Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt Sette 469 Mehrere, in Lumpen gekleidete Kerle, die, ohne Arbeit sich umhertreibend, auf einen zufälligen Verdienst warteten, ver> schwanden spurlos. Mit Furcht und Neugierde entsendeten die Bewohner Schichans schielende Seitenblicke in die Richtung, aus welcher der Ruf ertönt war. Seit Langem schon wurde Artem's Kommen erwartet, und die Frage, in welchem Zustand er wohl erscheinen würde, war schon Ursache manches heißen Streites gewesen. Mit dem Schritt eines satten, seinen täglichen Spaziergang abhaltenden Menschen kam Artem, wie vormals so auch jetzt, die Mitte der Straße entlang. Sein Aeußeres war vollkommen unverändert. Der Rock hing, wie immer, aus einer Schulter, die Mütze war seitwärts aufgesetzt, die schwarzen, seidenweichen Locken fielen ihm in die Stirne. Den Daumen der rechten Hand hatte er in den Gurt geschoben, die Linke tief in die Tasche seiner Hosen versenkt, die Brust mit einer heldermäßigen Geberde vorgestreckt. Nur sein schönes Antlitz hatte einen mehr durchgeistigten Ausdruck, — wie dies nach einer Krankheit immer der Fall zu sein pflegt. Er ging langsam, die Grüße und Willkommsrufe mit trägem Kopfnicken beantwortend. Die ganze Straße empfing ihn mit Bewunderung und leisem Flüstern; die unbesiegbare Kraft, welche die fürchterlichen Schläge mit solcher Leichtigkeit überwunden hatte, weckte das allgemeine Entzücken. Biele Leute sprachen mit Zorn von Artem's Genesung; verächtlich schimpften sie über die Männer, die es nicht verstanden hatten, den Riesen zu tödten, oder wenigstens ihm einige Rippen zu zerbrechen. Gibt es doch auf der ganzen Welt nicht einen einzigen Menschen, den man nicht todtschlagen könnte! . . . Andere wiederum freuten sich, wenn sie sich vorstellten, wie der Riese mit dem Rothen Bock und dessen Kamcraden Abrechnung halten würde. Aber die Kraft übt einen Zauber aus, der um so größer wird, je unbesiegbarer sie scheint, daher war auch die Mehrheit der Bewohner unter dem Einfluß von Artem's Kraft. Mittlerweile war Artem in die Schänke getreten, welche den Hauptversammlungsort der Einwohner Schichan's bildete. Als seine großgewachsene, mächtige Gestalt auf der Schwelle der Schänke erschien, waren in der langen, niedrigen Stube, deren Dach aus Ziegelsteinen bestand, nur wenig Gäste anwesend. Bei Artem's Anblick erklangen hie und da laute Rufe, es entstand eine ängstliche Bewegung und plötzlich versteckte sich Jemand in den dunkelsten, entlegensten Winkel dieses feuchten, mit dichtem Qualm gefüllten, mit Fäulniß und Schimmel durchtränkten Raumes. Ohne irgend Jemand seiner Aufmerksamkeit zu würdigen, blickte Artem langsam im Kreise umher, und den einschmeichelnden Gruß des Schankwirthes erwiderte er mit der Frage: „Ist Kain nicht dagewesen?" »Er wird bald kommen ... es ist seine Stunde . . ." Artem setzte sich an ein Tischchen, das neben dem mit Eisenstäben vergitterten Fenster stand, bestellte Thee, und seine riesengroßen Hände auf den Tisch legend, betrachtete er das Publicum gleichgiltigen Blickes. In der Schänke waren etwa zehn Mann versammelt; lauter Diebsgesindel; sie hatten sich um zwei Tische geschaart und warfen von dort forschende Blicke zu Artem hinüber. Wenn ihre Augen denjenigen des Riesen begegneten, lächelten die Leute verlegen und einschmeichelnd, man sah, daß sie gern ein Gespräch mit Artem angefangen hätten. Er jedoch betrachtete sie schweigend und düsteren Blickes. Und alle schwiegen, da keiner ihn anzureden wagte. Chlebnikow, der hinter dem Buffet stand, summte ein Liedchen vor sich hin und schielte mit seinen Fuchsaugen bald rechts, bald links. Bon der Straße drang ein dumpfes Geräusch in's Fenster; lautes Schimpfen, Schwören, Rufe der Verkäufer. Man hörte Flaschen zur Erde fallen und auf dem Straßenpflaster klirrend in tausend Stücke zerbrechen. Artem fand den Aufenthalt in diesem mit stickender Luft gefüllten Raume äußerst quälend unv langweilig. »Nun, ihr Wölfe", begann er plötzlich mit lauter, langsamer Stimme, »warum seid ihr so stumm? Schauen Einen an und schweigen. . ." »Wir