Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 42K des Präsidenten Roosevelt, der ruffischen Regierung eine Petition der amerikanischen Juden über die Ereigniffe in Kischenew zu überreichen, Verhandlungen stattgefunden hätten. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat über diesen Gegenstand keinerlei Erklärungen gemacht. Wenn sie sich aber hiezu entschlossen hätte, so würde Rußland es natürlich verstanden haben, auf eine derartige Einmischung in seine inneren Angelegenheiten die erforderliche Antwort zu geben. London. Graf Cassini hat sich einen förmlichen officiösen Preßdienst eingerichtet und läßt halbamtliche Noten über seine Polemik mit Roosevelt durch ein Preßbureau vertheilen. Der »Times"-Correspondent meldet als Inhalt der neuesten derartigen Note, es werde als ein ernster Angriff auf die Aufrichtigkeit des Präsidenten angesehen, daß man seine Action mit den internationalen Verhandlungen im fernen Osten oder mit der Treue in Verbindung bringt, womit Graf Cassini seine Regierung zu Washington vertreten hat. Der Correspondent bemerkt hiezu: »Der russische Botschafter ist der einzige Mann, der im Stande wäre, zu vermuthen, daß des Präsidenten Aufrichtigkeit bezweifelt wird. Gewiß wird die Meinung der amtlichen Kreise wie jene ganz Amerikas über Rußland ebenso durch seine Perfidie in der Mandschurei, wie durch die Grausamkeit zu Kischenew beeinflußt." Vom Zukrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Präsident Roosevelt über Kischenew. — Rußlands innere Angelegenheiten. — V e r g a n i und Krusche w a n.) Die Antisemitenpresse wäre ihrer Tradition untreu geworden, wenn sie den Mordbrennern von Kischenew nicht ihre begeisterten Sympathien dargebracht hätte. Verbrechen, die den Abscheu der ganzen gesitteten Welt erregen, erscheinen den Kruschewans aller Länder als rühmenswerthe Thaten, wenn die Opfer dieser Verbrechen jüdische Greise, Frauen und Kinder sind. In allen civilisirten Ländern der Erde ist in Massenkundgebungen den Gefühlen der Empörung und des Abscheus ob der in Kischenew verübten Greuel flammender Ausdruck verliehen worden und der Präsident der nordamerikanischen Republik, das Oberhaupt eines 84 Millionen Menschen zählenden Staates, hat eine den Schutz der verfolgten Juden betreffende Petition entgegengenommen, die mit Millionen Unterschriften bedeckt ist. Rußland freilich protestirt gegen die Zusendung dieser Petition durch die Regierung der Vereinigten Staaten; es will den Massenmord von Kischenew als eine »innere Angelegenheit" des Landes betrachtet wissen. Als cs sich um türkische Greuel in Armenien und auf der Balkan- Halbinsel handelte, da waren die Großmächte nicht geneigt, diese Ereignisse als eine innere Angelegenheit der Türkei aufzufassen. Auch das Völkerrecht wird seinem Inhalte nach durch die Macht bestimmt, und die Definition, daß die barbarische Mißhandlung eines ganzen Volkes eine innere Angelegenheit sei, stützt sich in diesem Falle auf die Bajonette und Kanonen der russischen Armee. Die tyrannische Behandlung der Polen und der Finnen, die administrative Verschickung Tausender unschuldiger Menschen nach den Bergwerken Sibiriens, Alles das sind ja innere Angelegenheiten, und ungehört verhallen die Seufzer eines geknechteten Volkes. In dem Gegensätze der Meinungen zwischen der Gesammtheit der nordamerikanischen Republik und der russischen Regierung steht auch unsere heimische Antisemitenpreffe selbstverständlich ganz auf Seite des Reiches der Knute. Diese, vorausgesetzt daß sie auf jüdische Leiber niedersaust, ist das Symbol der sittlichen Weltanschauung, für welche die Antisemitenpreffe eintritt. * * * Ein Schüler des Petersburger Polytechnikums hat gegen jenen publicistischen Schurken, durch deffen Hetzartikel die christliche Bevölkerung von Kischenew gegen die Juden aufgestachelt wurde, den Dolch gezückt, um die Opfer der verübten Grausamkeit zu rächen. Die »Ungarische Wochenschrift" bemerkte hierüber, daß der angefallene Mörder leider mit einer leichteren Wunde davongekommen sei. Diese Notiz der »Ungarischen Wochenschrift" wird vom »Herrn" Bergani, wie er sich in seinem Blatte als Collegen des Herrn Kruschewan nennen läßt, mit einem wahren Freudengeheul begrüßt. Das Schandblatt vom Antisemitenhof betrachtet diese