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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-24 · 30 (24.7.1903) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Dlocb's TRUocbenscbrttt. Seite 487 „Vielleicht wollt ihr nicht darum, weil ich die Ursache bin, daß sie sich über euch lustig machen?" fragte Kain vorsichtig und fast flüsternd. „Sie? Was kümmern sie mich? lächelte Artem und schlug die Augen auf. „Wenn es mir beliebte, so würde ich dich auf meine Schulter setzen und auf der Straße umhertragen ... Man muß aufrichtig handeln ... aus der Seele heraus . .. und was in der Seele nicht da ist — das ist einmal nicht da . . . Und mir, Freund, bist du, die Wahrheit gestanden, widerlich ... ja! So ist die Geschichte." „Ach!... ihr habt Recht. Nun, und was soll ich jetzt thun? Soll ich fortgehen? ..." „Geh', so lange es hell ist... vorläufig wird man dich noch in Ruhe lassen. Weiß doch Niemand, was wir miteinander gesprochen haben." „Nein... Und ihr werdet es Niemandem sagen, wie?" bat Kain. „Nun... selbstverständlich'nicht. Immerhin jedoch kriech' mir nicht zu häufig unter die Augen..." „Gut", erwiderte der Jude. Seine Stimme klang leise und traurig. Er erhob sich und schickte sich zum Fortgehen an. . „Du solltest deinen Handel in einem anderen Stadttheil treiben", bemerkte Artem gleichgiltigen Tones. „Hier ist das Leben hart... Ein ewiger Faustkampf..." „Wohin soll' ich gehen?" „Nun, übrigens ... wie du meinst." „Leb' wohl, Artem!" „Leb' wohl, Freund!" Und ohne sich aus seiner liegenden Stellung zu erheben, streckte er dem Juden die Hand entgegen und drückte dessen dürre Knochen mit seinen Fingern. „Leb' wohl. Und sei mir nicht böse ..." Ich bin nicht böse", seufzte der Jude gedrückt. „Siehst du ... es ist besser so ... Urtheile doch selber... Es ist dir peinlich ... aber du bist kern Kamerad für mich ... Ist es möglich, daß ich nur für dich leben soll? Es geht „Nun, geh' deiner Wege!" Das Haupt auf die Brust gesenkt, den Rücken gebeugt, ging Kain das Flußufer entlang. Der Blick des schönen Artem folgte der elenden Gestalt des einstigen Freundes. Nach einer Weile jedoch lag der Riese wieder in seiner früheren Stellung, das Antlitz nach auswärts, zu dem durch die Schatten der Nacht immer dunkler werdenden Himmel gerichtet. . _ .. Eigenartige Klänge entstanden und erstarben m der Lust. Mit einförmigem, wehmüthigen, traurigen Ton schlugen die Wellen des Flusses plätschernd an das Gestade. Nachdem Kain etwa fünfzig Schritte gegangen war, kehrte er um, näherte sich der mächtigen, auf der Erde dahingestreckten Gestalt Artem's, und vor derselben stehen bleibend, fragte er leise und ehrfurchtsvoll: „Und vielleicht. ... vielleicht seid ihr anderen Sinnes geworden?..."— Artem schwieg. „Artem!" rief Kain und wartete lange auf Antwort „Artem? vielleicht habt ihr dies Alles nur so . . . gesagt . . . Spaßes halber? . . wiederholte er mit zitternder Stimme. „Erinnert euch, wie euch damals ... wie? Artem!? Keiner kam, nur ich eilte herbei, um euch zu retten. . ." Als Antwort erklang leises Schnarchen. Lange noch stand der Jude über dem Riesen und blickte in dessen leblos schöne Züge, denen der Schlaf einen sanfteren Ausdruck verlieh. Ruhig und gleichmäßig hob sich die Heldenbrust und unter dem schwarzen Schnurbart blitzten zwischen den vollen rothen Lippen zwei Reihen weißer, kräftiger Zähne. Es war, als ob der schöne Artem lächeln würde . . . Endlich seufzte Kain schmerzlich auf, neigte sein Haupt noch tiefer, und schlug abermals den am Flußufer entlang führenden Rückweg zur Stadt ein. Bor dem Leben, das ihm bevorstand, an allen Gliedern zitternd, beschleunigte er seinen Schritt, wenn er weite, vom Mondlicht erhellte Flächen zu durchwandern hatte, indeß er an dunkleren Orten langsam und leise wie ein Schatten vorüberzugleiten bestrebt war. So glich er einer kleinen Ratte, einem winzigen, furchtsamen Raubthier, das unter zahlreichen, von allerwärts ihm drohenden Gefahren zu seiner Höhle schleicht. Und die Nacht war vollends hereingebrochen, nun einsam und öde lag das Flußuser da. Literatur. Von S. Pascheles' illustr. israel. Dolkskalender liegt der soeben erschienene 51. Jahrgang vor uns. Dieses von der weltbekannten Verlagsfirma Samuel W. Pascheles in Prag herausgegebene beliebte Jahrbuch erfreut sich ob seines gediegenen und, was