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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 443 Perowskaja und ungezählte Andere hervorgegangen, die mau hinrichtete oder verschwinden ließ; und die Bauern — denn wie viele von ihnen haben sich empört! Die Drohung gegen die Juden, alle leiden zu lassen, weil unter den „Unglücklichen", so nennt der Russe die Verbrecher, auch einer und der andere jüdischen Glaubens ist, muß demnach als Wahnwitz oder als das niederträchtigste Bestreben gekennzeichnet werden, die Wuth des Volkes gegen die Juden aufzustacheln, um dasselbe von seiner politischen Misere abzulenken. Und auch das wird ein vergebliches Bemühen sein. Plehwe wird wohl noch mehr Märtyrer aus den Juden schaffen können, aber weder ihm noch Rußland wird damit geholfen sein. Nicht nur daß er abwirthschaftet, mit dem Fluch beladen, Beschützer der Mörder von Kischenew zu sein, wird er auch noch die Schmach zu tragen haben, daß er das Reich in größere innere Zerrüttung versetzt hat, als es vor ihm war. Das wird Plehwe's Ende sein. Wir lesen in der „Vossischen Zeitung": Seit Wochen bringen die russischen Zeitungen keine Nachrichten mehr aus Kischenew und keine Artikel über die Judenhetze. Der Grund dieser auf den ersten Blick auffallenden Erscheinung liegt darin, daß die Oberpreßverwaltung den Zeitungen nnd Zeitschriften verboten hat, etwas über die Ereignisse vom 19. bis 21. April zu veröffentlichen. Die Gerichtsverhandlungen werden erst im Herbst stattfinden. Außer den amtlichen Anklagen wird dem Gericht voraussichtlich eine große Anzahl von Privatklagen vorgelegt werden, die zur Ergänzung und Berichtigung des officiellen Anklagematerials dienen sollen. Mehrere hervorragende Rechtsanwälte haben sich nach Kischenew begeben, um die Verhältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen. Sie werden bei den Gerichtsverhandlungen als Vertreter der Privatkläger erscheinen. Auch der bekannte Schriftsteller W. Korolenko, der nicht nur ein feinsinniger Dichter, sondern auch ein schlagfertiger Publicist ist, weilt augenblicklich in Kischenew. Von dort aus beabsichtigt er eine Rundreise durch das platte Land zu unternehmen, um die Stimmung auf dem Lande zu studiren. Die Regierung ist wegen der Entrüstung, die die Judenmassacres in der ganzen civilisirten Welt erregt haben. sichtlich besorgt. Herr v. Plehwe hält es nicht mehr unter seiner Würde, die Mittheilungen der auswärtigen Presse, soweit das überhaupt geht, zu dementiren. In den Ableugnungen, die durch die Vermittlung des Herrn Arnold White den englischen Zeitungen zugegangen sind, bemüht er sich, nachzuweisen, daß er das Verhalten der Localbehörden während der Jndenhetze nicht ungestraft gelassen habe. Demgegenüber ist festzustellen, daß der Mann, der allgemein für den Hauptschuldigen gehalten wird, der Censor und Mitarbeiter des „Besfarabetz", Vicegouverneur Ustrngoff, bis jetzt ruhig auf seinen Posten bleibt und keine Rüge erhalten hat. Was die Kischenewer Polizei anbetrifft, so ist, soweit bekannt, nur eine einzige Maßregelung erfolgt, und zwar die des Polizeimeisters. Unter dem Personal der localen Polizei gibt es aber gewiß Viele, die noch mehr bloßgestellt sind, als dieser charakterschwache, völlig unbedeutende Mann, dessen Hauptschuld darin besteht, daß er sich dem Einfluß Ustrugoff's unterworfen hat. Was den Herrn Kruschewan anbetrifft, so lebt er jetzt in Petersburg und schreibt täglich geharnischte Artikel gegen die Juden. Nur selten macht er von dieser Regel eine Ausnahme, um gegen . . . seine Gläubiger zu eifern. Für den deutschen Leser klingt das vielleicht grotesk und doch ist dem so. Es genügt vollkommen, ein Gläubiger des Herrn Kruschewan zu sein, um von ihm öffentlich für einen Schuft erklärt zu werden. Daß dadurch seine finanziellen Verhältnisse, die momentan sehr traurig sind, nicht gebessert werden, ist selbstverständlich. In der letzten Zeit scheint Herr Kruschewan auch der Regierung unbequem geworden zu sein. „Tod den Juden" war sein letzter Artikel betitelt, dem freilich nicht gegönnt war, vor die Leser zu kommen, denn die sonst so ihm gegenüber nachsichtige Zensur hatte den Artikel gestrichen. Selbst dem bekannten Herausgeber des reactionären „Graschdanin", dem Fürsten Meschtscherski, geht das Treiben Kruschewan's über die Hutschnur. In der letzten Nummer seines Blattes veröffentlichte Meschtscherski einen scharfen Artikel gegen den antisemitischen Propheten. Dem Herrn v. Plehwe ist das Alles gewiß recht unangenehm, denn noch vor Kurzen! hat er den Herrn Kruschewan für den „einzigen, redlichen, von den Juden unbestochenen Publicrsten" erklärt. Und jetzt watet dieser „einzig redliche" Mann inr widerwärtigsten Schmutz, den nicht einmal die Freunde der Regierung mehr zu beschönigen wagen. Aus Amerika erhalten wir folgende Mittheilungen: Washington, 25. Juni. Nach reiflicher Erwägung hat sich Präsident Roosevelt entschloffen, dem Wunsche des Ordens B'nai B'rith zu willfahren und die von den Mitgliedern