Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 29 (17.7.1903)
- Date
- 1903-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 458 Dr. Mocb's Mocbenscbrift. Nr. 29 gleichen habe. Er hätte sich darauf berufen können, daß gerade von Oesterreich dem rumänischen Staate große Dienste geleistet wurden, und ebenso darauf, daß die meisten der jetzt recht- und heimatlosen Juden in Rumänien ehemals unter österreichischem Schutz standen und daß dieser Schutz nur in Hinblick darauf fallen gelassen wurde, weil Rumänien die Verpflichtung auf sich genommen hat, sie als rumänische Bürger anzucrkennen. Wir wissen nicht, ob Graf Goluchowski diese Frage in seinen Gesprächen mit SLurdza berührt hat, aber das wissen wir, daß er der Humanität den größten Dienst erwiesen hätte, wenn er seinen Einfluß — nicht zu Gunsten der Juden — sondern zu Gunsten des Rechtes hätte geltend machen wollen. A. Wnener. Gi«e falsche „Toleranz". Im Zeitalter der Druckerschwärze, und der Rotationsmaschine wäre es naiv, sich über einen gedruckten Unsinn aufzuregen. Würden die Druckereien nur vernünftige Dinge drucken, dann müßten 90 Percent unserer Setzer und Drucker ohne Beschäftigung bleiben. Ich habe mir daher längst das Staunen über komische und närrische Erscheinungen in der Literatur und in der Tagespreffe gründlich abgewöhnt. Auch für die Erzeugnisie verderblicher Natur habe ich keine »sittliche Entrüstung" mehr. Schließlich ist ja »verderblich" auch nur ein relativer Begriff. Gar manche politische Partei nennt die andere verderblich, und jede Geistesrichtung bekämpft die ihr feindliche als gefährliche und unheilvolle. Nur über eins ärgere ich mich heute noch, wenn eine Bewegung unter falscher Flagge segelt, wenn eine Waare unter einem erlogenen Namen feilgeboten wird. Ich habe da das Gefühl, als wenn ich eine Flasche mit der Etiquette» Liebfraumilch" erhalte, deren Inhalt sich nachher als echter Grünberger Surius herausstellt. Es ist wahrlich höchste Zeit, daß man gegen diesen unlautersten aller Wettbewerbe ankämpft. Natürlich nicht durch polizeiliche Maßregeln. In der glücklichen Woche der Reichstagswahl, wo die Fluth der Flugblätter Einen zu vernichten droht und wo der Papierkorb das nützlichste Möbelstück ist, da erhielt ich eine Streifbandsendung aus Berlin NO mit dem Aufdruck »Zeitschrift Toleranz". Der Name feffelte mich, obwohl er als Bezeichnung für eine Zeitung etwas kokett klingt. Eilig entferne ich die Hülle, und ich erhalte ein 12 Seiten starkes Heft „Toleranz", mit dem Untertitel »Deutsch-völkische Wochenschrift für Juden und Christen". Also, es gibt noch Idealisten, die Juden und Christen mit gleicher Liebe umfassen, die eine Aussöhnung aller Gegensätze von der Toleranz erwarten! Welch' ein Trost in den kampflustigen Tagen der Wahlen, wo der Parteieuhaß seine Orgien feiert! Ich sehe mir den Namen des Redakteurs und Verlegers an: Emil Scheibe. Welch' prosaischer Name für einen so hohen göttlichen Beruf! Neugierig blättere ich im Hefte herum und lese die Ueberschriften der einzelnen Artikel. Mit modernen Lettern steht es da: »Die Hauptursache des Antisemitismus", »Die Wahlbrüder", »Die Presse und die Judenkinder", »Die jüdische Presse und das deutsche Corpsstudententhum", »Das Verhältniß des Judenthums zur Socialdemvkratie", »Die Schuldigen von Kischenew", »Der Judenhaß in Rußland". Das sind freilich keine neuen, aber immerhin intereffante Themeta, denen man noch eine neue Seite abgewinnen kann. Nun gehe ich mit Behagen an die Lectüre dieser jüngsten Zeitschrift, und — sehe schon nach fünf Minuten, daß ich eins der niedrigsten und gehässigsten antisemitischen Blättchen vor mir habe. Im ersten Artikel werden mit bei den Antisemiten üblicher Gründlichkeit die Hauptursachen des Antisemitismus untersucht. Man erfährt da, daß auch nach der Erfindung des Pulvers für »ausgeruhte" Köpfe noch immer Neues zu erfinden gibt. Der Verfasser wandelt wirklich neue Bahnen und kommt zu originellen Schlüffen. Also, die Hauptursache des Antisemitismus ist nicht in der mangelhaften Aufklärung, in den ungesunden socialen Zuständen, in intoleranten Glaudensauffaffungen oder in atavistischen Racenabneigungen zu suchen, sondern — in der jüdischen Presse. Wer ist die jüdische Presse? Etwa die »Allgemeine Zeitung des Judenthums", der »Israelit", das »Israelitische Familienblatt", die »Oesterreichische Wochenschrift" und die anderen Organe der jüdischen Gemeinden? O, nein, diese sind ganz harmlos und schaden Niemand. Aber das Mosse'sche »Berliner Tageblatt", dieCohn'sche »Volkszeitung", die Ullstein'sche »Berliner Zeitung", die Sonnemann'sche »Frankfurter Zeitung" u. A., die sind die Quelle alles Verderbens. Warum? Ganz einfach, weil die Verleger jüdische Namen haben und weil sie die Todsünde begehen, die Reaktion zu bekämpfen. Es ist in dem Nebel von Widersprüchen, in dem sich der neueste aller Redacteure befindet, nicht leicht, sein politisches Glaubensbekenntniß herauszufinden. Aber es scheint toch, dc.