Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021521--12799-3037414- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 428 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Nr. 27 fahrene „Unrecht" aus. Sie äußern offen, daß sie statt der Strafe eine schöne Belohnung für die von ihnen bewirkte „Blstcafung der Juden" erwartet hätten. Goldene Berge seien ihnen dafür versprochen worden. Gefühlvoll. Als cr vom Königsmord in Serbien vernahm. Da war er fassungslos, und Thrän' auf Thräue kam, Die heißen Thronen all des herzensguten Zaren, Die jüngst bei Kischenew ihm ausgeblieben waren. „Ulk." London. (Das geplante Proteftmceting.) In der! tzten Mouatssitzuug der Anglo-Jewish-Association stellte der in Vertretung für den erkrankten Herrn Claude Monteftore den Borsitz führende Herr Leopold Schloß den Antrag, baldmöglichst eine große Versammlung zusammenzuberufen, di» gegen die Greuel von Kischenew protestiren sollte. Von den 22 anwesenden Vorstandsmitgliedern sprachen drei — die Herren Lucien Wolf, H. G. Lousada und H. S. O. Henriques — gegen ein solches Meeting. Sie führten aus, daß man den bedrohten russischen Glaubeusbrüdern wirksamer helfen könne, als durch öffentliche Reden. Die öff.utUche Meinung wäre in Zeitungsartikeln und Erklärungen schon ausreichend zum Ausdruck gelangt, es stehe zu befürchten, daß die den Juden wohlgesinnten russischen Kreise durch die fortwährenden Angriffe auf ihr Vaterland verletzt werden und den Juden ihr Wohlwollen wieder entziehen könnten. Ein Protestmeeting hätte viclleicht den gewünschten Erfolg, wenn es von Nichtjuden organisirt und von Nichtjuden angeregt würde. Trotz dieser Opposition wurde mit 19 gegen 3 Stimmen beschloffen, dem vereinigten Counts des russisch-jüdischen Vereines und der Anglo-Jewish-Association die Einberufung eines Pcotestmeetings vorzuschlagen und ihm die Entscheidung zu übertaffen. In der am 28. und 29. Juni in Berlin abgehaltenen Conferenz des Hilfsvereincs der deutschen Juden wurden die Herren Claude Montefiore. H. Landau und I. Prag als Dele« girte gewählt. Roosevelt's Action und die Stimmung in England. London. Rüvsivelr's Intervention in der Kifchenew- Affaire hat laut Meldung des „Expreß" mehr Aufsehen in Washington erregt als irgend ein Vorfall seit Cleveland's berühmter Botschaft über England und Venezuela. Der „Morning Post" wird gemeldet, daß einige Gefahr eines d plomatischen Bruches bestehen soll. Botschafter Graf Caffini hat auf Instructionen aus Petersburg hin den StaatssccrktärMr.Hay benachrichtigt. die Ausführung der Roosevelt'schen Absicht würde als „äußerst unhöflich" angesehen werden. Mun spricht davon, dcß Graf Cassini sich auf einige Zeit von Washington zurückzieheu könnte, um dadurch die Verstimmung seiner Regieruug zum Ausdruck zu bringen. Angeblich wird Caffini in seiner Beurtheilung der Haltung Roosevelt's von anderen Mitgliedern des diplomatischen' Corps unterstützt. Caffini hat das denkbar Möglichste gethan und Hey wiederholt besucht, um die Zurückhaltung der Petition durchzusctzen. Er hat damit gedroht, daß Rußland eventuell mit einem Protest gegen das Lynchen im Süden sich für die ihm zu «fügte Beleidigung revanchiren könnte. Roosevelt aber beruft sich, wenn seine eigenen Minister und amerikanische Bölkerrechtslehrer ihn bitten, die Angelegenheit ruhen zu laffen, aus Präcedenzfälle; denn ähnliche Proteste gegen antisemitische Ausschreitungen in Rußland wurden schon von den Präsidenten Harrifon und Arthur erlassen. Die ruffische Diplomatie wäre die letzte. von der sich Roosevelt eine Lection über diplomatische Ethik und Anstand ertheilen ließe. Wie der „Daily Telegraph" in Erinnerung bringt, haben schon seit längerer Zeit Gerüchte über diplomatische Frictionen cursirt, und ein halbamtliches Dementi mußte die allgemeine Meinung zerstreuen, daß zwischen Cassrni und Roosevelt eia Bruch bevorstehe. Die amerikanische Regierung hat aber aus ihrem Unwillen über Cassinr's Führung der mandschurischen Verhandlungen nie ein Geheimniß gemacht. Der amerikanische Gesandte in Peking, Conger, war über die Kritik, welche Caffini an seinem Berichte über die ruffischen Ansprüche in der Mandschurei übte, aufgebracht und verlangte von Hay, er solle Caffini um Aufklärungen ersuchen, aber Hay verweigerte dies. Darauf sendete Conger weitere Berichte mit ausführlichen Belegen zu seinen früheren Berichten, darunter den Originaltext der Forderungen, welche der ruffische Gesandte gegenüber dem Prinzen Tsching aufgestellt hatte. Caffini leugnete nach wie vor Alles. Seither ist Roosevelt über die cynische