Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Date
- 1903-07-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 444 Dr. Mocb's Mocdenscbrttt< Nr. 26 Gesetzwidrigkeit. Diese Thatsachen wurden durch die amtlichen Berichte über den Aufruhr und die darauf folgenden amtlichen Handlungen klargestellt. Unter gewöhnlichen Umständen würde das entsetzliche Unglück ohne unnöthige Furcht vor einer Wiederkehr beklagt worden sein. Aber so liegen die Dinge nicht in dem vorliegenden Falle. Ihren Bittstellern wird mitgetheilt, daß Millionen Juden — russische Unterthanen — im südlichen Rußland wohnen, welche in beständiger Angst vor neuen Ausbrüchen leben. Sie sind sich bewußt: daß Unwissenheit, Aberglaube und Bigotterie, wie sie sich bei den Aufrührern zeigten, stets zu ihrer Verfolgung bereit sind, daß man sich nicht darauf verlassen kann, daß die Localbeamten für ihren Frieden und ihre Sicherheit strenge Sorge tragen, wenn sie nicht ausdrücklich dazu ermahnt werden, daß eine öffentliche Stimmung der Feindseligkeit gegen sie besteht und eine beständige Drohung gegen sie bildet. Selbst wenn man zugeben will, daß diese Besorgnisse bis zu einem gewissen Grade übertrieben sind, so ist es doch zweifellos wahr, daß sie vorhanden sind, daß sie nicht grundlos sind und daß sie Wirkungen von großer Wichtigkeit haben. Die Auswanderung der russischen Juden nach dem Westen, welche seit mehr als zwanzig Jahren im Gange ist, wird durch otese Besorgniß noch gefördert, und diese Bewegung hat einen solchen Umfang gewonnen, daß sie die Vertreibung der Juden aus Spanien bereits in Schatten stellt und sich dem Auszuge aus Egypten an die Seite stellen läßt. Das Elend, welches die hilflosen Juden zu erdulden haben, welche sich gezwungen fühlen, ihrem Geburtslande den Rücken zu kehren, die heiligsten Lande zu lösen und fort in fremde Lande zu wandern, ist unermeßlich. Es entzieht sich auch jeder Schätzung, welches Elend Diejenigen zu ertragen haben, welche weder gewillt, noch im Stande sind, ihr Geburtsland zu verlassen, welche sich von Freunden und Verwandten trennen müssen. Die Schrecken, die sie erdulden müssen, sind ohne Ende. Religionsverfolgung ist sündhafter und vernunftwidriger, als selbst der Krieg. Krieg ist zuweilen unvermeidlich, ehrenhaft und gerecht; religiöse Verfolgung läßt sich niemals vertheidigen. Der Sündhaftigkeit und Thorhcit, welche den Anstoß zu unnöthigen Kriegen geben, wurden die größten Schranken gesetzt, als Ew. Majestät Initiative zu der Begründung eines internationalen Friedenstribunals führte. Mit einem solchen Beispiel vor Augen nährt die crvilisirte Welt die Hoffnung: daß auf Grund derselben Initiative in den ersten Tagen des zwanzigsten Jahrhunderts Religionsfreiheit dauernd etablirt werden wird, daß durch einen huldvollen und überzeugenden Meinungsausdruck Ew. Majestät nicht nur für die Regierung Ihrer Unterthanen, sondern auch als leitendes Beispiel aller civilisirten Menschen proclamiren werde, daß Niemand an seiner Person, an seinem Eigenthum, an Freiheit, Ehre und Leben wegen seines religiösen Glaubens leiden soll, daß der geringste Unterthan oder Bürger seinen Gottesdienst üben darf nach dem, was ihm sein eigenes Gewissen vorschreibt, und daß eine Regierung, welches auch ihre Form und ihre Organe sein mögen, diese Rechte und Freiheiten gewährleisten muß unter Anwendung ihrer ganzen Macht. Weit entfernt von Ew. Majestät Herrschaftsgebiet, unter verschiedenen Verhältnissen lebend und unter anderer Staatszugehörigkeit, wagen es Ihre Bittsteller im Namen der Civilisation für religiöse Freiheit und Duldsamkeit zu plaidiren, zu bitten, daß der Mann, welcher sein eigenes Volk und alle Anderen zum Schrein des Friedens geführt hat, seiner Regierung nnd seinem Ruhm neuen Glanz verleihen wolle, indem er sich an die Spitze einer neuen Bewegung stellt, welche die ganze Welt zu Maßnahmen gegen religiöse Verfolgungen verpflichtet. Simo» Wolfs offener Brief an den russischen Botschafter. Simon Wolf, der Generalconsul in Egypten unter General Grant war und der unter den hiesigen Juden eine hervorragende Rolle spielt, hat bezüglich des Kischenew-Maffacres einen Brief an den russischen Botschafter, Grafen Cassini, gerichtet, in welchem er die Haltung der russischen Regierung kritisirt. Der Brief lautet: »Sie sind im Begriff, nach dem russischen Kaiserreich zurückzukehren und werden dort Rechenschaft über die Stimmung abzulegen haben, die in diesem Lande hinsichtlich der Schandthaten gegen die Juden in Kischenew herrscht. Sind Sie sich dessen bewußt, daß die Regierung der Bereinigten Staaten, obwohl sie diese Stimmung nicht officiell zum