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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 446 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Nr. 36 die antisemitischen Klopffechter nicht in Verdrießlichkeiten ein. Das zu widerlegen, was der citirte Regimentsbefehl sagt, ist unmöglich, weil es wahr ist. Den Verkünder dieser Wahrheit persönlich anzugreifen, dazu sind sie viel zu feig. Da bietet sich denn der einfachste Ausweg, zu verhindern, daß die Bevölkerung von einer so entschiedenen Absage an den Antisemitismus irgend etwas erfahre. Somit hat es uns nicht im Geringsten überrascht, sondern nur erheitert, als wir die Einmüthigkeit beobachten konnten, mit welcher die publicistischen Cumpane des Antisemitismus den sensationellen Regimentsbefehl unterschlugen. * * * Die antisemitische „Bestie im Menschen" hat durch eine unbedachte Aeußerung wieder einmal ihren wahren Charakter enthüllt. In dem Augenblicke, als auf dem Badener Trabrennplatze der Rennfahrer Sigmund Spitz entseelt von seinem Wagen herabfiel, als die Witwe und der Sohn des plötzlich Dahingerafsten bei der Leiche des Gatten und Vaters schmerzerfüllt wehklagten, als der Contrast zwischen dem Vergnügen des Rennsports und den Schrecken des Todes das Publicum mächtig erschütterte, da entpuppte sich die Seele und das Gemüth eines echten Antisemiten in ihrer widerlichsten Gestalt. „Das macht nichts", sagte Herr Vinzenz Hofmüller, Comitömitglied des Badener Trabrennvereines, „es ist halt wieder ein Jud weniger". Einer anderen Version zufolge soll er gesagt haben „ein Saujud weniger". Es ist sehr gleichgiltig, welche von diesen beiden Versionen die richtige ist — ob Jud, ob Saujud, die Absicht, den Todten, seinen Glauben und seine Abstammung zu schmähen, ist dieselbe, und selbst nach dem eigenen, unglaubwürdigen Zugeständnisse H o s m ü l l e r's, wonach er gesagt haben soll „ein Fahrer weniger", liegt ein Fall unglaublicher Gemüthsrohheit vor. Wir möchten dennoch mit dem Einzelnen nicht allzustrenge ins Gericht gehen; Herr Hofmüller ist nicht roher und nicht unmenschlicher als die Umgebung, als das Milieu, aus dem heraus die angesichts einer Leiche ausgesprochene Aeußerung sich seinem antisemitischen Herzen entrungen hat. Seit Jahrzehnten wird die fluchwürdige Agitation betrieben, die dahin geht, den Juden außerhalb der menschlichen Gesellschaft zu stellen, ihn des Anspruches auf bürgerliche Achtung und menschliches Mitgefühl zu berauben. Die Stadt Baden, die ihren Aufschwung zumweitaus größten Theile dem Massenbesuche jüdischer Curgäste und Sommerparteien verdankt, ist ein Hauptherd dieser Agitation. Hier wiederholt sich alljährlich eine merkwürdige Temperaturerscheinung. In der heißen Jahreszeit wird nämlich der Antisemitismus kalt gestellt. Später ändert sich die Stimmung. Die „gnädige Frau" vom Sommer wird im Winter eine „dicke Jüdin" und die „Herrschaften", deren Geld man mit allen Händen genommen, verwandeln sich im Gesprächsthema der Tafelrunden beim „goldenen Hirschen", beim „goldenen Lamm", wie überhaupt in der ganzen Menagerie der Wirthshausschilder zu einer „Judenbagage". Das goldene Badener Herz ist durch und durch antisemitisch und ein Abglanz dieser Stimmung strahlt auch von der Directionsloge des Trabrennplotzes auf die Tausende jüdischer Turfbesucher herab, die durch ihre EntrSes und durch ihre Wetten die „Traberzucht heben" zu sollen glauben. Das ComitLmitglied Hofmüller konnte unmöglich ahnen, daß die citirte Aeußerung über den plötzlichen Tod eines Menschen, der nur ein Jude war, in dieser Umgebung einen so peinlichen Eindruck Hervorrufen könne. Die Naivetät dieser Seelenregung, ihre vermeintliche Harmlosigkeit, ihre förmliche Selbstverständlichkeit illustriren nicht die Denkungsart und das Empfinden des Herrn Hofmüller allein. Die Herren vom Comite erschrocken freilich, als sie sahen, daß zahlreiche Personen entrüstet den Rennplatz verließen. Ob in ihnen die Ahnung aufdämmerte, daß das Cultur- und Gesittungsbild, das die wenigen Worte „das macht nichts, ein Jud' weniger" enthüllen, einen peinlichen Eindruck in der Oeffentlichkeit machen müffe, oder ob sie die noch ernstere Besorgniß hegten, die Einnahmen des Trabrennplatzes könnten durch das Fernbleiben jüdischer Besucher eine Schmälerung erfahren, wollen wir dahingestellt sein lassen. Sie haben allerdings erklärt, daß sie den Fall untersuchen und Herrn Hofmüller eventuell zum Austritt Verhalten werden. Allein nachdem dieser Herr der Ausschließung durch feinen fluchtartigen Austritt zuvorgekommen ist, haben die Herren nichts gethan, um ihre Mißbilligung officiell zum Ausdruck zu bringen. Dagegen haben sie einen anderen Beschluß gefaßt; sie haben nämlich einen Turfbesucher, der über das Benehmen Hofmüller's