Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 480 Dr. Mocb's Mocbenscbritt. Nr. 30 hungrigen Augenglanze — das überrascht in der Masse der jüdischen Bevölkerung so sehr, daß es Einem das Herz bricht." „Alle die Leiden der jüdischen Handwerker in den Vereinigten Staaten erblaffen gegenüber dem Mangel der jüdischen Werkleute des Ansiedlungsrayons", bemerkt Soloweitschik. „Bei sämmtlichen Bevölkerungsclaffen des weiten russischen Reiches", sagt Leroy-Beaulieu, ..habe ich keine elendere gefunden, als jene mageren Juden im langen Kaftan und großen Stiefeln, die ruhelos die Straßen und Wege durchstreifen, irgend eine Beschäftigung suchend. Man spricht heutzutage viel von der Wiederaufrichtung des Proletariats und der socialen Erlösung. Ich kann es behaupten, daß in unserem Europa es Niemanden gibt, der mehr Mühe hätte, sein Kornbrod zu erwerben, als die neun Zehntel der ruffischen Juden. Thatsächlich ist es festgestellt, daß wenn man die jüdischen Taglöhner und Fabriksarbeiter bei Seite läßt, die Handwerker des Ansiedlungsrayons sich gegenwärtig in einem so entsetzlichen Elend befinden, daß man nicht selten einen Handwerker sehen kann, der kaum das trockene Brod erwirbt und gezwungen ist, mit seiner Familie zu betteln und nicht weiß, wo er sein müdes Haupt niederlegen soll." Wie reagirt nun dieses bemitleidenswerthe Proletariat auf seine drückende Lage? „Ein Drittel wird sich taufen laffen, ein Drittel wird auswandern und ein Drittel wird vom Tode hingerafst werden", soll seinerzeü Pobjedonoszew auf die Frage erwidert haben, was aus den verfolgten Juden in Rußland werden soll. „Nun, der Tod hilft hier trotz seines thätigen Eifers ebenso wenig, wie der Typhus das Problem der bäuerlichen Hungersnoth in Rußland lösen kann; von der Taufe machen gewöhnlich nur die bürgerlichen jüdischen Elasten Gebrauch (der neueste Erlaß der russischen Regierung hat übrigens auch diesem Lösungsmodus einen Riegel vorgeschoben), und die Auswanderung? Schon hat sich die türkische Regierung veranlaßt gesehen, Maßregeln gegen die Einwanderung der russisch-jüdischen Armen in Palästina zu treffen. Das Londoner East-End ist von armen ruffischjüdischen Emigranten überfüllt, wovon die meisten in den Sweatingbetrieben beschäftigt sind. Schon überströmen russisch-jüdische Arbeiter und Handwerker die nordamerikanischen Städte, und Transvaal lernt den ruffisch-jüdischen Hausirer kennen; die Masse des russisch-jüdischen Proletariats bleibt jedoch von diesem Abströmen unberührt." Wohl vereinigten sich die bedauernswerthen Handwerker und bildeten Handwerkerorganisationen zur Linderung ihres Elends, allein wenn man glauben würde, daß sie der Agitation Vorschub leisten, so ginge man sehr fehl, denn sie vertreten vielmehr in ihrem Grundton jenes staatsfreundliche Organisationsprincip, welches das Wesen des historischen Judenthums bildet. „Aber daneben ist in Rußland ein anderes Proletariat emporgewachsen und hat angefangen sich zu regen, nämlich das russische Fabriksproletariat. Die Jndustrialisirung Rußlands hat da eine Arbeiterclaffe geschaffen, die sich seit den Siebziger-Jahren für die revolutionären Lehren der russischen Sociologen und Publicisten empfänglich erwiesen hat. In den letzten zwei Jahrzehnten emancipirt sich diese Masse von jenen Lehren immer mehr und organisirt sich allmälig zu rein wirthschaftlichen Vereinen. Leicht begreiflich ist, daß das ruffisch-jüdische Proletariat dort, wo es mit russischen Genossen unter gleichen Verhältnissen lebt, mit in den Strom der russischen Arbetterbewegung hineingezogen wurde. Doch die Eigenthümlichkeit seiner Sitten, seiner