Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 Dr. Vlocb's Mocbenscbrttt. Seite 439 Artem's Zähne anschlug. Nachdem der Verwundete getrunken, wollte er wissen, wer sich seiner angenommen, doch der Versuch, den Kopf zur Seite zu wenden, mißlang und rief obendrein einen heftigen Schmerz im Halse hervor. Da begann er denn mit heiserer, stotternder Stimme zu sprechen: »Schnaps ... ein Gläschen nach innen . . . und den Körper einreiben . t . Dann könnte ich . . . vielleicht . . . aufstehen . . ." »Aufstehen? Ihr könnt nicht aufstehen. Ihr seid ganz blau am Körper und geschwollen wie ein Ertrunkener . . . Aber Schnaps könnt Ihr bekommen . . . Schnaps ist da . . . Ich habe eine ganze Flasche davon." Die Stimme sprach leise, ängstlich und sehr rasch. Artem kannte diese Stimme, keinesfalls jedoch konnte er sich erinnern, wem sie gehörte; wahrscheinlich einer der Frauen. »So gib den Schnaps", rief er. Und wieder reichte ihm wie vorhin, Jemand, der augenscheinlich seinen Blicken auszuweichen suchte, die Schnapsflasche von rückwärts, über seinen Kopf. Mit Mühe schluckte Artem den Schnaps, indem er dabei das eine Auge auf den feuchten, schwarzen, mit Schimmel bedeckten Boden der Barke richtete. Nachdem er mehr als ein Viertel des Inhaltes der Flasche hinuntergetrunken, seufzte er tief und mit einer gewissen Erleichterung auf, und mit einer Stimme, die schwach, heiser und dumpf seiner verwundeten Brust sich entrang, begann er: »Schön haben sie mich zugerichtet... aber warte nur... ich werde aufstehen . . . Und wenn ich aufstehe. . . dann . . . haltet euch in Bereitschaft ..." Er erhielt keine Antwort, vernahm jedoch ein deutliches Geräusch, — als wäre Jemand von ihm fortgesprungen, — und dann wurde es still; nur die Wellen Plätscherten, aus weiter Ferne hörte man ein beliebtes Volkslied singen und lautes Rufen, — wahrscheinlich schleppten die Arbeiter eine schwere Last. Plötzlich erklang der schrille Pfiff einer Locomotive, dann trat Stille ein. und dann wieder ein düsteres Brausen, als nähme das Schiff Abschied vom Festland ... auf Nimmerwiedersehen . . . Lange harrte Artem einer Antwort, doch unter dem Boot blieb es still, und der schwere, mit grünlichem Schimmel bedeckte Boden desselben hing über seinem Kopfe und wiegte sich, bald sich hebend, bald sich senkend, als wolle er auf den/Berwundeten uiederstürzen, um ihn zu zerschmettern. Artem empfand Mitleid mit sich selber. Das Bewußtsein seiner Hilflosigkeit und der Beleidigung, die man ihm angethan, rief ein Gefühl der Wehmuth in ihm hervor . . . Wie? ihn, einen so kräftigen, einen so schönen Mann derart zu schlagen und zu verwunden? . . . Mit schwachen Händen begann er die blauen Flccke und die geschwollenen Stellen an seinem Körper zu betasten, seinen Lippen entrang sich ein Fluch, und er brach in lautes Schluchzen aus. Er weinte, klagte, schimpfte und bewegte mit Schwierigkeit die Lider, um den Thränen, die seine Augen füllten, das Hinabfließen zu ermöglichen. Und die großen, bitteren Tropfen rollten seine Wangen entlang, rannen ihm in Mund und Ohren, und ihm war. als ob diese Thränen sein Inneres läutern würden. »Schön! . . . Wartet nur! . . ." murmelte er. Und plötzlich hörte er in seiner unmittelbaren Nähe ebenfalls Flüstern und unterdrücktes Schluchzen. Spottete man seiner? »Wer ist dort?" fragte er mit drohender Stimme, obgleich ein Angstgefühl ihm die Kehle zuschnürte. Seine Frage blieb unbeantwortet. Mit Aufgebot all' seiner Kräfte, brüllend wie ein Thier, wendete Artem sich um, stützte sich auf den Ellenbogen, und erblickte im Dämmerlicht eine winzige, in der Ecke zusammengekauerte Gestalt. Dieses Wesen, — ein Mann, — hatte seine langen, dünnen Arme um die Knie geschlungen, den Kopf in dieselben verborgen und seine Schultern bebten in unterdrücktem Schluchzen. Artem glaubte, einen jungen Burschen vor sich zu sehen. »Komm' her! sagte er. Doch der Fremde hörte nicht auf seine Worte und zitterte in einemfort wie im Fieber. Artem, den Schmerz und Furcht vor der geheimnißvollen Gestalt der Besinnung zu berauben drohten, brüllte laut: »Hierher komm'!" Als Antwort erklang ein Hagel zitternder, ängstlicher Worte: »Was habe ich euch Böses gethan? warum schreit ihr auf