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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 430 Dr. Mocb's Mocbenscbrm. Nr. 27 um unter der Fahne dieser beiden, wahrhaft großen Geister dem clericalen Nationalismus entgegenzuarbeiten. Der Dichter und Denker M a ch a r offenbart sich uns in seiner ganzen Persönlichst und in seinem eigensten Charakter, indem er den Dichter Heine zu erklären sucht, wie er ihn selbst aufgefaßt und verstanden. Liebe und Haß der mächtigen Individualität Machar's zeigt plastisch und unmittelbar seine kernige und mannhafte Art, wie er Licht und Schatten seines Heine- PorträtS vertheilt: H. Heine. Er war der Zeit nach der Letzte in der Reihe jener großen Geister, welche das sterbende XVHI. Jahrhundert geboren. deren Andenken wir, mit Dank und Achtung erfüllt, zur Neige des XIX. Jahrhunderts feiern. Doch welch' ein gewaltiger Unterschied zwischen ihm und all' den übrigen Zeitgenoffen! Denken wir nur an 6elakovSkF bei uns, an Mi ckiewicz in Polen, Puskinin Rußland, Balzac in Frankreich und — —Heine! Die dort Alle find so klar, durchsichtig, verständlich und deutlich bis auf den letzten Nerv; ihre Porträts kann man mit wenigen Strichen und doch überraschend, sprechend ähnlich zeichnen — welches Problem dagegen ist im Wesen und in der Gestalt H e i n e's! Eine ganze Reihe von verschiedenst gearteten Menschen steckt in ihm, aus wüthenden Feinden besteht seine Seele, einander schroff entgegengesetzte Schriftstellergestalten blicken uns aus seiner Physiognomie entgegen — und doch ist die endliche Resultante aller dieser Dissonanzen ein interessanter Accord, und wer diesen einmal gehört, vergißt ihn nie mehr. Streng jüdisch erzogen, trat er später zum Protestantismus über und durch sein ganzes Leben lang behielt er vom KatholiciSmus die Borliebe für den äußeren, bestrickenden Zauber, den bunten, farbenreichen Pomp, die prunkvollen Kathedralen und Münster mit ihren Orgeln, Glocken, den Weihrauch und bei alldem war er ein fertiger Heide hellenischen Styls und Skeptiker Boltaire'schen Charakters. Der Sprache nach ein Deutscher, von Naturell Franzose, in seinem Witze ein directer Sohn des Aristophanes, durchschüttete er das »Gemüth" des germanischen Volksliedes mit dem Naturalismus der Pariser Atmosphäre und pointirte es mit antiken Pfeilen; die unlenksame und lederne deutsche Sprache bog er wie ein Jongleur, machte sie elastisch, gefügig, geschmeidig, glänzend, glatt; er war aus der Romantik hervorgegangen, um einer der Väter des Realismus mit den Keimen des Symbolismus und der Decadenz zu werden; er schlug eine Brücke zwischen einer fast mittelalterlichen Phantastik und dem nüchternen, kühlen Verstände der jüngsten Epoche. Er war ein Poseur, dem eine witzige Wendung das höchste Ideal der Welt zu sein schien, und trotzdem gibt es keine aufrichtigeren Verse auf der Welt, als die subjectiven Seiten aus dem »Romanzero" und aus den »Letzten Gedichten". Es scheint fast, als ob man auf der zitternden Handfläche das arme, zuckende, blutige Menschenherz erblickte. Er war ein frivoler Cyniker in der Liebe, der stolz von sich sagen konnte: »Ich habe niemals eine Jungfrau, noch das Weib eines Anderen verführt, wer das Gegentheil weiß, mag mir in's Gesicht spucken" — und in deffen Correspondenz nicht ein einziger Name einer compromittirten Frau vorgefunden ward; was wir über ihn wissen, das hat er selbst verrathen, und die Gauner, welche ihre Erotiea sorgsam und fürsichtig in der letzten Falte ihrer Seele verschlossen hielten, fällten das Urtheil über ihn, er sei »zwar ein talentirter Mensch gewesen, aber ein schlechter Charakter, und nur deshalb habe ihn der liebe Herrgott mit seiner schrecklichen Krankheit heimgesucht." Er vergötterte den Traum seiner Kindheit — Napoleon, und war ein Todfeind des Despotismus und der Despoten, er haßte den Militarismus und in Verzückung gedenkt er der Armee des großen Kaisers. Er war ein Radicaler, ein Jacobiner, ein Republikaner, schrieb Verse voller Klagen über Maria Antoinette, Karl I. von England u. s. w. Börne sagte von ihm, »er verdient fünf Galgen und zehn Orden" und alle fortschrittlich Gesinnten sehen in ihm bis heute einen ihrer großen Apostel, die Socialdemokratie sieht zu ihm mit Stolz als zu einem der Stürmer empor, der die verrottete Weltordnung der morsch gewordenen Gesellschaft niederreißen half. In ihm widerhallt der Schwanengesang der zur Neige gehenden Periode und. in ihm jubelt, frohlockt die Lerche des neuen Frühlings. Er war der größte deutsche Dichter nach Goethe