Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Dlocb's Wocbenscbcttt Seite 479 Weise arme Jünglinge, die die projectirte Anstalt besuchen wollen, unterstützt werden. Ich bin auch der guten Sache wegen gewillt, gegen entsprechende Vergütung für die Bedürfniffe der Schüler, so viele auch sein werden, zu sorgen und ihnen eine passende Wohnung in einem geräumigen Haus, das ich zu diesem Zweck miethen werde, zu verschaffen. Wenn ich mit dieser Sache den Anfang Mache, so geschieht es deswegen, weil der Anfang mehr als die Hälfte des Ganzen ist und dadurch Größere als ich angeregt werden dürften, das Unternehmen zu Ende zu führen, wie man sich des kleinen Holzes bedient, um das große anzuzünden. Deshalb habe ich mich entschlossen, diese Präliminarien in Druck zu geben und in die Gemeinden unserer Umgebung zu versenden, damit die Frommen schauen und sich freuen, und sich der guten Sache annehmen, wobei das Verdienst ihrer Väter ihnen zu Hilfe kommen möge. Gott möge uns beistehen und unser Unternehmen segnen. Sein Bund sei mit uns zum Leben und zum Wohlergehen! (Folgen vier metrische Verse.) * * * Die Verfasser dieses Sendschreibens, David und deffen (nach dem Großvater benannter) Sohn Abraham gehören sammt den Brüdern des Erstgenannten. Moses und Juda, Autor des min’ rwiM, der italienischen Gelehrtenfamilie Provenzali an, deren hauptsächliche Bedeutung darin besteht, daß ihre Mitglieder als Freunde, Gesinnungsgenossen und Berather des Affarjaa de' Rossi dazu beitrugen, daß dessen Meor Enajim. das Hauptwerk der jüdischen Renaissance, das Licht der Welt erblickte. Wenngleich Moses und David Provenzali manche Behauptungen dieses Werkes in besonderen kritischen Abhandlungen bestritten, so darf man doch aus der häufigen und ehrenvollen Erwähnung, die de' Rossi den verschiedenen Provenzali's angedeihen läßt, schließen, daß er im Wesentlichen ihrer Zustimmung gewiß war und darin Antrieb und Förderung fand. Andererseits bietet das Werk de' Rossi's wegen deffen intimer Beziehung zu den Provenzali's die Handhabe für das Berständniß des obigen Sendschreibens und der Bestrebungen, aus denen es hervorgegangen ist. De' Roffi gedenkt gelegentlich der Ausführung seiner These, daß das Hebräische die Ursprache sei (Meor ed. Cassel 456). des David Provenzali. den er »das Panier der Thora in Mantua" nennt, indem er sich auf ein Werk Davids m beruft, worin bezüglich zweitausend hebräischer Wörter der Nachweis geführt werde, daß sie in das Lateinische, Griechische, Italienische und andere Sprachen ausgenommen worden seien. Unter anderen Bei» svielen führt de' Roffi das Wort Akademie an. das aus npy (= ö'jii ipp iva) und v->8 (= cnrz •sn na^cx) entstanden sein soll. Derartige etymologische Seltsamkeiten waren damals an der Tagesordnung, aber bemerkenswerth ist die bei dieser Gelegenheit vorgebrachte Mittheilung de' Rossi's. in dem »kürzlich hier in Ferrara" gebildeten Verein von (jüdischen) Gelehrten habe der erste Vortragende denselben als Akademie bezeichnet, und als einer der Anwesenden diese Benennung eines jüdischen Vereins mit einem griechischen Wort befremdlich fand, habe er, de' Rossi, den Betreffenden mit dem Hinweis auf die mögliche Abstammung dieses Wortes aus dem Hebräischen beruhigt, ja sogar seinen Beifall gefunden. Der Akademie in Ferrara gedenkt de' Rossi auch an einer anderen Stelle (233). wo er sie Midrasch ha«Jeschiba nennt und die sefardische Gemeinde daselbst als deren Gründerin bezeichnet. Er bemerkt ferner, daß daselbst die Gelehrten der Reihe nach jeden Tag vortrugen. In Ferrara lebte auch Abraham Provenzali. und de' Roffi erfreute sich seiner Belehrung und benützte seine Bibliothek (174, 498). Wenn nun auch über den Erfolg des vorstehenden Sendschreibens nichts bekannt und danach zu vermuthen ist. daß es ohne Erfolg geblieben, so künden doch die angeführten Daten das geistige Milieu an, aus dem das Sendschreiben hervorgegangen ist. Das darin befürwortete und wahrscheinlich mit Borwiffen de' Rossi's veröffentlichte Project bezweckte die Verschmelzung des Humanismus mit der Pflege der jüdischen Wissenschaft, und der Jdeengang des Sendschreibens zeigt, daß bei seiner Abfassung dem Autor die Gründung einer jüdischen Universität immer deutlicher als Ziel seines Strebens vor Augen rückte. Die Universitäten des XVI. Jahrhunderts waren von den Gymnasien in Bezug auf die Lehrart und die Lehrziele nicht grundsätzlich verschieden, und der Apparat mancher damaligen Universität war nicht erheblich größer, als er in dem obigen Sendschreiben in Vorschlag gebracht ist. Das jüdische Proletariat in Rußland. Die Vorgänge in Kischenew haben die Aufmerksamkeit der civilisirten Welt auf die Lage der russischen Juden gelenkt Antisemitischerseits wird das Schlagwort von dem jüdischen „Ausbeuter" in Rußland ausgegeben. Deswegen seien im Folgenden die rechtlichen und wirthschaftlichen Verhältnisse der Juden in Rußland auf Grundlage russischer Quellen dargelegt; sie finden sich in authentischer Weise vor in einer soeben erschienenen Studie von Sarah Rabbinowitsch über „die Organisationen des jüdischen Proletariats in Rußland."