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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-31 · 31 (31.7.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
31 (31.7.1903)
Date
1903-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 490 Dr. Rlocb's Mocbenscbvift Nr. 31 richten. Nur Herrn Weininger's Buch soll hier besprochen werden, wie es die journalistische Pflicht erheischt, und dann wird es stille werden, bis das nächste Buch erscheint. Also die Chinesen, Negxr und Juden gehören nach Weininger's Rathschluß zusammen. Höret dies ihr gelehrten Anthropologen, die ihr mühselig Schädel messet, Haare untersucht, Statistik treibt. Herr Meininger hat das aber nicht nöthig, höret: Der Chinese ist bedürfnißlos, zeigt kein Streben und trägt einen Zopf, ergo überwiegt bei ihm die Weiblichkeit. Was sagen die Verehrer kostspieliger Modedamen, die Herr Meininger als den Typus der Weiblichkeit hinstellt, dazu, was sagen Friedrich der Große, Lessing und andere Zopfträger. Und die Neger, ja, die haben bisher kein Genie hervorgebracht, ergo sind sie weibisch. Wie viel Genies haben bisher die Serben, Bulgaren, Rumänen, Armenier, Neugriechen, Kopten hervorgebracht, trotzdem ihnen die Bildung alter und neuer Zeit seit Jahrtausenden zur Verfügung steht? Und die Verwandtschaft der Juden mit diesen beiden, wie wird sie begründet? .Auf den Neger weisen die sich so gern ringelnden Haare, auf Beimischung von Mongolenblut die ganz malayisch (!) oder mongolisch geformten Gestchtsschädel, die man so oft unter den Juden antrifft und denen regelmäßig eine gelbliche Gesichtsfarbe entspricht/ Eine wahre Offenbarung für die gelehrten Anthropologen aus dem unschuldigen Munde des Herrn Meininger! Und der Beweis hiefür? Den braucht ein Dilettant nicht (nach Chamberlain), das ist Alles Offenbarung, was er sagt. .Die ist das Ergebniß einer alltäglichen Erfahrung", sagt Herr Weininger, nichts mehr; aber das ist sicher, daß alle die drei Racen weibisch sind. Herr Weininger gesteht zwar gleich darauf ein, daß er nicht das nöthige Wissen habe, um die anthropologische Frage zu behandeln. Ader wo hat Herr Weininger die tägliche Erfahrung denn gesammelt? Hat er jemals in Galizien oder sonst wo, wo Juden in Massen wohnen, die Kinder einer Schule auf Hautfarbe, Augen, Schädel rc. untersucht? Wie kann auch nur ein .Dilettant" bei den Juden mit der sprichwörtlich krummen Nase den auf stumpfer Nase aufgebauten Gesichtsschädel des Mongolen und Malayen finden; weiß er nicht, daß der Gesichtsschädel vom Bau des Nasengerüstes abhängt, ebenso wie die Schädelbasis, wie kann er bei der oberflächlichsten Beobachtung, bei den oberflächlichsten Kenntnissen eine solche Behauptung aufstellen? Weiß Herr Weininger nicht, daß der mongolische, oder wie er meint, der malayische Gesichtsschädel (woher überhaupt diese Zusammenstellung?) bei den östlich der Elbe wohnenden, aus den Slaven hervorgegangenen Deutschen, den Polen, Ruthenen, Russen, selbst bei den Czechen und namentlich bei den Ungarn, bei den Bulgaren, Serben, Rumänen viel häufiger vorkomml als bei den Juden. Das vereinzelte Vorkommen soll ja nicht geleugnet werden, — weiß aber der Herr Weininger nicht, daß das nichts beweist! Weiß Herr Weininger nicht, daß das gekrauste Haar bei den Spaniern, Portugiesen, Süd-Italienern so viel häufiger vorkommt als bei den Juden? Kennt er nicht den blonden, blauäugigen, hellhäutigen Typus der Juden, haben diese weniger den so beliebten.specifisch jüdischen Geist" als die schwarzen Juden? Herr Weininger hat also nicht das nöthige anthropologische Wissen, er will aber, daß wir ihm Vertrauen entgegenbringen sollen für das, was er „in Kürze, aber bis zur möglichsten Trese analysiren will", nämlich die psychische Eigenheit des Jüdischen. Also was in Zahlen ausdrückbar, was gemessen werden kann, darin hat sich Herrn Weininger's Wissen nicht bewährt, aber für das, was subjektiver Deutung, was momentanen unbeschreibbaren Einflüssen und unbewußten, vorgefaßten Meinungen so unterworfen ist wie die psychologische Analyse (die experimentelle Psychologie verachtet Herr Weininger), darin sollen wir Herrn Weminger's Objectivität vertrauen? Herr Weininger gibt wohl zu, daß zu dieser Untersuchung eine besondere Objectivität nothwendig ist, aber warum? Weil die Stellung zum Judenthum heute beinahe .die wichtigste hervorstechendste Rubrik des Nationales" ist, welches ein jeder vor der Oeffentlichkeit aussüllt,ja allgemach der gebräuchlichste Eintheilungsgrund der civilisirten Menschen geworden scheint, also aus subjectiven Gründen, das müsse einen tiefen Grund im Wesen des Judenthums selbst haben. Gewiß, wenn es nicht Juden und Andersgläubige gäbe, so wäre diese Frage nicht vorhanden, es würde zwar dafür wahrscheinlich eine andere eintreten, aber das genirt Herrn Weininger nicht weiter, er sieht nicht oder will nicht