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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 450 Agronom Dr. Soskin, einen Bericht über den gegenwärtigen Zustand der Colonie Bneh-Jehudah, worauf die Versammlung mit einem warmen Appell an die Delegirten, überall für den Verein „Esra" neue Mitglieder zu werben, vom Vorsitzenden um 1 Uhr geschloffen wurde. Berlin. (Die antisemitischen Reichstagsmandate.) Unter den in den Reichstag gewählten Antisemiten befinden sich bekanntlich der Verleger der „Staatsbürgerzeitung" Bruhn und der Redacteur desselben Blattes Böckler. Letzterer erhielt das Mandat des Wahlkreises Schlochau-Flatow. Der „Vorwärts" hatte vor einigen Tagen behauptet, daß in diesem Kreise auch die führenden jüdischen Kreise für den Antisemiten gestimmt hätten, was aber von der „Staatsbürgerzeitung" entschieden bestritten wurde. Der „Vorwärts" veröffentlicht nun folgendes, ihm aus dem Kreise Schlochau-Flatow zugegangenes Flugblatt: „Werthe Glaubensgenoffen! Herr v. Komierowski (der polnische Gegenkandidat Böckler's) ist nach seinen gestrigen Erklärungen nicht der Mann, dem ein deutscher Jude seine Stimme in der Stichwahl geben kann, da er sein Polenthum in den Vordergrund stellt. Es wird mir schwer, einem Antisemiten vom Schlage Böckler's zum Siege zu verhelfen, es bleibt mir aber keine Wahl. Wir empfehlen daher, entweder Böckler zu wählen oder dem Wahlakte fern zu bleiben. Prediger Lewin, Blumenthal, Stadtverordneter, Julius Reumann, Mühlenbesitzer." Berlin. Letzte Woche tagte hier eine vom Hilfsverein der Deutschen Juden einberufene Konferenz, an der alle diejenigen Organisationen theilnahmen, die sich in hervorragendem Maße an d.n Sammlungen für unsere in Kischenew durch die Excesse geschädigten Glaubensgenossen betheiligt haben. Das Präsidium bestand aus den Herren James Simon (Hilfsverein der Deutschen Juden), Justizrath Lachmanu (Jewish Colonisation Association), Dr. Rosenbaum- Breslau (Alliance isra6lite universelle), Dr. Alfred Stern-Wien (Israelitische Allianz), Elkan Adler-London (Anglo Jewish Association.) Der Versammlung lagen die Berichte verschiedener Herren vor, die im Aufträge der Vereine Kischenew besucht hatten, um sich an Ort und Stelle von der Größe des Schadens zu überzeugen und die Zweckmäßigkeit des Vertheilungsmodus der Hilfsgelder zu prüfen, die das Counts in Kischenew verwendete. Wir heben aus diesen Berichten die wichtigsten Stellen hervor. Die Summe der bisher angemeldetcn Schadensbeträge beträgt y,332.890 Rubel. Die Geschädigten sind ganz überwiegend kleine Leute, Handwerker, Kleinkaufleute, Arbeiter, Kutscher rc. Der Schaden, den die besser Bemittelten erlitten haben und der ebenfalls nicht unerheblich ist, konnte in diese Summe nicht eingerechnet werden, da diese Claffe der Geschädigten aus leicht begreiflicher Rücksicht auf ihren Credit Bedenken trägt, ihren Schaden öffentlich mitzutheilen. Es laufen auch jetzt noch immer Anmeldungen von mehr oder weniger schweren Verlusten als Nachträge zur obigen Ziffer ein. Die genaue Liste der Verletzten stellt sich auf 47 Tobte, 92 Schwerverwundete und 345 Leichtverwundete. Die Getödteten und bis jetzt an den Folgen der Verletzungen Erlegenen haben zusammen 55 Witwen und 123 Kinder hinterlaffen. Dem Hilfscomits in Kischenew sind bisher an Geldern circa 700.000 Rubel