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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 442 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 28 Die offene Verbrüderung mit dem Antisemitismus ist schließlich und endlich vom jüdischen Standpunkte eher ein Fortschritt als ein Nachtheil. Die Zeit der Illusionen ist damit endgiltig abgeschlossen und unsere Glaubensgenossen im ganzen Reiche werden wenigstens wiffen, woran sie sind, und die reinliche Scheidung, die früher oder später kommen mußte, wird sich nunmehr vollziehen. Die deutschen Parteien allerdings — Großgrundbesitz, Bolkspartei und Fortschrittspartei — haben ihrer jahrzehntelangen Bornirtheit endlich die Krone aufgesetzt. Man lacht noch heute über die dummen Trojaner, die das waffenklirrende Pferd des listereichen Jllyses unter Jubelrufen in ihre Mauern zogen, und so wird man — si parva liest eowponere magnis — noch lange lange Zeit über die Dummheit des deutschen Michels lachen, der seinen geschworenen Feinden die besten Plätze an seinem Lagerfeuer anweist. In unserer nervösen und hastenden Zeit verblaßt das Gedächtntß für die öffentlichen Ercigniffe sehr rasch. Allein so weit liegen gewisse Vorgänge aus der parlamentarischen Halbvergangenheit noch nicht zurück, daß man sich nicht daran erinnerte, wie die Christlich- Socialen unter dem Ministerium Badeni die Fanghunde dieses deutschfeindlichen Cabinetes gegen die deutschen Vertreter spielten, wie sie den deutschen Parteien in den Rücken fielen und mit den Verwüstern der parlamentarischen Rechte gemeinsame Sache machten. Wir gratuliren den deutschen Führern zu dieser Bundesgenoffenschaft und wir gratuliren ihnen dazu noch insbesondere in dem Augenblicke, wo das officiöse Parteiorgan der Christlich- Socialen einen Artikel veröffentlichte, in welchem in unverblümter Weise die Abdankung des Kaisers gefordert wurde. Herr Lueger hat dieser Behauptung, daß dieser Artikel von ihm inspirirt war, ein schwaches Dementi entgegengesetzt, allein auch den politisch Unmündigsten ist es klar, welche Spcculation mit diesem Artikel verbunden war und welche Hoffnungen die christlichsociale Partei auf den Eintritt jener Eventualität setzt, die in diesem Artikel als eine unausweichliche Nothwendigkeit gefordert wurde. Wir haben uns längst entwöhnt, von den deutschen Abgeordneten auch nur einen einzigen Act liberaler Gesinnung zu erwarten, aber die Herren haben sich doch zusammengethan, um die Jntereffen des Deutschthums zu vertheidigen, und eine hoffentlich späte Zukunft wird ja zeigen, in welchem Maße diese Jntereffen gewahrt werden, wenn die von den Christlich-Socialen so heiß ersehnten Ereigniffe einmal eingetreten sein werden. Berrath am Liberalismus, Berrath am Deutschthum, Verrath an Kaiser und Reich, das ist der Effect der Verbrüderung mit den Christlich-Socialen. Herr« Ptehme's SchWrvch. Offenbar ist Herr v. Plehwe, der russische Minister des Innern, mit seinem Latein zu Ende. Wir haben ein sicheres Anzeichen dafür. Er hat sich einen Prügelknaben, ausgesucht: den Juden! Berufen, mit „starker Hand" der im Innern des ganzen Reiches eiugerisseneu Unordnung zu steuern, die tiefdurchwühlte Bevölkerung zu beruhigen, die Verwaltung auf einen guten Weg zu bringen, das gesunkene Vertrauen in den Staat zu heben, den allerorten stattfindenden Gährungsausbrüchen den Boden zu entziehen — hat Herr Plehwe eine Aufgabe unternommen, der er nicht gewachsen ist. Herr Plehwe ist nichts als ein Polizeimensch. Aus der Staatsanwaltschaft hervorgegangen, versieht er nur, sei es mit kleinlichen Polizeikuiffen, mit Spitzelpolitik oder mit roher Gewalt, zu operiren, und es ist für jeden Europäer einleuchtend, daß eine solche Wirthschast, die schon in der Türkei ihren Dienst versagt, in Rußland sich auf die Dauer ebensowenig halten kann. In der That sehen wir, daß es im russischen Reiche in allen Fugen kracht. Die Studentenschaft befindet sich in einer solchen Erregung, daß kaum noch eine Hochschule offen steht, und wo die Lehrsäle nicht geschlossen sind, steht wahrscheinlich hinter jedem Schüler ein Spitzel. Die Bauern revoltiren bald da, bald dort. In der Arbeiterschaft