und in der Galerie der Weltpoeten ein Bruder Byron's, Musset's, Lermontov's. Die Bewunderung der Freunde heftet sich an seinen Namen in demselben Maße, wie ihn der Haß der eigenen Nation verfolgt. Ultramontane, Clericale, Conservattve, die Anhänger der preußischen Alldeutschlands-Jdee, Alle, auf welche seine Geißelhiebe niedersausten, sie Alle können ihm nicht verzeihen. Sein Deutschthum läßt sich in keine der landläufigen Parteischachteln zwängen, ja, man kann sagen, es hat keinen Dichter gegeben, der dem üblichen Deutschthum so feindlich gesinnt gewesen wäre, wie Heine. Und doch war er ein Deutscher und Patriot, freilich nach seiner Fatzon. Bon seinen Werken gilt dasselbe, was von G o g o l's »Todten Seelen" gesagt wurde. „Es sind dies groß e Diamanten, dem eigenen Volke an den Kopf geworfen." Und die guten Deutschen vergessen nicht: Heine hat bisher kein einziges Denkmal in seinem Baterlande, und wann immer die Frage seines Monumentes auftauchte, noch jedesmal erhob sich ein Geschrei des Widerstandes und die reinblütigen, racenreinen Germanen zeigten immer auf ihre blutig geschlagenen Schädel hin. Bismarck kannte seinen Werth. Heine war der einzige Dichter, den der eiserne Kanzler in seinen Reden citirte, und Kaiserin Elisabeth, einer der feinsten Geister und reinsten Charattere unseres Jahrhunderts, vermochte alle Wunden und Unbill zu vergessen, welche sein Giftzahn dem Wittelsbacher Hause geschlagen, und erwählte ihn zum Freunde ihres vereinsamten Lebens. Hein e's Judenthum ist meiner Ansicht nach der einzige Schlüssel seines Charakters und seiner literarischen Thätigkeit. Die Kinder des Orients und einer uralten Cultur, heimatlos geworden und in alle vier Weltgegenden zerstreut und auseinandergesprengt, gezwungen, zwischen Völkern fremden Blutes, anderer Confessionen. anderer Traditionen, anderer Gewohnheiten zu leben, durch Jahrhunderte lang verfolgt, geknechtet, gedrückt, verachtet, gequält, gemartert und gepeinigt, dabei erfüllt von Erinnerungen an den längst vergangenen Ruhm des auserwählten Volkes, das Herz voller Grimm und Haß gegen ihre Peiniger und Henker, die Seele ganz ausgehend in Gram und Kummer und namenlosem Weh über ihre enttäuschten, geknickten Hoffnungen auf ihren alten Gott, entflohen endlich den abgesperrten Gaffen des Ghettos und durften als gleich- und vollwerthige Menschen die freie Lust gemeinsam mit den anderen Menschen athmen. Das brennende scharfe Tageslicht blendete einen Augenblick lang ihre an die Finsterniß gewohnten Augen, der Kopf, an schwere, düstere Träume gewohnt, wurde ihnen schwindlig. In der Revolution sahen sie ihre Befreierin, die Spenderin der Gleichheit und eines neuen Lebens. Sie waren ihr dankbar, sie wurden ihre Apostel, ihreProselyten. Doch wie alle Revolutionen, bedeutete auch die französische Revolution zehn Schritte nach vorwärts und gleich darauf einen Schritt nach rückwärts. . . Diese Logik der Geschichte war aber den freigewordenen Kindern des Ghettos unbekannt. Mit leidenschaftlicher Sehnsucht nach Licht, Freiheit und Brüderlichkeit unter der Fahne des Demokratismus, in welchem sie ihr Heil erblickten, stürmten sie Allen voran in den ersten Schlachtreihen und stürzten sich in's vorderste Kampfgetümmel. In der Julirevolution, im jungen Deutschland, in der Socialdemokratie standen Juden an der Spitze. Verleumder sehen in diesem geschichtlich nothwendigen Factum die Absicht und den wohldurchdachten Plan der herrschsüchtigen Race, und doch wäre der Conservatismus und das Zusammengehen mit der Majorität der gefahrloseste, sicherste Hafen für die jüdische Minderzahl. Biel sicherer wenigstens, als dieser ihr Kampf gegen alle Gewaltigen und Machthaber der Welt. Und so stand Heine da. Einer von denen, deren Geist das Aetzmittel und Scheidewaffer der bestehenden, versumpften Verhältniffe ist, der aber die beffere Zukunft voraussieht und mit allen ihm verliehenen Kräften voran streitet und nach ihr strebt. Die typische Erscheinung des Juden in ihrer culturellen Mission. Er hatte die Cultur, die Kunst und die Tradition des Volkes eingesogen, in deffen Mitte er geboren war, ließ sie durch sein Blut und seine Seele sickern, durchsetzte sie mit seinem Geiste, dann vernichtete er sie in sich selbst bis auf die Keimkörnchen der neuen Cultur, und diese pflanzte er in die empfänglichen Seelen zu neuen Früchten. Er barg in seinem Schoße die .Götter der Zukunft". Und Blut von seinem Blute war unser N e r u d a. Wien, den 25. Juni 1903. — d. — k, —

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