können auch reden, Ew. Gestrengen", erwiderte, aufstehend und. sich Artem nähernd, der zerlumpte Bräutigam. Es war dies ein magerer, einen Leinwandrock und Soldatenhosen tragender Mann, der einen kahlen Kopf, einen spitzen Bart und kleine, rothe, boshaft zwinkernde Augen hatte. »Bist krank gewesen, sagt man?" fragte er, sich Artem gegenübersetzend. »Nu?" »Nichts . . . Hast dich lange nicht blicken lassen . . ." Und fragte man: »wo ist Artem? ..." so hieß es: »er hat zu erkranken geruht..." »So... nu?" »Wieder . . . nu? Wir werden schon weiter kommen... Was hat dir weh' gethan?" »Und du weißt es nicht?" »Hab' ich dich etwa curirt?" »Alles, was du sagst, du Hund, ist erlogen", lächelte Artem. »Und warum lügst du? Du weißt doch die Wahrheit . . »Ich weiß sie . . ." gestand der Bräutigam und lächelte ebenfalls. »Warum lügst du also?" »So, es scheint mir klüger..." »Klüger. Ach, du! . . ." »Ja . . . wenn ich dir die Wahrheit gesagt hätte, so könntest du in Zorn gerathen ..." »Ich spuck' auf dich!" »Auch dafür Dank! Und wirst du mich, zur Feier deiner Genesung, nicht mit einem Schnaps bewirthen?" »Bestelle welchen . . ." Der Bräutigam bestellte eine halbe Flasche Schnaps und wurde nun sehr redselig. „Wie angenehm dein Leben ist, Artem! . . . Immer hast du die Taschen voll Geld . . ." „Nun, und was soll's damit?" „Nein, gar nichts . . . aber die verfluchten Weiber gehen dir an die Hand ..." „Und dich wollen sie nicht mal ansehen." „Wie kann ich an derartiges denken? Die Trauben hängen zu hoch für unser Einen", seufzte der Bräutigam. »Weil die Weiber gesunde Menschen lieben. Und was bist du? Ich aber bin ein reiner, kräftiger Mann, das ist's." In diesem Tone pflegte Artem immer mit den Vagabunden zu sprechen. Seine eintönige, träge und grobe Stimme verlieh seinen Worten, die immer grob und beleidigend waren, eine ganz besondere Kraft. Vielleicht fühlte er, daß diese Leute in mancher Beziehung ärger, in allem jedoch und immer klüger waren als er. ... In diesem Augenblick erschien Kain mit seinem Waarenkasten auf der Brust und mit einem über dem linken Arm hängenden, gelben Leinwandanzug. Von dem ihn stets bedrückenden Angstgefühl durchdrungen, blieb er in der Thür stehen, streckte den Hals vor und musterte, furchtsam lächelnd, das Innere der Schänke; plötzlich erblickte er Artem, und seine Züge erstrahlten in unendlicher Freude. Der Riese, deffen Gesicht ein breites Lächeln erhellte, betrachtete den Juden, indem er dabei seine Lippen unausgesetzt bewegte. »Komm' her!" rief er, und zum Bräutigam sich wendend, befahl er mit Hohn: »Und du, mach' daß du fortkommst! . . Laff' den Mann sitzen . . ." Das rothe, mit Borsten bedeckte Gesicht des Bräutigams schien einen Augenblick erstarrt vor Staunen und Verdruß. Langsam erhob er sich von seinem Sitz, blickte bald auf seine Kameraden, die nicht minder verwundert dreinschauten als er selber, bald auf Kain, der leise und vorsichtig dem Tische sich näherte und spuckte plötzlich wüthend auf den Boden. »Pfui!" Langsamen Schrittes kehrte er dann an seinen Tisch zurück, wo bald ein dumpfes Flüstern, in welchem Spott und Empörung deutlich zu unterscheiden waren, vernehmbar wurde. Kain jedoch hörte nicht auf, glückselig zu lächeln, indem er gleichzeitig dem beleidigten Bräutigam und deffen Kameraden ängstliche, schielende Seitenblicke zuwars. Jndeffen sprach ihm Artem guimüthig zu: »Nun, wie, Kaufmann, wollen wir Thee trinken? . . . . Und Kuchen muß man kaufen, — wirst du Kuchen effen? Was schaust du so ängstlich dorthin? . . . Spuck' auf sie, fürchte nichts . . . Warte nur, wirft gleich hören, welch' eine Rede ich ihnen halten werde . . ." Er stand auf, warf mit einer Bewegung seiner Schultern den Rock zur Erde und trat an den Tisch der Unzufriedene». Groß gewachsen und kräftig gebaut, die Brust vorschiebend, die Schultern bewegend und seine Kraft auf jede Weise zur Geltung zu bringen suchend, stand er vor ihnen, ein Lächeln auf den Lippen, indeß die Vagabunden, jeden Augenblick zur Flucht bk' reit, regungslos in vorsichtigen Stellungen verharrten.