Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021522--12817-3037433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 445 handeln, werde aber sicherlich innerhalb dieser Grenze nicht zögern, der Sympathie für die Kischenewer Juden Ausdruck zu geben. Sowohl im Staatsdepartement als in der russischen Botschaft ist man sich darüber klar, daß die Lage äußerst heikel ist. Präsident Roosevelt hat es, wie aus Oysterville gemeldet wird, abgelehnt, sich über die von der russischen Regierung inspirirte Verlautbarung zu äußern, mit dem Bemerken, jede Erklärung bezüglich der Stellung der amerikanischen Regierung habe vom Staatsdepartement auszugehen. New-Iork. Die Veröffentlichung der scharfen Erklärung gegen Rußland geschah auf direkten Befehl Roosevelt's ohne Borwissen des Staatssekretärs Hay. Berlin. Ueber den amerikanisch-ruffischen Conflict. betreffend Kischenew, erfährt das „Tageblatt" aus New-Iork: Das Auswärtige Amt in Washington erklärt, die Verzögerung der Uebersendung der Kischenewer Petition an die ruffische Regierung sei nicht eine Folge des ruffischen Protests, sondern beruhe nur darin, daß das bezügliche Schriftstück noch nicht dem Staatsamte überreicht sei. Gleichzeitig erklärt aber der ruffische Botschafter, seine Regierung könne keine Vorstellungen betreffs der innerrussischen Politik entgegennehmen. Ferner meldet, dem Bureau Laffan zufolge, die „Times" aus Newyork: Nach Telegrammen aus Petersburg hat das russische Auswärtige Amt zu der amerikanischen Petition wegen Kischenew eine Erklärung erlassen, die folgendermaßen lautet: „Der Czar allein kann entscheiden, ob die Petition entgegengenommen werden wird, Czar Alexander HI. würde sie niemals entgegengenommen haben. Die Petition der Guildhall-Versammlung im Jahre 1891 wurde durch das russische Auswärtige Amt als unpaffend zurückgeschickt. Das Auswärtige Amt hofft, daß die Amerikaner, die eine Petition gegen das Lynchen übel vermerken würden, eine solche Nichtbeachtung nicht herausfordern werden. Es hat an der ganzen Frage kein besonderes Interesse, abgesehen von dem Wunsch nach Aufrechthaltung ungetrübter Beziehungen, denn die ganze Angelegenheit gehört als rein innerpolitische Frage in eine andere Ministerialabtheilung." Petersburg. Der Minister des Innern v. Plehwe empfing dieser Tage eine Deputation der Kaufmannschaft von Kischeney) und sagte ihr. zu, daß Alles geschehen werde, um die Ruhe und Ordnung in Kischenew aufrechtzu erhalten. Er bedauere die traurigen Vorfälle im April aufs Tiefste. Paris. Bei dem Festmahl der amerikanischen Pariser Colonie zur Gedenkfeier der Unabhängigkeitserklärung, verananstaltet von der Pariser amerikanischen Handelskammer, hielt Herr William Seligmann vor 400 Personen, darunter Minister Trouillot, General Brugöre und Bankgouverneur Pallein, eine Ansprache, welche übereinstimmend mit den jüngst ausgesprochenen Anschauungen des Präsidenten Roosevelt in Bezug auf die Vorfälle in K'schenew folgende bemerkenswerthe Aeußerung enthält: .Es wäre wünschenswerth, daß die Philanthropen, welche in dieser Stadt jüngst in dem großen Meeting des Theaters du Chateau d'Eau gegen die türkischen Greuel protestirten, ihre Aufmerksamkeit näher gelegenen christlichen Ländern zuwendeten, wo Bedrückung besteht, wo Grausamkeiten gegen arme, schutzlose Grschöpfe von Leuten verübt werden, die gewiffe Ceremonien prunkvoll und fanatisch beobachten und in deren grausame und mitleidslose Herzen die wahre Religion, welche auf Mitleid und Nächstenliebe gegründet ist, niemals eindringt." Die anwesenden Amerikaner und Franzosen nahmen diese Worte mit großen Beifall auf; es wurden Trinksprüche auf die Präsidenten Roosevelt und Loubet ausgebracht. Handelsminister Trouillot zeigte Herrn Seligmann an, daß er für das Officierskreuz der Ehrenlegion vorgeschlagen worden sei. Republikaner gegen den Czarenbesuch. Rom. In einer großen Versammlung haben die römischen Republikaner beschlossen, sich dem Besuch des Czaren in Rom mit allen Mitteln zu widersetzen und ihm einen feindlichen Empfang vorzubereiten. Die Regierung ist gegenüber diesem Treiben der Umsturzparteien, für das auch das demokratische Blatt »Messagero" eintritt, bisher machtlos. * * * Hochgeehrter Herr Redacteur! Aus einem Privatschreiben (an mich) aus Amerika her, theile ich Ihnen einen Absatz mit; ich glaube, er hätte allgemeines Jntereffe. Philadelphia, 21. Juni 1903. .... Amerika ist noch immer voll von Kischenew. Man