Ausdruck bringen kann, von der Existenz derselben unzweifelhaft überzeugt und moralisch verpflichtet ist, diese Gefühle zu respectiren und zu documentiren? Es ist daher die höchste Zeit, daß Rußland, angesichts der von Ihnen so laut abgegebenen Erklärung, daß Rußland der beste Freund der Vereinigten Staaten sei und die Freundschaft mit diesen auch fortzusetzen wünsche, auch die Beweise durch Thaten und nicht durch leere Phrasen liefere. Sie wissen — ebenso wie die Regierung, die Sie vertreten, cs weiß — daß die Einschränkungen, denen die Juden unterworfen sind, und die Unmenschlichkeiten, welche die russischen Unterthanen jüdischen Glaubens zu erdulden haben, jedes Jahr zwischen 30.000 und 40.000 der letzteren nach den Vereinigten Staaten treiben. Dieser stetige Strom wird durch die jüngsten Greuelthaten vergrößert und jeder neue Ankömmling wird ein Gefühl des Hasses gegen Rußland hegen. Würde es nicht besser für Rußland sein, 5.000.000 russische Unterthanen jüdischen Glaubens zu haben, die loyale und patriotische Russen sind, dadurch, daß man ihnen gleiche Rechte zu Hause gibt, als daß Rußland sich die Feindschaft von 80 Millionen freier und sympathischer amerikanischer Bürger zuzieht? Nun können Sie sich durch die Gebräuche und die Präcedenzien der Diplomatie helfen; Sie können temporisiren und ausweichen, aber Sie werden in den Hallen des Congresses und der Staatslegislaturen sich die ungezügelten Auslassungen von pläneschmiedenden Politikern überstürzen sehen, und die Regierung dcs Volkes, Vertreter seiner Macht und seines Willens, werden schließlich nachgeben und die traditionelle Freundschaft wird endlich zerschmettert sein, während die Feinde Rußlands die Früchte davon ernten. Ist dies weise oder ist es Diplomatie oder Staatsweisheit? Wenn Ihre Regierung ihre Freundschaft und Aufrichtigkeit beweisen will, so soll sie sofort die öffentliche Meinung des amerikanischen Volkes berücksichtigen und einen neuen Vertrag mit unserem Lande abschließen, welcher einen amerikanischen Paß ohne Rücksicht auf Race und Glauben des Inhabers für voll anerkennt und so auf friedliche Weise eine für beide Länder unangenehme Sache aus der Welt schafft. Sie sind in der diplomatischen Kunst wohl bewandert und kennen, so gut wie ich, die Gefühle unseres Volkes in dieser Frage. Diese kann nicht durch Zeitungs-Interviews beigelegt werden, noch durch falsche Gerüchte beschönigt oder verdunkelt werden. Das amerikanische Volk ist schwer in Erregung zu versetzen, aber wenn cs einmal so weit kommt, dann wird auch" gleich gehandelt. Ich gebe Ihnen diesen Rath in der besten Absicht und hoffe, daß Sie durch Ihren unfreiwilligen Aufenthalt nur profitirt haben und Ihrer Regierung einen klaren Einblick in die Meinung des amerikanischen Volkes geben werden. Diese Meinung kann so mächtig anschwellen, daß sie Freundschaften und auch eine Regierung umzustoßen vermag, wenn ihren Forderungen nicht Rechnung getragen wird/ * * Herr Hay sagte zur B'nai-Brith-Delegation: »So traurig auch das Kischenewer Maffaere für Euch Juden sein mag, es wird was Gutes daraus hervorgehen, denn es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels/ Zum ruffisch-amerikanischen Confliet liegen folgende Meldungen vor: Wie die »Nowoje Wremjc/ meldet, hat die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika die russische Regierung aufgefordert, das durch die im Jahre 1834 zwischen Nordamerika und Rußland abgeschlossene Convention amerikanischen Staatsbürgern eingeräumte unbeschränkte Wohn- und Aufenthaltsrecht in ganz Rußland auch auf die amerikanischen Staatsbürger jüdischer Confession auszudehnen, weil die Nichteinräumung dieses Rechtes an amerikanische Juden eine Verletzung der erwähnten Convention bilde. Eine scheinbar inspirirte Antwort auf die Forderung der Washingtoner Regierung ertheilt die »Nowoje Wremjc/. Sie sagt, Rußland habe niemals gewagt, sich in die inneren Angelegenheiten der Vereinigten Staaten von Nordamerika einzumischen, es werde aber auch keine wie immer geartete Einmischung der Amerikaner in seine inneren Angelegenheiten dulden. Washington. Ein höherer Regierungsbeamter hat in Abwesenheit dcs Staatssekretärs Hay eine Erklärung abgegeben, die mit Genehmigung des Staatsdepartements veröffentlicht wird. Der Beamte sagte, das Staatsdepartements werde natürlich keiner Erklärung Beachtung schenken, die als von der russischen Regierung ausgehend bezeichnet werde, wenn dieselbe nicht amtlich der amerikanischen Regierung gegenüber erfolge. Das Staatsdepartement habe gewissenhaft darauf geachtet, in Uebereinstimmung mit den Erfordernissen officiellen Verhaltens zu