dieses Ordens anläßlich der Kischenew-Greuel entworfene Petition an den Czaren auf dem üblichen diplomatischen Wege zur Kenntniß der russischen Regierung zu bringen. Aus einem von gestern datirten Schreiben deS Staatssekretärs Hatz an Leon Levi von New-Iork, Präsident des Ordens B'nai B'rith, und Simon Wolf von Washington, als Vertreter der Bereinigten jüdischen Gemeinden, ist ersichtlich, daß die Ueberreichung der Petition an die russische Regierung wahrscheinlich durch den amerikanischen Geschäftsträger in St. Petersburg erfolgen wird. Der Wortlaut des Schreibens ist folgender: „Werthe Herren! Der Präsident hat beschlossen, die Petition, deren Entwurf Sie ihm am 15. d. M. überreichten, an die russische Regierung zu übermitteln. Die Frage, die er auf's Ernsteste zu erwägen hatte, war, ob ein solches Vorgehen Ihren verfolgten und mißhandelten Glaubensgenossen in Rußland zum Vortheil gereichen würde. In dieser Frage ist der Präsident zu dem Entschluß gelangt, sich Ihrer Ansicht und der Ansicht der zahlreichen und intelligenten amerikanischen Bürger jüdischen Glaubens, die Sie repräsentiren, anzuschließen. Er ersucht darum, daß Sie ihm die Petition in gehöriger Form möglichst bald zuschicken. Sie werden natürlich einsehen, daß der Präsident Ihnen nicht zu sagen vermag, welche Aufnahme Ihre Petition bei der russlschen Regierung finden wird." Als der russische Botschafter, Graf Cassini, von der Absicht der amerikanischen Regierung erfuhr, die Petition der russischen Regierung zuzustellen, begab er sich zu einer Besprechung mit dem Staatssecretär Hay nach dem Staatsdepartement. Der Besuch fiel kürzer als gewöhnlich aus und officiell wurde kundgegeben, daß die Uebermittlung der Petition an den Czar so bald als möglich erfolgen soll. Bei der Conferenz im Weißen Hause am 15. d. M. machten die Juden geltend, dem Czaren werde die wahre Lage der Juden in seinem Reiche vom Beamtenthum vorenthalten und sie seien überzeugt, wenn der Präsident ihnen nur einmal behilflich sein wolle, ihre Sache vor den Czar selbst zu bringen, so werde er sofort Maßregeln zur Besserung ihrer Lage treffen. Der Präsident versprach damals, zu thun, was er vermöge, aber man machte sich sofort klar, daß man sich der Gefahr einer schroffen Antwort aussetze, und man war geneigt zu glauben, daß die Sache ohnehin der Aufmerksamkeit des Czaren nicht entgehen könne, da die Verhandlungen im Weißen Hause vollständig öffentliche gewesen waren, und man annehmen zu dürfen glaubte, daß Berichte darüber oder Besprechungen dem Herrscher des russischen Reiches vor Augen kommen müßten. Mtt diesem passiven Verhalten wollten sich die Juden indessen nicht zufrieden geben und die Folge war, daß der Präsident sich entschloß, die Petition dem Czaren direct durch die amerikanische Botschaft in St. Petersburg zuzuwenden. Osficiell erwartet man, daß das Document angenommen werden wird, aber privatim darf behauptet werden, daß es nicht an Andeutungen von unterrichteter Seite fehlt, die Petition werde dem Czar niemals zu Gc sicht kommen, da der russische Premierminister sie zur Uebermittelung nicht annehmen werde. In der That wird Rußland schwerlich den Standpunkt aufgeben, daß es Vorstellungen bezüglich der Vorfälle in Kischenew von einer ausländischen Macht nicht annehmen kann, weil es, wie die amerikanische Regierung, selbst von dem Princip ausgeht, daß es sich in innere Angelegenheiten einer anderen Macht nicht einmischt und die gleiche Haltung für sich verlangt. Sollte die russische Regierung die Annahme der Juden- Prtition verweigern, so wird den Geschäftsträger der amerikanischen Botschaft in St. Petersburg, Herrn Riddle, eine unangenehme Aufgabe treffen, da Botschafter McCormick auf seinen Posten noch nicht zurückgekehrt ist, und die Folgen, wenn Herr Riddle seinen Auftrag zur Ausführung bringt, seine Rückkehr auf unbestimmte Zeit verzögern können. In solchem Falle würde auch Graf Cassini, welcher heute über acht Tage abreist, entsprechend lange in der Heimat verweilen, und die Geschäfte der hiesigen russischen Botschaft würden unterdessen in den Händen des ersten Secretärs Theodore Hansen, liegen, welcher Ausgangs Juli die Botschaft temporär nach Bar Harbor, Me., verlegen wird. Die Petition an den Czaren. Die vom B'nai B'rith vorgeschlagene Petition hat den folgenden Wortlaut: An Seine Kaiserliche Majestät, den Czar! Die zu Kischenew während des Osterfestes 1903 verübten grausamen Ausschreitungen haben in der ganzen Welt Entsetzen und Empörung erregt. Bis Ew. Majestät besondere und persönliche Weisungen dazu ertheilten, ermangelten die Localbehörden, die Ordnung aufrecht zu erhalten und den Aufruhr zu unterdrücken. Die Opfer waren Juden und der Angriff war der Ausfluß von Racen- und religiösen Borurtheilen. Die Aufrührer verletzten die Gesetze Rußlands. Die Localbehörden machten sich der Versäumniß in der Ausübung ihrer Pflichten schuldig. Die Juden wurden die Opfer einer unverantwortlichen

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