Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 478 Dr. Vwcb's Mocbenscbritt. Nr. 30 ist unser Programm, das wir, obgleich es zahlreiche Bestimmungen enthält, mit allen Kräften unter Gottes Beistand auszuführen gedenken. fS. 434.] 1. Zuvörderst werde ich mit besonderer Obhut mein Augenmerk darauf richten, irrige Ansichten aus den Herzen der Schüler mit der Wurzel auszureißen (falls sie solche, Gott behüte, haben sollten), und ihren Seelen gute Glaubensgrundsätze und richtige Ansichten, die der Thora und der Meinung unserer Lehrer entsprechen, einzupflanzen, bis ihre Reden und Gesinnungen bei allen ihren Handlungen gleichmäßig auf Gott gerichtet sein werden, wie es sich für jeden ordentlichen Juden schickt, so daß sie eifrig sind in Bethätigung der Gebote, welche die Erkenntniß und das Handeln betreffen, früh oder spät das Gotteshaus besuchen, sich an gute Lebensart gewöhnen, gute Eigenschaften annehmen und von schlechten sich fernhalten und infolgedessen durchaus eine wahrhaft gottgeweihte Saat sein werden, ein Reich von Priestern und ein heilig Volk. 2. Junge Leute aus der Fremde, die sich bei mir einquartieren, finden für ihre leiblichen Bedürfnisse gesorgt und brauchen sich in keiner Weise darum zu bekümmern. Beim Essen werden sie Tischgespräche über Thora und weltliche Dinge führen, um sich geistige und gesellschaftliche Vorzüge für ihre gesammte Lebensführung anzueignen. „Sie sollen Gott schauen und effen und trinken". Pensionäre werden nur für fünf Jahre ausgenommen, bis wohin man einen guten Fortgang in ihren Studien wahrnehmen kann, oder zum mindesten für drei Jahre, gemäß der herkömmlichen Geltung von Miethsverträgen. 3. Unsere Hauptbeschäftigung wird zum Gegenstand haben, was die Grundlage von allem ist, die schriftliche und mündliche Lehre, die, wenn unser Vorhaben gelingt, gleichsam unser ständiges Mahl bilden sollen, unter Anwendung aller der Weisen, Regeln und Genauigkeiten, die dazu gehören, und die wir nach Vermögen text-kritisch und eingehend behandeln wollen. Halachot, Tossafot und Decisoren werden ihren Platz im Lehrplan finden, und wenn vielleicht die Erreichung unseres vorgesteckten Zieles hinausgeschoben werden sollte, so werden wir mit den Decisionen dcs Rif und Ran anfangen. Mit Gottes Hilfe werden wir stufenweise aufsteigen, und wenn Schüler und Einkünfte sich vermehren sollten, werden wir dafür Sorge tragen, daß beim Vortrag der Halacha aufmerksame, tüchtige, scharfsinnige, im Pilpul gewandte Gelehrte auch aus deutschen Gemeinden und sogar gegen Entgelt anwesend sind, um sich an angemessener Disputation zu betheiligen. Durch solchen Disput wird sich die Halachi abklären und die Schüler werden sich die Fähigkeit der Vergleichung und Schlußfolgerung, sowie die Widerlegung von Einwänden um so sicherer aneignen. 4. Bei Behandlung der schriftlichen Lehre werden wir die vorzüglichsten Commentare neuer und alter Zeit lesen, sowohl die, die auf Erklärung der Gebote und gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich ihrer Grundlagen eingehen, wie auch die, die sich mit der Weisheit der Thora befassen, die gewöhnlich als die das Wesen Gottes behandelnde Philosophie bezeichnet wird. Auch werden wir Novellen hinzufügen, die noch nicht veröffentlicht sind, gemäß der Weisung, daß die Forschung in sich selbst lohnend ist, insofern jede Forschung Neues herbeiführl. So werden wir auch zu Zeiten mit den übrigen Büchern der heiligen Schrift verfahren, mit den Propheten und Hagiographen und mit solchen Midraschsammlungen, die bei den nach Erkenntniß Strebenden als werthvoll und angemessen gelten. 5. Zuweilen werden wir Abschnitte aus den Werken der gutgesinnten jüdischen Philosophen lesen, die mit den Wegen der Thora und unserer Weisen harmoniren, um den Glauben zu befestigen und Jrrthümer fernzuhalten. 6. Wir werden auch die hebräische Grammatik pflegen, da von ihrer Kenntniß das Verständniß sowohl des Wortsinnes der Schriftverse wie des ihnen innewohnenden geheimen Sinnes abhängt. Hieran werden sich auch Lehrvorträge über die Maffora knüpfen. 7. Im Zusammenhang hiermit werden die Schüler an guten und richtigen mündlichen und schriftlichen Ausdruck gewöhnt werden, je nachdem ein jeder länger oder kürzer in ungebundener oder gebundener Rede nach Art unserer besten Dichter sich auslassen will. 8. Auch sollen die Schüler kalligraphisch sowohl die assyrische wie die anderen hebräischen Schriftarten schreiben lernen, damit die Anzahl der Schreiber sich mehre in Israel. 