Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 506 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 32 Beantwortung wir nicht genug Prophetengabe besitzen. Aber mit Befriedigung darf es verzeichnet werden, daß im Cardinalcollegium heute wenigstens jene einsichtigen Männer in der Ueberzahl waren, die ihre warnende Stimme gegen die geflissentliche und systematische Untergrabung der höchsten kirchlichen Autorität erheben, die gegenüber den wildesten und begehrlichsten Leidenschaften die Nothwendigkeit betonen, daß auch die katholische Kirche der Lehren Christi, der Lehren der Menschlichkeit, des Mitleids und Erbarmens gegen jegliche Kreatur, gegen alle Geschöpfe Gottes nicht vergesse. Als ein Ausfluß des von Rampolla vertretenen jesuitischen Geistes muß es bezeichnet werden, wenn in Wien und Oesterreich die clericale Demagogie in ihrer häßlichsten Gestalt von Triumph zu Triumph schritt, wenn im offenen Parlamente jene Päpste, die im Namen der christlichen Nächstenliebe gegen die nichtswürdige Beschuldigung des Ritüalmordes ihre Stimme erhoben hatten, als erkauft und bestochen hingestellt wurden, wenn die hetzerische Thätigkeit des derzeitigen Oberhauptes der Stadt Wien die höchste Ermunterung fand durch den Zuruf, mit dem Leo XJII. den Wiener Bürgermeister verabschiedete: „Coraggio! Cöraggio! Nur Muth! Nur Muth!" Der Wille des Cardinalcollegiums geht dahin, daß der Träger der höchsten kirchlichen Gewalt zurückkehre zu jener apostolischen Sendung, die der Stifter der katholischen Religion seinen Jüngern zugewiesen hat: die Liebe zu senken in die Herzen der Menschen, den Frieden zu verkünden unter den Völkern des Erdballes, die Armen, die Elenden, die Bedürftigen zu trösten und zu unterstützen und das Vertrauen zu Gott zu festigen, zu dem die Menschen wohl in verschiedenen Formen beten, dessen Allgüte aber Christen und Juden, Mohammedaner und Heiden in gleicher Liebe umspannt, denn es steht geschrieben: „In seinem Ebenbilde hat Gott den Menschen erschaffen." Das ist der Wille des Cardinalcollegiums, das ist die historische Bedeutung der Wahl des Cardinals Sarto zum Nachfolger Leos XIII. Ob er diesen Willen erfüllen wird, liegt an ihm. Wir wollen hoffen, daß ein mildherziger, ein einsichtiger, menschenfreundlicher und friedliedender Papst künftighin die Herzen der katholischen Christen lenken wird. Ugrris Levrrr äbee dir Thiktigkrit der „Ica". Am 26. Juli d. I., Vormittag 11 Uhr, fand in der Rue Pasquier 2 in Paris die diesjährige Generalversammlung der Jewish Colonisation Affociation (,Jca") statt. Angesichts des späten Termins war die Generalversammlung nicht so gut wie sonst besucht. Von den drei englischen Vertretern fehlten die Herren Claude Montefiore und Alfred Cohen, während von den drei deutschen Mitgliedern die Herren Charles Hallgarten und Doctor Julius Plotke abwesend waren. Der Generalversammlung wohnten bei: Die Herren Mrcis Leven, Grand Rabbin Zadoc-Kahn und Salomon Reinach aus Paris, Generalconsul Philippsohn und Paul Errera aus Brüssel, sowie H. G. Lousada - London und Dr. Edmund Lachman - Berlin. Von den Beamten der Gesellschaft wohnten der Generalversammlung die Directoren Dr. S. Sonnenfeld, Theodor Adler und Emil Meyerson, sowie der Secretär Dr. E. Schwarzfeld bei. Als Gäste waren endlich die Herren Professor Loeb und Cyrus Sulzberger aus Amerika zugegen. Im Gegensatz zu den früheren Versammlungen, welche stets rein formeller Natur waren und kaum wenige Minuten zu dauern pflegten, ist diesmal eine ungewöhnliche Neuerung eingetreten. Der Präsident der Gesellschaft, Herr Mrcis Leven ergriff das Wort, um in Erwiderung auf die heftigen Angriffe der Zionisten, die bekanntlich Alles weit bester machen würden, die Aufgaben und Ziele der ,Jca" öffentlich darzulegen. Die bedeutsame Rede hatte folgenden Wortlaut: »Wir haben eben vom englischen Parlament ein Aktenstück erhalten, durch welches, behufs besserer Deutung unseres Statuts, diesem ein neuer Paragraph hinzugefügt wurde. Dieses erschien uns nothwendig, um einige über die uns durch das Statut verliehene Machtvollkommenheit im Rath der Verwaltung entstandene Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen. Durch den Parlamentsact sind wir ermächtigt worden, das begonnene Werk fortzusetzen und neue