aus den Händen sinkt, daß mehrere Tage lang ein Stillstand in den Functionen der öffentlichen Gewalten eintritt, diese einer blutrünstigen Anarchie gegenüber sich ohnmächtig fühlen, daß vor zweihundert Räubern und Mördern eine präsente Militärmacht von 10.000 Mann capituliren muß!? Eine solche Annahme würde blitzartig uns bisher unbekannte, undenkbare öffentliche Verhältnisse und Zustände jenes Riesenreiches beleuchten. Nur eine strenge, unparteiische, ohne Ansehen der Person geübte gerichtliche Untersuchung, von welcher aber bisher nichts verlautet, vermag da Licht zu bringen. Die öffentliche Meinung in Europa und Amerika verlangt dringendst nach einer solchen Aufhellung, welche im wohlverstandenen Interesse Rußlands selbst liegen würde. Auffallenderweise ist bisher — nach mehr als drei Monaten — noch keine einzige ex ollieio-Klage gegen einen Polizisten erhoben worden, obgleich die Mitwirknng der Polizei an jenen Greuelthaten notorisch feststeht. Durch Wochen vorher waren miter dem Volke Aufrufe, Druckschriften verbreitet worden, in welchen zur Ermordung und Plünderung der Juden aufgefordert wurde. Diese Aufrufe gleichwie die blutrünstig hetzerischen Artikel des „Bessarabetz" konnten der Polizei nicht unbekannt bleiben. Es ist bekannt, daß an jenen verhängnißvollen Tagen die Massen in Abtheilungen in den verschiedenen Stadttheilen vollständig organisirt, die einzelnen Haufen bewaffnet und auch mit Eisenstangen zum Aufbrechen der Häuser und Geschäftslocale versehen waren. Der nach Kischenew delegirte Polizeileiter aus Moskau, Lopuchin, äußerte nach Kenntniß der Verhältnisse': „Es ist nicht zu leugnen, daß die Sache organisirt war". Wenn einerseits die Verfassung der Aufrufe sowie der hetzerischen Artikel auf eine Mitwirkung auch aus den Kreisen der Intelligenz deutet, so gehört andererseits zu alledem Geld, viel Geld, und es sind auch die Namen reicher christlicher Kischenewer Bürger genannt worden, welche die Mittel herbeischafften (Tronim, Stepanow u. A.). Bekannt ist, daß als Zuschauer Tausende und Tausende umherstanden, uud, obgleich sie durch ihre große Zahl die leichte Möglichkeit gehabt hätten, die Greuel zu verhindern, doch nichts, gar nichts nach dieser Richtung thaten, nicht ein abmahnendes Wort hören ließen, so daß Mord, Zerstörung und Plünderung als ob dies ganz alltägliche Dinge wären, sich vor den Augen von Tausenden von Zuschauern adspielten. Unter diesen Tausenden von Zuschauern, vereinzelt auch unter den Mördern und Räubern, befanden sich Polizisten, welche unter den Kitteln die Uniform trugen. Officiell schritt die Polizei ein, um die Juden au der Selbstvertheidigung zu hindern, und Schaaren derselben wurden über Befehl der Polizeiorgane in die Haushöfe hineingetrieben, worauf die Hausthore geschlossen wurden. Es gab nicht einen einzigen Polizeifunctionär, der gegen die Greuel, die sich vor Aller Augen abspielten, auch nur ein abmahnendes Wort gebraucht hatte, wohl aber kam es vor, daß der Polizist dem verfolgten, geängstigten Juden, der sich an ihn um Hilfe wandte» mit den Morren: „Geh fort, verdammter Jude!" von sich wies. Noch mehr als dies, Polizisten bezeichneten den Räubern die Häuser, in denen Inden wohnten. Es ist bekannt, daß zehntausend Mann Militär, also eine Macht, die zwanzig- und hundertmal ausgereicht hätte, um die Ruhe herzustellen, in Kischenew lag, daß aber die öffentliche Gewalt nur zum Schutze von ein paar reichen Judenhänsern gebraucht, die übrigen schutzlos gelassen wurden. Und ebenso bekannt ist es, daß den hilfesuchenden Juden die Bureaux der öffentlichen Funktionäre, die Häuser des Gouverneurs und des Vicegouverneurs, auch die Telegraphenbureaux, als sie sich telegraphisch um Hilfe nach Petersburg wenden wollten, verschlossen waren Alle diese Umstände mit vielen greuelvollen Einzelheiten hat eine Judendeputation dem Minister Plehwe vorgetragen und ihm auch im Hinblick auf die Vorkommnisse in früheren Jahren (1882 in Kiew,!892 in Jalkow, 1899 in Nikolajew u. a.) um Untersuchung und Abhilfe gebeten. Herr von Plehwe zeigte sich ganz erstaunt über ein solches Begehren der jüdischen Deputation. Er meinte, daß mit der Abberufung des Gouverneurs und des Polizeileiters eine mehr als genügende Satisfaction den Juden gegeben sei; wie die Juden noch mehr verlangen können, erschien ihm ganz unbegreiflich. Nebenbei sei bemerkt, daß Dienstesenthebungen in solchen Fällen sich gar bald in Aufwärtsbeförderungen umwandeln