9. Bestimmte Stunden sollen auf den Unterricht im Lateinischen verwendet werden, das jetzt beinahe nvthwendig in unseren Gegenden ist. Wir bedürfen dieser Sprache täglich im Verkehr mit den Fürsten und Edlen, es ist daher gestattet, sie zu lernen, umsomehr (S. 435), als man den Hausgenossen Rabbis wegen ihrer Beziehungen zum Hof sogar erlaubte, sich nach heidnischer Art zu scheren. Die Schüler werden deshalb Aufsätze sowohl im Hebräischen, wie im feinen Italienischen und Lateinischen machen, unter Anwendung aller Genauigkeiten und Feinheiten, die jeder Sprache eigenthümlich sind, was ihnen nur zum Ruhm, zur Ehre und Zierde gereichen kann. 10. Die des Lateinischen Mächtigen werden sich mit der über Logik, Philosophie und Mathematik vorhandenen Literatur stufenweise vertraut machen, so daß, wer Arzt werden will, nicht erst seine Tage in einem christlichen Studio bei sündhafter Vernachlässigung der Thoraforschung zuzubringen braucht. Er wird nach und nach das Erforderliche lernen, und alsdann nach kurzem Aufenthalt im Studio zur Ordination gelangen, worauf er sich in die Praxis begeben kann im Verkehr mit geübten jüdischen und christlichen Aerzten. Auch die nicht des Lateinischen Kundigen sollen die Wissenschaften aus hebräischen Uebersetzungen, die bereits vorhanden sind, kennen lernen, und siewerden ihre Zeit sparen, denn bei den Wissenschaften kommt es vornehmlich auf die Sache, nicht auf die sprachliche Fassung an, und Alles hängt von dem Verständniß ab. Die Schüler sollen von Sachverständigen in den verschiedenen Arten christlicher (d. h. nicht hebräischer) Schrift geübt werden, ebenso in den verschiedenen Arten der Rechenkunst, in der Arithmetik, Geometrie, danach in der Kosmographie und Astrologie. Alles werden sie bei uns finden, ohne sich anderswohin begeben zu müssen, soweit wir das Ziel für unseren Unterricht gesteckt haben. Von da an und weiter werden wir für einen Gelehrten sorgen, der in unserer Anstalt vortragen soll. 19. Zu bestimmten Zeiten werden Disputationen unter den Schülern sowohl auf dem Gebiete der Halacha, wie auf anderen wissenschaftlichen Gebieten, ferner auch Redeübungen stattfinden. Wenn die Schüleranzahl sich vermehren, sollte, werden wir auch eine entsprechende Anzahl von Aufsehern anstkllen, die die Schüler in gerechter Weise überwachen sollen, wie jedem seine Aufgabe zugewiesen wird. Es möge die Gnade des Ewigen unseres Gottes mit uns sein, und unserer Hände Werk wird gelingen, Amen, so sei Gottes Wille! Dies ist ein Theil des Programmes, das wir allen Sachverständigen vorlegen, damitsie erkennen, daß Gott aus Erden richtet und den Stadt- und Dorfbewohnern beständig Gutes erweist. Die in offenen Ortschaften Wohnenden werden sich ferner nicht darüber zu beklagen haben, daß ihnen niemand Segen zuwendet, denn sie können jetzt Anwendung von dem Rath machen: „Begib dich an den Ort der Lehre" (Spr. d. Väter 4, 14). Ich aber habe nur den Wunsch und bitte Gott, er möge mir beistehen, dem Gemeinwohl zu dienen, der Thora und dem göttlichen Zeugniß in meinem Haus einen Ehrenplatz zu schaffen, und ich werde mich meines Erfolges sehr freuen. Beachtet diesen Aufruf, ihr Edlen meines Volkes, Bekenner des Gottes Abrahams; wer immer zu seinem Volke gehört, der komme! Dies die Worte des Dieners, der das Wohl seines Volkes will und seinen Friedensgruß sendet, David Provenzali, Sohn des Abraham s. A. in Mantua. Ich Staub und Asche, der Sohn Abraham Provenzali, der hilflose Arzt, harre des Heils in vorbezeichneter Weise, euch und uns jederzeit zum Guten. Ich bin gewillt, mich nicht weiter mit der Ausübung der Arzneikunst zu befassen, wenn Gott mich würdigt, daß ich mich der großen Wohlthat anschließen kann. fS. 450.] Dieses ist kein Zusatz, sondern Hauptstück. Alles Obige habe ich, David, wohlweislich erwogen, um die ersten Männer der Gemeinde zu erwecken, daß sie dazu beitragen, der Thora und der Wissenschaft an einem bestimmten Ort nach obiger Weise eine Stätte zu bereiten, ja noch mehr, eine große Gelehrtenakademie zu errichten mit einem Rector an der Spitze, die durch allgemeine Beiträge erhalten werden soll. Denn dies Unternehmen ist ein höchst verdienstliches, das alle Angehörigen unseres Volkes unterstützen sollten, damit es möglichst vollkommen ausgeführt werde und zahlreiche Gelehrte, jeder in seinem Fach, sich dabei betheiligen können. Denn es ist unmöglich, daß einer oder zwei alle obenerwähnten Vorlesungen halten können, außer mit großer Schwierigkeit und übermäßiger Anstrengung, zumal in verschiedenen Abtheilungen und Classen von Schülern. Wohl aber können durch Beisteuer der Gemeinden zahlreiche Gelehrte für die verschiedenen Fächer angestellt werden. Ferner können auf diese