gährt und brodelt es, so daß jeden Moment ein gewaltsamer Ausbruch zu befürchten ist. Der Adel ist verschuldet und verlottert und trotz aller materiellen Hilfe, die ihm der Staat bot, aus seinem Elend nicht zu befreien, weil er für seine geistigen Kräfte gar keine Betätigung oder nur eine solche findet, die ihn corrumpirt. Und die sogenannten gebildeten Stände? Sie befinden sich in einem ähnlichen Zustande, wie zur Zeit, als Herzens „Kolokol" erschien und die geheimsten Vorgänge veröffentlichen konnte, die man ihm als Protestkundgebung gegen den heimischen Druck zur Publication zusandte, als diese Zeitschrift trotz aller Verbote in Massen ins Land kam und von Hand zu Hand ging und als die ehrlichen Leute mit den Umsturzmännern zu sympathisiren gezwungen waren. Sie befinden sich in einem ähnlichen Zustande, wie zu Ende der Regierungszeit Alexander II., da unleugbar die Nihilisten, wenn nicht die Mitwirkung, so doch die Sympathie Derjenigen fanden, welche das Entwürdigende der Behandlung des russischen Volkes mit tiefer Beschämung empfanden und ihrem Proteste keinen anderen Ausdruck geben konnten — als daß sie dem Umsichgreifen des Nihilismus keinen Widerstand entgegensetzten. Rußland hätte jetzt eines kräftigen aber wohlwollenden Staatsmannes bedurft, der es aus seiner kläglichen inneren Lage hätte befreien sollen, und erhielt statt dessen wohl einen gewaltthätigen, aber kurzsichtigen Polizeiknopf zum Leiter seiner Verwaltung. Alles schon dagewesen! Plehwe hat einen Vorgänger, dem er sehr ähnelt. Es war dies Graf I. I. I g n a t i e w, der ein gewissenloser, jeder Ehrlichkeit barer Diplomat war, aber wenigstens ein Diplomat. Das ist nun Plehwe gar nicht und er copirt nur seinen Vorgänger, ohne ihm zu gleichen. Jgnatiew wollte bekanntlich die Bauern oder wie er es nannte, das „Volk" zur „Stütze der Regierung" machen. Er schmeichelte der Menge, ließ ihren Leidenschaften freien Lauf, hetzte sie gegen die Gebildeten — und als er sah, daß sein ganzes Beginnen — dessen Frevelhaftigkeit ihm gleichgiltig war — Fiasco machte, da stachelte - er die Menge gegen die Juden auf und Provocirte die empörendsten Judenverfolgungen! Herr Plehwe hat nun allerdings nicht im „Volk" die Stütze der Regierung gesucht, wie Graf Jgnatiew, sondern im Tschinownikthum, dessen Macht er ins Ungemessene steigerte und das er doch nicht moralisch zu heben wußte, so daß es jetzt nur noch corrupter ist, als es früher war. Aber er erlebt, daß dieses Werkzeug trotz aller Stärkung seiner Gewalt den Dienst versagt und nicht im Stande ist, den Sturm zu beschwören, dessen Herannahen einsichtsvolle Russen fühlen. Und da er sein Werk zusammenbrechen sieht, macht er es wie Jgnatiew und sucht sich die gleichen Prügelknaben, die armen Juden! Die Leidenschaften sollen auf dieses Object abgelenkt werden, die öffentliche Meinung soll sich mit etwas Anderem beschäftigen, als mit der corrupten Beamtenwirthschaft in Rußland! Und so Patronisirt er Judenhetzen der schlimmsten Sorte, wie die von Kischenew, und so verbreitet er die schändlichsten Unwahrheiten über die Juden, wie die Antwort an die Kischenewer Deputation erkennen läßt. Statt die Diebe, Räuber und Mörder zu verfolgen und zu bestrafen — macht er den Juden Vorwürfe und droht ihnen mit Haß und Verfolgung und Austreibung; Armseliger Plehwe! Glaubt er denn wirklich, daß die Juden in Rußland die Macht ausüben können, die er ihnen andichtet? Nein! Er belügt sich nicht, er will nur Andere belügen. Gewiß kann er die Juden noch mehr verfolgen! Was nützt es ihm? Bessert er damit auch nur um das Allergeringste die Verhältnisse des moralisch zerrütteten Reiches? Nein! Wenn er alle Elemente austreiben wollte, aus denen sich bisher einzelne Personen zu Umsturzbewegungen verlocken ließen, so müßte er den Adel vernichten, denn er hat Verschwörer geliefert; das Officierscorps, denn Kaisermörder sind aus ihm hervorgegangen; alle Chemiker, denn einer hat die Bombe verfertigt, die einen Kaiser zerriß; alle Bergingenieure, denn ein solcher hat die Bombe geworfen; alle gebildeten Stände, denn aus ihnen sind die Zeljabow,

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