Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 31 (31.7.1903)
- Date
- 1903-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur.SI Dr. Bloch’s Iahr-a», XX Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. «= A. ft. Pofifxsrrsgrn-Arnk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Redartion und Administration: Wien IX/1, Berggasse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Men. 31. Juli 1903. «fr—-M» Lrsch eint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/1» Derggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Serngsprei» für Srstrrrrich: Halbjährig 8 Krauen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. M- Inhalt r Leitartikel: Geschlecht und Charakter. — VomJahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Eine Amerikanerin über die Greuel in Kischenew. Der Haschisch im Alten Testament. Blutwurst und Bibel. Verhaftung wegen Religionswechsels. Die Ledereinfuhr über Damaskus im Jahre 1902. Die vorsemitische Race in Chaldäa und Susiana. In der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. — Moses Bruck. — Correspond enzen: Wo bleibt der „Oesterr.-Jsraelit. Bund"? Epilog zum Falle Neisser. Die Sonntagsruhe. Wien. Bericht über die Thätigkeit des Curatoriums der Baron Hirsch-Stiftung im Schuljahre 1901—1902. Agram, Karlsbad, Dobrisch, Prag, Semlin, Bukarest, St. Petersburg, Paris, London. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Teschen, Ung.-Hradisch, Budapest, Neu-Sandec, Ung.-Brod, Kostel. Rußland und der Zionismus. — Feuilleton: Der Rabbinatscandidat. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Geschlecht und Charakter. Eine principielle Untersuchung von Dr. Otto Weininger. Wien, Braumüller 1903. Besprochen von Philalethes. Bor uns liegt ein dickes, schön ausgestattetes Buch. Je weiter wir lesen, desto bekannter muthet uns sein Inhalt an, obzwar er — wir heben das ausdrücklich hervor — durchaus neu ist. Es entspricht nämlich ganz dem Typus einer ganzen Reihe von »wissenschaftlichen" literarischen Producten, die mit Jahrhundertwende uns bescheert wurden. So verschieden ihr Borwurf ist, sind sie doch alle nach einem Recepte gemacht, eine wenig, wenn auch falsch verstandene Biologie und Anthropologie nach dem eigentlichen Zweck des Buches ohne den naturwissenschaftlichen Zusammenhang willkürlich ausgewählt und gedeutet und dann scheinbar so nebenbei — in Wirklichkeit als Hauptsache — eine solenne Verurteilung der Juden und des Juden- IhumS und ein Hossianah dem Christeuthum. Auf dieses offenbar von vorneherein feststehende Urtheil muß Alles gerichtet sein, ob man von den Grundlagen deS neunzehnten Jahrhunderts spricht, wie Houston St. Chamberlain der Chorführer, oder vom Sexualproblem ausgeht, wie der Mitsänger Herr Weininger. Auf das scheinbare Hauptproblem Weininger's in dieser für den ganzen jüdischen Familienkreis bestimmten Zeitschrift in seinen Details einzugehen, ist nicht gut möglich, wenn auch Herr W. die Juden eine kuppelnde Nation nennt, und würden die Leser dieser Wochenschrift uns wenig Dank dafür wissen. Es ist auch, ja nach Allem zu schließen, für ihn augenscheinlich Nebensache und die Judenfrage die Hauptsache. Wir wollen das Problem, soweit es zum Berständniffe nothwendig ist, skizziren. Herr W. geht von der bekannten entwicklungsgeschichtlichen Thatsache aus, daß jedes höhere Lebewesen bis zu einem gewissen Zeitpunkt der Entwicklung eine zweigeschlechtliche Anlage hat, und erst von da verkümmert die eine, während die andere sich weiter entwickelt. Dann baut er auf die allbekannte Erfahrung, daß die Scheidung der geistigen und moralischen, wie physischen Charaktere mit der anatomisch sichtbaren Verschiedenheit der betreffenden Organe nicht gleichen Schritt hält; daß ein diesbezüglich »reiner" Mann werbliche oder weibische Charakterbeimischung und sogenannte secundäre sexuelle Merkmale,. (z. B. in der Stimme) beibehalten kann uno daß umgekehrt eine Frau männliche Merkmale zeigt (Behaarung). Und nun beginnt das Willkürliche und Tendenziöse. Weil Herr Weininger auf Grund seiner sogenannten»Untersuchungen" — die keine naturwissenschaftlichen find! — glaubt die Frau als ein minderwerthiges Wesen betrachten zu müssen, so theilt er Jedem, der nicht Gnade vor feinen Augen findet, eine tüchtige Portion des »Weiblichen" zu, vor Allem natürlich den Juden. Genau so wie Chamberlain Jeden, der ihm nicht zu Gefichte steht, in seine schwarze (semitische) Race hineinweist, und Jeden, möge er auch Slave oder Jude sein, zum Germanen ernennt. Natürlich müssen auch jene Juden, sie mögen getauft oder ungetanst sein und die Einem doch »zu Gesichte stehen", denen man eventuell ein Buch widmet oder die man zu Herolden seines literarischen Ruhmes macht, nicht wirkliche Juden sein, sondern — Germanen. Das erfordert doch die Consequenz! Aber auch Personen, die man sonst hochhält, dürfen nicht mehr der jüdischen Race angehören, sondern müssen coüte que coüte zu Germanen gemacht werden. Natürlich auch der, dessen Stammbaum das Evangelium selbst genau auf David zurückführt — Jesus Christus; allerdings hierin weicht Herr W. von Chamberlain ab, wir werden bald sehen, warum. Man mag die biologischen und die anthropologischen Auseinandersetzungen des Autors wie immer beurtheilen — er ist ja darin, wie Herr Chamberlain, krasser Dilettant, und ein Dilettant kann Manchem mit seinen Apercus erfreuen, — bei der Erforschung der Wahrheit ist er wie der Clown beim Kunstreiten; mag Herr Chamberlain fich seines Dilettantismus noch so rühmen,, auch ihm gelingt ja manchmal ein Kunststück und und wir wollen hier nicht mit ihm rechten. Was die Kritik im höchsten Grade herausfordert, ist die Art, wie Herr Weininger seine Biologie und Anthropologie auf die Juden anwendet. Er meint, er habe bisher seine Theorie nur auf Einzelindividuen angewendet und deshalb bespricht er auch Völker und Racen und wählt hiezu nur — die Chinesen, Reger und — Juden — ausgerechnet nur diese! Warum? Das zeigt fich bald. Die Chinesen und Neger werden nur kurz behandelt, aber auf die Juden hat er's abgesehen — wie sagt doch bei Heine der verkappte Sohn des gelehrten Rabbi von Saragossa zum judenschimpfenden Liebchen in der Laube! Das Judenthum hat er deshalb zum Gegenstände einer Besprechung gewähtt, weil »es der härteste und am meisten zu fürchtende Gegner der hier entwickelten und noch zu entwickelnden Anschauung, wie überhaupt des ganzen Standpunttes ist". Ja, sollte Herrn Weininger's Standpunkt durchdringen, dann wäre er ein ahnungsvoller Engel, aber gemach, das Judenthum wird seine Anschauungen nicht zu bekämpfen haben, fie werden nicht viel Schaden an-