ß er conservativen und agrarischen Ideen huldigt. Das würde mich durchaus nicht stören, aber Blätter, die Einem nicht gefallen, als Judenpresse zu bezeichnen, das ist ein so alter plumper Tric, daß man dazu kein neues Blatt zu gründen braucht. »Jüdische Presse" ist für jeden vernünftig denkenden Menschen eine Presse, die ausschließlich von Juden für Juden geschrieben ist und die jüdische Interessen vertritt. Trifft dies bei den obengenannten Zeitungen zu? Wer mag es bejahen? Gibt es überhaupt auf politischem, socialem oder moralischem Gebiete jüdische Jntcrkssen, die mit denen irgend einer Bürgerclaffe cvllidiren? Man nenne sie mir, ich kenne keine. N^ch welcher Logik also sind diese Zeitungen Judenblätter? Die Verleger der »Kölnischen Zeitung" entstammen einer alten katholischen Familie, aber jeder Katholik würde mit Recht dagegen protestiren, wenn man dieses culturkämpferische Blatt als katholische Zeitung bezeichnen wollte. Was hat die Religion des Verlegers mit dem Inhalt des Blattes zu schaffen? Oder glaubt man, daß diese Zeitungen alles Jüdische mit besonderer Liebe behandeln? Ich bin, wie jeder gebildete Badenser, ein eifriger Leser der »Frankfurter Zeitung", nun kann man über ihre politische und sociale Stellung denken wie .man will, daß sie aber zu den vornehmsten und gerechtesten Zeitungen Deutschlands gehört, das wird ihr kein ehrlicher Gegner bestreiten. Sie vertritt den demokratischen Standpunkt mit Entschiedenheit und ist als freiheitliches Organ auch Gegnerin des Antisemitismus, aber nie hat sie etwas darum verschwiegen oder gar vertheidigt, weil es einem Juden zur Unehre gereicht. Noch vor einigen Tagen las ich darin einen ausführlichen Bericht über den Proceß Bernstein in Tilsit mit voller Nennung aller jüdischen Namen, die darin eine unschöne Rolle spielten. Haben diese Blätter jemals die Namen der jüdischen Verbrecher verschwiegen? Mit welchem Rechte also bezeichnet man sie als jüdisch? Sie haben — o diese Schmach! — seinerzeit spaltenlange Berichte über den Proceß Drcysns grbracht. Aber dieses Verbrechen hat ja auch der »Berliner Localanzeiger", die »Germania" und ach, leider auch die »Kceuzzeitung" begangen, sind es auch Judenblätter? Noch eine andere Sünde rügt der Verfasser: diese Blätter sind antiagrarisch. Ist das eine specifisch jüdische Eigenschaft? Sind alle Antiagrarier Juden? Bei der Reichstagswahl vom 16. Juni 1903 sind mindestens vier Millionen antiagrarische Stimmen abgegeben worden, ich wußte wirklich nicht, daß Deutschland so viele Juden hat. Noch ein anderes Exempel illustrirt diesen Uusinn. Diese als Judenblätter bezeichneten Zeitungen haben mit ihren Ablegern zusammen eine Auflage von 3- bis 400.000 Exemplaren, die ganze Judenheit Deutschlands aber hat höchstens 100.000 Zeitung? - leser, von Abonnenten ganz zu schweigen. Wären also diese Blätter auf jüdische Abonnenten angewiesen, so müßten sie ihren Betrieb einstellen. Hat denn überhaupt die Judenheil irgendwelchen Einfluß auf diese Zeitungen? Holen sich etwa die Redacteure ihre Informationen aus den jüdischen Gemeinden? Wie naiv muß sich die Welt im Kopfe solcher Schriftsteller au°- malen? »Wenn kein »Berliner Tageblatt" existirte, gäbe cs auch keine »Staatsbürger-Zeitung". Ohne Mosse kein Pückler." So argumentirt unser Autor. Nun, die »Staatsbürger-Zeitung" ist älter als das »Berliner Tageblatt" und der Zusammenhang zwischen Mosse und Pückler klingt mir kabbalistisch. Der gute Herr kann sich beruhigen, der Antisemitismus ist so alt, wie — die menschliche Thorheit. Jede Zeile in diesem Artikel ist ein -Unsinn, wenn nicht noch Schlimmeres, und die ganze Terminologie ist der »Staatsbürger-Zeitung" entlehnt. Und ein solcher Artikel schließt: »Da es aber viele Juden und Judenfreunde gibt, die mit dem politischen Radicalismus und mit der jüdischen Tagespresss nichts zu thun haben, ja ihr entgegenarbeiten wollen auf Schritt und Tritt, so haben wir uns zur Herausgabe dieses. Blattes entschlossen und bitten alle Gesinnungsgenossen um Theilnahme und Betheiligung."