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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-24 · 30 (24.7.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Dlocb's Wocbenscbritt. Seite 481 große Schaar Kinder der durch den Verstorbenen begründeten Religionsschule, die unter der Leitung der Lehrer dieser Anstalt der Bahre unmittelbar folgten. Im Trauerhause nahm der Bruder des Verblichenen, Rabbiner Dr. B o n d i aus Mainz, mit thränenerstickter Stimme Abschied, sodann setzte sich der Leichenzug in Bewegung. In ergreifender Rede schilderte Herr Rabbiner Reich aus Baden die Herzensgute und Schaffensfreude, sowie die seltene Willens- und Thatkraft des so früh Dahingeschiedenen. Im Namen der Wiener Chewra-Kadischa sprach der Vicepräsident Herr Dr. Markus Spitzer, der die Bedeutung des Verblichenen als Mensch und Jude, sowie dessen eifrige Thätigkeit als Vorstandsmitglied der Chewra-Kadischa schilderte. Im Namen der „Schiff"-Schul sprachen die Herren Rabbiner Fürst und Vorstandsmitglied Herr Pappenheimer, welche die großen Verdienste des Dahingegangenen würdigten, sowie den unersetzlichen Verlust beklagten, den die „Schiff"-Schul und ihre Verwaltung durch das Hinscheiden ihres thätigsten Mitgliedes erleidet; ferner der Talmudgelehrte Herr Baumgarten, Rector in der „Schiffs-Synagoge. Für die Religionsschule sprach ein Lehrer dieser Anstalt, Herr Doctor Rosenfeld, der zur Charakterisirung, wie sehr der Verblichene von religiöser und humaner Gesinnung durchdrungen war, folgende Thatsacke hervorhob. Herr Bondi mußte sich im Verlaufe seiner Krankheit einer Operation unterziehen. Ehe derselbe diesen schweren Gang, der über Tod und Leben entscheiden sollte, nach dem Sanatorium antrat, berief er an sein Krankenbett den Präsidenten der Schiff- Schul, dem er Folgendes sagte: „In Ermanglung eines Sohnes betrachte ich die Religionsschule als meinen Sohn; sollte ich sterben, so bitte ich Sie für die Erhaltung und Pflege dieses meines Sohnes Sorge zu tragen". Zum Schluffe sprach Herr Rabbiner Dr. Auerbach und sodann nahm ein Onkel des Verstorbenen, Herr Benjamin Hirsch aus Halberstadt, im Namen der Familie in herzzerreißenden Worten Abschied von dem edelsten Sohn, dem zärtlichsten Gatten und treuesten Familienmitglied. Herr Hirsch wies darauf hin, daß der Verstorbene durch sein friedliebendes und friedenstiftendes Wesen, sowie insbesondere durch sein ausgeprägtes Berständniß, Thaura und Derecli erez zu vereinigen. schon in der so kurzen Spanne seines Lebens im Schoße seiner Familie, im Kreise seiner Freunde und seiner Gemeinde Großes und Ersprießliches zu leisten vermochte. Das „Joschew Besseser" recitirte Herr Cantor Jakob Schäfer und das „Hazur-Tomim" Herr Cantor Majer Seifert, der mit seinen elegisch feierlichen Tönen die Trauer in erhebender Weise zum Ausdrucke brachte. Tief ergriffen waren alle Anwesenden von der „Keria-Ceremonie", bei welcher der greise Vater und die Brüder des Verstorbenen in stiller und ruhiger Ergebenheit und mit großem Gottesvertrauen ihre Gewänder zum „Einschnitt" reichten. Keine Klage, kein Jammer war aus ihrem Munde zu vernehmen, ihr Herz brach, aber ihre Lippen murrten nicht. Gott tröste sie und Aron Bondi's Andenken bleibe gesegnet. Fürst Krapotkin über die Vorgänge in Kischenew. M Fürst Peter Krapotkin, der durch seine hervorragenden literarischen Arbeiten bekannte russische Revolutionär, hat anläßlich des im Hydepark in London gegen die Kischenewer Ereignisse stattgehabten Protestmeetings folgendes zur Verlesung bestimmtes Schreiben verfaßt, das von dem in Paris erscheinenden russischen Blatt „Revolutionaja Roffija" veröffentlicht wird: „Ich bedauere es lebhaft", heißt es darin, „daß ein Unwohlsein mich verhindert, auf dem Meeting das Wort zu ergreifen, um dem Entsetzen und dem Schamgefühl Ausdruck zu geben, die ich bei dem Gedanken an den widerwärtigen Ausdruck des religiösen Fanatismus und des nationalen Haffes empfinde, der in Kischenew bekundet wurde. Den Opfern der schrecklichen verbrecherischen Thaten. die an wehrlosen Juden verübt wurden, wollen wir die Versicherung unseres tiefsten Mitleides entsenden. Vor Allem müßten aber die Namen der wirklichen Urheber des Kischenewer Gemetzels, die eine ganze Reihe solcher Schandthaten in Petersburg, Kiew und anderen Städten vorbereiteten, an den Pranger gestellt werden. Dies sind jene Lenker des russischen Reiches, die während der letzten drei Jahrzehnte mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln den religiösen Fanatismus der Orthodoxen gegen Andersgläubige schürten. Sie benützten das Gesetz, die Schule, die Presse, die Allmacht der nationalen Kirche und die Unbeschränktheit der Bureaukratie. um dem Volke den