Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 426 Dr. Llocb's Mocdenscbritt. Nr. 27 bleiben — wessen Leben ist ein geschütztes? Wenn Soldaten den „inneren Feind" frei gewähren lassen, sobald er sein Müthchen an dem Schwächsten kühlt — wird diese Soldateska nicht auch mit denjenigen fraternisiren, die sich andere „Schwache" zum Opfer ausersehen? Wenn Richter das Gesetz zu Gunsten von Räubern und Mördern beugen — welche Rechtsbegriffe können dann im Volke Wurzel fassen? Und wenn ein Staat auf solche Elemente sich stützen muß — wo ist seine Stärke? Mag Europa vor Rußland bange haben — Amerika weiß sich frei von dieser Furcht; nicht nur weil es selbst physisch stark ist, sondern weil es seiner moralischen Kraft vertraut und mit diesem Maßstab andere Staaten misst. Amerika, das jetzt seine Stimme gegen Rußland erhebt, hat dies Reich „gezählt, gewogen und zu leicht befunden". Das ist der Sinn der Rooseveltffchen Erklärung über die Vorgänge in Kischenew. Amerika war der einzige Staat, der sich der Armenier wirksam annahm, es war der einzige Staat, der Rumänien vor Europa verklagte und dieses au seine Pflicht erinnerte; es ist jetzt auch der einzige Staat, der dem Koloß Rußland zu verstehen gibt, daß er die thönernen Füße kennt, auf welchen der scheinbare Riese ruht, und daß es in richtiger Beurtheilung der Verhältnisse sich von keinem anderen Gesichtspunkt leiten läßt, als dem der Menschlichkeit und des Rechtsgefühls. Mag der Czar die Petition, die ihm Roosevelt sendet, ablehnen, ihre Wirkung hat sie bereits gethan; mag der russische Gesandte seine Pässe nehmen oder auf Urlaub gehen, er wird uneingeladen zurückkehren; mag man in St. Petersburg die „fremde Einmischung in innere Angelegenheiten" noch so schroff abweisen, sie ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Die Behauptung des Grafen Cassini, daß Rußland sich „nie" in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten gemischt habe, ist aber kaum ernst gemeint. Man erinnere sich an die Geschichte Polens, der T ü r k e i, C h i n a s, der Balkan- und anderer Staaten im Orient und Occident. Amerika hat in dieses Rußland hineingeleuchtet und der Welt gezeigt, daß dieser Riese doch nur ein Schwächling ist. Das ist eine That, für die eigentlich ganz Europa dem unerschrockenen ehrlichen Roosevelt danken müßte. B'nai B'rith im Weißen Hause, Washington, 15. Juni. Durch ihre repräsentative Bereinigung B'nai B'rith unterbreiteten die Juden Amerikas heute dem Präsidenten Roosevelt und dem Staatssecretär Hoy ihre Sache und sie sind bereit, sich bei der Entscheidung zu beruhigen, welche ^dem höchsten Executivbeamten die angemessenste erscheint. Einer getroffenen Abmachung entsprechend, erschien heute Morgens um 10 Uhr 20 der Executivrath der bezeichneten Bereinigung im Staatsdepartement, welcher sich aus den Herren Leo N. Levi, Präsident, aus New-Iork, Jacob Furth, Vicepräsident und Schatzmeister, aus Cleveland, Solomon Sulzberger, Ehrensecretär, aus New-Iork, Joseph D. Coons aus Wilkesbarre, Pa., Adolph Moses aus Chicago und Simon Wolf aus Washington zusammengesetzt. Secretär Hay empfing den Rath im Diplomatensaal und verwandte drei Viertelstunden darauf, seine Vorstellungen entgegenzunehmen und sie mit den Herren zu besprechen. Der Secretär geleitete sodann seine Besucher nach dem Weißen Hause, wo sie vom Präsidenten empfangen wurden, nochmals ihre Ansichten darlegten und hörten, was er darauf zu erwidern hatte. Die Besprechungen mit dem Präsidenten und dem Staatssecretär gereichten den Mitgliedern des Rathes zur äußersten Genugthuung, obwohl sich bald herausstellte, daß sofortige Schritte bezüglich ihres nächsten Zieles, der Besserung der Lage der Juden in Rußland, sich nicht thun lasten. Das Maffacre in Kischenew bildete den Hauptgegenstand der Besprechung. Aber die Petenten machten sich, nachdem sie vernommen, was der Präsident und Secretär Hay zu sagen hatten, klar, daß die amerikanische Regierung nichts thun kann, um das, was in Beffarabien geschehen ist, ungeschehen zu machen. Bezüglich der Zukunft ersuchte der Rath den Präsidenten, seine guten Dienste dafür einzusetzen, daß der Czar den Vorstellungen Gehör schenke. Die Herren erklärten, derselbe werde absichtlich von den ihn umgebenden Beamten in Unkenntniß darüber