Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Seite 427 ganzen civilisirten Welt beklagt, aber nirgends tiefer, als in den Bereinigten Staaten, wo man sie als fleißig, betriebsam, voll Gemeingeist und commercieller Moralität kenne. »Niemand", sagte der Seeretär, »wird die Amerikaner bewegen, schlecht von den Juden als Classe oder Race zu denken, dazu kennen wir sie zu gut. Die Gesinnungen des Präsidenten sind Ihnen bekannt. Niemand haßt solche Handlungen der Grausamkeit und der Ungerechtigkeit, wie diejenigen, welche wir beklagen, entschiedener als er. Aber er muß die Umstände erwägen und dann entscheiden, ob irgend welche amtliche Schritte gethan werden können, abgesehen von dem wirksamen Ausdruck der öffentlichen Meinung in unserem Lande während des letzten Monates. Der Kaiser von Rußland hat aber Anspruch auf unsere Achtung nicht nur als Herrscher einer großen und befreundeten Nation, sondern auch als ein Mann von hochstehendem Charakter, und nichts würde uns zu der Annahme berechtigen, daß er nicht Alles gethan hat und thut, was in seiner Macht liegt, um jene Ausschreitungen zu hindern und die Schuldigen zu strafen, welcher Classe sie auch angehören mögen, und die Wiederkehr solcher Schandthaten zu hindern. Und nach Allem, was wir über die Lage der Dinge in Rußland wissen, dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, daß sich selbst aus der gegenwärtigen schrecklichen Situation etwas Gutes ergeben wird." Präsident Roofevelt's Rede. Präsident Roosevelt äußerte sich zur Delegation der B. B. nach der Ueberreichung des Memorandums im Weißen Hause unter Anderem wie folgt: »Es ist kein Wunder, daß sich von der ganzen civilisirten Welt gerade in den Vereinigten Staaten die Entrüstung über die entsetzlichen Ausschreitungen gegen die Juden in Kischenew am lebhaftesten und allgemeinsten zeigte, denn in den Vereinigten Staaten ist vom Beginn ihrer nationalen Laufbahn am lebhaftesten anerkannt worden, was wir der jüdischen Race verdanken und man hat sich am meisten bestrebt, den amerikanischen Bürgern, welche jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens sind, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eines der rührendsten Gedichte unseres großen Dichters Longfellow ist das über den jüdischen Friedhof in Newport und auf den alten Friedhöfen find die Namen vieler Juden zu lesen, welche in Krieg und Frieden ihren vollen Antheil an der Begründung der Nation genommen haben. Seit jener Zeit hat es keinen bedeutenden Kampf gegeben, in welchem die Juden nicht allein mit Geld die Sache des Patriotismus unterstützt hätten, sondern auch persönlich für die Ehre und das Wohl der Nation eingetreten wären. General Howard erwähnte gegen mich, die beiden Brigadecommandeure, auf welche er das größte Vertrauen setzte, seien Juden gewesen. Unter den Grand-Army-Bersammlungen, denen ich beigewohnt habe, erinnere ich mich besonders derjenigen, in welcher unter den Auspicien von jüdischen G. A. R.-Leuten im Emanuel- Tempel an der 44. Str. die Veteranen jüdischen Glaubens begrüßt wurden, welche aus dem spanischen Kriege zurückkehrten. Bor Santiago war einer der besten Obersten unter den regulären Truppen, welcher neben mir focht, ein Jude. In meinem eigenen Regiment beförderte ich fünf Leute wegen Tapferkeit in der Schlacht zu Officieren. Zufälligerweise ergab es sich — denn ich hatte keine Ahnung, welcher Religion die Leute angehörten — daß davon zwei Protestanten, zwei Katholiken und einer Jude war. Obgleich dies, wie gesagt, ein großer Zufall war, so ist die Sache doch bezeichnend für die religiöse Zusammensetzung unserer Nation und für die Thatsache, daß Alles, was von einem Manne hier verlangt wird, ist, daß er ein guter Amerikaner sei, einerlei welchen Glaubens er ist, noch wo seine Wiege gestanden hat. Lasten Sie mich Ihnen eine kleine Begebenheit erzählen, die Bezug hat auf die Frage der Racen- und Religions-Bkrfolgungen. Vielleicht erinnern Sie sich — sicherlich werden sich einige meiner New-Iorker Freunde daran erinnern — daß während der Zeit, als ich Polizei-Commiffär in New-Jork war, ein Geistlicher von Europa kam, um in New-I^rk eine antijüdische Agitation in's Leben zu rufen, und daß er seine Absicht kundgab, Versammlungen abzuhalten, in denen die Inden angegriffen werden sollten. Die Angelegenheit wurde mir unterbreitet, ich hatte aber natürlich keine Befugniß, die Versammlungen zu untersagen. Nach reiflicher Ueberlegung wählte ich eimen jüdischen Polizei-Sergeanten und jüdische Schutzleute aus, um den Agitator in den Versammlungen zu schützen, so daß