Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Seite 47? nach Prag von „neu aufgetauchten Sonderlingen", die sich selbst „Israeliten" nannten. Am 9. August erhielt der Kreishauptmann und auch der Bischof den gemessenen Befehl, sich nach jenen Ortschaften zu begeben, die namhaft gemachten Personen vorzuladen und zu verhören, ihnen alle Vorschriften über die erlassene Toleranz zu erklären und sodann darauf zu bestehen, daß jeder Einzelne sich wegen seines Uebertrittes neuerdings offen erklären müsse. „Sollten sie bei ihrer Erklärung verharren, daß sie „Israeliten" seien, so möge man -sie nach Mosaischem Gesetze behandeln und es ihnen zur Pflicht machen, daß sie sich unverzüglich beschneiden lasten müssen, wodurch vielleicht ihre Bekehrung bei Manchem eher und leichter zustande käme, als durch weiteres Zureden. Wofern sie auch alsdann Juden bleiben, so sind sie als Juden zu behandeln. Infolge dessen verlieren iie die Fähigkeit, Grund und Boden zu eigen zu besitzen und müssen sofort aus jedem Besitze desselben entfernt und verwiesen werden." (Fortsetzung folgt.) Eine jüdische Universität. Ein Projekt aus dem XVI. Jahrhundert. Von Oberrabbiner Dr. M. G ü d e m a n n-Wien. Welcher künftige Historiker immer die Geschichte unserer Zeit zu schreiben unternehmen und zu diesem Zweck in Bibliotheken und Archiven die Tagesliteratur der Gegenwart durchforschen wird, der wird die Beobachtung machen, daß man die Juden mit Allem und Jedem in Verbindung gebracht hat, er wird, um nur Eines zu erwähnen — auf die „Affaire" stoßen, die Jahre hindurch die Politik, Gesetzgebung und Entwicklung eines großen Reiches beeinflußt, die gebildete Menschheit von einem Ende der Erde bis zum andern in Athem gehalten hat und die schon für sich allein eine Geschichte der Juden der Gegenwart ist, und demzufolge wird seine Darstellung diese und die allgemeine Geschichte unserer Zeit als in reger Wechselbeziehung befindlich vorführen müsten, wenn anders sie ein getreues Bllo der Wirklichkeit sein soll. So ist es aber immer gewesen. Wenn es im Mittelalter Zeitungen gegeben hätte, würden die Juden darin einen ebenso großen Raum der Tagesgeschichte ausgefüll^ haben, wie es heute der Fall ist. Dies genügt, die Behauptung zu rechtfertigen, daß die Juden zu allen Zeiten mit der allgemeinen Geschichte innig verflochten waren. Aber diese ihre äußere Geschichte erhält doch erst vom Hintergrund der inneren die richtige Beleuchtung. Es ist am Ende mit der Geschichte und der Geschichtschreibung überhaupt so. Man begnügt sich nicht, die Vorgänge darzustellen, wie sie sich zugetragen haben, sondern man verfolgt diejenigen Personen, die hauptsächlich dabei mitgewirkt haben, bis in ihre intimsten Angelegenheiten, beobachtet ihre Erziehung und Entwicklung, sucht sie in ihrer Häuslichkeit und in ihrem Familienleben auf, betrachtet also auch hier das innere Leben als einen Commentar für die öffentliche, oft in den folgenreichsten geschichtlichen Umwälzungen sich entfaltende Thätigkeit. Deshalb ist die Memoirenliteratur für den Geschichtschreiber von so großer Bedeutung, denn in ihr findet er nicht selten die individuellen Keime weltgeschichtlicher Ereignisse verzeichnet. Auch die jüdische Literatur des Mittelalters ist vielfach Memoirenliteratur, nicht in dem Umfang und dem großen Stil wie anderwärts, aber es sind doch genug Aufzeichnungen vorhanden, in denen es sich zunächst um Persönliches handelt, die aber geeignet sind, Zeiterscheinungen, Bewegungen und Bestrebungen weiter Kreise zu beleuchten. In das Gebiet dieser Aufzeichnungen gehört auch das Actenstück. das die Gründung einer jüdischen Universität projectirt und womit wir uns hier beschäftigen wollen. Der hebräische Text dieses Actenstückes wurde von Halberstam s. A. im 5. Jahrgang der Zeitschrift pabn ed. Bril „Schwärmerei", nämlich die Kreise: Neubhdzow, Czaslau und E h r u d i m, welche damals zur Prager Erzdiöcese gehörten, zu bereisen und. mit besonderen Vollmachten ausgerüstet, die Bekehrung der Religionsschwärmer zu veranlaffen. Bischof H a y gab bekanntlich seine Schwester dem getauften Juden Wiener zur Gemahlin, der später unter dem Namen von Sonnenfels eine Zierde des Staates wurde und dessen Name in der Literatur- und Culturgeschichte Oesterreichs glänzt. SS. 418, 434, 450 ff. veröffentlicht und bildet den Wortlaut eines d. d. Mantua 9 Nissan 1564 im Druck erschienenen Sendschreibens des David Provenzali und seines Sohnes Abraham. Obwohl das