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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-31 · 31 (31.7.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 496 Dr. Mocb's TWlocbenscbrlft* Nr. 31 der „Union" und anderen Vereinen theilt. Die Kraftworte, welche bei seiner Begründung gefallen waren, find verhallt und eine Initiative des Bundes betreffs der eigentlichen Lebensfragen des Judenthums ist bis nun ausgeblieben. An Gelegenbeit, seine Kraft zu zeigen, hätte es wahrlich nicht gefehlt. Daß die Mißachtung der Staatsgrundgesetze täglich offener hervortritt, kann durch die angedeutete Rechtshilfe nicht behindert werden. Dazu würde es politischer Actionen bedürfen, deren Natur und Wesen von den großen politischen Parteien täglich ad oculos demonstrirt wird. Ohne eine systematische Organisation, ohne den Muth, der Welt gegenüber geschloffen und wohlgegliedert zu erscheinen, läßt sich nichts erzielen. Verschmäht man aber, „sich zu erkennen zu geben", so werfe man lieber die Flinte in's Korn und vermeide es, Erwartungen zu erregen. Noch schwieriger und dringender wäre eine Stellungnahme gegen den inneren Feind. Torquemada und Pobedonoszew haben es nicht vermocht, die Grundlagen des Judenthums zu erschüttern. Die Feinde aber im eigenen Hause sind daran, ihm den Lebensfaden abzuschneiden. Der zunehmende Abfall wirkt auflösend und macht aus dem chronischen Uebel ein acutes. Deutsche Statistiker berechnen bereits, wie lange es dauern wird, bis die jüdische Bevölkerung von der sie umgebenden christlichen aufgesaugt sein wird. Mag bei uns dieser Auf' saugungsproceß auch etwas länger dauern als in Deutschland, so ist die Gefahr keine mindere, wenn man nicht bald daran geht, sich seiner Haut zu wehren. Nicht die leiseste Initiative betreffs dieser Abwehr hat der »Bund* ergriffen — er hat nicht den ersten Schritt gethan, um auch nur eine Diagnose des verheerenden Nebels festzustellen. Die Fragen des Abfalls, der Proletarisirung breiter jüdischer Bevölkerungsschichten, der Verfall der kleineren Gemeinden sind bisher keiner ernsten Behandlung gewürdigt worden. Es blieb unerörtert, inwieweit der wirthschaftliche Niedergang den religiösen bedingt und ob es nicht möglich wäre, im Wege genossenschaftlicher Hilfsthätigkeit mindestens Zeit zu gewinnen. Nicht die Millionen des Baron Hirsch — sein Andenken in Ehren — nicht die Rothschild'sche Palästina-Colonie, sondern die Trades-Union in England und die Laffalle und Liebknecht haben gezeigt, daß man im Wege der Organisation auch dem wirthschaftlichen Verderben Halt bieten könne. Nicht einmal jene Umstände zweiten Ranges,, die aber immerhin auch für die Cardinalfragen von Bedeutung sind, die Administration der Cullusgemeinden, die Berbefferung und Sicherstellung des Lehrer- und Beamtenstandes, die Frage eines einheitlichen Lrhrplanes u. A. sind in einer der kritischen Zeit entsprechenden Weise zur Behandlung gelangt. All dem gegenüber schläft der „Bund" den Schlaf des Gerechten. Nicht daß man glauben könnte, es läge in seiner Macht, dem Gang der Dinge ein Quos ego entgegenzusetzen. Allein schon das wäre ein Schritt zur Besserung, wenn alle Jene, denen am Judenthum noch etwas gelegen ist, sich überzeugen könnten, daß es mitten im Sturm und Drang noch eine Instanz gebe, welche wenigstens Rettungsversuche anstellt. Zeit ist dabei nicht zu verlieren. Zögert man noch länger, so wird das Schneider'sche Schußgeld überflüssig werden, weil in seinem Revier überhaupt kein Wild mehr zu finden sein dürfte. Erschreckend zeigt sich nicht nur die Zahl der Austretenden, sondern die ansteckende Wirkung, welche jeder Abfall auf die Nahestehenden übt. Man kann beobachten, wie jeder Renegat den Bacillus des Abfalls rund um sich verbreitet. Es handelt sich keineswegs, wie ehedem, darum, durch den Abfall ein Avancement, eine Heirat, eine leichtere Carritzre zu erlangen; die allermeisten Austritte geschehen ohne speciellen Grund — es ist einfach Mode geworden, dem Judenthum den Rücken zu kehren. Ganz besonders sind es die .Mütter in Israel*, welche für diesen guten Ton besorgt sind, und so dann die Kinder und den nicht selten widerstrebenden Gatten nach sich ziehen. Und diesem verderblichen Treiben gegenüber hält der »Bund* die Hände im