Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 462 Dr. Btocb’s Wocbenscbritt» Nr. 29 zugerichtet war, gingen die Priester allezeit in die vordere Hütte und richteten aus den Gottesdienst. In die andere aber ging nur einmal im Jahr allein der Hohepriester, nicht ohne Blut, das er opferte für seine und des Volkes Versehen."') Was also konnte hienach den Glauben erwecken, daß die Juden in ihrem Tempel das Bild eines Esels verehren? Untersuchen wir einmal die Sache ein wenig näher. Thatsache ist, daß Antiochus Epiphanes den Tempel von Jerusalem geplündert und entweiht hat?), „daß er an der Opferstätte einen Götzenaltar errichten ließ, Schweine auf demselben schlachtete und so ein Opfer darbrachte, das weder nach göttlichen noch menschlichen Gesetzen den Juden erlaubt war."^) Und als der Tempel nach den Siegen der Makkabäer wieder eingeweiht wurde, da „reinigten die frommen, dem Gesetz treu gebliebenen Priester das Heiligthum und trugen die befleckten Steine an einen unreinen Ort. Und sie berathschlagten über den entweihten Brandopferaltar, was sie mit ihm machen sollten. Und es fiel ihnen ein guter Rath ein, ihn zu zerstören, damit er ihnen nicht zum Schimpfe gereichen möchte, weil ihn die Heiden befleckt hatten. Und sie zerstörten den Altar. Die Steine aber legten sie auf dem Tempelberge an einen passenden Ort, bis ein Prophet kommen würde, um Aufschluß darüber zu geben"?) Ebenso berichtet eine alte talmudische Überlieferung, daß die Steine des Altars, „welche von den Griechen befleckt wurden, von den hasmonäischen Priestern bei Seite geschafft wurden"?) Altarfteine waren es also, auf deren Verunreinigung Antiochus Epiphanes es abgesehen hatte. Und somit hätten wir einen, wenn auch vorerst nur schwachen Fingerzeig gewonnen, um der Genesis der Sage von dem „steinernen Bilde", das Antiochus Epiphanes im Allerheiligsten des Tempels von Jerusalem gesehen haben soll, uachgehen zu können. Bei weiterem Nachforschen aber finden wir ihatsächlich, daß im Allerheiligsten des Tempels ein geweihter Stein gestanden, auf welchen der Hohepriester am Versöhnungstage das Opferblut gesprengt hat. Hiermit wird uns auch eine sonst ganz unverständliche Stelle im vierten Sibylleubuche klar. Der Verfasser dieses Sibyllengedichtes ist ein autinationaler Diasporajude, vom Schlage des Täufers Johannes. In seinen Augen sind die wahrhaft Frommen jene, „die Gott lieben und ihn vor jeder Mahlzeit preisen, Tempel und Thieropfer verachten, dafür aber in quellenden Strömen den ganzen Leib reinigen". „Denn", fügt er erklärend hinzu, indem er die Völker zur Verehrung des einzigen Gottes auffordert — „denn Gott hat als Haus nicht einen geweihten Stein im Tempel, ganz taub und stumm, einen schmerzvollen Schimpf und Schaden, der Menschen, sondern den man von der Erde nicht sehen, noch messen kann mit sterblichen Augen, nicht gebildet von sterblicher Hand"?) Und abermals aus dieses Thema zu sprechen kommend, preist er jene glücklich, „welche frommen Sinnes alle Tempel, die sie sehen, und alle Altäre verleugnen, die nur sinnliche Gebilde aus stummen Steinen, bcflcckt mit dem Blute von Lebendem und den Opfern der Thiere"?) Da hätten wir den Stein, den wir suchen, den Stein, der im Allerheiligsten des Tempels stand, „mit dem Blute der Opferthiere bespritzt". Diesen Stein hat Antiochus Epiphanes bei seinem Eindringen in das Allerheiligste des Tempels in Wirklichkeit gesehen und ihn entweiht, indem er ') Hebräerbr. 9, 3—8. а) 1 Maccab. 1, 20, 38. 3) Joseph Antiquitates XII, 5, 4: XIII, 8, 2; Bell. Jud. I, 1, 2. 