zugefloffen, darunter circa 460.000 Rubel aus Rußland, der Rest aus den verschiedenen Ländern Europas und Amerikas. Diese Gelder hat das Comite in einer Weise verwendet, die den Beifall aller Delegirten gefunden hat. Nachdem die erste unmittelbare Noth durch Vertheilung von Lebensmitteln, von Kleidung, Wäsche rc. einigermaßen eingeschränkt war, hat sich das Counts, welches mit seinen Verttauensleuten aus circa 100 Personen besteht, die Aufgabe gestellt, die Geschädigten in einer Weise zu unterstützen, daß dieselben wieder zu einer selbstständigen wirthschastlichen Existenz gelangen können. Natürlich sind in erster Linie die nöthigsten Mittel für die Erhaltung der Familien der Opfer, sowie für die dauernd arbeitsunfähig Gewordenen in ausreichender Höhe sichergestellt worden. Diese Claffe umfaßt etwa 100 Familien. Die ihrer Existenzmittel durch die Krawalle Beraubten sind leider unvergleichlich zahlreicher; diese Kategorie umfaßt über 2700 Familien. Endlich kommt noch die zuverlässig kaum zu übersehende Zahl der indirect Geschädigten hinzu, die ihre Arbeit verloren haben, weil die Werkstätten zerstört worden oder deren Geschäfte infolge der eingetretenen allgemeinen Krisis in Kischenew stecken. Da die dem Counts in Kischenew zur Verfügung stehenden Mittel nicht einmal für die zweite Kategorie ausreichen, konnte die dritte nur in ganz geringem Umfange, in Fällen der allergrößten Noth berücksichtigt werden. Auf Grund des übereinstimmenden Urtheils der nach Kischenew entsandten Vertrauensmänner der westeuropäischen Vereine wurde die bisher befolgte Methode der Verwendung der Gelder für gut befunden und zugleich dem Comits in Kischenew seitens der an der Conferenz betheiligten Corporationen wettere größere Mittel zur Verfügung gestellt. Neben den für die unmittelbare Unterstützung bestimmten Geldern wurde ferner noch Nr. 38 eine Anleihe für kleinere Darlehen bewilligt, sowie zur Unterstützung von jüdischen Handwerkern. Auf Grund der bisherigen Erfahrung wird versucht werden, den jüdischen Handwerkern Beschäftigung und damit Lebensunterhalt zu geben. Es wurde ferner durch Herrn Berget, der im Aufträge des Hilfsvereines und der Logen in Kischenew war, bekanntgegeben, daß mehr als 400 Proceffe wegen Schadenersatz schweben, obgleich die Hoffnung auf materielle Erfolge aus diesen Processen leider in Rußland eine sehr geringe ist, da nach russischem Gesetz die Schadenersatzansprüche nicht gegen den Staat oder die Gemeinde, sondern nur gegen die einzelnen Beamten und die Excedenten sich richten können. Einstimmig hat ferner die Conferenz beschlossen, eine Em igrationnicht nur nicht zu unterstützen, sondern ihr mit allen Mitteln entgegenzutreten, da hierfür keine Gelder vorhanden sind. Eine lange und eingehende Discussion über diesen Punkt hat gezeigt, daß eine- Emigration in diesem Moment zu einer Katastrophe von unabsehbarer Tragweite führen müßte und daß daher derselben in jedem Falle zu widerrathen ist, auch wenn dies als Härte erscheint. Die Versammlung, die ein erfreuliches Bild des Zusammenarbeitens aller bei diesem Liebeswerk betheiligten Corporationen bot, schloß mit warmen Dankesworten des Vorsitzenden an die Erschienenen, für welche die Herren Dr. Stern, Elkan Adler und Rabbiner Dr. Horovitz das Wort ergriffen, um den Herren James Simon und Dr. P. Nathan ihrerseits zu danken