Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 470 Dr. Wlocb's Mocbenscbrift. Nr. 29 „Nu", begann Artem, „was knurrt ihr?" Er wollte ihnen etwas schrecklich Beleidigendes sagen, doch fehlte es ihm an Worten uub er hielt inne. „Bell' auf einmal los!" erwiderte, das Gesicht verzerrend und mit der Hand durch die Luft fahrend, der zerlumpte Bräutigam. „Oder lieber, geh' fort von uns, in alle vier Windrichtungen, du Hc-lchlock! . . ." „Schweig!" rief Artem und runzelte die Brauen. „Du bist wüthend . du beneidest den Juden, weil ich mit ihm in Freundschaft lebe, indeß ich dich fortjagte . . Euch allen sage ich es, — er ist bester als ihr — er, der Jude! Denn er hat Mitleid mit Menschen, indeß ihr dieses Gefühl nicht kennt . . Er ist nur schrecklich gequält ... So nehme ich ihn denn unter meinen Schutz . . und wenn irgend ein Scheusal unter euch es wagen sollte, ihn zu beleidigen — nehmt euch in Acht! Ich warne euch: wer ihn mit einem Finger anrührt, nicht schlagen werde ich ihn, aber foltern ..." In seinen Augen blitzten plötzlich wilde Funken auf, seine Halsadern waren geschwollen, seine Nüstern bebten: „Das ihr mich schlugt, als ich betrunken war, daran ist nicht viel gelegen! Meine Kraft habt ihr nicht vermindert, aber mein Herz ist noch grausamer geworden. Merkt euch das! Und für Kain, für jedes kränkende Wort, daß ihm gesagt wird, trete ich ein, und wer ihn beleidigt, den schlage ich einfach todt. Das sollt ihr allen sagen . . .* Er holte tief Athem, als habe er seine Brust von einer großen Last befreit, wendete den Leuten den Rücken und kehrte an seinen Tisch zurück. „Eine gesunde Rede!" sagte halblaut der zerlumpte Bräutigam, und als er sah, daß Artem dem Juden gegenüber Platz nahm, schnitt er ein trauriges Gesicht. Kain saß da, bleich vor Erregung, und seine weitgeöffneten Augen, in denen das Gefühl unendlicher Dankoa keit sich wiederspiegelte, waren unverwandt auf Artem gerichtet. „Hast es gehört?" fragte der Riese streng, „Also denk' daran! Wenn Jemand mit dir anbindet, sofort sollst du es mir sagen, und ich werde hingehen und ihm alle Knochen zerbrechen.." Der Jude murmelte etwas vor sich hin; betete er zu Gott, oder dankte er dem Menschen? Mittlerweile begannen der zerlumpte Bräutigam und seine Kameraden, nachdem sie sich leise miteinander verständigt, der Reihe nach die Schänke zu verlassen. Neben Artem vorübergehend, sang der Bräutigam halblaut vor sich hin: „Wenn zu meinen Geistesgaben, Haufen Goldes ich thät' haben, Ach, wie gut ich damals wär', Thät' essen und trinken und sonst nichts mehr. . ." Er blickte Artem ins Gesicht, schnitt lächerliche Grimassen, und mit dem Fuße im Tact aufstampfend, schloß er: „Alle Narren würd' ich kaufen, Im Schwarzen Meere sie ersaufen, Ja so! Und fort war er. Laut fluchend sah Artem sich um. In dem halbdunklen, mit dichtem Qualm gefüllten, übelriechenden Raum waren nur drei Leute übriggeblieben: er selber, der ihm gegenübersitzende Kain und Paul» der Schankwirth. Des Letzteren Fuchs äugen begegneten dem trüben Blicke Artem's und fein langes Gesicht nahm den Ausdruck sanftester Frömmigkeit an. „Wunderschön und großmüthig hast du gehandelt, Artem Michailowitsch", sagte er, seinen Bart langsam streichelnd. „Ganz nach dem Gebot des Evangeliums ... so wie in der Parabel vom barmherzigen Samaritaner. . . Denn Schmutz und Wunden bedeckten Kain und du empfandest keinen Ekel. . ." Artem hörte nicht die gesprochenen Worte, sondern das Echo derselben. Von der gewölbten Decke des Raumes wideryallend, strömte es dahin in der verdichteten Luft, und selber oicht geworden, drang es in die Ohren. Artem schwieg, und leise, als wollte er diese Klänge verscheuchen, schüttelte er sein Haupt. Aber ununterbrochen strömten die Klänge dahin; sie vohrten sich in sein Hirn und regten seine Seele auf. Die Lust war drückend und schwül; eine Last, die ihm bisnun vollkommen unbekannt gewesen, beschwerte des Riesen Herz. Unausgesetzt betrachtete er den Juden. Pustend und in die Untertaste blasend, trank Kain gesenkten Hauptes gierig seinen Thee, aber die Untertaste zitterte in seiner Hand. Von Zeit zu Zeit fühlte Artem, daß der forschende Blick des Juden auf ihm ruhte, uub war er