Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 474 Dr. Wlocb's Mlocbenscbritt. Nr. 30 ftatiren müssen, nur in Oesterreich und Deutschland, nicht aber in dem angeblich so finsteren Rußland. Allerdings Wäre das Verbrechen von Dubossary wahrscheinlich auch dort uugesühnt geblieben, wenn die Justizbehörden die Nachforschung den Localbehördeu überlassen und nicht einen gewiegten Criminalisten an den Thatort entsendet hätten. Das beweist, daß die Crimiualpolizei in Rußland besser organisirt ist als bei uns, wo zahlreiche ländliche Morde nur deshalb ungesühnt bleiben, weil wohlgeschulte und erfahrene Detectives nur in den größeren Städten vorhanden sind und die ersten Recherchen, auf deren richtige Disposition es vor Allem aukommt, von der mit anderen Geschäften überlasteten Gendarmerie vorgenommen werden. Fast genau derselbe Fall wie in Dubossary, hat sich zu Weihnachten 1902 in dem Dorfe Ossek bei Rokycan ereignet. Die Veranlassung zur Mordthat bildeten ähnliche Familienumstände, allein von der Ueberweisung der Urheber oder Thäter hat man bis jetzt nichts gehört. Auch dort spielte der Schnitt oder Stich in den Hals eine für die Juden gefährliche Rolle, und die Hetzpresse von Pilsen und Budweis war eifrig am Werke, daraus einen „Ritualmord" zu machen. Die Duldung dieser Hetze auf der einen, die Mängel der gerichtsärztlichen Obductionen und der Criminalpolizei auf dem Lande auf der anderen Seite müssen die Mörder immer sicherer machen. In dem Augenblicke, wo wir diese Zeilen schließen wollen, meldet das „Deutsche Volksblatt", daß in Marchtrenk bei Wels ein 5 ^jähriges Mädchen geschändet und ermordet wurde, und daß nebst anderen Verletzungen an dessen Halse eine tiefe, Kehlkopf und Halsschlagader trennende Wunde sich vorfaud. Also wieder — ein „Ritualmord!" Das Geschäft des Herrn V e r g a n i und Hans Arnold Schwer wird täglich blühender, und es soll uns nicht wundern, wenn sie demnächst eine Dankadresse mit den Unterschriften aller unentdeckten Mörder bekommen. Amerika,mk Rußland. Die Antisemitenblätter schlugen Purzelbäume vor Freude, daß der Präsident der Vereinigten Staaten die Adresse zu Gunsten der Juden in Rußland an den Czar nicht abgesendet hat. Lassen wir ihnen dies kindische Vergnügen. Es beruht ja doch nur auf der Selbsttäuschung, daß der Präsident Roosevelt vom Czar eine Zurückweisung erfahren habe. Wie wenig kennen diese journalistischen Stümper den Präsidenten und das amerikanische Volk! Nicht der letzte amerikanische Politiker würde sich die geringste Zurückweisung gefallen lassen, und das sollte Roosevelt gethan haben? Das amerikanische Volk ist so stolz auf seine Macht und seinen Einfluß, und dieses sollte es gestattet haben, daß seine Stimme nicht gehört werde? Das ist einfach unmöglich! Aber wie verhält sich diese Auffassung von dem amerikanischen Charakter, dessen Stolz den des Briten mit jenem des Spanier vereinigt, zur Thatsache, daß die Petition zu Gunsten der russischen Juden doch nicht abgesendet wird? Dem blöden Antisemitenauge erscheintdies als ein Wiederspruch und ein Echec, sie können sich kaum fassen vor Schadenfreude und möchten sogar das ihnen congeniale Rußland als Sieger im Streite bejubeln. Den Jubel hören wir wohl — aber der Anlaß dazu ist nicht vorhanden! Nicht Rußland hat gesiegt, sondern Amerika, und die Wahrheit ist, daß Amerika den vollen Erfolg seiner Initiative erntet, Rußland aber klein beigegeben hat. Die Adresse ist zwar nicht abgesendet, aber diese Absendung ist ja doch nur ein formaler Act. Der Inhalt der Adresse ist zur Kenntuiß der russischen Regierung und des Czaren gekommen, und das ist das wesentliche Moment. Mögen sie auch das Papier nicht in ihren Acten haben, was darin stand, wissen sie, und ebenso wissen sie, wer zu chuen gesprochen hat: das amerikanische Volk im Namen der Gerechtigkeit. Das Papier haben sie nicht angenommen, aber die Worte haben sie vernommen, mit dröhnender Stimme hat ihnen Amerika seine Meinung inAdie Ohren gerufen, und sie haben sich beeilt, das zu thun, was man