Glaubenshaß einzuimpfen und auf solche Art und Weise, der Parole „theile und herrsche" folgend, im Kaukasus, in Polen, in Finnland und Turkestan die Völker zu unterdrücken. Statt die mittelalterlichen, die Rechte der Juden beschränkenden Ausnahmsgesetze abzuschaffen, wie dies 1861 geplant war, fand man unter Alexander III. und unter Nikolaus II. nichts Besseres, als die ohnedies sehr beschränkten Bürgerrechte der Juden noch mehr zu schmälern. Die Politik des Grafen Jgnatiew, die den Zweck verfolgte, die vier Millionen ruffischen Juden zur Auswanderung zu zwingen, begünstigte die Judenhetze und setzte alle Hebel in Bewegung, um brutale Judenverfolgungen zu insceniren, wie sie 1882 in Kiew, Warschau, Rostow u. s. w. stattfanden und wie sie sich unlängst in Kischenew in einer noch schrecklicheren Weise wiederholt haben. Bei all diesen Schreckenstaten begünstigte stets die Polizei den Raub. Sehr bezeichnend ist die Thatsache, daß derjenige Mann, der während der Judenverfolgungen im Jahre 1882 an der Spitze des Polizeidepartements stand, v. Plehwe, jetzt Minister des Innern ist. Damals wie jetzt besteht die Politik dieses Ministeriums in der Förderung der Judenverfolgungen, um für die allgemeine Volksunzufriedenheit ein Ablenkungsmittel zu finden. Zwar hat v. Plehwe in einem halbofficiellen Gespräch mit dem bekannten russischen Professor Janschul erklärt, er sei beiweitem kein solcher eingefleischter Antisemit wie Nikolaus Ü., allein dieser Verrath des czarischen Ministers liefert abermals den Beweis, daß der Gcundzug des russischen Absolutismus die Begünstigung des religiösen und Racenhasses ist." Die durch das Blutbad in Kischenew der jüdischen Bevölkerung entstandenen Verluste werden auf 2,332.890 Rubel angegeben. D's Hilfscomile gibt die Zahl der ausgeplünderten Wohnungen auf 700 an, die der Handlungen auf 600, die Zahl der Todten auf 47. der Schwerverwundeten auf 92, der Leichtverwundeten auf 345, der zu Krüppel Gewordenen auf 50, der Witwen auf 35 und der Waisen auf 123 an. Dieses Hilfscomite der Juden in Kischenew hat im Laufe des ersten Monats seiner Thätigkeit 736.476 Rubel gesammelt, von denen 192.433 Rubel aus Amerika, 16.001 aus England, 10.475 aus Oesterreich, 35.675 aus Deutschland, 5000 aus Italien, 1000 aus Holland und 9248 Rubel aus Frankreich, der Rest aus Rußland stammten. Von dieser Summe wurden 464.462 Rubel verausgabt, darunter 50.000 Rubel zur Uebersiedelung von 50 jüdischen Familien nach Palästina. Dem Counts waren bisher 2538 Gesuche um Unterstützung zugegangen. Die Blutlüge von Kischenew. Aus Odessa wird gemeldet: In Duboffary wurde ein gewisser Michael Rybolenko verhaftet unter dem erdrückenden Verdachte, seinen jungen Neffen ermordet zu haben. Man erinnert sich, daß der Mord dieses Knaben dem „Beffarabetz" in Kischenew zu der Ausstreuung Anlaß gab, daß die Juden den Knaben zu rituellen Zwecken ermordet hätten. Dieses Märchen vom Blutmord war alsdann einer der Factoren. die den Anlaß zu den Judenmetzeleien in Kischenew geboten haben. Ende Februar d. I. wurde zu Duboffary, einem kleinen Städtchen im Gouvernement Cherson, im Garten eines gewiffen Scholubow der Leichnam eines vierzehnjährigen Knaben Namens Michael Rybatschenko gefunden. Der Körper war blutleer und wies viele von einem spitzen Messer herrührende Wunden auf. Es war kurz vor dem jüdischen Passahfeste, und darum verbreitete sich in Duboffary und im benachbarten Beffarabien das Gerücht, die Juden hätten den Christenknaben zu Ritualzwecken ermordet. Den Gerichten und den Behörden gab der Fall viel zu schaffen. Der Oberprocuror des Odessaer Appellationsgerichtes A. I. Pollan, der Procuror des Odessaer Bezirksgerichtes N. M. Lewtschenko und der Chersoner Gouverneur wirklicher Staatsrath W. A. Lewaschew. aber auch die Polizei der Residenzstadt Petersburg interessirte sich angelegentlichst für das Verbrechen und schickte einige ihrer gewiegtesten Vertreter nach Duboffary. Doch der in tiefes Dunkel gehüllte Mord war nicht leicht aufzuklären. Der Gouverneur hatte den Gehilfen des Chefs der Detectiveabtheilung, W. K. Matwejew, nach Duboffary geschickt. Matwejew ließ sich dort als Berufsloser nieder. Des jüdischen Jargons vollkommen mächtig, knüpfte er mit den dortigen Juden Bekanntschaften an, aber auch zu der bäuerlichen Bevölkerung trat in nähere Beziehungen, und für eine zeitlang vermiethete er sich sogar als Arbeiter auf einer Tabakplantage. Bald brachte er in Erfahrung, daß der Großvater des Ermordeten. Kanon Rybatschenko, zum großen Leidwesen seines Schwieaersohnes Michael Timoschtsckuk den Knaben mittelst eines notariellen Testaments zum Erben des größeren TheileS seines

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