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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-10 · 28 (10.7.1903) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
28 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mr. 28 DI*■ BIOCH 8 Jahrgang XX. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -^- Wien. 1V. Mi 1903. -■>» -H. —-- Lrsch eint jeden Freitag. --H—-fr- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Derggaffe 3S. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. K. kr. Postsparcagen-Amt Clearing - Verkehr Nr. 810.976. Dedartion und Administration: Wien IX/1, Brrggasse Ar. 39. Telephon Nr. 14.847. afc, ■.= -=^ ■ =m j SLpigsprri» für Sekerreich: La.vjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. % ■-=-= -■ ■— I «haltr Leitartikel: Die „Ralliirung." — Herrn Plehwe's Schiffbruch. — Vom Jahrmarkt de« Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Der Plan des Baron Hirsch und die russische Regierung. Friedrich der Große und sein Hofjuwelier Ephraim Beitel. — Korrespondenzen: Ein kaisertreues Blatt. Wien, Krakau, Budapest. Antisemitismus und Hochschule. Ezaslau, Berlin. Die Begnadigung des Grafen Pückler. Breslau. Jüdische Arbeiterunruhen in Lodz. London, Warschau, Amsterdam. — Vermischtes: Kramablösungsspenden zu Gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Stampfen, Jamnitz, Lemberg Budapest, Wodnian, Olmütz, Böhmisch-Leipa, Rokycan, Berlin, Ratibor, Düsseldorf, Breslau, London, Rom. — Feuilleton: Kam und Artem. — Neue Bücher. — Briefkasten.— Inserate. ^Die „R«Mir«ng". ^Das längst Wahrscheinliche ist nun endlich Ereigniß geworden : die deutschen Parteien haben ihre »Ralliirung* vollzogen. So lautet der technische Ausdruck für die Preisgebung der wichtigsten Grundsätze der ehemals liberalen Partei^/ Langsam, aber sicher ist die Deutsche Fortschrittspartei auf der schiefen Ebene abwärts geglitten, welche sie in dem Augenblicke betreten hat, als sie ihre freiheitlichen Grundsätze hinter die nationalen Forderungen zurückstellte. Wir haben Kinder letzten Zeit zahlreiche Symptome dafür verzeichnet, daß^Äe Epigonen der »Alten Verfassungstreuen* zu Handlangern des ödesten nationalen Chauvinismus geworden lind. Aber die Deutsche Fortschrittspartei ist dabei nicht stehen geblieben. Sie hat ihre Arme in brüderlicher Liebe auch den Christlich-Socialen, dieser ordinärsten und perfidesten Radaupartei, geöffnet, und die Herren Funke und Groß drücken heute die Herren Lueger und Schneider begeistert an ihre deutsche Heldenbrust. Jawohl! Das Deutschthum und der Liberalismus sind in Oesterreich bereits so weit gelangt, daß sie sich unter das Commando jenes Mannes stellen, der in Wien die Geschäfte des Cardinals Rampolla und der Jesuiten besorgt. [ Daß es so kommen werde und kommen müsse, war schon inoem Augenblicke klar, in welchem fbh Senior der deutschen Fortschrittler, Herr N i tz s ch e, die Forderung erhob, daß bei der Schaffung eines deutschen Volksrathes in Böhmen die Christlich-Socialen nicht übergangen werden dürfen. Und auf-- derselben Basis ist nun auch die parlamentarische Gemeinbürgschaft der Deutschen verwirklicht worden. Der verfassungstreue Großgrundbesitz, die sogenannten Deutschliberalen, die Deutschvolklichen und die Christlich-Socialen haben sich die Hände gereicht und bilden einen einheitlichen taktischen Verband, in dessen Executivcomite auch Herr Lueger und in dessen Leitung auch die Herren Liechtenstein und Geßmann Aufnahme gesunden haben, und da allmonatlich der Führer je einer der coalirten Gruppen den Vorsitz zu führen hat, so wird in wenigen Wochen der Tag anbrechen, an welchem die Deutschen Oesterreichs unter die Befehle des Herrn Doctor Lueger gestellt sind. Die Erfahrungen, welche die deutschliberale Partei in der Coalitionsepoche mit den Deutschclericalen gemacht habe, sind also fruchtlos geblieben. Das Harikiri, welches sie heute an sich vollzogen haben, ist ein vollständiges und von dem Bündnisse mit den chriftlichsocialen Vortruppen des Clericalismus gibt es keinen Rückweg mehr zu dem Programme der nationalen und confesfionellen Gleichberechtigung, welches den Inhalt der Verfassung vom Jahre 1867 bildet und auf welchem das moderne Oesterreich aufgebaut werden sollte. Die reinen Antisemiten von Schlage der Derschatta und Kaiser und die unreinen Antisemiten, die sich in der christlichsocialen Partei zusammenfinden, geben heute den Ton an; sie find die wahren Repräsentanten des deutschen Volkes iu Oesterreich, welches zur Erhaltung seines derzeitigen Besitzstandes noch immer einer beträchtlichen Anzahl jüdischer Stimmen bedarf. Vergebens fassen die deutschen Kampforganisationen in Mähren papierene Beschlüsse, wonach die Erörterung der Judenfrage auf fünf Jahre zurückgestellt werden soll. Vergebens wehrte sich Herr Dr. Weitloff officiell gegen die nur allzubegründete Behauptung, daß selbst die Wanderlehrer des »Deutschen Schulvereins* sich mit dem Antisemitismus abgefunden haben und die Gründung »judenreiner" Ortsgruppen als eine Errungenschaft des Vereines preisen. Mit all diesen Demonstrationen vermag man über die Thatsache nicht hinwegzutäuschen, daß Herr Lueger zu einem Führer des deutschen Volkes in Oesterreich avancirt ist und daß die Generalstabsofficiere der christlichsocialen Partei im Borstande der geeinten deutschen Fractionen Sitz und Stimme gewonnen haben. Für die jüdischen Politiker, welche den Gang der Ereignisse aufmerksam verfolgten, hat diese Wendung keinerlei Ueberraschung geboten. Bon dem Tage an, da Herr P e r g e l t sein Verbleiben in der deutschen Fortschrittspartei von der Nichtaufnahme eines jüdischen Abgeordneten abhängig machte, war es klar, daß die deutsche Fortschrittspartei den fundamentalen Grundsatz der confesfionellen Gleichberechtigung leichten Herzens über Bord geworfen hat. In Wahrheit war die deutsche Fortschrittspartei nach dem Ausscheiden der Wiener Abgeordneten Dr. Vogler, Wrabetz und Noske schon längst eine antisemitische Gruppe geworden, die sich nur noch im Tone von den Alldeutschen und den Christlich-Socialen unterschied. Wer daran noch zweifelte, der mußte durch die V orgänge auf dem letzten Prager Parteitag eines Anderen belehrt werden. Dort erhob sich ein jüdischer Delegirter zu der naiven Frage, warum denn die deutsch-fortschrittliche Partei nicht auch in konfessionellen Fragen ihre Grundsätze in entschiedenerer Weise manifestire, und es wurde ihm die nichts weniger als naive Antwort zutheil, daß die Parteileitung keine Veranlassung habe, zu den nationalen Conflicten noch andere Confliersfälle zu schaffen. Das war deutlich und klar gesprochen für Jedermann, der sich die Ohren nicht absichtlich mit assimilatorischer Watte verstopfen will.

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