und daß die Exempelhiefür gerade in den Ministerialbureaux des Herrn von Plehwe zu finden sind. Bei jener Audienz tauchte selbstverständlich auch die Frage nach der Grundursache jener Bewegung auf. Das russische Strafgesetz ist seit den letzten fünfzehn Jahren durch den Begriff der „Mengenverbrechen" bereichert worden. „Mengenverbrechen" das ist die Zusammenrottung von Leuten zu Plünderung und Gewaltthaten, Zusammenrottungen aus religiösen und ökonomischen Beweggründen. Die ökonomische Seite fehlte aber hier vollständig. Man kann den Juden in Kischenew irgendwelche materielle Beeinträchtigung, Uebervortheilung der christlichen Bevölkerung in gar keiner Weise zur Last legen. Dies ist auf das allerbestimmteste von osficieller Seite, von Seite des Bürgermeisters von Kischenew erklärt worden. Kischenew ist eine reiche Stadt, und nicht allein einzelne Juden, sondern auch ein sehr großer Theil der christlichen Bevölkerung erfreuen sich großer Wohlhabenheit. Die Bewegung war auch nicht gegen die reichen Juden gerichtet. Gerade unter der ärmeren, der social niedriger stehenden Classe der jüdischen Bevölkerung sind die Opfer zu finden. Und es kam vor, daß der reiche christliche Bürger seinen Nachbar, den armen Juden, den Räubern denuncirte. Ebenso sollte man meinen, daß es an religiösen Beweggründen fehlte. Bessarabien ist, so weit die Kenntniß seiner Geschichte zurückreicht, von verschiedenen Racen bevölkert. Nicht allein die verschiedenen christlichen Confessionen, auch die Juden lebten dort in Frieden. Die Juden sprechen russisch und rumänisch, und sind vollkommen assimilirt mit ihren christlichen Landesgenossen. Alles dies, was die Judendeputation vorbrachte, vermochte Minister von Plehwe nicht zu negiren. Und da meinte er denn, daß nicht allgemeine Verhältnisse als die Grundursache jenes erschütternden Ereignisses angesehen werden können, sondern daß ein bloßer Zufall, etwa wie ein Erdbeben, da gewaltet habe, und zwar die in Dubossary aufgetauchte Beschuldigung eines Ritualmordes, wenngleich durch gerichtliche Untersuchung die Verwandten des getödteten Kindes bereits als dessen Mörder gekennzeichnet worden waren. Andererseits wird behauptet, daß für Anfang Mai eine große Arbeiterbewegung in Sicht stand und daß deshalb ein paar Wochen vorher diese Bewegung auf die Juden abgelnikr wurde. Thatsache ist, daß seither eine Beruhigung der Gemüther nicht eingetreten ist, und es ist eine Beruhigung nicht zu erwarten, wenn nicht mit aller Strenge und Unparteilichkeit und ohne Ansehen der Person die wahren Ursachen und die wahren intellektuellen Urheber eruirt werden. Durch das Gesetz vom 3. Mai l882 sind innerhalb des Ansiedlungsrayons die Juden aus den Dörfern in die Städte gejagt worden. Dort an den Peripherien der Städte, in den Vorstädten — so auch itt Kischenew — führen diese armen Juden eine arme, elende Existenz. Und vort an der Peripherie ist es nun insbesondere, wo sich dieselben Tag und Nacht nicht allein vor Excessen, insbesondere auch vor „Winkelmord" fürchten. Es sind wenige Wochen her, daß da auf der Straße ein Schulknabe, von einer Menge attakirt, gefragt wurde, ob er ein Jude sei. Als der Knabe in seiner Angst das leugnete, wurde er aufgefordert, das Kreuz zu machen, und da er dies nicht wollte oder nicht vermochte, stach auf seine Weigerung hin einer der Angreifer dem Knaben ein Messer in den Leib. Das vorgehaltene Schulbuch verhinderte, daß der Stoß tödtlich war. Aber Vorgänge wie dieser und ähnliche, welche ungeahndet bleiben, verbreiten Furcht und Schrecken, und es wäre kaum zu verwundern, wenn die Bemühungen des sehr opferwilligen jüdischen Hilfscomites in Kischenew, um eine Massenauswanderung zu verhindern, erfolglos bleiben würden. Bei diesem Anlasse verdient auch Erwähnung die Thatsache, daß der Hilfsaction von Herrn v. Plehwe und seiner Negierung große Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. So wurde von Anfang an dem Hilfscomite in Kischenew untersagt, Aufrufe zu veröffentlichen und Sammmlungen zu veranstalten. Nur Spenden, welche ihm ohne sein Verlangen oder Dazuthun gebracht werden, dürfe es entgegennehmen. Ueberhaupt dürfe es öffentlich nicht als Comitö austreten. Hilfscomites, welche sich in den verschiedenen russischen Städten bilden wollten, wurden unbedingt untersagt. Den Synagogenverwaltungen von Petersburg und Moskau wurde verboten, beim Gottesdienste in Predigten zu Beisteuern oder Hilfeleistungen aufzu-