Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021523--12834-3037451
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 29 Dr. Mocb's Wocbenscbnft, Seite 461 in der ganzen Welt bis nach Amerika hinein die Nachricht verbreiten lassen, daß jetzt mit äußerster Schärse gegen die Excedenten vorgegangen werden wird; es geschah dies, um die Ausländer von weiterer Einmischung abzuhalten. Die Landwirthe, die bisher von den Klschenewer Juden Vorschüsse auf die Ernte erhielten und sie dann Wucherer nannten, richten jetzt an ihre vormaligen Geldgeber neuerdings das Ersuchen um Vorschüsse. Die Juden sind sehr zurückhaltend, und da sie kein Geld leihen wollen, nachdem sie vorher wegen Geldverleihens verfolgt worden find, wird ihnen mit Erneuerung von Gewaltthätigkeit gedroht. New-Aork. Aus Oysterbay wird berichtet: Präsident Roosevelt empfing am 14. Juli die von der jüdischen Gesellschaft „B'nai B'rith" ausgehende Petition wegen der Vorgänge in Kischenew. New-Zork, Roosevelt conferirte am 14. Juli mit einer Deputation vornehmer Juden und erklärte, er habe die Unterlassung der Kischenewer Petition beschlosien, da Rußland verspreche, die Mörder zu bestrafen. Roosevelt ergreift gern diesen Borwand, um sich von der unhaltbaren Situation zurückzuziehen. Berlin. Dem »Berliner Tageblatt" wird aus Petersburg gemeldet: Der Senat hat an die Gouvernementsverwaltung von Kiew einen Ukas ergehen lassen, wonach allen jüdischen Handwerkern, die keinen Gesellenschein besitzen, der Aufenthalt behufs Ausübung des Handwerks in Kiew untersagt wird. Der Polizei wurde vorgeschrieben, innerhalb einer Frist von sieben Tagen eine Revision unter den jüdischen Handwerkern vorzunehmen und im Verlauf von weiteren vierzehn Tagen all; Juden, die keinen Gesellenschein besitzen, in die jüdischen Ansiedlungsrayons auszuweisen. Washington. Die Petition der amerikanischen Juden, betreffend biegVorgänge in Kischenew, ist am 15. Juli hier eingelangt. Staatssecretär Hay sandte dem amerikanischen Botschafter in Petersburg telegraphisch Weisungen betreffs der anzuwendenden Mittel, um die Petition zur Kenntniß des Kaisers Nikolaus zu bringen. London. Präsident Roosevelt, der am 14. d. M. eine Deputation hervorragender Juden in Oysterbay empfing, theilte ihnen mit, daß inzwischen die russische Regierung in der Strafverfolgung der Uebelthäter eine bewunderungswürdige Energie entwickelt habe. Die Deputation erkannte, daß Roosevelt nichts weniger als eine Ablehnung der Petition kundgeben wolle, und hielt es für angezeigt, einzuräumen, daß sich allerdings die Verhältnisse in letzter Zeit völlig geändert hätten. Mithin wird die Petition in den Archiven Washingtons statt in jenen Petersburgs verstauben. Der Mythus von dem Gsetseultus dei Jude« «ud Christen. Der Mythus von einem Eselscultus bei den Juden war im Alterthnm weit verbreitet. Am meisten zu dieser Verbreitung hat der in den Zeiten des Tiberius und Caius Caligula lebende, vielgereiste Grammatiker Apion beigetragen, den Kaiser Tiberius die „Weltpauke" und Plinius propriae famae tympanum nannte?) — Man weiß, welche verhängnißvolle Rolle dieser Mann in Alexandrien unter der Regierung des wahnsinnigen, sich selbst vergötternden Kaisers Caligula gespielt, wie dieser „Ochlagoge" die leicht erregbare alexandrinische Bevölkerung durch Brandschriften gegen die Juden in ihren Tiefen aufgewühlt hat. — Apion hat aber die Sage von dem Eselscultus nicht erdacht, sondern sie bereits in den Schriften seiner Vorgänger vorgesunden und sie in seiner Weife ausgeschmückt. Von diesen volksverhetzenden Schriftstellern sagt der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius in seiner Streitschrift gegen Apion: „Daß sie lügen und über unfern Tempel die widerlichsten Blasphemien erdichten, das halten sie für keine Sünde, obgleich es für freie Männer das Entwürdigendste ist, zu lügen, ganz besonders, wenn es einem Tempel gilt, der weit berühmt und in solcher Heiligkeit dasteht! In diesem Heiligthum, fo wagt Apion zu behaupten, hätten die Juden den Kopf eines Esels aufgestellt, und diesen verehrten sie und hielten ihn einer solchen Anbetung