Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Date
- 1903-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021526--12881-3037501- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bloch’s Jahrgang XX Centralorgan für die gesammtrn Interessen des Iudenthums. --%■--—1—— Wie». 7. Angust 1903. -H. - Erscheint jeden Freitag. --H-K- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. m ■ ■ ■= ■ ■ --==» K. ft. Pofisxarrsgrn-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. KrLaction und Administration: Vien IX/1, Bergsaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. U- -* * . ~ ~ =jg SrrugSPrri» für Srftrrrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 56 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 16 Kronen. Ganzjährig 26 . Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. «_ ^=_ - - -=m Inhalt: Leitartikel: Ein apostolischer Papst? — Näreis Leven über die Thatigkeit der „Jca". — Die Solidarität der Völker. — Die „Israeliten" oder „Abrahamiten" im Neu-BydZower Kreise. — Die griechisch-orientalische Kirche und die Juden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Judenbekehrungen in Rußland. Karl Bleibtreu über Heine. — Korrespondenzen: Organisation. Oeconomische Rettung. Brody. Amerika und Rußland. Petersburg. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Straßnitz, Berlin. — Feuilleton: Der Rabbinatscandidat. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Gr» apostolischer Papst? Für uns Juden in katholischen Ländern ist die Neuwahl eines Oberhauptes der katholischen Kirche von hoher Bedeutung. In Rom liefen die geheimen Fäden zusammen, welche die Agitationen in Oesterreich und Frankreich einleiteten Und allmälig ausweiteten, um jene politischen Umwälzungen herbeizuführen, deren Zeugen wir in den letzten Jahrzehnten waren. Nun hat ein neues Oberhaupt der katholischen Christenheit, der Patriarch von Venedig, Giuseppe S a r t o, als P i u s X. den päpstlichen Stuhl bestiegen. Was bisher über den Charakter und die Anschauungen des neuen Papstes verlautet, läßt einen sicheren Schluß auf die künftige Führung seines Pontificates kaum zu. Der Cardinal Sarto wurde als ein gutmüthiger, mildthätiger Kirchenfürst gepriesen, der sich in politische Dinge wenig oder gar nicht mischte und ausschließlich den priesterlichen Pflichten seines hohen Amtes lebte. Allein es hat nicht nur symbolische Bedeutung, wenn der zum Papste erwählte Cardinal den alten Namen ablegt und einen neuen annimmt. Oft schon ist mit dieser Namensänderung das ganze Wesen des Mannes selbst verändert worden und die Welt hat oft die Ueberraschung erlebt, daß aus einem concilianten Cardinal ein zelotischer Papst und umgekehrt geworden ist. Deshalb sind jene Prognosen, welche die Richtung eines jeden neuen Papstes aus seiner Persönlichkeit beurtheilen wollen, mit großer Vorsicht aufzunehmen. Ein verläßlicheres Urtheil gewinnt man aus den Umständen, unter welchen sich die Wahl Pius X. vollzogen hat. In dem Cardinal-Colleginm rangen zwei verschiedene Strömungen um den Sieg. Auf der einen Seite jene Richtung, die man die politische genannt hat und welche durch den früheren Staatssecretär Cardinal R a m p o l l a repräsentirt wurde, und auf der anderen Seite die Richtung, die wir die apostolische nennen möchten und als deren Hauptvertreter die Cardinäle Seraphino Vanutclli und A g l i ard i galten. Leo XIII., der seit langen Jahren unter dem dominirenden EinflusseRampolla's stand, war ein politischer Papst. Er hat alle Gewalt, die er über die Ge-nüther der gläu^ lgen Katholiken besaß, dazu benützt, um die Machtausprüche der Kirche zu fördern und zu erhöhen, um die staatliche Macht in allen Ländern der Welt unter die Macht der Kirche zu beugen. Das ist ihm nicht überall gelungen, aber angestrebt hat er es auf beiden Hemisphären, und aus diesen Bestrebungen ist Haß und Zwietracht unter den Völkern, Kampf und Streit unter den Menschen des gesammten Erdballes erwachsen. Leo XIII. und sein Staatssecretär Rampolla waren die mächtigen Förderer des Nationalismus, des Chauvinismus, des Antisemitismus, der sogenannten christlich-socialen Reformbewegung in aller Herren Länder. Aus den vertraulichen Mitteilungen, welche erst jüngst der ehemalige Botschafter am Wiener Hofe, Sir Horace Rumbold, veröffentlichte, weiß man, daß die Bemühungen, die dieser edle Menschenfreund bei dem seinerzeitigen Wiener Nuntius Agliardi zur Eindämmung der antisemitischen Bewegung unternahm, an dem energischen Widerstande Rampolla^s scheiterten und daß derselbe Rampolla auch schon den früheren Versuch des verstorbenen Kardinal-Fürsterzbischofs von Prag, Grafen Schönborn, bei dem Papste eine Verurtheilung dieser dem Grundsätze der christlichen Nächstenliebe hohnsprechenden Bewegung zu erwirken, zunichte machte. Mit Rampolla verbündet waren die Jesuiten und ihre Affiliirten, mit Rampolla arbeiteten die spanischen Mönche, die französischen Nationalisten, die österreichischen Christlich-Socialen weil ihm der Antisemitismus das geeignete Mittel erschien, um die Massen des ungebildeten Volkes dem Jndifferentismus zu entreißen, die Macht und den Glanz der Kirche zu erhöhen. Diese Politik hat im Conclave eine Niederlage erlitten. Wir wagen nicht zu behaupten, daß es eine vernichtende Niederlage gewesen sei, denn wir kennen den Einfluß, die Zähigkeit und Ausdauer, mit welcher die Vertreter dieser Richtung seit vielen Jahrhunderten sich immer wieder durchzusetzen wußten, wenn in der katholischen Kirche für eine kurze Zeit der Grundsatz der Charitas, der evangelischen Nächstenliebe, zum leitenden Princip erhoben worden war. Das Pontificat Pius X. wird durch den neuerlichen Sieg dieses Grundsatzes inaugurirt; ob es von ihm beherrscht werden, ob es mit chm enden wird, ist eine Frage, zu deren