Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 29 Seite 460 Dr. Dlocb's ein Gutachten abzugeben. Zum Unterschied von dem Gutachten des Herrn Heilinger trägt dieses den Charakter, daß es ohne Zweifel dem Begutachteten nicht gefällt. Der Urgermane Jedlicka, welcher als Referent fungirte, gab die Erklärung ab, daß eine unter dem Titel »Doctor Heilinger, der Liebling des Gewerbestandes" veröffentlichte Bro>chüre nicht, wie ihr Titelblatt zeigt, von einem Proyaska, sondern unter werkthätiger Mithilfe des angestrudelten Lieblings des Gewerbestandes von einem berühmten antisemitischen Journalisten namens Mohr fabricirt worden sei, daß also die Broschüre unter falscher Flagge erschienen ist. Ec hielt sich ferner für berufen, einige Ruhmredigkeiten des Lieblings des Gewerbestandes richtigzustellen. Er behauptet nämlich, daß Herr Heilinger nicht, wie dieser versichert, im Triumphzuge in das magistratische Rechtsdepartement hineinberufen wurde, sondern daß vielmehr der ehemalige Bürgermeister Dr. Prix Herrn Heilinger in nicht zu verkennender Weise aus diesem Departement wegen seiner hervorragenden Rechtsunkenntniffe hinausberufen habe. Herr Jedlicka, der seinen Parteigenoffen ja ziemlich genau kennen sollte, behauptet ferner, es sei nicht ganz richtig, daß Heilinger nach seiner eigenen Behauptung in den Staatsdienst berufen worden sei, jedoch diese ehrende Berufung abgelehnt habe, sondern vielmehr habe das k. k. Handelsministerium die von Herrn Heilinger erbetene Uebernahme in den Staatsdienst dankend, aber entschieden abgelehnt. Der Herr Jedlicka behauptet weiters, daß der neue Begriff des Rechtes, welchen Heilinger geschaffen zu haben glaubt, eigentlich nichts als ein Plagiat ist, und zwar, man höre und staune, an dem berühmten Rechtsgelehrten Jedlicka, welcher nach seiner Angabe die »Rettung des Gewerbestandes" bereits 1881 herausgegeben haben soll, ohne unvorsichtiger Weise darauf Patent genommen zu haben. Man sieht, die Führer der Wiener Gewerbetreibenden, deren Beliebtheit im Gewerbestande ja über jeden Zweifel erhaben ist, versuchen sehr energisch, sich den Liebling des Gewerbestandes von den Rockschößen abzuschütteln. Herr Jedlicka sagte: Soll es denn ein Erfolg des Heilinger fein, daß er mit feinen Gutachten, die von keiner Behörde anerkannt werden, die Wett zum Narren hält, und behauptet decidirt, er kenne keinen Erfolg des Allerweltsweisen und sei der Meinung, daß es zwickmäßig wäre, die Gewerbetreibenden einmal aufzufordern, sich in bestimmter Weise darüber zu erklären, wie viel in Kronen und Hellern ausgedrückt die begutachtende Thätigkert für Heilinger werth gewesen sei. Herr Jedlicka hat übrigens mit der Anregung dieser Frage ein höchst gefährliches Thema heraufbeschworen. Denn es könnte ja, wenn die Gewerbetreibenden Wiens als die allermaßgebendsten Richter in eigener Sache zur Abgebung eines Gutachtens berufen werden, auch Herrn Heilinger einfallen, den Spieß umzudrehen und sie befragen, wie viel in Kronen und Hellern ausgedrückt die aufhetzerische Thätigkeit des Ernst Schneider, Jeolicka's, Bitza's, Pabst' und Conforten für die Gewerbetreibenden werth gewesen ist, und es könnte dann möglicher Weise die Gefahr entstehen, daß, wenn die Gewerbetreibenden einmal redlich und unbeeinflußt der Wahrheit die Ehre geben wollen, die Antwort lautet: »Ihr alle seid gleiche Brüder und gleiche Kappen. Heilinger ist für uns keine Krone und keinen Heller werth, dagegen besitzen seine Gegner zum mindesten für uns die gleiche Werthlosigkeit, und wenn einmal die Gewerbetreibenden sich dazu aufraffen, die ihnen gewaltsam imprägnirte Bornirtheit abzustreifen, um wirklich zu sehen, was ihnen frommt und was ihnen schadet, so könnten sie möglicherweise auch zur Erkenntniß kommen, daß es ihnen höchst gleichgiltig sein kann, ob Herr Doctor Heilinger sie vertheidigt oder nicht, das heißt, daß ihnen die vertheidigenden Gutachten Heiliuger's zwar nichts nützen, aber jedenfalls nichts schaden, daß viel weniger harmlos als die Thätigkeit des Heilinger für sie die Thätigkeit ihrer Oberprotectoren, der Herren Schneider und Conforten, ist, und es könnte dann noch geschehen, daß die Gewerbetreibenden, zur Vernunft gekommen, einen kleinen Agitariousfoud sammeln, um es den bisherigen Protektoren zu ermöglichen, sich in den wohlverdienten Ruhestand versetzen zu lassen. Isegrim. Zur Action Amerikas. , Die Berliner »Kreuzzeitung" meldet aus Amerika: »MM diseutirt unaufhörlich darüber, ob der Vorstoß des Präsidenten nur den Interessen der ruffischen Juden gelte oder ob eine allgemeine Frontstellung der amerikanischen Politik gegen Rußland zu erwarten sei, die sich dann darin äußern dürste, daß Amerika sich in Ostasien dem englisch-japanischen Bündniß anschließt