Arbeiten derselben Art einzuleiten. Anderes haben wir gar nicht haben wollen. Diese unsere Arbeiten sind im vorliegenden Jahresbericht angeführt. Dieselben sind nur in ihren Hauptzügen skizzirt, dennoch umfaßt blos ihre kurze Erwähnung 132 Seiten. Wir beabsichtigen hier nun keineswegs, dieser Skizze unseres Wirkens irgend einen Commentar hinzuzufügen. Was man aus demselben ersehen kann, ist, daß wir unfern ursprünglichen Plan, das Werk der Colonisation, weiter fortgeführt haben. Zwar haben wir neben der Colonisation noch andere Sachen gemacht, allein wir haben stets die Colonisation obenan gestellt. Wir haben versucht, die Colonien in Argentinien und Palästina zu consolidiren und weiter zu entwickeln, sowie in Canada, Brasilien und Kleinasien neue Centren für die Colonisation zu schaffen. Freilich hat diese Colonisation der großen Masse unserer verfolgten Glaubensbrüder noch keinen wesentlichen Nutzen gebracht. Wir erheben aber auch gar nicht den Anspruch, sämmtliche Auswanderer aus Rußland, Galizien und Rumänien in Colonisten umzuwandeln. Ein solches Wollen würde unser Können weit übersteigen. Unser ganzer Ehrgeiz geht dahin, unsere Glaubensgenossen dem Ackerbau, von dem sie jahrhundertelang gewaltsam ferngehalten wurden und der in den Ländern, wo sie am zahlreichsten sind, ihnen noch heute erschwert oder gar gänzlich verboten ist, wieder zuzuführen. Wir wollen in ollen Ländern, wo Ackerbau mit Erfolg betrieben werden kann, blühende Ackerbau-Colonien schaffen, wohlgeeignet, auf alle Juden, welchen die Landwirthschaft zusagt, eine Anziehungskraft auszuüben. DieseColonien sollen den Kern zur Bildung von neuen und weit wichtigeren Colonisationscentren abgeben. Die persönliche Initiative der einzelnen Individuen und die Zeit werden dann das Uebrige besorgen. Unsere Colonisatio» sversuche dürfen uns aber nicht die Massen von Auswanderern aus den Augen verlieren lassen, die jahrein, jahraus Rußland, Galizien und Rumänien verlassen, um in den Vereinigten Staaten, in Canada und in anderen Ländern Arbeit und Freiheit zu suchen. Unser Bericht zählt unsere Bemühungen auf. diese Emigranten für die industrielle und landwirthschaftliche Beschäftigung geeignet zu machen. Zweifellos haben wir für sie beiweitem weniger gethan, als drese Leute für sich haben thun können, denn keine Institution ist im Stande, all den Armen, die Unglück und Roth aus der Heimat treibt, selbst nur einen Bruchtheil der Reisekosten zu geben. Nur die persönliche Energie der Emigranten selbst könne im Vereine mit der Unterstützung, welche ihre schon früher ausgewanderten, in der neuen Heimat zur Selbstständigkeit gelangten Verwandten und Freunde ihnen gewähren können, der Emigrationsbewegung ihre stets wachsende Bedeutung verleihen. Unser Bericht gibt auch an, was wir in Rußland, Rumänien, Galizien wie auch im Orient gethan haben, um die Lage unserer Glaubensgenossen an Ort-und Stelle zu verbessern. Wir hielten eine Verbesserung der Situation unserer Brüder in den betreffenden Heimatländern für einen sehr wichtigen Theil unserer Aufgabe. Die Erfahrung hak gelehrt, daß die für Colonisationszwecke verwendeten beträchtlichen Summen nur einer verhältnißmäßig geringen Zahl von Personen zugute kommen. Kostet doch die Einrichtung einer einzigen Colonistenfamilie etwa 8—10.000 Francs. Wenn wir dennoch solche enorme Ausgaben für Colonisationszwecke machen, so geschieht es nur, weil durch die Colonisation für die Zukunft vorgearbeitet wird. Jede neue Colonie bereitet den Boden für eine Anzahl weiterer Colonien vor. liebet die Zukunft dürfen wir jedoch die Noth der Gegenwart nicht vergessen. Und wenn wir, ohne der Colonisation, welche sich doch nicht übers Knie brechen läßt, Abbruch zu thun, uns entschlossen haben, einem beträchtlichen Theile unserer Glaubensgenossen eine primäre Bildung und industrielle und landwirthschaftliche Fertigkeit beizubringen, wenn wir ihnen Arbeit in jeder Gestalt zu verschaffen suchen, ihnen Darlehenscaffen schaffen und industrielle Etablissements, sowie gesunde Wohnhäuser errichten, so vollbringen wir damit ein schon an und für sich gutes Werk. Denn unser Thun kommt nicht nur zahlreichen Armen direct zu Gute, es fördert indirect auch unser großes Colonisationswerk. Wir erziehen dadurch ein intelligentes