für die Einberufung der Conferenz und für ihre mühevolle und aufopfernde Thätigkeit zu Gunsten der Glaubensgenossen in Rußland. Die Begnadigung des Grafen Pückler. Berlin. Dem durch seine grotesken antisemitischen Hetzreden seit Jahren bekannten Grafen Pückler auf Klein- Tschirne in Niederschlesien ist eine Gefängnißstrafe von sechs Wochen im Gnadenwege erlassen und ihm dafür eine Geldbuße von 6000 Mark auferlegt worden. Dieser antisemitische Agitator, den übrigens ein Theil der Antisemiten, und diese nicht allein, für nicht ganz zurechnungsfähig halten, hat bisher ein sehr auffallendes Glück in allen seinen Conflicten mit der Justiz gehabt. Er ist wiederholt wegen öffentlicher Aufreizung zu Gewaltthaten, wegen Beleidigung von Richtern und Staatsanwälten, wegen Herausforderung zum Zweikampf angeklagt worden und ist bisher immer freigesprochen oder nur zu Geldstrafen verurtheilt worden. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß jedem anderen in der politischen Agitation thätigen Manne diese Anklaqen wegen Aufreizung zur Gewalt und wegen Beleidigung von Richtern und Staatsanwälten ganz sicher Gesängnißstrasen eingetragen hätten. Wenn ein Socialdemokrat Aehnliches leistete wie dieser Graf in vielen öffentlichen Versammlungen; wenn ein Pole so direct aufforderte, die Deutschen zu verhauen, wie Graf Pückler zum Faustrecht gegen die Juden aufgefordert hat, oder wenn im Culturkampf ein Centrumsmann über Richter und Staatsanwalt annähernd das gesagt hätte, was Graf Pückler gesagt hat: die Strafen würden sich auf einige Jahre Gefängniß summirt haben. Er hat stets merkwürdig milde Richter gefunden. Es ist ihm wiederholt zu Statten gekommen, daß der Gerichtshof angenommen hat, daß seine pathetischen Ermahnungen, auf die Straße zu gehen und den ersten schwarzhaarigen Juden niederzuschlagen, nicht wörtlich, sondern bildlich gemeint seien. Die Staatsanwälte haben wiederholt Gefängnißstrafe beantragt, sie sind aber damit nicht durchgedrungen. Man muß sich dieser bekannten und lebhaft erörterten Vorgänge erinnern, um das Aufsehen zu begreifen, welches die jetzt erfolgte Begnadigung des Grafen in dem einzigen Falle, wo er zu Gefängnißstrafe verurtheilt war, in weiten Kreisen erregt. Personen, die in kurzer Zeit so häufig und so auffällig und noch dazu immer wegen desselben Vergehens, wegen Aufforderung zu Gewaltthaten und schwerer öffentlicher Beleidigung mit der Justiz in Confliet gerathen, pflegen aus begreiflichen Gründen überhaupt nicht begnadigt zu werden. Es wird bereits angekündigt, daß man den Justizminister, der für diese Begnadigung verantwortlich ist, im Landtage deswegen befragen werde. Dann wird Herr Schönstedt, wenn er sich überhaupt darauf einläßt, wie er es in früheren Fällen übrigens gethan hat. wahrscheinlich geltend machen, daß das Vergehen, wegen dessen Graf Pückler verurtheilt worden ist, kein politisches ist. Ec hat eine auf benachbartem Terrain erbaute Feldbahn zerstört. Er glaubte in seinem Rechte zu sein, weil der Theil der Feldbahn auf seinem Terrain liege. Der Gerichtshof hat aber trotzdem die Zerstörung einer Eisenbahnanlage angenommen und hat, obwohl der Staatsanwalt nicht Gefängnißstrafe, sondern, wenn wir uns recht erinnern, sogar Freisprechung beantragt hatte, Dr. Mocb's Mocbenscbrtkt.

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