*) Der Befreier der russischen Leibeigenen, der Czar Alexander II., verlieh auch den Juden so manche Rechte. Durch eine Verordnung durchbrach er das alte Verbot der Ansiedlung der Juden in den russischen Provinzen, indem er allen jüdischen Handwerkern, Kaufleuten erster Gilde und akademisch gebildeten Juden das Wohnrecht in ganz Rußland gewährte, damit wirthschaftlich fortgeschrittene Elemente sich in Mittelrußland ansiedeln. Kaum machten jedoch einzelne jüdische Stände von ihren Rechten Gebrauch, als die Regierung Alexander's III. mit ihren reactionären Maßregeln gegenüber den Juden einsetzte. Wie sie mit Judenhetzen unmittelbar begann, so fuhr sie mit Judenverfolgungen fort. Es begann eine Periode der Ausweisungen der Juden aus den Centralprovinzen Rußlands in den Ansiedlungsrayon", aus dem flachen Lande in die Städte. Allen Juden wurde von nun an verboten, sich auf dem platten Lande anzusiedeln. Ausgenommen wurden nur Kastwirthe; aber auch diese Ausnahme fiel während der Regierung Nikolaus II. mit der Einführung des staatlichen Weinmonopols weg (1897). „Bis zu 75.000 jüdischer Familien mußten da ihre alten Wohnsitze verlassen; sie zogen in die Städte des Ansiedlungsrayons, um die auch ohnedies kümmerliche Existenz der dortigen jüdischen Bevölkerung durch ihre Concurrenz noch mehr zu drücken. So entsteht dort eine Ueberfüllung von Menschenkräften, wie sie sonst nur durch große technische Umwälzungen hervorgerufen zu werden pflegt . . . Das russisch-jüdische Proletariat ist daher jetzt eine einzigartige Erscheinung unserer Zeit. Sie bildet nicht die Kehrseite einer hochentwickelten Industrie; sie wurzelt vielmehr in der einseitig nationalistischen Politik des rusiischen Staates." Die in diese Verhältniffe genau eingeweihte Verfasserin der uns vorliegenden Studie charakterisirt die Lage dieses Proletariats höchst anschaulich mit den folgenden Zahlenangaben. Die Juden» welche 5,189.000 oder 4-13 Percent der gesammten Bevölkerung Rußlands ausmachen, vertheilen sich auf die einzelnen Theile folgendermaßen .- Kaukasus 0-63, Mittelasien 0-16, Sibirien 0-6. europäisches Rußland 4-81 Percent, davon kommen auf die polnischen Provinzen im Durchschnitt 14-01 Percent. Daraus läßt sich die ganze Bedeutung des Begriffes „Ansiedlungsrayon" erfassen. Nur so konnte es geschehen. daß fast alle Juden Rußlands in ein enges Gebiet eingeschlossen wurden, so daß man überall dort, wo von russischen Juden die Rede ist — im Gegensätze zu den westeuropäischen Verhältnissen— att eine Massenerscheinung zu denken hat. Umso klarer wird diese Thatsache, wenn man noch hinznfügt, daß diese Massen auch nach ihren Berufen rechtlich begrenzt sind, daß es sich hier meistens um proletarische Existenzen handelt. Folgende Zahlen gibt z. B. Subbotin (in der russischen Zeitschrift „Swjet") für das Jahr 1898 an: 32.000 jüdische Familien (130.000 Menschen) ernähren sich im Ansiedlungsrayon von der Landwirthschaft, soviel es noch auf dem zum Gebiete der Stadt gehörenden Boden möglich war (Gartenobst-, Tabak- und Weinbau), 112.000 Juden waren als Taglöhner, 450.000 als Handwerker, 64.600 als Fabriksarbeiter beschäftigt. „Noch 1887", erzählt Subbotin weiter, „wurde in der Hohen Commission zur Beurtheilung der jüdischen Frage (unter dem Vorsitze des Grafen Pahlen) behauptet, daß 90 Percent aller russischen Juden eine ganz ungesicherte Maffe bilden, die von der Hand in den Mund, in den drückendsten hygienischen Verhältnissen lebt und ein verzweifeltes Proletariat bildet, dem kein anderes in den anderen Theilen des Rayons gleicht." Man kann sich denken, wie die Sache jetzt, vierzehn Jahre nach den Untersuchungen der Commission, liegt. „Die Preise ihrer Häuser sinken, ihre Wohnungen fallen auseinander, ihr Mobilarvermögen wird verkauft; ihre Kaufs- und Zahlungskraft vermindert sich bis aufs Aeußerste; jede Woblthätigkeit, mag sie noch so sehr entwickelt sein, erweist sich als nutzlos." Mancherorts haben 50, ja 75 Percent keinen bestimmten Beruf, das heißt mit anderen Worten ausgedrückt, sie leben von der Hand in den Mund. „In Warschau war ein Dreißigstel aller Juden nickt im Stande, Gemeindesteuern zu leisten; mehr als die Hälfte der Tobten wird auf Synagogalkosten begraben." In einem Blatte, das sich sonst durch seine antisemitische Propaganda bemerkbar macht („Nowoje Wremja"), war vor Kurzem das Folgende über die Juden Wilnas zu lesen: „Das, was man in Städten mit russischer Bevölkerung nie trifft — Gesichter ausgesprochen hungriger, chronisch hungriger Menschen mit einem charakteristisch *) Volkswirthschaftliche Abhandlungen der Badischen Hochschulen. VII. Band. Ergänzungsband. „Die Organisationen des jüdischen Proletariats in Rußland von Sara Rabinowitsch." Karlsruhe 1903. G. Braun.