und — eventuell mit bewaffneter Hand — gegen das MwcvenscbrM. Vorgehen Rußlands in der Mandschurei Widerspruch erhebt. Manche glauben das Letztere. Der russische Botschafter Graf Cassini geht jetzt auf Urlaub, und wer weiß, ob er wiederkommen wird. Vorläufig führt der erste Botschaftssecretär Theodor Hansen die Geschäfte. Der amerikanische Botschafter in Petersburg, Mr. Cormick, befindet sich wegen der Hochzeit seiner Tochter zur Zeit in Amerika, und so wird der Geschäftsträger Riddle den heiklen Auftrag ausführen müssen, dem Grafen Lambsdorff die Judenpetition im Aufträge des Präsidenten zu überreichen. Wenn dann Graf Lambsdorff, wie Cassini schon in Aussicht gestellt hat, die Annahme des Gesuches ablehnt, wird wahrscheinlich auch Mr. Riddle seine Koffer packen und die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern werden suspendirt sein/ Es liegen ferner folgende, einander stark widersprechende Meldungen vor: London. Wie der »Globe" aüs New-Aork erfährt, hat Staatssecretär Hay bezüglich der Kischenewer Affaire Folgendcs durchgesetzt: Der russische Botschafter Graf Cassini, der seinen jährlichen Urlaub in Rußland verbringt und voraussichtlich nicht mehr hieher zurückkehren wird, hat es unternommen, seine Regierung mündlich über die besonderen Schwierigkeiten der Washingtoner Regierung zu orientiren. Graf Cassini wird dabei feststellen, ob die Petition zur Kenntniß des russischen Auswärtigen Amtes gebracht werden kann, ohne officiellen Anstoß zu erregen. Man glaubt nicht, daß ein Compromiß möglich sein werde, und in diesem Falle würde auf der Ueberreichung der Petition durch die amerikanische Regierung nicht bestanden werden. Frankfurt a. M. Wie die »Frankfurter Zeitung" meldet, hat der Czar in der Kischenewer Affaire eine strenge Untersuchung angcordnet. Alle bereits aus der Haft entlassenen Personen wurden wieder verhaftet. Auch die moralischen Urheber der Metzeleien wurden verhaftet. Der ehemalige Gouverneur von Bessarabien, v. Raaben, weilt in Kischenew, angeblich um von der jüdischen Gemeinde ein Zeugniß dafür zu erlangen, daß er sich während der Ostertage correct benommen habe. — Der Obernotar von Kischenew, der an den Judenmaffacres theilgenommen hatte, hat sich erschossen, weil die Untersuchung.. Aegen ihn ungünstig ausgefallen ist. London. Nach einer Meldung des »Daily Telegraph" aus Washington hatte der Staatssecretär Hay eine Unterredung mit einer Abordnung amerikanischer Juden betreffs der von diesen eingereichten Petition wegen der Vorgänge in Kischenew. Es wird nunmehr wahrscheinlich zunächst bei Rußland angefragt werden, ob es bereit ist, diese Petition entgegenzunehmen. London. Der „Daily Telegraph" meldet, das Departement habe zuverlässige Nachrichten erhalten, wonach die Entrüstung des amerikanischen Volkes die russische Regierung zu ernsten Sühnemaßregeln veranlaßt hat. Aber auch die angeblichen energischen Schritte der Staatsanwaltschaft gegen die Mörder ändern nichts an der Absicht Roosevelt's, die Petitionsfrage durchzusühren. Der „Times "-Correspondent telegraphirt aus New-Aork, Roosevelt habe auf die Frage, wann er die Petition brauche, geantwortet, sobald wie nur möglich. Die einlaufenden Bogen mit den Unterschriften enthalten die Namen zweier vormaliger Gesandten in Rußland, zweier Exminister, mehrerer Mitglieder des Obersten Gerichtshofes und anderer Richter, des Bürgermeisters von New-Iork, von Bischöfen, Senatoren und anderen Würdenträgern. London. Die Uebermittlung der Petition wegen der Kischenewer Greuel durch den Präsidenten Roosevelt an Rußland ist zweifelhaft geworden. Die Vertreter der jüdischen Vereinigungen besuchten am 14. Juli laut einer Meldung des »Standard" aus New-Jork den Präsidenten Roosevelt in Öysterbai zwecks Berathung eines endgiltigen Beschlusses. Die amerikanische Regierung hat ihre Ansichten über die Lage einigermaßen deswegen geändert, weil die russischen Behörden neuerdings gegen die Schuldigen schärfer Vorgehen. Jetzt beabsichtigt sie, die Petition zurückzubehalten, bis Rußland sich über deren Annahme geäußert hat. Zweifellos lehnt jedoch Rußland die Petition ab. In diesem Falle wird sie dem Archiv des Staatsdepartements einverleibt werden. Präsident Roosevelt und Staatssecretär Hay wünschen der Sache ein Ende zu machen und die Kischenewer Affaire nicht mit der Mandschureifrage oder mit einer anderen zu verquicken. London. Der Moskauer Correspondent des »Morning Leader" erhält aus vorzüglich insormirter Kischenewer Quelle die Nachricht, daß die Angeklagten nicht streng werden behandelt werden. Ganz unwahrscheinlich ist es, daß die Anklage wegen Mordes erhoben werden wird. Die Information bezeichnet die amtliche Untersuchung als eine Farce. Bekanntlich hat Rußland