durch diesen Blick noch gedrückter. Ein dumpfes, unbegründetes Gefühl der Unzufriedenheit schwellte seine Brust, seine Augen waren dunkler als sonst, und wild blickte er um sich. Wie Mühlsteine, so drehten sich die Gedanken in seinem Kopfe. Ehemals pflegten sie ihn nie aufzusuchen, ober während der Krankheit sind sie gekommen und nun gehen sie nicht mehr weg. Durch die wie in einem Gefängniß mit Eisenstäben vergitterten Fenster strömt von der Straße ein betäubender Lärm herein. . . Feuchte, schwere Steinmasten hängen über dem Kopfe; der Fußboden, aus Ziegelsteinen bestehend und mit Kehrichthaufen bedeckt, klebt vor Schmutz. . . Und dieser kleine, zerlumpte, eingeschüchterte Mensch. . . Er sitzt, und zittert, und schweigt. . . Und auf dem Lande wird bald die Heuernte beginnen. . . Schon jenseits des Flusses, gegenüber der Stadt, reicht das Gras auf ven Wiesen Einem fast bis zum Gurt. Und wenn der Wind von dort weht, bringt er Einem so lockende Düfte entgegen. . . Man hätte Lust, die Sense in die Hand zu nehmen und weit weg, auf die Wiese zu gehen! „Kain, warum schweigst du fortwährend?" fragte Artem mit Unzufriedenheit. „Fürchtest du dich noch immer vor mir? Geh', du bist ein verlorener Mensch!" Kain erhob sein Haupt und wiegte es hin und her; sein mageres, abgehärmtes Gesicht drückte Beschämung aus. „Was soll ich denn sagen? Und mit welcher Zunge mit euch reden? Mit dieser etwa?" Der Jude schob die Spitze seiner Zunge zum Munde hinaus und zeigte sie Artem. „Oder mit derjenigen, mit der ich zu anderen Leuten spreche? Schäme ich mich denn nicht, in dieser Sprache mit euch zu verkehren? Glaubt ihr etwa, ich verstünde nicht, daß ihr das Verbleiben in meiner Gesellschaft als Demüthigung empfindet? Was bin ich und was seid ihr? — Habt ihr darüber nachgedacht, ihr, Artem, der ihr an Großherzigkeit dem Judo Makkabi gleicht! Was würdet ihr thun, wenn ihr wüßtet, wozu Gott euch geschaffen hat? . . . Ai, ai! Niemand kennt die tiefen Geheimnisse des Schöpfers, und Niemand kann errathen, wozu ihm das Leben gegeben? Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Tage und Nächte meines elenden Daseins ich darüber nachgedacht habe. Wozu soll mir das Leben? Was nützt mir mein Geist und mein Verstand? Was bin ich den Menschen? Ein Spuckkasten für ihren giftigen Geifer. — Und was sind die Menschen mir? Giftige Schlangen, die nicht lassen unbenagt eine Stelle meines Körpers und meiner Seele. . . Wozu lebe ich auf dieser Welt? und warum muß ich so viel Unglück ertragen? Wahrlich, selbst in der Sonne ist kein Lichtstrahl für mich vorhanden!" Er hatte all dies in leidenschaftlichem Flüsterton gesprochen, und sein Gesicht zitterte, wie immer, wenn seine Seele im Zustand heftiger Erregung sich befand. Artem verstand seine Rede nicht, doch hörte und sah er daß Kain über etwas klage, und die Last, die sein Herz bedrückte wurde noch schwerer. „Ach! immer wiederholst du dasselbe!" sagte er ärgerlich, „habe ich dir denn nicht versprochen, für dich einzustehen?" Kain lachte. Es war ein leises, bitteres Lachen. „Wie? Vor Gott werdet ihr für mich einstehen? Er ist es ja, der mich verfolgt. . ." „Nun, dann . . . freilich! Gegen Gott kann ich dich nicht in Schutz nehmen", erklärte Artem gutmüthig, und mitleidsvoll fügte er hinzu: „Dann mußt du schon leiden! Gegen Gott kann man dir nicht helfen." Kain sah seinen Beschützer an und lächelte — ebenfalls mitleidsvoll. So wie anfänglich der Kräftige den Klugen, so bemitleidete jetzt der Kluge den Kräftigen, und zwischen Beiden ward plötzlich ein gewisses Etwas, das sie einander näher zu bringen schien. „Und bist du verheiratet?" fragte Artem. „O, für meine Kräfte habe ich eine zahlreiche Familie.." seufzte Kain. „Sieh' doch nur!" wunderte sich der Riese. Es war ihm schwer, sich vorzustellen, daß eine Frau den Juden lieben könne, und mit erneutem Interesse ruhte sein Blick aus den ihm gegenüber sitzenden Manne, der so schwächlich, winzig, schmutzig und furchtsam war. ^Jch hatte fünf Kinder, jetzt habe ich deren »ur vier. Ein kleines Mädchen, Chaje, hustete fortwährend, hustete, hustete und starb . . . Gott, mein Herr! . . . Und meine Frau ist auch krank. . . hustet in einemfort ..."