Sprache, seiner Religion und seiner rechtlichen Lage bewirkte, daß auch dieser Theil des jüdischen Proletariats nicht völlig in jener Bewegung aufging. Er modelte auf seine eigene Weise die russischen Einflüsse um, indem er sich unter die Leitung einer russisch-jüdischen, socialrevolutionären Organisation, des „Bundes" stellte. Diese wird ihrerseits von der Bestrebung geleitet, das gesammte ruffisch-jüdische Proletariat auf ihre Weise zu organisiren." Um diese Organisation genau zu verstehen, muß man einen Blick auf die jüdische Arbeiterbewegung in Rußland vor der Gründung des sogenannten „Bundes" werfen. Man würde es wohl begreiflich finden, wenn der jüdischruffische Arbeiterstand der socialistischen Propaganda Gehör geschenkt hätte; denn alle ihm Zugehörigen sind ja von Haus aus Proletarier. Durch Generationen hindurch verfolgt sie aussichtslose Armuth; ohne Hoffnung auf ererbten Besitz, auf ökonomische Besserung ihrer Lage, auf die Gunst der sie verfolgenden Regierung und doch persönlich frei, haben sie außer ihrer kümmerlichen Existenz nichts zu verlieren. Gleichwohl hielten sie sich lange fern von der socialistischen Bewegung. In den Siebziger-Jahren aber entstand unter den zu dem Socialismus binneigenden ruffischen Juden das Bedürfniß des Zusammenschlusses. Doch schlugen sie vorerst einen ganz loyalen Weg ein: sie kramten den Zehnstundentag der Zunftgesetzgebung Katharina's II. heraus, um das jüdische Handwerksproletariat zum wirthschaftlichen Kampfe anzuregen. Bald traten sie mit einem Manifeste „an die jüdische Jugend" hervor. „Es ist Zeit", heißt es darin, „daß auch unsere (d. h. jüdischen) Proletarier zurückerobern, was die Ausbeuter ihres eigenen Volkes ihnen geraubt haben . . . Die Menschenverbrüderung kennt keine Eintheilung nach Völkern und Stämmen, sie kennt nur nützliche Arbeiter und verderbenbringende Ausbeuter. Gegen diese soll das arbeitende Volk den Kampf beginnen." Bald darauf veröffentlichten russisch-jüdische Socialisten eine Reihe literarischer Producte, die in dem Geiste der russischen Marxisten abgefaßt waren. Das geistige Centrum der russischen Juden, die Stadt Wilna, würde auch zum Mittelpunkte der ersten socialen Strömungen, welche von der russischen Socialdemokratie auf die russisch-jüdischen Arbeiter verbreitet wurden. Mit der Verbreitung der marxistischen Ansichten beginnt die socialistische Organisirung der jüdischen Arbeiter in Wilna. Von hier verbreitete sie sich auf Weißrußland, Lithauen und Polen. Doch ist sie in diesen Theilen Rußlands nicht gleicher Art. In Polen bestand schon 1693 eine geheime, der russischen socialdemokratischen Organisation untergeordnete jüdische socialdemokratische Partei, in Lithauen und Weißrußland hingegen bewegte sie sich in gesetzlichen Bahnen. Es währte nicht lange und die jüdische Arbeiterbewegung erlangte im Ansiedlungsrayon einen einheitlichen Charakter. Im Jahre 1897 vereinigte sich die polnisch-jüdische socialdemokratische Partei mit den lithauisch-weißrussischen jüdischen Arbeiterführern zum „jüdischen Arbeiterbunde für Polen und Rußland", der unter dem verkürzten Namen „Bund" bekannt ist. Dieser „Bund" betrachtete sich immer als von der russischen socialistischen Bewegung abhängig, -und als 1698 die socialdemokratische Partei in Rußland gegründet wurde, ließ er sich von dieser als Unterabtheilung aufnehmen. Nur in den Angelegenheiten, welche mit den Eigenthümlichkeiten seines Arbeitsgebietes verknüpft sind, behält sich der „Bund" Autonomie vor. Alle terroristischen Bestrebungen verwirft der „Bund" auf das Entschiedenste. lieber den ganzen Ansiedlungsrayon wurde ein Netz