Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Dr. Mocb's MocbensLbritd Seite 455 bei ihr, bis ich ganz hergestellt bin ... so! Und dich werde ich für Alles reichlich belohnen ... fürchte nichts!" »Ich glaube eudj", sagte Kain, Schnaps auf die Brust seines künftigen Beschützers gießend, »ich glaube euch mehr als mir selber . . Kenn' ich euch doch so gut!" »U—u! Reib', reib'!... Thut nichts, daß es schmerzt... Reib' immerhin! O, — o, — o! . . . Ja, so, recht! brüllte Ärtem. »Ich würde für euch ins Wasser springen und ertrinken!" erklärte Kain. »Ja. ja, ja ... den Rücken, den Rücken reib' mir ein ... Ach, die Teufel! Haben sie mich aber zugerichtet! Und nur ein Weibsbild ist schuld daran! Wenn nicht die Weiber, wäre ich nüchtern . . . und so lange ich nüchtern bin, wehe dem, der mir nahe kommt!" Kain, der schon vollständig die Rolle eines Dieners übernommen hatte, beeilte sich, ihm Recht zu geben. ,O, die Weiber! Sie sind wirklich — alle Sünden der Welt! Bei uns Juden betet man jeden Morgen: Gelobt seiest du, Ewiger, unser Gott, Herr aller Welten, daß du mich nicht zum Weibe geschaffen hast . . ." »Wie? ist das wahr?" rief Artem erstaunt. »Wirklich dankt ihr Gott dafür? Nein, wie ihr doch seid . . . Und was ist eine Frau? Dumm ist sie . . . und ohne sie geht's doch nicht . . . Aber daß man Gott dafür danken soll . . . das ist doch nicht recht ... das muß ja die Frauen beleidigen! Gefühl haben sie doch auch . . ." Er lag da ohne Bewegung und riesengroß — indeß der kleine, schwächliche, vor Anstrengung athemlose Kain sich um ihn zu schaffen machte, und — von dem Schnapsgeruch hustend — dem neugewonnenen Freunde die Seiten, die Brust und den ganzen Körper mit aller Kraft zu reiben bestrebt war. Am Flußufer gingen Menschen hin und her; man vernahm Schritte und lautes Reden. Das Boot lag über einer sandigen Höhle, deren Wände eine Höhe von ungefähr einem Sagen*) erreichten. Vom Fluße war es durch eine schmale, mit Holzstücken und sonstigen Abfällen bedeckte Sandbank getrennt. Unter dem Boote, von dessen nach aufwärts gerichtetem Boden die Vorübergehenden nur einen schmalen Theil bemerken konnten, war es feucht und schmutzig. Heute jedoch schien oieser Ort ein außergewöhnliches Interesse zu erwecken. Kain und Artem bemerkten, daß die Leute häufig vorübergingen, auf den Boden der Barke sich setzten, mit den Füßen an ihre Seiten schlugen. Auf Kain machte dies keinen guten Eindruck. Er hörte auf zu sprechen und bemühte sich schweigend um Artem, indeß ein flehentliches, trübes Lächeln seine Lippen umspielte. . »Hört ihr?" »Ich höre", erwiderte der Riese und lächelte vergnügt. »Und ich verstehe. Sie wollen berechnen, wann ich meine Kräfte werde wiedergewonnen haben, freilich, sie müffen das genau wissen, um ihre Rippen in Bereitschaft zu halten. Ha, ha! Solche Teufel! Wüthend müssen sie sein, daß ich nicht crepirt bin. Ihre ganze Arbeit war vergeblich". »Aber wißt ihr was?" begann Kain leise zu flüstern, indkß seine Züge Schreck und Warnung ausdrückten, wißt ihr was?" Wenn ich von hier fortgehe, bleibt ihr ganz allein. Dann können sie Herkommen und, und . . ." Den Lippen Artem's entströmte eine laute Salve heiseren Lachens. »Ach, du . . . eine imponirende Gestalt! So glaubst du, daß sie sich vor dir fürchten? O, du!" »Nnn! Aber ich kann als Zeuge gegen sie auftreten!" »Sie werden dir eins versetzen, daß du auf der Stelle liegen bleibst! Ha, ha, ha! Und dann tritt auf als Zeuge im Jenseits". Artem's Lachen verscheuchte die Furcht Kain's, und zum ersten Male trat in die schmale, eingefallene Brust des Juden, an Stelle der ewigen Angst, eine selbstbewußte, freudige Sicherheit. Jetzt wird sein (Kain's) Leben einen anderen Lauf nehmen, denn ein kräftiger Arm wird ihn schützen gegen die Schläge und die Ungerechtigkeiten der Menschen, die bis nun ihn straflos verfolgen dursten. (Fortsetzung folgt.) *) Sagen, ein russisches Maß. Neue Bücher. Der Verein für jüdische Statistik (Berlin-Halensee, Mitgliedsbeitrag 6 Mark) läßt eben im Jüdischen Verlag (Berlin) und unter der Rrdaction von Dc. Alfred Noffig seine jüngst angekündigte erste Publication erscheinen. Das umfang- und inhaltsreiche Werk (»Jüdische Statistik") zerfällt in vier Theile. Eröffnet