den kalendarischen Theil, Märkte rc. betrifft, durchaus verläßlichen Inhaltes in jüdischen Familienkreisen und in der Kaufmannswelt einer sich von Jahr zu Jahr steigernden Werthschätzung und Verbreitung. Die rührige Verlagsbuchhandlunq versteht es, dem Kalender alljährlich durch einen actuellen Inhalt und interessante Erzählungen neuen Reiz zu verleihen. Wir können mit Vergnügen constatiren, daß auch der neue Jahrgang seine Vorgänger an Reichhaltigkeit übertrifft. Hervorzuheben sind die zahlreichen Illustrationen, wie das Bildniß des neuen Lord- Mayors v o n L o n d o n, d e s s e n F r a u und T o ch t e r, des neueröffneten israelitischen Hospitals in Karlsbad, weiters die Porträts jüngst verstorbener jüdischer Größen, wie des Professor Lazarus, des Dichters Sonn und des ungarischen Baumeisters und Philanthropen R. v. W e ch s e l m a n n. Ferner eine spannende Prager Ghettogeschichte von Auerbach, betitelt „Der Sohn des Denuncianten", die umso interessanter ist, als darin mehrere manchem alten Prager wohlbekannte Gestalten Vorkommen. Auch dieser neue Jahrgang wird somit nicht verfehlen, dem Pascheles' illustr. israel. Volkskalender immer neue Freunde zu erwerben. „Ost und Söeft1', illustrirte Monatsschrift für modernes Judenthum. HI. Jahrg., Nr. 7. Juli 1903. Verlag von S. C alvary u. Co., Berlin NW., 7, Neue Wilhelmstr. Inhalt: A. D. Bender: Eine Apologie des Judenthums. —Raphael Ed. Liesegang: Max Stern. — Fabius Schach: Zur Psychologie bes Renegatenthums. — Max Hochdorf: Affen-Cohn. — E. D. Bernhard (London): Die größte Schule der Welt. — Benjamin Segel: Das Geld im jüdischen Sprichworte. — Dr. Joseph (Stolp): Zum Gedächtniß Steinthal's. — Andreas Niemojewski: Die Septuaginta. — Dr. Sandler (Breslau): Eine kleine Reminiscenz. — Politische Revue. H. Rabbinowiez, Lehrer. Thorat Chajim. Vorträge für das Trauerhaus. Vom Hebräischen ins Deutsche übertragen. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1903. Dr. Isaak Stein aus Harburg (Bayern). D i e Juden der schwäbischen Reichsstädte im Zeitalter König Sigmunds (1410—1437). Verlag von M. Poppelauer, Berlin. 1902. Soeben erschien das zweite Heft der Schrift „Contra Delitzsch" von Dr. S. M e y e r. Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. Preis pro Heft 1 Mark. Das erste Heft dieses Werkes hat sowohl in der Kritik, in nichtjüdischen und jüdischen Blättern, wie auch bei Theologen und anderen Gelehrten Zustimmung und Anerkennung gefunden. Insbesondere hat die Kritik hervorgehoben, daß die Schrift trotz ihres wissenschaftlichen Apparates auch für die Laien verständlich und Jedem zu empfehlen ist, der sich über die Bibel-Babel-Angelegenheit ein sicheres Urtyeil verschaffen will. — Das zweite Heft enthält folgende Capitel: Einleitung. 1. Das Wort „zur Klärung". 2. Die Jav.-Tafeln. 3. Das Ziel bx. 4. Der Monotheismus. 5. Die Frau in der Bibel. Briefkasten. „Renegat". Dieser Fall trug sich in Cöln zu. Ein Christ knüpfte ein Verhältniß mit einer jüdischen Dame an und verlobte sich schließlrch mit ihr. Zum Geburtstag ihres Bräutigams eine eigenartige Ueberraschung planend, legte sie demselben als Geburtstags- Angebinde nicht nur ihren eigenen Taufschein, sondern auch den ihres jüngeren Bruders und ihrer jüngeren Schwester, eines fünfzehnjährigen Kindes, zu den übrigen Geschenken. Die freudige Ueberraschung blieb aver beiderseits aus. Als der solchermaßen überraschte Bräutigam sich von seinem Erstaunen erholt hatte, erklärte er der neuchristlichen Braut, daß er daß Verlöbniß als aufgehoben betrachte, mit der sehr logischen Begründung, daß er sie als Jüdin zu seiner Braut gemacht habe, ohne an ihrer Religion und Abkunft Anstoß zu nehmen, und als Jüdin habe ehelichen wollen. Die heimliche Taufe, die eine angenehme Ueberraschung werden sollte, war weder nach Wunsch, noch nach Geschmack des christlichen Bräutigams. Er sah darin einen Treubruch und, wie er gesagt haben soll, eine Charakterlosigkeit, deren sich ein rechtlich denkender Mensch unter keinen Umständen schuldig machen dürfe. Die getaufte Exbraut nebst ihren mitgetauften Geschwistern sitzt nun da mit dem Talent und kann es nicht verwerthen. K. München. Ganz merkwürdige Dinge hört man über die Beziehungen Münchner prinzlicher Palais zu der antisemitischen, d. h.

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