von Organisationen verbreitet, die, abgesehen von seinen eigenen politischen Doctrinen, doch der Idee der Claffensolidarität, der Idee des Ganzen, des Staates und des gesellschaftlichen Friedens Vorarbeiten. Das Hauptmittel des Claffenkampfes zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist die Arbeitseinstellung. Im Ganzen zählt man vom Ende des Jahres 1897 bis zum Sommer 1900 812 jüdische Strikes, von welchen der „Bund" in Kemitniß gesetzt worden ist. Die Gesannntzahl der Sinkenden — die Zahlenangabe ist für die wirthschaftliche Lage der russischen Juden bezeichnend — betrug 27.890. Ein anderes Mittel besteht in der Gewinnung der öffentlichen Meinung für die Arbeiterclaffe; die Comitss des „Bundes" erlassen in einzelnen Fällen Appellationen au die öffentliche Meinung und boycottiren gelegentlich einzelne widerstrebende Fabriksbesitzer. Der „Bund" verfolgt, wie man sieht,' als Träger einer Arbeiterbewegung eine planmäßige, zielbewußte Politik, welche ganz dem Sinne des positivistischen Umschwunges der russischen Socialdemokratie entspricht. Fragt man aber, was der „Bund" dem Juden, also nicht dem Arbeiter, geben kann, so erhält man blos negative Resultate; denn, indem der „Bund" als Compromiß zwischen der jüdischen Eigenthümlichkeit und den politischen Dogmen des russischen Socialismns entstanden ist, sucht er das jüdische Proletariat..für mchtjüdische Zwecke zu organisiren. So lange aber die nationale jüdische Eigen- Ihiimlichkeit der russischen Juden überhaupt noch besteht, werden die von den Russen durch den „Bund" ahoptirten Dogmen keinen Anklang in der Masse der russischen Juden finden. Der „Bund" glaubt dies dadurch überwinden zu können, daß er von seinem speciellen Gebiete aus die allgemeine jüdische Frage, durch kosmopolitische Postulate zu lösen versucht. „Von seinem partiellen Standpunkte aus hat er vielleicht recht; aber über diesen Standpunkt kann er sich nicht erheben. Den Volkswillen, der, unbekümmert um alle Schranken und Dogmen, eine lebendige Culturarbeit erzeugt, kann der „Bund" nicht repräsentiren. Und nur dieser Wille, der unmittelbar wirkt, kann die complicirte jüdische Frage in Rußland lösen. Der „Bund" ist und bleibt eine Claffenorganisalion, die von engen Claffeninteressen getragen wird; die russisch-jüdische Bevölkerung wird sich unabhängig von ihm ihre Bahn durch die Geschichte der Menschheit brechen." Lorrespondenzen. Wien. Am 15. d. M. ist Herr Aron Bondi, Mitchef der Hofmetallfirma Jacob Neurath in Wien, nach langem und schwerem Leiden in Baden bei Wien gestorben. Eine tückische Krankheit hat den kraftstrotzenden Mann in der Blüthe der Jahre, in der Vollkraft seiner Thätigkeit, auf der Höhe seines Wirkens dahingerafft. Nicht allein die hochangesehene Familie, nicht allein die Chewra-Kadischa und zahlreiche andere Wohlthätigkeitsvereine, in deren Verwaltung der Verblichene jahrelang segensreich wirkte, sondern das gesctzestreue Judentbum in Wien überhaupt hat durch den Heimgang dieses schaffensfreudigen, thatkräftigen Mannes einen schweren Verlust erlitten. Zahlreiche Kreise blickten auf ihn als den Mann der Zukunft, denn bei all seiner strengen Frömmigkeit und orthodoxen Principientreue war er echt humaner Gesinnung, voll Milde und Güte des Urtheils und verband mit all diesen Gaben einen Zug von Liebenswürdigkeit, der ihm alle Herzen gewann und. Jedem werth machte, der ihm je im Leben näher getreten. Das Leichenbegängniß des Verblichenen fand am 17. d. M. statt. Trotz der tropischen Hitze wanderten Hunderte Menschen von Wien nach Baden, um ihm das letzte Geleite zu geben. Einen tiefen Eindruck machte eine