Notiz als ein werthvolles Document, das Einblick in die jüdische Denkungsart gewährt und dessen »gehörige Ausnützung" durch maffenhafte Verbreitung der betreffenden Nummer des »Deutschen Volksblattes" in Angriff genommen werden sollte. Daß die Maffacres von Kischenew von Vergani zunächst geschäftlich ausgebeutet werden, kann Niemanden überraschen. Der Refrain der Judenhetze ist immer: Abonnirt und kauft das »Deutsche Volksblatt". Nachdem nun das Antisemitenblatt die „Ungarische Wochenschrift" als Pendant zur »Oesterreichischen Wochenschrift" erklärt und eine Aeußerung der ersteren als Anschauung des Judenthums hinstellt, die man zu Zwecken der Judenhctze ausnützen müsse, so sind wir genöthigt, die »Ungarische Wochenschrift" ausdrücklich zu desavouiren und ihre Bemerkungen über das Attentat auf Kruschewan zu tadeln. Die Sache des Judenthums kann nicht ärger geschädigt werden, als durch einen ungesetzlichen Gewaltact. Es ist eine erbärmliche Perfivie des Antisemitenblattes, den Juden zu insinuiren, daß sie einen versuchten oder vollbrachten Mordanschlag jemals billigen mögen. Die Juden erwarten und erhoffen die Anerkennung ihrer Menschenrechte und ihrer bürgerlichen Rechte nicht von Verbrechen und Todschlag, nicht von Einschüchterung ihrer Feinde und nicht von gewaltsamer Abwehr, sondern von dem unaufhaltsamen Vordringen und Ueberwiegen der menschlichen Gesittung und Civilisation. Die Grundsätze des Rechtes und der Menschlichkeit sind unsere Waffen, nicht aber der Dolch eines Unbesonnenen, deffen Hand von Empörung über die seinen Glaubensgenoffen zugefügte Unbill geleitet war. Wo immer ein Jude ein Verbrechen begeht, mag auch berechtigte Erregung als Milderungsgrund erscheinen, so versündigt er sich damit viel ärger als jeder andere Mensch, denn er verletzt nicht blos das Gesetz, sondern schädigt auch die Sache seiner Glaubensgenossen. Wenn also »Herr" Vergani die oberwähnte Notiz auszubeutcn unternimmt, so sind wir verpflichtet zu erklären, daß die Judenschaft jede Gewaltthat aufs Entschiedenste verurtheilt und daß wir es als ein Glück betrachten, daß dem Herrn Kruschewan nichts geschehen ist. Auch jenes dickwanstige Subj-ct, das dem Bergani von Kischenew um seine Erfolge neidisch ist, mag sich getrost weiter mästen von de» Erträgnissen der schmachvollen Glaubens- und Racenhetze, Subpcte dieser Art physisch zu vernichten, hat keinen Sinn; es genügt, wenn die anständigen Menschen sie verachten. Isegrim. Gin czrchischer Dichter über H. Hrirre.*) Der hervorragendste Dichter der czechischen Moderne, I. S. M a ch a r. deffen flammende Proteste gegen den czechischen Clericalismus und seine Tumulte anläßlich der Leichenfeier der Mutter des Dichters in Br and eis a. d. Elbe und jüngst wieder beim Ausbruch der Kohn-Ueetus - Affaire so lebhaften Anklang erweckten, lebt bekanntlich seit einem Jahrzehnt in Wien und veröffentlicht jetzt im Prager »0 a s" eine Serie seiner höchst anziehenden Schilderungen der Wiener politischen Verhältnisse, welche wir unseren Lesern in Auszügen übersetzt vermitteln wollen. Um aber den grundsätzlichen Standpunkt des größten modernen czechischen Dichters und Schriftstellers zu verstehen, von welchem aus er Menschen uud Verhältniffe hier beobachtet und schildert und beurtheilt, bieten wir früher eine der gediegensten Studien I. S. M a ch a r's aus seiner Sammlung von Feuilletons, welche gleichfalls zuerst in Profeffor Masaryk's Organe „6as" am 2. Jänner 1900 erschienen war. Bon manchen früheren czechischen Heine-Biographien und -Charakteristiken ganz abgesehen, genügt der bloße Vergleich von M a ch a r's klassischer Heine-Studie mit den deutschen .Forschungen" der sattsam bekannten Heine - »Kritiker" Treitschke und seiner Nachschreiber, Carl Busse und Adolph Bartels, die allen Haß gegen das Juderthum in ihren Verunglimpfungen Heine's austoben, um zu begreifen, welch' große kulturelle Bedeutung den Schöpfungen M a ch ar's für sein Volk und deffen Literatur zukommt und welchen unschätzbaren Werth mit vollstem Rechte die junge czechische Generation der bahnbrechenden, fortschrittlichen Thätigkeit ihres Führers M a ch a r an der Seite seines besten Freundes, des Freiheitskämpfers Prof. M a s a r y k. beimißt, *) Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.