würdig. Das sei, versichert er, an den Tag l) Plinius, Hist. Nat. praefat.: Apion quidam grammaticus, hic quem Tiberius Caesar Cymbalum mundi vocabat, quem propriae famae tympanum potius, videri posset. — gekommen, als Antiochus Epiphanes den Tempel ausgeplündert und jenen aus Gold gearbeiteten, kostbaren Kopf gefunden hatte." * *) Wie aber, darf man billig fragen, konnte ein solcher Mythus entstehen? Wie konnte man darauf verfallen, den Juden, welchen ihr Gesetz die bloße Anfertigung irgend eines Abbildes auf das Allerstrengste verbietet, den Juden, die einen unüberwindlichen Abscheu vor Götzenbildern hatten, eine solche Absurdität zuzumuthen, wie jene, daß sie im Allerheiligsten ihres Tempels das Bild eines Esels anbeteten? Betrachten wir die Sache ein wenig näher, so werden wir vor Allem zugeben müssen, daß das mysteriöse Dunkel, welches dieses All er heilig sie des Tempels umschwebte, schon darum, weil ja der Zutritt dazu Niemandem als dem Hohepriester, und auch diesem nur einmal im Jahre und zwar an dem Versöhnungstage, gestattet war, Nichteingeweihten zu allen möglichen und unmöglichen Vermuthungen Veranlassung und der Phantasie unbegrenzten Spielraum für die ausschweifendsten Erdichtungen bieten konnte. Kommt noch dazu, daß ungeachtet des tiefen Geheimnisses, das über diesem Mysterium lagerte, dennoch einmal irgend ein Lichtschimmer daraus auf die Gasse drang, so genügte dies einer geschäftig arbeitenden Einbildungskraft vollständig, um mit Hilfe des empfangenen Scheins ein ganzes Gebäude aufzuführen. Und ein Scheingrund zum Aufbau eines Eselscultus im jüdischen Tempel war thatsächlich gegeben, und dieser ist auffindbar, sobald man sich den Mythus in seiner ältesten Gestalt, wie er in den Berichten der heidnischen Schriftsteller vor Apion umherspukt, vor Augen führt. In der ältesten Gewandung tritt er uns bei Diodor entgegen. Dieser schildert die Vorgänge bei der Belagerung Jerusalems durch Antiochus Sidetes (135 v. Chr.), der etwa ein Menschenalter nach Antiochus Epiphanes regierte, und erzählt, wie die Freunde des Königs diesem gerathen hätten, das ganze menschenfeindliche Geschlecht der Juden auszurotten, und wie sie ihm, um in ihm Abscheu gegen die Juden zu erwecken, vorgehalten hätten, von welch' großem Hasse auch seine Vorfahren gegen dieses Volk erfüllt gewesen wären: Es habe nämlich Antiochus, genannt Epiphanes, als er die Juden unterjocht hatte, beim Eindringen in den Tempel, im Allerheiligsten, welches nur der Hohepriester betreten durfte, ein steinernes Bild eines Mannes gesehen, welches, auf einem Esel ruhend, ein Buch in der Hand hielt. Dieses Buch habe, nach der Vermuthung des Königs, Moses, den Gründer Jerusalems, dargestellt, welcher den Juden jene so menschenfeindlichen und gottlosen Gesetze gegeben habe. Der König sei nun in seinem Abscheu vor solchem Menschenhaß bemüht gewesen, diese Gesetze aufzuheben. Er habe daher auf dem steinernen Bilde und dem Altäre ein großes Schwein schlachten und mit dem Blute auf diese Menschenhaß lehrenden heiligen Bücher sprengen lassen und den Priester und die übrigen Juden gezwungen, von dem Fleische zu essen.'") Hier wird nun von einem steinernen Bilde gesprochen, welches im Allerheiligsten des Tempels zu Jerusalem gestanden haben soll. War aber dortselbst in Wirklichkeit irgend etwas Aehnliches zu sehen, das zur Bildung der Sage von dem steinernen Bilde Veranlassung geben konnte? „Im Allerheiligsten des Tempels", sagt Josephus?) „befand sich nichts, es war unzugänglich, unverletzbar, für jeden unsichtbar." Und im Neuen Testament wird das Allerheilig sie wie folgt geschildert: „Die Hütte, die da heißt das Allerheiligste; die hatte das güldene Räuchfaß und die Lade des Testaments allenthalben mit Gold überzogen, in welcher war der güldene Krug mit dem Himmelsbrot und die Ruthe Aaron's, die gegrünt hat, und die Tafeln des Testaments. Oben drüben aber waren die Cherubim der Herrlichkeit, die überschatteten den Gnadenstuhl. — Da nun solches 'also *) Josephus contra Apionem II, 7. H Diodor. Sic. XXXTV", 1. *) Bellum. Jud. V, 5, 5.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.