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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-17 · 29 (17.7.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
29 (17.7.1903)
Date
1903-07-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt- Sette 459 Das wäre komisch, wenn es nicht frech wäre. .Judenfreunde" ist ein lächerliches Wort. Es gibt nur gerechte, freidenkende Männer, denen der Jude nicht minder Mensch und Bürger als der andere ist. Solche Männer dürften das neue Blättchen kaum als ihr Organ acceptiren. Was vollends die Israeliten betrifft, so mögen sie in vielen Fragen verschieden denken, daß sich aber in Deutschland Juden finden, die so ehrlos wären, eine solche .Toleranz" zu unterstützen, das will ich nicht hoffen. Die andern Artikel stehen auf derselben Höhe. In dem einen wird den Juden zum Borwurf gemacht, daß sie einen radikalen Candidaten gegenüber einem conservativen oder bündlerischen unterstützen. Der Herr Redacteur scheint das Tivoli- Programm nicht zu kennen, scheint nicht zu wiffen, daß der Bund der Landwirthe statutarisch die Mitgliedschaft eines Juden ausschließt, scheint auch nicht zu wissen, daß diese Parteien bei jeder Gelegenheit gegen Juden Hetzen. Oder weiß er es und muthet den jüdischen Wählern dennoch zu, diese .Patrioten" zu unterstützen? Im politischen Kampfe ist noch niemals der Lehrsatz aufgestellt worden, daß man die andere Wange dem Feinde zum Schlage reiche. Ueber den Haß und die Verachtung des niedrigen und vornehmen Pöbels können die jüdischen Bürger sich trösten, sie würden aber die Verachtung eines jeden anständigen Menschen verdienen, wenn sie einen conservativen Candidaten einem freisinnigen oder demokratischen vorziehen könnten. In einem Artikel wird über die Verkennung Dühring's, des .größten Denkers unserer Zeit", gejammert. Nun weiß Jeder, daß Dühring ein hervorragender Forscher und tiefer Denker ist, aber ebenso weiß auch Jeder, daß dieser grollende Jupiter sich von seinem Racenhasse leiten läßt und an einer krankhaften Ueberhebung leidet. Einen Mann, der Helmholtz als Ignoranten, L.ssing als Plagiator und Goethe als einen Geist dritten Ranges behandelt, kann man trotz seines gewaltigen Wissens nicht ernst nehmen. In einem andern Artikel beklagt sich der Autor, daß der .jüdische Ulk" die vornehmen Corpsstudenten verhöhnt. Welch Verbrechen, diese edlen Herren, die es so schön verstehen, Zeit, Geld und Kraft zu vergeuden und über die Bürger zu spötteln, nicht als die Zukunft Deutschlands anzaerkennen! Das Schamloseste aber wird in dem Artikel über das Blutbad in Kischenew geleistet. Da werden thatsächlich die Juden als die Schuldigen und die thierischen Mörder als die armen Opfer hingestellt. Bon Rechtswegen sollte man den Helden von Kischenew die Rettungsmedaille verleihen, — freigesprochen wurden sie ja fast alle. Und ein solches Hetzblatt niedrigster Sorte hat die Stirn, sich .Toleranz" zu nennen und jüdische Vereine zu seiner Unterstützung aufzufordern! Wenn das kein Bauernfang ist, dann streiche man dieses Wort aus dem deutschen Sprachschatz. Ern ärgerer Mißbrauch ist kaum jemals mit dem Namen Toleranz getrieben worden. Die Ehrlichkeit gebietet, zu constatiren, daß es ein Blatt gegen und nicht für Juden ist. Es ist aber auch kein Blatt für Christen, denn Ideen, die im schreienden Widerspruche zur Menschenliebe, zur Wahrheit und Gerechtigkeit stehen, können nimmer christlich sein. Fabius Schach. Vom Zabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der verkrachte Kunst verschleiß. — Die Dramaturgie des Taufscheines. — lle&er Gutachten. — Eine antisemitische K r i e g s r a t h s s i tz u n g.) Ein antisemitisches Geschäft ist eingegaugen. Es war diesmal zufällig keine Milchmeierei und kein Wlrthshaus, sondern ein Theater; antisemitischer Kunstverschleiß. Ideal veranlagt, wie unsere Gemeindemachthaber nun einmal sind, wollten sie die Wiener auch mit etwas Anderem unterhalten, als immer nur mit ihren eigenen Dialogen und Scenen, und sie gründeten — nein, sie nahmen eine Theatergründung einfach an sich. Nicht nur Menschen, auch Ideen können ihre politische Tendenz im Handumdrehen ändern, und wenn sie keine haben, so nehmen sie eben eine an. Das Zauberwort .Juden hinaus!" machte aus der rein künstlerisch gedachten Gründung von Bürgern verschiedenster politischer Richtung eine hitz'g betriebene und eifersüchtig behütete Parteisache. Was so die Praktiker der Antijemitenkünste begonnen hatten, sollte ein Theoretiker der antisemitische» Kunst fortführen. Da es zu schwer war, ihn zu finden, mußte er erfunden werden. Man creirte Herrn Adam Müller-Guttenbrunn, der dem