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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-24 · 30 (24.7.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Kiocb's MocbenscbrttL Sette 475 welche Mr. Hay auszeichnen. Wenn die Russen das amerikanische»« Volk verstanden hätten, so konnten sie durch Annahme der PetitionD einiges der eingebüßten freundschaftlichen Hochachtung wtedergewinnen.^ Aber wie heute die Dinge stehen, ist es nach amerikanischer lieber-^', zeugung Amerika und nicht Rußland, welches gesiegt hat. Um dem Abscheu Amerikas vor der russischen Grausamkeit vollkräftigen Aus- , druck zu wahren, haben sich der Petition Gouverneure vo i Staaten, Senatoren, Kongreßmitglieder, Richter des obersten Collegiums, Bischöfe, Erzbischöfe. Exbotschafter, Exminister und zahlreiche hervorragende Bürger angeschlossen. Die Amerikaner haben die Sache der Juden zu ihrer eigenen gemacht, und ihre Entfremdung gegen das jndenhetzende Rußland wird wahrscheinlich eine bleibende sein. Die amerikanische Presse zeigt wenig oder keinen Groll über Rußlands Weigerung, weil dessen Auswärtiges Amt formell dazu berechtigt war. Weiters constatirt aber die Presse, daß der Zweck der Petition erreicht wurde, daß sich die civilisirte Welt gegen Rußland gestellt hat und selbst die russischen Beamten einsehen müssen, daß es unpolitisch ist, auf Ausschreitungen gegen Juden zu bestehen, blos weil sie Juden sind. Aehnlicher Meinung ist die „Times", die einen Leitartikel der Petitionsaffaire widmet. „Die Haltung der russischen Regierung", schreibt sie, „beeinträchtigt nicht die geschichtliche Thatsache, daß Roosevelt und seine Berather beschlossen, amtlich der weitverbreiteten Sympathie für die unglücklichen russischen Juden Ausdruck zu verleihen. Damit haben sie das Siegel ihrer Anerkennung dem gewaltigen weder auf Amerika oder gar auf die Religionsgenossen der Opfer beschränkten Umfang der Gefühle aufgedrückt, welche allenthalben gegen diese Greuel protestirt haben. Dieser auffällige, ungewöhnliche Schritt lieferte einen treffenden Beweis des moralischen Muthes und der Entschlossenheit Roosevelt's und Hay's. Mehr konnten sie nicht thun, ohne sich der Bezichtigung unfreundlicher Handlungen und entsprechenden Repressalien auszusetzen. Wenn auch die diplomatische Etikette der Action ein Ende zu machen wußte, so ist es doch unmöglich, daß diese große Kundgebung der Regierung eines großen Volkes nicht die Mauern der Bureaukratie durchdringen und dem Czar zur Kenntniß kommen sollte. Daß dann ihre Bedeutung von diesem humanen Monarchen verkannt werden könnte, befürchten wir nicht." Maßregelung von hohen Funktionären. Wie aus Petersburg telegraphisch gemeldet wird, ist der Vicegouverneur von Kischenew, Ustrugow, nach Stawropol im Kaukasus versetzt worden; ferner wurde der Chef der Gendarmerie in Kischenew, Baron Lewendal, aus dem activen Dienste in die Reserve versetzt. Beide Maßnahmen tragen den Charakter von Strafverfügungen, die Versetzung von Beamten nach dem Kaukasus galt von jeher als eine Art von Verbannung. Sowohl Ustrugow als Lewendal waren nach der Kischenewer Affaire als die am schwersten compromittirten Beamten in Disciplinaruntersuchung gezogen worden. Auf Grund der Ergebnisse derselben hat nun der Minister des Innern, Herr v. Plehwe, über die beiden Functionäre die genannten Maßregelungen verhängt. Der Vorschlag Plehwe's an den Czaren wurde von diesem mittelst Ukas vom 18. d. M. genehmigt. Der gewesene Gouverneur von Kischenew, Baron v. Raaben, welcher nach den Excessen abberufen worden war, hat dieser Tage um eine Audienz beim Czaren nachgesucht. Es wurde ihm bedeutet, daß der Czar nicht gewillt sei, ihn zu empfangen. * * * Der neue Gouverneur von Bessarabien, Fürst S. D. U r u s s o w, hat bei seinem Eintreffen in Kischenew eine jüdische Deputation unter der Leitung von Dr. Mutschnik empfaügen und ihr auf das Bestimmteste versichert, er würde alle Maßnahmen treffen, um die gestörten Beziehungen wieder zu reguliren. Er bat die der Deputation angehörenden Juden, offen mit ihm zu reden und ihm in seiner Aufgabe zu helfen. Dasselbe sagte Fürst Urussow einer Deputation jüdischer Aerzte. Als der Gouverneur dem Dr. Mutschnik und dem Rechtsanwalt Königschanz, den Leitern der Deputation, am nächsten Tage ihren Besuch erwiderte, machte dieses in den Annalen der Geschichte Kischenews nie dagewesene Ereigniß einen tiefen und beruhigenden Eindruck auf die ganze städtische und namentlich die jüdische Bevölkerung, welche darin den Beweis einer Gleichstellung der verschiedenen Bevölkerungsschichten unter dem neuen Gouverneur erblickte. — Gleichzeitig liegt die Meldung vor, daß die Landpolizei des