mich? Habe ich euch nicht mit Wasser abgewaschen, euren Durst gelöscht, euch mit Schnaps gestärkt? Habe ich nicht geweint, als ihr weintet, schmerzte es mich nicht, als ich euch jammern hörte? O, mein Gott und Herr! Selbst das Gute, das ich thue, bringt mir Qual! Was habe ich eurer Seele oder eurem Körper Böses gethan, was kann ich euch Böses thun, — ich, ich ich!" Nachdem er dreimal schwer aufgeseufzt, hielt der Mann inne, griff sich mit den beiden Händen an den Kopf und begann, auf der Erde sitzend, sich in einemfort hin und her zu wiegen. »Kain? . . . was? . . . ach. du bist's!" . . . »Nun, was ist dabei? Freilich bin ich es!" »Du! Nun! Einerlei — du hier? Ei! Komm her! Nun ... du sonderbarer Kerl!" Artem, der vor Erstaunen über das unerwartete Ereigniß sich kaum fassen konnte, empfand gleichzeitig das Gefühl großer Freude. Er lächelte sogar, als er sah, wie der Jude sich ihm furchtsam auf allen Vieren näherte und wie die kleinen Aeugelein iu dem lächerlichen, ihm so wohlbekannten Gesicht so ängstlich hin und her huschten. »Komm' dreist her! Bei Gott, ich rühre dich nicht an!" fand er es für richtig, dem Juden Muth einzuflößen. Kain kroch bis zu des Riesen Füßen, blieb stehen und begann dieselben mit solch' einem ängstlichen, flehenden Blick zu betrachten, als erwarte er, daß sein von der ewigen Furcht zu Grunde gerichteter Körper von ihnen zertreten werde. »Nun! . . . sieh, da bist du! Und Alles dies hast du an mir gethan? Wer hat dich hergeschickt, Aniuto?" fragte Artem, die Zunge mit Mühe bewegend. »Freiwillig bin ich gekommen!" »Freiwillig? Du lügst?" »Ich lüge nicht! Ich lüge nicht!" flüsterte Kain rasch. »Freiwillig bin ich gekommen, ihr könnt mir's glauben! Ich werde erzählen, wieso ich hergekommen bin. Bitte, hört — ich erfuhr es in Grabilowka ... ich trinke Thee und höre: diese Nacht hat man Artem todtgeschlagen. Ich glaube kein Wort davon — Phi! Ist es möglich, euch todtzuschlagen? Ich lache in mich hinein. O. denke ich mir, ihr dummen Leute! dieser Mann — ein Simson, wer von euch wäre im Stande, ihn zu bewältigen? Aber sie kommen und wiederholen in einemfort: wir haben ihn todtgeschlagen, zu Tode geschlagen. Und schimpfen über euch und lachen... und freuen sich ... Und ich erfuhr, daß ihr hier seid ... sie waren schon gekommen, nach euch zu sehen und sagten, ihr wäret todt. Da lief ich auch her, um euch zu sehen ... und als ich neben euch stand, da stöhntet ihr schmerzlich auf. Und wie ich euch so daliegen sah, den kräftigsten Mann, den man sich nur vorstellen kann, in solch' einem elenden Zustand, da dachte ich voll Trauer: Ach, sie haben ihn todtgeschlagen ... solche Kraft! . . . Verzeiht mir, aber ich empfand großes Mitleid mit euch. Und ich dachte, es wäre vielleicht gut, euch mit Waffer abzuwaschen ... Ich that es und da erwachtet ihr aus eurer Ohnmacht ... Wie mich das freut... ach! wie schrecklich mich das freute! . . . Ihr glaubt mir nicht, nicht wahr? . . . Weil ich ein Jude bin, darum glaubt ihr mir nicht?. . . Aber nein, ihr könnt mir glauben ... ich werde euch erzählen, warum ich mich gefreut und was ich gedacht habe ... Die ganze Wahrheit werde ich sagen . . . Aber ihr werdet mir nicht zürnen?" »Gott behüte! Wenn ich es thue, soll mich der Blitz auf der Stelle todtschlagen!" schwur der arme, gelähmte Riese. Und Kain schob sich noch näher an ihn heran und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er zu sprechen fort: »Ihr wißt, wie elend mein Leben ist? . . . Ihr versteht es, nicht wahr? Und — verzeiht — aber habe ich nicht auch von euch sehr viel gelitten? Und habt ihr nicht mehr als einmal über den räudigen Juden gespottet? Wie? Jst's wahr? aha! Ihr müßt mir verzechen, daß ich die Wahrheit sage, ihr habt mir zugeschworen. Seid nicht böfe! Sage ich doch nur, daß ihr, ebenso wie die Anderen alle, den Juden verfolgt habt . . . Und warum? ... Ist der Jude nicht der Sohn eures Gottes, und hat nicht derselbe Gott den Juden ebenso wie euch eine Seele gegeben? ..." Hastig, ohne eine Antwort abzuwarten, warf Kam eme Frage nach der anderen hin; alle die Worte, mit denen er in seinem Herzen auf die vielen, erlittenen Qualen und Kränkungen geantwortet, begannen in ihm zu gähren; das Bewußtsein der