Raimund-Theater jählings entfallen war. Dort hatte er gezeigt, daß er das parteilose Geschäft nicht zu führen imstande war; man schloß daraus, daß er der rechte Mann für das Parteigeschäft sein werde. Aber es kam anders. Nicht Jeder, der in Mariahilf verkracht, ist darum schon ein großer Währinger. Der antisemitische Kunstverschleiß wollte nicht recht floriren. Die Dramaturgie des Taufscheines bewährte sich nicht. Anfangs, da zogen wohl die braven Währinger in das Theater. Sie kamen, sahen und Müller siegte über ihre naive theatralische Unberührtheit. Wer zu jener Zeit ins Theater kam, der konnte den Director in seiner Loge fitzen und lachen sehen — ob nun ein Lastspiel oder ein Schauerstück aufgeführt wurde; — er lachte und freute sich herzinniglich über die Frische und Empfänglichkeit seiner Währinger Kunstgenußmenschen. Später lachte er nicht mehr, — auch bei den derbsten Possen nicht, — und auch kein Anderer lachte dabei in seinem Hause. Die Naivetät eines Publicums läßt sich wohl zu Verschiedenem mißbrauchen, — mißbrauchen laßt sie sich nicht lange. Und nur zu bald lernten auch die Währinger, die bis dahin noch wenig vom Theater gewußt hatten, das Gesetz von der dramatischen Einheit und Einförmigkeit des Talentmangels an ihrer vorstädtischen Bühne kennen. Mit dem Ausschluß Alles Jüdischen und Judenfreundlichen hatte das Theater seinen Boden ganz entkräftet. Nicht daß gerade jüdisches Talent der dramatischen Entwicklung unbedingt nöthig wäre, — aber irgend ein Talent ist doch unumgänglich nothwendig, und keines, kein einziges wird den Zwang eines Parteidogmas, den Druck des Bewußtseins nur im Sinne einer Partei — einer solchen Partei! — arbeiten zu dürfen, ertragen. So handelte es sich immer nur um die paar Schwanksabrikanten aus dem Reich, die paar Ladenhüter des älteren Wiener Theaters, hie und da ein blutrünstiges Schauderexperimevt und der Rest war — Hans Arnold Schwer. Diesen Rest gab dem Theater naturgemäß die antisemitische Partei. — Nun kommt ein neuer Mann. Ein neuer Mann bringt neue Zweifel, und ob die Pläne, die er angeküudigt hat, zu seinem und des Publicums Besten ausgehen werden, bleibt noch abzumarten. Aber — ob gutes oder schlechtes Theater — ein Theater wird doch wenigstens von nun ab an der Währinger Linie stehen, und nicht mehr ein Institut zur Abschreckung vom künstlerischem Antisemitismus. Das heißt, wenn der neue Director an dem einen Satz sesthalten will, der bisher der bemerkenswertheste aus seinem Programme war, an dem Satz, der ihn von seinem Vorgänger, aber auch von dessen Auftraggebern jetzt schon principiell scheidet, an dem Satze: „Ich will kein Parteirheater machen!" * * * Eine der komischesten Figuren des antisemitischen Klüngels ist bekanntlich der Universalbegutachter und durch die Gnade des Herrn Bürgermeisters Dr. Lueger ernannte Reichsraths-Abgeordnete des Bezirkes Josefstadt, Alois Heilinger. Dr. Hetlinger versteht Alles und weiß Alles. Er gibt Gutachten ab für Schuster, Schneider, Gastwirthe, über die Zusammensetzung des Innern der Erde, über die Höhe des Popocatepetel, Uber die Beschotterung der Milchstraße durch die himmlischen Heerschaaren. Das Merkwürdigste und Drolligste ist, daß die Gutachten des Herrn Dr. Heilinger die Eigenschaft besitzen, immer Demjenigen zu gefallen, welcher den Allerweltsweisen zuletzt um derartige Gutachten ersucht hat. Der .angenommene" Sohn des Herrn Doctor Laeger scheint jedoch den Antisemiten vom Schlage des Ehren- Schneider noch zu wenig antisemitisch gesinnt zu sein. Man scheint ihn im Verdachte zu haben, daß die Eigenliebe dieses Herrn soweit geht, daß er eventuell, wenn ihn der Oberrabbiner von Wien oder Paris um ein Gutachten über die Schächtfrage oder über die Beschneidung angehen würde, sich schließlich auch veranlaßt sehen würde, ein Gutachten abzugeben, welches diesem zuletzt Fragenden nicht unangenehm wäre. In diesem Punkte scheint auch der Kriegsrath der antisemitischen Gewerbetreibenden die Natur des angenommenen Sohnes des Herrn Bürgermeisters ziemlich genau erkannt zu haben, und so setzte sich denn dieser Tage der Kriegsrath der Antisemiten schwärzester Färbung, bestehend aus den berühmtesten Männern der österreichischen Monarchie, Ernst Schneider, dem glorreichen Entdecker des Rltualmordes, dem Urwiener und den deutschen Charakter der Stadt Wien so wirksam wahrenden Tischler Jedlieka, ferner den nicht minder deutschen Goffarek, Bitza, Doleisch und dem Chef der Wiener Greisler Pabst, dem Sattler Stari und einem Herrn Kutschera von unbekannter Größe, zusammen, um über ihr gewesenes Schoßkind ebenfalls

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