Actenstück, wie ausdrücklich darin gesagt wird, an die hervorragenden Personen in den jüdischen Gemeinden versendet werden sollte und wohl auch wurde, so fand sich doch nur ein Exemplar davon im Anhang eines Briefes, das Abraham Joseph Salomo Graziano in Modena (um 1640) gehört, und woraus N. Coronet es für Halberstam copirt hatte. Eine weitere Beachtung hat der offene Brief, mit Ausnahme einer gelegentlichen Erwähnung seitens David Kaufmann, nicht gefunden. Da er aber nicht blos für die humanistischen Bestrebungen der Juden in Italien, sondern auch als Vorläufer der gegenwärtigen Rabbinerseminare und jüdisch-theologischen Lehranstalten von bleibender Bedeutung ist, so gebe ich hier die deutsche Uebersetzung nebst einigen die Ber^ fafler und ihr Project betreffenden Bemerkungen, eine ausführliche Behandlung des Sendschreibens im Zusammenhang mit der Darstellung der Zeitgeschichte für eine andere Gelegenheit mir vorbehaltend. Uebersetzung. fS. 418.j Dies find die Zeugnisse, Satzungen und Bestimmungen, die mit Gottes Hilfe gelangen sollen in dem der Thora gewidmeten bescheidenen Heiligthum und wiffenschaftlichen Institut, das in seinem Haus und Wohnort in Mantua zu errichten beabsichtigt inia R. David b. Abraham Provenzali. Er wendet sich hiermit persönlich an euch, ihr heiligen Männer der Gemeinde Israels fern und nah. mit seinem Gruß. Es ist eine traurige Erscheinung, daß leider die begeisterten und kenntnißreichen Männer unter uns immer weniger werden und keinen Ersatz finden, zumal nachdem die Bundeslade Gottes, die Lust unserer Augrn, für immer von uns genommen ist. Der dadurch herbeigeführte traurige Zustand, in dem wir die strafende Hand Gottes erkennen müssen, findet unter den Völkern, in deren Mitte wir wohnen, nicht seinesgleichen. Diese schwingen sich vielmehr immer höher empor in der Weisheit, Einsicht und Erkenntniß und jeder Handfertigkeit, die Gemeinde Israels aber ist einsam, verlassen, arm und in trauriger Verfassung. wie ein verlaffenes Lamm und eine Herde ohne Hirten, und das gegenwärtige Geschlecht, insbesondere die Jünglinge, die nach dem Untergang unserer Sonne geboren sind und aufwachsen, gleichen einem, der sein Lebtag kein Licht gesehen hat. In der Trauer über diese Erscheinung und diesen Verlust ist trotz meines hohen Alters der Eifer für d.en Herrn der Heerschaaren in mir erwacht wegen des Unterganges der Lehrstätten und Akademien in unseren Provinzen, der so vollständig ist, als ob sie niemals gewesen wären, und der mich mit der Besorgniß erfüllt, daß, Gott behüte, die Thora ganz in Vergessenheit gerathen werde. Auch nehme ich die Verkehrtheit wahr, daß man sich um das ewige Leben nicht kümmert und nur den Angelegenheiten des zeitlichen sich widmet oder fremde Wiffenschaften auf den Universitäten der Nichtjuden studirt, wodurch man deren Handlungsweise sich angewöhnt. Die Thora aber legt Trauer an darob, daß man in dem Nebensächlichen sein Heil sucht und die Hauptsache vernachlässigt. Deshalb habe ich beschlossen, mit Gottes Hilfe mein Haus zu einem Lehrhaus einzurichten, in dem bevorzugte israelitische Jünglinge ihr Bedürfniß nach Thora und Wissenschaft befriedigen können. Denn warum sollen wir übler daran sein, als alle Völker, die einen festen Sitz zur Pflege der Bildung und eine für das Studium der Wissenschaft und der Gesetze geeignete Stätte haben, wo Schaaren von Zuhörern sich versammeln und es nicht an der richtigen Mischung fehlt! Hat ja doch Gott auch mit uns geredet und schickt es sich für uns, in den Fußtapfen der hervorragenden Männer in Israel, unserer Brüder und Lehrer in Palästina zu wandeln, wo dieselben zahlreiche Akademien halten. Zwar macht in Palästina schon die Luft weise durch eine geheimnißvolle Fürsorge der Vorsehung, die nie aufgehört hat, noch aufhören wird; aber vielleicht fügt es Gott, daß wir wieder ein Volk werden. Deshalb ist es unsere Pflicht, auch in diesen Ländern für die Erweiterung und Ausbildung der Thorakenntniß zu sorgen, biz ein Geist von oben über uns ausgegoffen wird, der uns wieder zurückführt wie einst und das Haus des Lebens wieder aufrichtet. Mein Mitarbeiter wird mein ältester Sohn, den Gott erhalte, sein. Er ist Doctor der Philosophie und Medicin und hat sich auch in diesen Fächern hervorgethan, nachdem er den Grund in der göttlichen Lehre gelegt hat. Er wird mein Beistand sein, miteinander werden wir die Sache durchführen, so zwar, daß wir beides, die Thora und die Wiffenschaften, betreiben. Folgendes