Verachtung der Wahrheitsliebe, die er von der russischen Diplomatie erfahren haben will, entrüstet. Der Correspondent der „Times" in New-Iork meint, der Vorfall habe zunächst den praktischen Erfolg, eine große Vermehrung der Unterschriften, mit denen die Petition versehen wird, zu veranlassen. Bürger aller Racen und Consessionen beeilen sich, nachträglich ihre Unterschrift zu geben. Die „Times" selbst schreibt über die Angelegenheit: „Die Action der Vereinigten Staaten ist ungewöhnlichen Charakters, aber ungewöhnlich sind auch die Umstände. Der Zustand der Juden in Rußland ist längst eine Schmach für eine Großmacht gewesen, die sich christlich und europäisch nennt, namentlich in den vielen Fällen, in denen sie sich als privilegirte Schirwherrin unterdrückter Nationalitäten im Kampfe gegen politische Unduldsamkeit und religiösen Fanatismus aufspielt. Wie groß auch die Schwierigkeiten sein mögen, welche die jüdische Frage in Rußland aufwirft, so können sie nimmer die grausame Politik des Ostracismus und der Unterdrückung rechtfertigen, welche offenbar das Alpha und Omega russischer Staatskunft in dieser Sache darstellt. Noch weniger können sie die scheußlichen Scenen von Mord und Raub mildern, die jüngst in Kischenew vorgingen. Herrn v. Plehwe's umständliche Dementis und gewundene Erklärungen können nicht die Thatsache abändern, daß diese Ausschreitungen das directe Resultat einer langwierigen antijüdischen Agitation waren, welche unter dem vollen Schutze der russischen Behörden in den vom Ministerium des Innern subventionirttn Blättern betrieben wurde. Auch die Thatsache bleibt aufrecht, daß zwei Tage lang die jüdische Gemeinde von Kischenew auf Gnade und Ungnade organisirten Banden von Strolchen ausgeliefert wurde, und zwar unter den Augen einer großen Polizeimacht, welche activ mithalf, und einer Garnison von 10.000 Mann, deren verspätetes Eingreifen den künstlichen Charakter der Unruhen klarlegen half. Schließlich hat die amtliche Untersuchung blos eine groteske Travestie der Justiz zu Tage gefördert, die fast häßlicher ist, als eine offene Erklärung der Straflosigkeit." Die „Times" betont den tiefen Eindruck, den die Vorgänge in der ganzen c'öilifirten Welt hervorgerusen hätten, und meint, die Bereinigten Staaten seien in einer besonders günstigen Lage, um die Russen aufrütteln zu können. Bisher seien die Beziehungen der Union zu Rußland solche fast sentimentaler Herzlichkeit gewesen, während sich nirgends die Möglichkeit eines ernstlichen Conflictes der Jntereffen zeige. So dürften denn sowohl die unglücklichen Opfer, wie die vielen aufgeklärten Feinde des Plehwe'schen Regimes der Unterdrückung einige Hoffnung fassen. Die „Times" schließt: „Der Beschluß der Unionsregierung, die Petition, sobald sie unterfertigt sein wird, an Rußland zu befördern, ist nach reiflicher Erwägung und nach der Kundgebung seitens Rußlands, daß es jede Vorstellung zurückweisen werde, erfolgt. Die jetzige Ablehnung ist also ein Umstand, aus den die Unionsregierung vorbereitet war. Schwer anzumhmen ist, daß selbst die mächtige russische Bureaukratie riskiren könnte, die Petition in den ministeriellen Mappen verstauben zu lassen. Wenn sich ein Mann wie Roosevelt nach reiflicher Ueberlegung zu einem solchen Schritte entschließt, so verleiht seine Action der Petition ein Gewicht, das weit über ihre ursprüngliche Bedeutung hinausgeht und verbietet, die Petition unerledigt ad acta zu legen. Die amerikanische Diplomatie kann das Ohr des Czaren erreichen, dem einige seiner Minister offenbar die Wahrheit vorenthalten wollen, und außer den Juden können noch andere russische Unterthanen Grund zur Dankbarkeit hiesür haben." Daß diesmal die russische Bureaukratie ihren Meister gefunden, glaubt auch der conservative „Globe", der meint, das ewig borglustige Rußland könne zu allerletzt die Meinung der civilisirten Welt verachten, und Herr v. Witte muffe längst die Augen auf die Amerikaner als künftige finanzulle Freunde gerichtet haben. Roosevelt's Action dürfte Witte's etwaige Hoffnungen arg durchkreuzt haben und es sei aussichtslos, eine Petition, welche Roosevelt in die Hand nimmt, in Amerika oder in Europa als Ergebniß des Vorurtheils oder der unvollkommenen Sachkenntniß zu verurtheilen. Graf Caffini glaubte aber trotzdem, sich wegwerfend über den Dilettantismus der amerikanischen Diplomatie äußern zu können. Rußland droht. Petersburg. Die russische Telegraphie-Agentur meldet: Das „Reuter'sche Bureau" hat die Nachricht verbreitet, wonach zwischen Rußland und den Bereinigten Staaten wegen der Absicht