feine Entrüstung äußerte, ausgewiesen, und es ist gewiß nur ein interessanter Zufall, daß dieser Ausgewiesene auch ei« Jude ist, während zahlreiche christliche Besucher ebenso laut wie der Jude demonstrirten. Es wäre bei diesem Anlasse neuerdings die Lehre zu wiederholen, daß die Juden es denn doch vermeiden sollen, sich irgendwo und irgend Jemand aufzudrängen. Wenn die Badener die Juden nicht mögen, so gibt es ja zahlreiche andere ebenso heilkräftige Thermen wie die Badener Schwefelquellen und viel gesündere und angenehmere Sommerfrischen, in welchen die Juden freundlich geduldet werden. Noch mehr gilt dies vom Trabrennplatz, dessen Errichtung für die ganze Bevölkerung des Bezirkes ohnehin verhängnißvoll geworden ist. Seitdem dort die Totalisateurmaschine klappert, sind die Steuerrückstände im gleichen Verhältnisse angewachsen, wie die Umsätze in den Pfandleihanstalten. Die Antisemiten sagen ja den Juden nach, daß diese überall zu finden sind, wo man ohne Arbeit Geld gewinnen kann. Es würde sich den Juden sehr empfehlen, durch das Fernbleiben von der Rennbahn diesem Vorwurf zu begegnen. Isegrim. Der Plan des Baron Hirsch und die russische Regierung. Anläßlich des Anfangs dieses Jahres stattgehabten hundertjährigen Jubiläums des vom Czaren Alexander I. errichteten russischen Ministeriums (Ministercomits) ist vor Kurzem ein umfangreiches, vierbändiges Werk „Zur Geschichte der Thätigkeit des russischen Ministercomitäs" erschienen, aus dem wir über die Pläne des Baron Hirsch und die Gründung der Jewish Colonisation Association eine Reihe von werthvollen Aufschlüssen erhalten. Die russische Regierung setzte auf die Gründung der „Jüdischen Colonisationsgesellschaft" ursprünglich sehr große Hoffnungen. „Die Versuche, die Judenfrage in Rußland zu lösen", schrieb Finanzminister Bunge in seinem Gutachten über den Plan des Baron Hirsch, „hat bisher zu keinem Resultat geführt. Der Umstand, daß die Judenfrage weder im Guten noch im Bösen gelöst werden konnte, beweist nur, daß auf dem Wege der Gesetzgebung überhaupt nichts erreicht werden^ kann. Das Judenthum hat entweder triumphirt oder schwer* gelitten, in beiden Fällen aber hat die nichtjüdische Bevölkerung dabei nichts gewonnen". Auch Jgnatiew selber mußte als Generalgouverneur von Kiew berichten, daß die über die Juden verhängten schweren Verfolgungen weder folgerichtig noch zielbewußt waren und Czar Alexander fügte diesem Berichte die Randbemerkung „Jawohl!" hinzu. Man faßte nun in Petersburg den Plan näher ins Auge, die Juden aus Rußland auszuweisen... Der Gouverneur von Podolien äußerte sich in seinem Jahresbericht pro 1888, daß die Ausweisung der jüdischen Proletarier aus Rußland „nützlich wäre". Der Czar fügte in einer Randbemerkung hinzu: „Und auch sehr wünfchenswerth!". Der Gouverneur von Kiew schlug vor, Juden, die nach überseeischen Ländern auswandern wollen, eine Reiseunterstützung aus den — Karobkageldern zu gewähren. Der Czar fand den Vorschlag beachtenswerth und schrieb in einer Randbemerkung: „Dem Minister des Innern zur Beachtung!". Auch der Polizeimeister von Odessa sah sich bemüssigt, mit Rathschlägen zu kommen und schlug vor, jüdische Rückwanderer an der russischen Grenze zurückzuweisen. Der Czar äußerte sein Einverständniß, indem er ein „Ja!" am Rande schrieb. Man kann sich denken, wie gelegen nun der Baron Hirsch der rathlosen russischen Regierung kommen mußte. Vom Jahre 1892 beginnend, im Laufe von 25 Jahren ganze 3,500.000 Juden aus Rußland fortführen, ein solcher Plan mußte der russischen Regierung wie eine Erlösung erscheinen. Die russische Regierung war über das Anerbieten des Baron Hirsch umso mehr erfreut, als er von ihr für die Evacuirung des russischen Reiches von seiner jüdischen Bevölkerung sogar keine Gegenleistung forderte. Freilich, im ersten Jahre sollten nur 25.000 Juden aus Rußland nach Argentinien befördert werden, wobei diesen 25.000 einige Hundert alte, erprobte jüdische Landarbeiter aus den südrussischen Colonien als Avantgarde vorausgehen sollten, um für die nachfolgenden Colonisten Alles vorzubereiten. Dann aber soll die Befreiung des Landes von den „Hebräern" unaufhaltsam vor sich gehen und alljährlich 140—150.000 Juden aus Rußland nach dem Eldorado in Argentinien gehen. Vor Freude wollte sich die russische Regierung dem Baron Hirsch dankbar erweisen und seine Sache wenn auch nicht direct durch Subventionen, so durch Gewährung von verschiedenen Privilegien an die abziehenden Juden doch indirect fördern. In der Sitzung des Ministercomitss wies Marineminister Admiral Tschichatschew darauf hin, daß Argentinien größer als Frankreich und sehr wohl geeignet sei, alljährlich 130.000 Juden aufzunehmen. Er schlug

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