gehalten, welcher schrecklichen Behandlung die Juden in allen Theilen Rußlands unterzogen werden, in welchen ihnen zu wohnen gestattet wird. Sie sprachen die Ueberzeugung aus, daß, wenn er von der unwürdigen Behandlung und von den Ausschreitungen wüßte, welche die unglücklichen Juden zu ertragen haben, welche trotzdem noch seine loyalen Unterthanen seien, der Czar sicherlich Schlitte thun würde, um ihre Lage zu verbessern. Von der Weigerung der russischen Regierung, für Juden ausgestellte Pässe anzueikennen, war keine Rede, und die Regierung wurde auch nicht ersucht, bei der Vertheilung des Fonds ihren Beistand zu gewähren, welche zur Linderung der Lage der Nothleidenden in Kischenew bestimmt sind. Der Präsident und Secretär Hay hörten mit dem lebhaftesten Interesse und der tiefsten Sympathie diese Vorstellungen an und Beide antworteten in Ausdrücken, welche die Tiefe ihrer Theilnahme an der Angelegenheit bewiesen. Sie versprachen, daß Alles geschehen solle, was die Executive thun könne, ohne die Pcincipien der internationalen Höflichkeit zu verletzen. Darüber hinaus vermochten weder der Präsident noch Secretär Hay bestimmte Versprechungen zu machen; ihre Besucher schienen aber mit dem Erreichten zufrieden zu sein. Vorschläge des B'nai B'rith. — Einberufung einer internationalen Conserenz angeregt. Heute Abend wurde im Weißen Hause eine Mittheilung bezüglich der Conferenz über die Kischenew-Affaire ausgegeben. Dieselbe sitzt sich zusammen aus einem Memorandum, welches vom B'nai B'rith bezüglich des Massacres vom April unterbreitet worden ist, dem Entwurf einer Petition an dem Czar, welche nach dem Wunsche der Bittsteller mit der unofficiellen oder halbosficiellen Hilfe der Regierung dem Czar zugestellt werden soll und den vom Secretär Hay und dem Präsidenten Roosevelt der Delegation ertheilten Antworten. Das Memorandum faßt die bekannten Ereignisse kurz zusammen und es wird alsdann vorgeschlagen, durch eines von zwei Mitteln oder beide auf eine Aenderüng der beklagenswerthen Verhältnisse hinzuarbeiten. Erstens durch eine Petition an den Czaren, für welche B'nai B'rith die Unterschriften von den hervorragenden Persönlichkeiten in den verschiedenen Staaten beschaffen will. Unsere Regierung soll in der schon erwähnten Weise für die Einreichung der Petition an den Czar Sorge tragen und sich um eine günstige Antwort bemühen, welche entweder durch eine directe Mittheilung oder in einer anderen Form der Veröffentlichung zu erfolgen hätte. Ueber die Art, in welcher die Regierung den gewünschten Beistand leisten sollte, wird aus begreiflichen Gründen nichts gesagt. Zweitens sollen der Vorfall in Kischenew und andere Vorfälle ähnlicher Art von den Vereinigten Staaten zu einer an alle Mächte zu erlassenden Einladung zu einer internationalen Conferenz benutzt werden, auf welcher die Verfolgungen und Unterdrückungen aus Racen- und religiösen Vorurtheüen und Haß und der Schutz der Civilisation und der internationalen Eintracht gegen die Wirkungen solcher Verfolgungen und Unterdrückungen zu erörtern wären. In dem Entwurf der Petition wird der Czar gebeten, zu proclamiren, nicht nur für die Regierung seiner Unterthanen, sondern für die ganze civilisirte Wett, daß Niemand wegen seiner religiösen Ueberzeugungen an Person, Eigenthum, Freiheit, Ehre und Leben geschädigt werden soll, daß der geringste Unterthan oder Bürger seinen Gottesdienst nach den Geboten seines Gewissens üben darf und daß die Regierung, welche auch ihre Form sein möge, diese Rechte gewährleisten muß. Die Petition schließt mit den Worten: „Fern von dem Reiche Ew. Majestät und unter andern Verhältnissen und unter einer andern Regierung lebend, sei es uns gestattet, im Namen der Civilisation, im Namen der religiösen Freiheit und Duldsamkeit zu sprechen und darum zu bitten, daß Derjenige, welcher sein eigenes Volk und alle andern zum Schrein des Friedens geführt hat, seiner Regierung und seinem Ruhm neuen Glanz verleihen möge, indem er sich an die Spitze einer neuen Bewegung stellt, welche die Welt zur Opposition gegen religiöse Verfolgungen verpflichtet." Secretär Hay's Antwort. Secretär Hay führte in seiner Erwiderung an Herrn Levi, welcher das Memorandum überreichte, aus, die grausamen Ausschreitungen gegen die Juden in Kischenew würden von der