von ihnen gefordert hat. Die Adresse habenWe nicht in Empfang genommen, aber was darin stand,Waben sie gehört. Ja, der Sieg der Amerikaner ist umso größer, weil es nicht einmal der Absendung der Adresse bedurfte, um den Czar und seine Regierung zu veranlassen, das zu thun, was man von ihnen begehrte: Gerechtigkeit. Erst nach Bekanntwerden der amerikanischen Adresse begann man in Rußland sich auf die Pflicht eines europäischen Staates zu besinnen und hörte, wenigstens für den Augenblick, auf, der Justiz eine wächserne Nase zu drehen und ihren schielenden Blick uncorrigirt zu lassen. Niemals hätte man einen Urussow nach Kischenew entsendet, um dort ein wenig unter dem Raub- und Mordgesindel auszuräumen; niemals hätte ein Fürst Urussow eine jüdische Deputation so empfangen, wie es geschehen ist; niemals hätten die Gerichtscomödien sich in bitteren Ernst verwandelt, so daß sogar ein Notar aus Furcht vor demselben sich das Leben nahm, wenn nicht die amerikanische Adresse vorhanden gewesen wäre, wenn nicht Amerika den ernsten Willen gezeigt hätte, sie trotz russischer Ablehnung nach Petersburg zu senden und einen Echec herauszufordern, dessen Beilegung Rußland doch etwas mehr gekostet hätte, als was man jetzt von ihm verlangte: Gerechtigkeit! Rußland hat sich beeilt, der Adresse zuvorzukommen. Hat also die Adresse nicht ihre volle Wirkung gethan? Dafiir aber, daß Amerika auf der Form nicht bestand, sondern sich mit der Erfüllung der in der officiell nicht übergebenen Adresse aufgestellten Forderung nach Sühne und Gerechtigkeit begnügte, hat wieder Rußland eine Entschädigung leisten müssen. Gebeugt von dem Willen des amerikanischen Volkes, hat Rußland in der Mandschureifrage den Amerikanern Concessionen gemacht, die es bis dahin verweigert hatte. So hat denn Amerika auf der ganzen Linie in der Sache selbst den Erfolg erzielt, den es beabsichtigt hatte, und damit hat es der Sache der Civilisation, der Gerechtigkeit, der Cultur einen großen Dienst erwiesen. Mögen die Antisemiten jubeln, daß in der Form aus das Princip „der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eines fremden Staates" Rücksicht genommen wurde, wer an solchen Formsiegen Gefallen finden kann, dem kann man das kindische Vergnügen gönnen. Die Amerikaner sind aber keine Formmenschen, sondern praktische Leute, sind sich ihrer Kraft bewußt, und wenn ihnen in der Sache Genüge geschehen ist, dann mag das Papier der Adresse ruhig in Washington bleiben, der Geist derselben hat doch bis St. Petersburg gewirkt! Darum beglückwünschen wir auch die amerikanischen „Bnai Brith“ zu dem Erfolge, den sie errungen haben. Nicht nur ihre Einigkeit hat sie stark gemacht, in dem ethischen Grundgedanken, der sie beseelt, ist ihre Kraft gelegen; dieser war es, der im amerikanischen Volke die Ueberzeugung wachries, daß ihre Forderung eine gerechte ist und der Sieg der Gerechtigkeit ist ihr Sieg, ist der Sieg Amerikas. Es liegt in diesem Sieg auch noch eine andere Lehre. Damit ein Volk einem anderen seinen Willen auferlege, braucht es nicht der Zerstörungswaffen, nicht Feuer und Schwert, nicht Brand und Mord, ein fester Wille, der sich auf Moral stützt, thut einen besseren Dienst. Es gibt dann eigentlich keinen Sieger und keinen Besiegten, denn auch derjenige, der besserer Einsicht folgt und das Unrecht meidet, ist kein Besiegter. Wenn nur die Moral siegt, das ist die Hauptsache! Dem New - Iorker „Times"-Correspondenten zufolge rief Rußlands Weigerung, die Petition anzunehmen, weder Ueberraschung noch Aerger in Anierika hervor. Es wurde niemals geglaubt, daß man in Petersburg die Petition annehmen werde. Man fühlt trotzdem, daß die Petition ihren Zweck erfüllt hat. Selbst die amerikanischen Juden fühlen das und anerkennen herzlich ihre Dankschuld an Roosevelt und Hay. Die Thatsache, so fährt der Correspondent fort, daß Hay den vollen Text der Petition in seine Depesche an Mr. Riddle aufnahm, wird als Proclamation des Inhaltes an alle Welt angesehen, es ist eine jener wirksamen diplomatischen Methoden,