4) 1 Macc. 4, 41-48. s) Traktat Aboda zara 52 b. б) Orac. SibyH. IV, 8—12. J) Orac. Sibyll. IV, 26—29. ihn zum Schimpfe mit dem Blute eines von ihm daselbst geopferten Schweines bespritzte. Zum Ueberfluß finden wir im Talmud alte Ueberlieferungen aufbewahrt, welche nicht blos die sehr frühe Existenz dieses Steines bezeugen, sondern auch über seine Herkunft und gottesdienstliche Bedeutung Aufschluß geben. Wir lesen in der Mischna: „Als die Bundeslade verschwunden war, gab es einen. Stein aus der Zeit der ersten Propheten, Schethia genannt, drei Finger hoch von der Erde hervorragend, und darauf sprengte der Hohepriester am Versöhnungstage das Opferb lut", welches nach der Vorschrift auf die Bundeslade gesprengt werden sollte?) — Einen weiteren nicht mißzuverstehenden Wink über die Provenienz und den ursprünglichen Zweck dieses Steines gibt uns eine andere, sehr alte talmudische Quelle, indem sie uns eröffnet, „daß ursprünglich auf diesem Steine die Bnndeslade geruht hatte, nach deren Entfernung man:auf demselben Räucherwerk opferte"?) Unser mysteriöser Stein war also ursprünglich der Sockel der Bundeslade; in der Bundeslade aber waren die Gesetzestafeln aufbewahrt. Nach der Entfernung der Bundeslade erbte der Stein, auf dem sie geruht, die Heiligkeit derselben. Somit waren die Fäden für die Combination des Steinbildes mit den Gesetzen Mosis gegeben. Antiochus Epiphanes hatte also in Wirklichkeit mit der Schändung des „steinernen Bildes" auch das Gesetzbuch Mosis, „welches es in der Hand hielt", geschändet. Denn auf dem Steine ruhte ja vormals die Bundeslade mit den Gesetzestafeln. Uebrigens hängt diese ganze, gegenüber der Reinheit der mosaischen Gottesverehrung so sonderbar sich ausnehmende Dichtung, wie dies schon längst gezeigt wurde, mit der Jdentificirung der Juden mit den Hyksos zusammen, die sich schon bei Manetho, einem in dritten vorchristlichen Jahrhundert lebenden egyptischen Geschichtschreiber, findet. Die Hyksos verehrten nämlich den Esel, er war ein ihrem Nationalgott heiliges Thier?) Interessant ist es zu sehen, wie Josephus diese von Apion vorgebrachten Erdichtungen widerlegt. „Wie sah", sagte er unter Anderen „Apion nicht ein, daß die Tatsachen ihn der unglaublichsten Lügen überführten? Denn wir bleiben ewig bei denselben Gesetzen und verharren in denselben für alle Zeiten. Da nun verschiedene Unglücksfälle, wie über andere Städte, auch über unsere Stadt hereingebrochen waren, und Antiochus Theus, Pompejus Magnus, Licinius Crassus und jüngsthin Titus Cäsar den Tempel eroberten, fanden sie beim Betreten desselben nichts Derartiges vor, sondern die reinste nnd unaussprechbare Gottesverehrung. Antiochus aber plünderte weder in gerechter Weise den Tempel, sondern von Geldmangel getrieben, da er ja nicht unser Feind war, sondern vielmehr uns, seine Freunde und Bundesgenossen, angegriffen hatte; noch fand er in dem Tempel irgend etwas Verspottenswerthes. Dieses wird von vielen und ehrenwerthen Schriftstellern bezeugt, so von Polydius, dem Megalopolitaner, von Strabo, dem Kappadocier, von Nicolaus Damascenus, von Timagenes, von Castor dem Chronisten und von Apollodorus, welche sämmtlich erklären, daß Antiochus aus Geldmangel das Bündniß mit den Juden gebrochen und den von Gold und Silber strotzenden Tempel ausgeraubt habe. Dies hätte Apion beachten müssen... Wir aber erweisen den Eseln weder Ehre noch gestehen wir ihnen irgend welche Macht zu, wie die Egypter den Krokodilen und Schlangen.... Bei uns dienen die Esel ebenso wie bei anderen vernünf- ') Jer. Joma V, 2. 2) Tosephta Joma III, 6. 3) Vergl. Müller, des Flab. Joseph. Schrift gegen den Apion S. 238; ferner Studien und Kritiken 1843, S. 832 f«