Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 486 Dr. Mocb's ‘öXHocbenscbritt Nr. 30 .Nun . . . schon recht! . . . Sollte sich aber Jemand untersangen, so sage es mir/ .Sofort werde ich es euch sagen/ .Denke d'ran." Mit düsterem Blick musterte er die schwächliche Gestalt des Juden und schickte ihn fort: .Geh' deinen Geschäften nach!" Raschen Schrittes verließ Kain seinen Beschützer. Im Fortgehen bemerkte er, daß ihm spöttische, boshafte Blicke folgten, Blicke, die große Furcht in ihm erweckten. So verfloß etwa ein Monat. Einmal, gegen Abend, Kain war schon im Begriff, nach Hause zu gehen, begegnete er seinem Freunde. Der Rieft nickte ihm zu und winkte ihm mit dem Finger, daß er sich ihm nähern solle. Raschen Schrittes kam Kain herbeigeeilt und bemerkte, daß der Riese trübe und düster war gleich einer Herbstwolke. .Bist du schon fertig mit deinen Geschäften?" fragte Artem. »Ich ... Ich Wollte eben nach Hause gehen . . / .So wart' ein wenig . . . Komm' mit mir, ich habe dir etwas zu sagen . . / bemerkte Artem mit dumpfer Stimme. Und er ging voran, riesengroß und schwerfällig. Kain folgte ihm. Sie verließen die Straße und lenkten ihre Schritte zum Flußufer, wo Artem zu Füßen des Felsens, in unmittelbarer Nähe der Wellen einen abseits gelegenen Ort ausfindig gemacht hatte. .Setz' dich", forderte er den Juden auf. Kain setzte sich und schielte seitwärts auf seinen Beschützer. Artem ließ den Kopf sinken und begann langsam eine Cigarette zu drehen, indeß Kain den Himmel, den Wald von Mastbäumen diesseits des Fluffes und die in der Abendstille regungslos daliegenden Wellen betrachtete und zu errathen suchte, was der Riese ihm wohl sagen werde. .Nun, wie", fragte Artem, .du lebst?" .Ich lebe ... O! und jetzt fürchte ich mich nicht mehr.. / .Nun, dann ist's gut/ .Ich danke euch. . . / .Warte!" sagte Artem. Es folgte ein langes, düsteres Stillschweigen. Artem zog den Rauch seiner Cigarette ein, während Kain, von traurigen, ängstlichen Ahnungen erfüllt, auf die Fortsetzung seiner Rede wartete. .Hm, ja... Jetzt bist du zufrieden, sie quälen dich nicht?“ .0, sie fürchten euch! Sie sind alle wie Hunde, ihr aber — ein Löwe seid ihr! ... Ich bin auch jetzt. ..." .Warte!" .Nun? . . . was wollt ihr mir sagen?" fragte Kain mit zitternder Stimme. .Was ich sagen will? ... das ist nicht so einfach... / .Was ist es denn aber? . . . .Ja! ... siehst du... ich will es dir rund heraus sagen. Auf einmal und Alles!" ..Aha? . . / .Also muß ich es dir mittheilen ... daß ich.. . länger . . . nicht kann" .Was? Was könnt ihr nicht?" .Nichts! Ich kann nicht! Es geht nicht. ... Es behagt mir nicht. ... Es ist nicht meine Sache ..." sagte Artem seufzend. .Aber was denn? Was ist nicht eure Sache?" .Dies alles ... du und dies alles. ... Ich will dich nicht mehr kennen . . . weil dies alles nicht meine Angelegenheit ist. . . / Kain zuckte zusammen, als habe er einen Schlag erhalten. Er schwieg jedoch. .Und wenn dich Jemand beleidigt", fuhr der Riese fort, .so komm nicht zu mir und beklage dich nicht. ... Ich werde dich nicht schützen. . . . Verstehst du? Ich kann nicht. . . ." Kain war stumm wie eine Leiche. Artem jedoch athmete nach dieser Erklärung erleichtert auf und fuhr, deutlicher und kürzer sich faffend, zu sprechen fort. .Daß du mir damals solches Mitleid bewiesen hast, das kann ich dir bezahlen. Wie viel verlangst du? Sage, und du sollst es bekommen. Aber bemitleiden kann ich dich nicht. . . . Ich kenne dieses Gefühl nicht. . . . Diese ganze Zeit über habe ich mich dazu gezwungen . . . aber es war nur vorgegeben. Anfänglich glaubte ich selber, daß ich Mitleid mit dir empfinde, aber schließlich ist es doch nur