Schooß? Nicht einmal akademisch werden diese Umstände erörtert. Die vatermörderiscke Hand erhebt sich gegen das Heiligste und der »Bund* hüllt sich in würdevolles Schweigen. Wenn die höchsten Güter am Spiele stehen, darf es keine Rücksichten geben, kein Zuwarten, kein Resigniren. Nichts ist verwerflicher als propter vitam, vivendi perdere eausas. Omega. Epilog zum Falle Neisser. Man schreibt uns aus Breslau: Die Neisseriade wäre also vorüber, und es erübrigt nur, aus derselben die richtige Lehre zu ziehen. Wenn, wie die Berliner, Wiener und Breslauer liberalen Blätter glauben oder glauben machen, Neisser als Opfer seiner Zugehörigkeit zum Judenthum bekämpft wurde, so ist ihm gewiß Unrecht geschehen. Neisser, der schon als Student die Taufe empfangen, hängt auch nicht durch eine Faser mit dem Judenthum zusammen, und wenn er auch nicht die Geschmacklosigkeit begeht, ein Antisemit zu sein, so zeigt sich sein Eifer für das Christenthum darin, daß nahezu alle seine ehemaligen Assistenten, die meist Juden waren, dem Judenthum den Rücken kehrten. Der Einzige, der am längsten sich der Apostasie widersetzte, war der jetzige Berner Professor Jadassohn, der nach seiner Assistentenzeit als Primararzt des hiesigen städtischen Allerheiligen Hospitals fungirte, aber wegen seiner Confession es nicht zum Privatdocenten bringen konnte; auch er hat schließlich nachgegeben. Die Versuche, wegen deren Neisser angegriffen wurde, haben Niemandem Schaden gebracht, und es ist zweifellos, daß Neisser ein gewissenhafter Arzt ist. Die Sache hat aber einen tieferen Zusämmenhan g Neisser's Berufung erfolgte, wie wir aus sicherer Quelle wissen, weil die Parteien im Professorencollegium sich über die Berufung einer einheimischen Kraft nicht einigen konnten. Wenn man mit der Berufung Neisser's es ernst meinte, so hätte man sie gleich nach Kaposi's Tode bewirken können, das geschah aber nicht, da die herrschende Partei einen Candidateu dafür schon lange in Petto hatte, der geborener Oesterreicher ist und ihr nahe stand. Der jetzt beliebte Vorgang ist nicht ohne Beispiel, sondern erfolgte nach beliebten Mustern. In Graz wurde für dasselbe Fach der getaufte Jadassohn vorgeschlagen unico loco, das österreichische Ministerium hat ihn aber gar nicht befragt, ob er kommen wolle, und das Professorencollegium, hat das nicht-nur nicht als Desaveu betrachtet, sondern man hat sud rosa zu erkennen gegeben, daß man in der Nichtberufung keinen Affront erblicken werde, und so wurde wieder ein reinraciger Arier berufen, dessen Namen auch schon vor einem Jahre beim Karlsbader Congreß ein halb Jahr lang vor seiner Berufung, im Munde aller Eingeweihten war, trotzdem er erst ganz kurze Zeit zuvor Docent wurde. Vor Jahren hat eine ähnliche Affaire in Innsbruck gespielt, wo ein Heidelberger arischer Professor, den man zum Scheine vorschlagen wollte, durch Veröffentlichung von Briefen in die Sache Licht gebracht hat. Diese Vorgänge sind nur Zeichen eines systematischen Vorgehens an allen Universitäten des deutschen Volkes. Bei uns im Deutschen Reiche sind nicht nur die Lehrkräfte jüdischer Confession, sondern auch Getaufte jüdischer Abstammung von den Universitäten verdrängt. Die Leipziger Universität, an der einst C o hnheim und Weigert wirkten, ist judenrein, das empfand auch der vielgenannte Jadassohn, der, trotzdem er an erster Stelle dazu berufen wäre, bei der Besetzung der dermatologischen Klinik einem an Jahren und Leistungen noch sehr jungen Arier, einem Oesterreicher, den Sie übrigens bald in Wien begrüßen dürften, weichen mußte. Von Universität zu Universität spinnt sich ein Netz von Verbindungen, die dem arischen Nachwuchs den Weg ebnen und die Hochschule zu einer Domäne des sogenannten reinracigen Arierthums zu machen bestrebt sind. Ob dabei nur völkisch-ideale Ziele verfolgt werden, kann man sich an den Fingern abzählen. In München, Erlangen, Tübingen, Würzburg, Freiburg, Jena, Göttingen, Greifswald, Rostock, Kiel und Bonn gibt es keine Lehrkräfte jüdischer Confession. Bald wird es auch in Königsberg, Breslau und Heidelberg der Fall sein. Nur in Berlin haben einige ehrlich freisinnige Männer, wie Virchow, Koch, Waldeyer den Racenegoismus einigermaßen einzudämmen

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