Kreises Kischenew dafür Sorge tragen soll, daß die nach dem Blutbad aus Kischenew aufs Land geflohenen Juden wieder in die Stadt zurückkehren, weil nicht die geringste Gefahr für sie mehr vorliege. j Dom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. '(Aus Karlsbad und Baden. — Wahl von Sommerfrischen. — Ein antisemitisches W a h l b i l d.) Das Oberhaupt der Christlich-Socialen und Bürgermeister der Stadt Wien, Herr Doctor Karl Lueger, ist seit einigen Jahren bereits in jedem Sommer Curgast in Karlsbad. Ebenso regelmäßig wie Herr Doctor Lueger alljährlich Karlsbader Sprudel trinkt, erscheinen im „Deutschen Volksblatt" gehässige Artikel über den Weltcurort» der als das Rendezvous jüdischer Schnorrer geschildert wird. Selbstverständlich werden in diesen Artikeln, die in Wien geschrieben und von Karlsbad datirt sind, die Juden mit all den schönen Eigenschaften ausgestattet, die ihnen das antisemitische Gelichter seit Jahren systematisch andichtet. Sie sind allesammt krummbeinig und krummnasig, schmutzig und ekelhaft. Die körperliche Schönheit und Wohlgestalt, die Herrn Hans Arnold Schwer in der kaukasischen Race auszeichnet, bleibt den Juden versagt, so appetitlich wie der Ernst Schneider sieht niemals ein Jude aus. Der diesjährige Karlsbader Artikel des „Deutschen Bolksblatt" hat seine Vorgänger an Gemeinheit womöglich übertroffen, und gutchristliche Leser des „Deutschen Volksblatt" haben über diese Leistung des Schandblaltes ihren Ekel ausgesprochen. Es wäre interessant, die Anschauung des Herrn Dr. Lueger über diesen Artikel zu hören und ihn darüber zu befragen, warum er ungeachtet des widerwärtigen Anblicks, den Karlsbad wegen der vielen Juden angeblich vielen soll, denn doch immer wieder mit Vorliebe die Sprudelstadt aufsucht. Die Wahrheit ist, daß die Badeverwaltung von Karlsbad den internationalen und interconfessionellen Charakter des Weltcurortes stets zu wahren wußte und daß auch die eingefleischtesten Antisemiten, darunter Herr Doctor Lueger, sich in Karlsbad wohl fühlen. Anders liegen die Dinge in unserem benachbarten Curorte Baden bei Wien. Hier paffirt es den jüdischen Curgästen, daß ihnen in einzelnen Badeanstalten von den Badedienern mitoffenkundigemHohne Antisemitenblätter überreicht werden, in welchen Schmähartikel über die Juden enthalten sind. Als kürzlich nach dem plötzlichen Tode des Rennfahrers Spitz ein Mitglied des Renncomites jene cynische und rohe Aeußerung machte, die den lebhaftesten Unwillen aller Besucher des Trabrennplatzes ohne Unterschied der Consesfion hervorrief, da brachte das dortige Bezirksblättchen einen Artikel, der zeigt, daß der dortige „Schriftleiter" ein gelehriger Schüler seiner Wiener Vorbilder ist. Für die krummnasigen und schiesbeinigen Juden auf dem Rennplätze müsse man eine größere Anzahl Sicherheitswache bereithalten, um das Direetorium vor Demonstrationen zu schützen. Der Schutzpatron und Förderer dieses Antisemitenblättchens ist der Obmann des Trabrennvereines Herr K r a f f t, und so ist es nicht überraschend, daß die Aeußerung „Wieder ein Jud' weniger!" seitens des Direetoriumeine so milde Beurtheilung erfuhr. Die antisemitische Agitation in Baden erfreut sich seitens der städtischen Verwaltung und seitens der Curcommission einer überaus wohlwollenden Neutralität. Und so oft die jüdischen Curgäste die Straßen Badens Passiren, können sie fast regelmäßig antisemitischer Aeußerungen seitens der einheimischen Bevölkerung gewärtig sein. Es ist Geschmacksache, ob jüdische Patienten, welchen ja die Wahl civilisirter Curorte freisteht, im Interesse ihrer Gesundheit handeln, gerade dorthin zu gehen, wo sie stündlich empörenden Beleidigungen ausgesetzt find. * * * Ueberaus lehrreich für die Beurtheilung des antisemitischen Treibens sind die Berichte über die Methode, nach welcher in Deutschland der Wahlsieg des Antisemiten Böckler durchgesetzt wurde. Natürlich war der Ritualmord eines der wirksamsten Agitationsmittel. Der noch heute unbekannte Mörder des Gymnasiasten Winter mußte ein Jude sein und der Mord aus rituellen Motiven unternommen. Alles Unglück und Elend, so wurde den Bauern des Flatower Kreises gesagt, stamme von den Juden her. Bei jedem Verbrechen habe ein Jude die Hand im Spiele, die Macht des Judenthums reiche soweit, daß die Beamten, die Richter, kurz jede staatliche Institution unter jüdischem Einfluß stehen. Wenn ein armer Bauer oder Handwerker vor Gericht erscheinen müffe, sei der Richter entweder ein Jude oder getaufter Jude, der Rechtsanwalt selbstverständlich ein Jude, und unter solchen Berhältniffen müffe jeder anständige Christ immer zu Gunsten der Juden

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