er in seinen Hetzreden gegen die Juden ausschließlich von Juden beschützt ward. Meiner Idee nach war das die beste Antwort, die ihm gegeben werden konnte, und gleichzeitig war das eine Aeußerung, wie wir Amerikaner dergleichen Sachen behandeln. Einen Schutzmann stellte ich unter folgenden Umständen an: Bei einem Besuche des christlichen jungen Männervereines wurde mir von einem jungen Juden erzählt, der bei einem Brande unter großer Lebensgefahr Leute aus dem brennenden Hause gerettet habe. Die allgemeine Ansicht war, daß dieser junge Mann das richtige Zeug für einen tüchtigen Polizisten in sich habe. Ich ließ ihn zu mir kommen und rieth ihm, sich zum Examen zu melden. Er that es, bestand die Prüfung und wurde nicht nur ein vorzüglicher Schutzmann, sondern benützte seinen Gehalt auch dazu, seine jüngeren Brüder und Schwestern etwas lernen zu lassen. Für seine Ersparnisse ließ er außerdem seine alten Eltern aus Rußland kommen und sorgte für sie hier. Ich habe Ihnen einige Beispiele von Männern gegeben, die unter mir in meinem Regiment und in der New-Horker Polizei gedient haben. Aber außerdem sind einige meiner oesten Freunde, einige, mit denen ich in engstem Contact im politischen Leben verkehre, Juden. Ich empfinde für fie natürlicherweise einen großen Grad persönlicher Sympathie, andererseits persönlicher Empörung über die furchtbare Tragödie und versichere Sie, daß meine Gefühle dieselben find wie die Ihrigen, meine Herren. Geradeso, wie ich erwarten darf, daß Sie die gleiche Empörung beseelen würde bei einer Tragödie, die ein christliches Volk betreffen würde, so würde ich mich für unwürdig der Stellung halten, die ich einnehme, wenn ich nicht den gleichen Schmerz, die gleiche Entrüstung empfinden würde bei der Vergewaltigung. die dem jüdischen Volke in irgend einem Welttheile angethan wird. Ich bin sicher, daß die Sympathie-Kundgebungen im ganzen Lande ohne Unterschied des Glaubens bereits viel Gutes erzielt haben. Es ist eine Genugthuung, anzunehmen, daß die russische Regierung die Gefühle des Entsetzens und der Entrüstung über die Greuel in Kischenew mit dem amerikanischen Volke theilt und daß sie Maßregeln trifft, um Wiederholungen zu verhindern und die Anstifter zu bestrafen. Die ruffische Regierung betrachtet jene Ausschreitungen im selben Lichte wie unsere Regierung die Krawalle und Lynchaffairen, die hier vorgekommen sind und die weder unsere Regierung noch unser Volk charakterisier». Der ruffische Gesandte hat mich aus eigenem Antriebe besucht und mich persönlich benachrichtigt, daß der Gouverneur von Kischenew seines Amtes entsetzt worden ist, daß dreihundert bis vierhundert Theilnehmer an den Greuelthaten verhaftet worden seien, die strengstens bestraft werden würden. Ich werde die Anregungen, die Sie mir unterbreitet haben, auf das Sorgfältigste prüfen und erwägen, ob unter den gegebenen Umständen es rathfam und von Vortheil für die unglücklichen Ueberlebenden, mit denen wir so tiefes Mitgefühl haben, ist, weitere officielle Schritte zu thun. Kein Ereigniß der letzten Zeit hat meine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch genommen und wird meine Aufmerksamkeit weiter in Anspruch nehmen, als dieses hier. Jede Maßregel, die Erfolg verspricht, wird ergriffen werden, um die Aufrichtigkeit der historischen Stellung Amerikas zu bethätigen, daß Jedermann nach seinen Verdiensten beurtheilt wird, ohne die geringste Rücksichtnahme auf seinen Glauben, seine Race oder seinen Geburtsort. Krisis infolge der Kifchenewer Vorgänge? Von unterrichteter Seite wird versichert, daß der Gegensatz zwischen dem Minister des Innern v. Plehwe und dem Finanzminister Witte infolge der Vorgänge in Kischenew zu einer ernsten Krisis geführt hat. Witte verlangte ein energisches Einschreiten gegen die schuldigen Beamten und Militärpersonen, während Plehwe dieser Forderung entgegentrat. Letzterer wird von dem Oberprocurator des Heiligen Synods Pobjedonoszew gestützt, welcher auch den Mönch Johann von Kronstadt, der anfangs die Behandlung der Juden in Kischenew scharf verurtheilt hatte, zu einem Widerruf veranlaßte. Witte hat ernsthaft seinen Rücktritt angedroht, da die Judenverfolgungen den Credit Rußlands im Auslande geschädigt hätten. Ueber die gerichtlichen Verhandlungen gegen die Theilnehmer an dem Kifchenewer Maffaere erzählen Augenzeugen, daß die Verhandlungen nicht eines bitteren Humors entbehren. Diejenigen, welche infolge ganz einwandfreier Beweise ihrer Schuld zu Freiheitsstrafen von 8 Tagen bis zu 3 Monaten verurtheilt werden, stoßen laute Klagen über das ihnen wider-