wird es durch die Bibliographie der jüdischen Statistik, eine sehr spitzige Zusammenstellung, um die erste Grundlage für eine jüdische Gesammtstatistik zu schaffen. Es folgen die officiellen Berichte der jüdischen Organisationen über ihre statistischen Arbeiten. Zum ersten Mal gelungen ist es, diese Institute und Gesellschaften zu einer gemeinsamen Arbeit zu vereinigen. D':e Jrwish Colonisation Affociation hat mit großem Aufwand an Mühe und Kosten eine Statistik der Juden in Rußland aufnehmen lassen, deren erste Ergebnisse hier zur Veröffentlichung gelangen. Großes Interesse verdienen auch die zahlreichen Arbeiten des Ordens Bnei-Brith. die von der »Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" unternommene Enquete über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien, die Erhebungen des Deutsch-Jsraelitischcn Grmeindebundes in Deutschland und die Enquete unter den jüdischen Studirenden der europäischen Hochschulen, durchgeführt vom Bureau »Jüdische Hochschule". Der dritte Theil, »Beiträge zur Statistik der Juden in einzelnen Ländern", ist so zusammengestellt, daß er ein übersichtliches Bild der Lage jener bedrängten Massen des jüdischen Volkes ergibt, die in ihren Heimatsländern den furchtbarsten Katastrophen ausgesetzt find, ihre Existenzgrundlagen verlieren und sich zur Auswanderung gezwungen sehen. Den Abschluß bilden Beiträge zur jüdischen Weltstatistik, in denen die physischen Raceneigenschaften der Juden sowie ihre Zahl, Vertheilung und Zunahme auf der Erde untersucht werden. Die Publication, welche als erste authentische Jnformationsgrundlage über die Verhältnisse des Judenthums nicht nur die jüdischen Kreise, sondern auch die Männer der Wissenschaft und die praktischen Socialpolitiker lebhaft intereffiren dürfte, ist zum Preise von 7 Mark beim Jüdischen Verlag (Berlin SW. 47) sowie durch alle Buchhandlungen zu beziehen. kevue des ecoles de l’Alliance Israelite. Publication-trimestrielle. No. 7. Octobre 1902 — Avril 1903. Paris a la librairie Durlacher 83 bis, rue Lafayette. Dr. Alfred Weist. Biblische Geschichte nach den Worten der heiligen Schrift. Erster Theil. Preis 2K40h. Kaiser!, königl. Schulbücher- Verlag, Wien 1903. Im Verlag von Wilhelm Koeöner in Breslau. Schmiedebrücke 17/18, ist soeben erschienen: 2. bis 4. Tausend: »Es werde Licht." Eine Aufklärung über Bibel und Babel von Dr. Wilhelm Münz, Rabbiner in Gleiwitz. (52 Seiten.) — Preis: 60 Pfennige. Briefkasten. F. Einer jüdischen Dichterin, Frau Emma Lazarus, die ini Jahre lö87 in ihrer Vaterstadt New-Iork im Alter von nur 38 Jahren starb, ist soeben am Piedestal der riesigen Freiheitsstatue auf Bedloes Island im Hafen von New-Zlork eine Gedächtnißtafel aus Bronce mit ihrem Namen und dem Sonett, das sie 1885 schrieb und der Statue widmete, errichtet worden. In diesem Gedicht ruft sie den Schutz der Freiheitsgöttin für die wenige Jahre zuvor aus Rußland vertriebenen, nach den Vereinigten Staaten ziehenden Juden an. „Ariauus". Sie haben Recht, die clericalen Hetzer werden nicht müde, den Juden Moral zu predigen. Wie es aber in ihrer eigenen Mitte aussiebt, erfährt hier und da die Oeffentlichkeit. So schrieb eines der größten italienischen Blätter der Clericalen, der »Osservatore Cattolico", dieser Tage: Seit einigen Tagen bringen die »Vermischten Nachrichtenallerlei schmerzliche Mittheilungen. So mutzten wir zwei Selbstmorde von Geistlichen, mehrere Fälle von grausamer Weiberrache an Priestern und einige Gerichtsepisoden erleben, in denen der geistliche Talar nicht gerade die beste Figur spielte. Heute erzählen die Zeitungen eine blutige Tragödie aus einem Dorf bei Novara. Es handelt sich um einen Pfarrer, der, wie es scheint, aus gemeinen Beweggründen die eigene Magd mit einem Rafirmesser tödtete und dann floh. Wir haben keinen Anlaß, diese Erscheinungen des Lebens zu verbergen oder irgend ein Ereigniß zu unterdrücken nur allein deshalb, weil Männer der Kirche schlecht dabei wegkommen, umsoweniger, als das Schweigen der wenigen katholischen Blätter gegenüber der öffentlichen Discussion in den liberalen Blättern unnütz wäre, die oft ohne Religionsfeindlichkeit handeln, aber die Neugier des Publicums befriedigen müqen. Wir sollten vielmehr betonen,