fährt noch immer fort, in Massenversammlungen den Antisemitismus todtzuschlagen. Der Schulrath eines benachbarten Staates (den Namen habe ich nicht zur Hand) hat an alle Schuldirektoren seines Staates die Verordnung erlassen, im Verein mit den Lehrern den nichtjüdischen Kindern einzuschärfen, daß die gewohnheitsmäßigen Neckereien den jüdischen Collegen gegenüber zu unterbleiben haben. In Amerika gibt es nämlich auch einen „Saujud". Nur drückt sich der Dollarjäger — eben solche Geschäftler nur greifen daran — etwas gewählter aus; er sagt: .Scheeney". Dieses Wort ist in keinem Wörterbuche zu finden. Noch Niemand konnte mir Auskunft geben, was es bedeutet. Nur soviel weiß ich, daß die Ltraßenjüngen es all' denen Nachrufen, denen die fürsorgliche Natur den Stempel ihrer Abstammung auf die Nase gedrückt hat. Wahrscheinlich kommt dieses Epitheton von dem Zritworte „schine", das heißt „glänzen" oder „leuchten". Mit einer kleinen Dosis Sarkasmus vermengt, hat sich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes in ihr Gegentheil verwandelt, so daß ich „sheeney" am bezeichnendsten mit „Protz" übersetzen möchte. — Gedeihen wird diese „Protz"erei hier nicht, hier schreitet Cultur und Arbeit vorwärts. 8. Vom Zabrmurkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Ein Regimentsbefehl über confessionelle Duldsamkeit. — Antisemitische Verschwiegenheit. Nur ein Jud weniger. — Badener Dtetarmorphosen und ihre Nutzanwendung.) Das Verschweigen unangenehmer Thatsachen ist das ebenso bequeme als feige Auskunftsmittel, von welchem die antisemitische Presse den ausgiebigsten Gebrauch macht. Mag eine Begebenheit noch so interessant und wichtig sein, so wird sie, wenn sie geeignet ist, über die Verwerflichkeit des Antisemitismus aufzuklären, ganz einfach ignorirt. Eine allen Wiener Blättern, auch den antisemitischen, zugesendete Depesche machte Mittheilung über einen gewiß hochinteressanten und nicht alltäglichen Regimentsbefehl, in welchem Oberst Müller v. Eck des 12. Landwehr-Infanterieregiments den Soldaten eine ernste Belehrung über confessionelle Duldsamkeit ertheilte. Mehrere Soldaten hatten einen jüdischen Trafikanten im jüdischen Jargon verhöhnt, und in Folge seiner Beschwerde erklärte der Oberst: Die betreffende Abtheilung habe sich in unwürdiger Weise benommen. Es sei eines Menschen und insbesonders eines Soldaten unwürdig, über Angehörige einer andern Conseffion in wegwerfender Weise zu sprechen oder fie zu verspotten und zu erniedrigen. Dieses, jede Zucht verletzende Vergehen tadle er auf das Schärfste und Strengste und er erwarte, daß Jeder auch anderen Confessionen gegenüber jene Achtung bezeigen werde, welche denselben gebührt. Im Anschlüsse an die Mittheilung dieses Erlasses wurde hinzugefügt, daß der Corpora! der 12. Abtheikung mit zwanzig Tagen Kasernenarrest und ein Soldat mit zehn Tagen strengen Arrest bestraft wurden, sowie daß die übrige Mannschaft vor dem Rapport eine strenge Rüge erhielt. Es liegt auf der Hand und braucht nicht näher ausgeführt zu werden, daß dieses Vorkommniß ebenso intereffant ist für die Juden als für die Antisemiten. Für die elfteren deshalb, weil endlich einmal die cfjicteße Erklärung eines hochgestellten militärischen Würdenträgers darüber vorliegt, wie er über die confessionelle Gleichberechtigung aller Bürger und über das Umsichgreifen antisemitischer Allüren in der Armee denkt. Der Chef eines Regiments hält die Verspottung Andersgläubiger als unwürdig und unvereinbar mit der militärischen Zucht, und er hat sich bei der Erlassung dieses Regimentsbefehls zweifellos dessen sicher gefühlt, daß er mit den Ansichten der maßgebendsten Stellen der militärischen Organisation übereinstimmt. Das ist ein für die Judenschaft tröstliches und beruhigendes Ereigniß. Ungleich interessanter noch ist aber dieser Regimentsbefehl für die Antisemiten. Diese Helden sind doch sonst so großmäulig und couragirt, wenn ein bürgerlicher Mensch sich abfällig über den Antisemitismus äußert. Ja, wenn ein hochgestellter Beamter oder ein Kirchensürst den Glaubens- und Racenhaß als eine cultur- und rechtswidrige Erscheinung brandmarkt, da fällt die antisemitische Horde über ihn her und schilt ihn einen Judenknecht, sie verhöhnt und beschimpft ihn, oder sie citirt seine Aeußerungen wenigstens als Beweis dafür, wie weit die Macht und der Einfluß des Judenthums bereits gediehen find. Mit dem Militär und mit einem k. k. Oberst lassen sich