eine Lüge. Ich kann dich nicht bemitleiden". .Warum? weil ich ein Jude bin?" fragte Kain endlich mit leiser Stimme. Artem blickte ihn von der Seite an und ganz unvermittelt antwortete er ihm mit einem jener Sätze, die im Herzen ihren Ursprung haben. .Was ist ein Jude? Wir sind alle Juden vor Gott dem Herrn. ..." .Also warum?" fragte Kain leise. .Weil ich nicht kann! Verstehst du, ich fühle kein Mitleid mit dir . . . und überhaupt mit Niemand. . . Und noch das Eine suche ich zu begreifen. . . . Mit keinem außer dir würde ich so sprechen, jedem Anderen würde ich einfach eins über den Kopf hauen! Dir erkläre ich es. . . ." .Wer wird sich meiner annehmen gegen meine Feinde? wer aufstehen wider diejenigen, so mich hassen?" klagte der Jude leise und traurig mit den Worten des Psalmisten. .Ich kann nicht . . ." erwiderte Artem, verneinend sein Haupt schüttelnd. .Nicht weil sie lacken . . . was liegt mir an ihnen! Aber ich empfinde kein Mitleid mit dir. . . . Und für jenes ... du weißt schon, werde ich dich mit Geld belohnen...." .O, Gott der Rache! Allmächtiger Gott der Vergeltung! Erscheine Weltenrichter, erhebe dich . . / betete Kain, der zu einem winzigen Knäuel zusammengeschrumpft schien. Der Sommerabend war still und lind. Sanft und traurig spiegelten die Wellen des Flusses die Strahlen der untergehenden Sonne wieder. Auf die Gestalten von Kain und Artem fielen bereits die Schatten der Dämmerung. ^So denke doch daran", begann Artem traurig und überzeugend zu sprechen, .welche Aufgabe jetzt vor mir liegt? Siehst du, du verstehst das nicht . . . aber ich ... ich muß es ihnen heimzahlen ... wie sie mich damqls zugerichtet haben . . . denkst du das?" Er knirschte mit den Zähnen, reckte sich, legte sich auf den Rücken und die Füße zum Wasser hinstreckend, schlang er beide Arme um seinen Kopf. .Jetzt kenne ich sie alle. . . ." .Alle?" fragte Kain mit der erlöschenden Stimme eines Sterbenden. „Alle! Jetzt will ich Abrechnung mit ihnen hallten ... und du störst mich." „Womit kann ich euch stören?" rief der Jude. „Nicht gerade stören, aber. . . siehst du, das ist die Sache. Ich habe jetzt einen Zorn auf alle Menschen. Bin ich ärger als sie? Nun, das ist's... Und so ist es gekommen, daß du mir jetzt überflüssig bist. Hast du mich verstanden?" „Nein!" sagte der Jude, den Kopf schüttelnd, mit sanfter Stimme. „Du verstehst das nicht? Wie du doch bist! Dich muß man bemitleiden, nicht wahr? Nun, und ich kann jetzt mit Niemandem Mitleid haben ... dieses Gefühl existirt gar nicht in mir..." Und dem Juden einen Rippenstoß versetzend, fügte er hinzu: „Es ist nicht vorhanden. Verstehst du mich jetzt?" Ein langes Schweigen erfolgte. In der duftenden, warmen Luft strömte das Plätschern der Wellen dahin, und dumpfe, klagende Laute, die der Wind von weither, von dem dunklen, schläfrigen Flusse zu bringen schien. .Und was soll ich jetzt thun?" begann endlich Kain, doch erhielt er keine Antwort. Entweder war Artem eingeschlummert oder in Gedanken versunken. .Wie werde ich ohne euch leben?" fragte der Jude lauter. Artem blickte zun« Himmel empor und erwiderte: .Das mußt du dir schön selber überlegen..." .Mein Gott, mein Gott!.. / .Nun, wie man leben soll, das läßt sich doch nicht so mir nichts, dir nichts auseinandersetzen", sagte Artem mit träger Stimme. Er war jetzt, nachdem er dem Juden seine Absicht mitgetheilt, plötzlich ruhig und heiter geworden. .Eigentlich wußte ich es ja... damals schon, als ich ging zu euch, zu dem Verwundeten, wußte ich es, daß ihr mich nicht lange beschützen würdet..." Und der Jude richtete seinen flehentlichen Blick auf Artem, dock begegneten seine Augen nicht denjenigen des Riesen.