sehen, daß nur die sogenannte bürgerliche Gesellschaft auf eine Erklärung des Nationales dringt, daß sie in der Arbeiterschaft z. B. keine Bedeutung hat: selbst in Rußland nicht. Das muß wohl auch einen Grund haben, und der liegt darin, daß das alte Bürgerthum im Begriffe ist, eine moderne Adelskaste zu bilden. Um eine solche bilden zu können, muß es trachten, möglichst Viele, die auch mitthun möchten, abzustreifen, denn die Prärogative hat nur einen Werth, wenn sie von möglichst Wenigen besessen wird. Das Proletariat ist so wie so ausgeschlossen, aber der bürgerliche Jude, der entweder ebenfalls Geld besitzt, ein großer Unternehmer ist oder über gelehrte und Fachbildung verfügt, auf den Hochschulen, in den Staatsämtern seinen Platz heischt, der muß sein Nationale abgeben, und um sich diesen vom Leibe zu halten, hat man für ihn einen neuen Begriff erfunden, er ist ein .Geistesfremder". — Den Religionsunterschied geltend zu machen, ist noch nicht an der Zeit, und so sieht man, wie einst der Adel die Ahnenprobe verlangte, vom Bürgerthum die Erklärung des Nationales verlangte. Der Autor verfährt darin aber sehr vorsichtig, er selbst ist, wie er in einer Fußnote ganz bescheiden bemerkt, von jüdischer Abstammung*) ist also, um im Jargon der .Nationalen" zu sprechen — Judenstämmling. Er definirt sich daher das Judenthum, wie es ihm paßt. Er sagt: .es handelt sich mir nicht um eine Race, nicht um ein Volk, noch weniger freilich um ein gesetzlich anerkanntes Bekenntniß. Man darf das Judenthum nur für eine Geistesrichtung, für eine psychische Constitution halten, welche für alle Menschen eine Möglichkeit bildet und im historischen Judenthum blos die grandioseste Verwirklichung gefunden hat. Herr Weininger hat mit dieser Definition einen glücklichen Griff gethan, er kann nun Alles, was ihm als jüdischen Antisemiten paßt, in die jüdische Geistesrichtung hineinverlegen und was ihm als Anhänger des Christenthums paßt, dem Judenthum wegnehmen, und er macht davon ausgiebigen Gebrauch. Er ist aber noch ehrlich genug, zu sagen, daß die allerschärfsten Antisemiten unter den Juden zu finden sind, unter den arischesten Ariern Philosemiten, er findet bei allen Antisemiten, auch bei dem reinracigsten Arier sogar, in der Physiognomie etwas .Jüdisches". Ein Widerspruch, den Herr Weininger vergeblich sich bemüht auszugleichen, der aber seine psychologische Erklärung in einem Satze desselben findet. .Wie man in anderen nur liebt, was man gerne ganz sein möchte, doch nie ganz ist, so haßt man in anderen, was man nimmer sein will und nur zum Theile noch ist. Nur die jüdischen Juden und völlig arischen Arier seien keine Antisemiten. Der Mensch hasse nur das, durch was er sich unangenehm an sich selbst erinnert fühlt. Warum unangenehm? Dann müßte der Arier zuweilen den Arier auch Haffen, habe man das je gesehen? Nein, es wird Niemandem einfallen, bei unangenehmen Eindrücken von Seite seiner Connationalen zu sagen, das ist echt arisch, deutsch, czechisch oder echt christlich. Warum? Weil keine Prämie darauf gesetzt ist, weil man sich hütet, der geschützten Majorität etwas Unangenehmes zu sagen. Das ist die ganz einfache, unphilosophische Lösung des Räthsels. Aber Herr Weininger liebt die Complication und Paradoxie, er sagt: Es gibt Arier, die jüdischer sind als mancher Jude, und Juden die arischer sind als mancher Arier. Man merke sich die zweite Hälfte dieses letzten Satzes! Und so sind ihm Friedrich Nicolai und Friedrich Schiller, selbst Richard Wagner (weil er Antisemit war!) und Feuerbach. stark jüdisch, ebenso Tacitus, Pascal, Voltaire, Herder, Goethe, Kant, Jean Paul, Schopenhauer, Grillparzer, aber Zola ist echter Arier, weil er Philosemit ist. Namentlich bei Wagner fühlt der Autor die Schwäche seiner Construction und er argumentirt! Ihm war das Judenthum die große Hilfe, um zum anderen Pol zu gelangen, zum Siegfried und zum Parcrfal sich durchzuringen, um dem Germanenthum den höchsten Ausdruck zu geben. Noch ein größerer (gemeint ist Jesus) mußte erst das Judenthum in sich überwinden, ehe er die eigene Mission in sich fand, und die welthistorische Bedeutung und der ungeheuere Verdacht des Judenthums sei kein Anderes, als den Arrer immerfort zum Bewußtsein selbst zu bringen, ihn an sich selbst zu mahnen, daß er sich hüte vor dem Judenthum als Möglichkeit in sich selbst. Und welches ist dieses Judenthum in sich selbst? Was Herr Weininger als solches ausgibt, ist, wie er *) Bei der durchaus subjectiven Art der ganzen „Untersuchung" des Herrn Weininger wäre es auch gut gewesen, wenn er auf sein Ich näher eingegangen wäre, das heißt, dem Leser den Grad seiner Abstammung von Juden näher bezeichnet hätte. Er ist uns wohlbekannt, doch wollen wir, da er selbst so zartfühlend darüber hinweggeht, auch nicht weiter darauf eingehen.

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